Livisch (līvõ kēļ, auch rāndakēļ) wurde vom Volk der Liven in der lettischen Provinz Kurland (lettisch Kurzeme) gesprochen, also auf der Halbinsel, die die Rigaer Bucht von der Ostsee abtrennt. Früher wurde es, wie der Name vermuten lässt, auch in Livland gesprochen; dort ist die Sprache aber schon seit Längerem ausgestorben.
Allgemeine Beschreibung
Livisch gehört zu den finno-ugrischen Sprachen und hat die typischen Eigenschaften dieser Sprachfamilie, so z. B. ein ausgeprägtes Kasussystem. Am ehesten ist es mit dem Estnischen verwandt, von dem es auch etwa 800 Lehnwörter übernommen hat.Gyula Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft. Wiesbaden 1965, S. 82. Während der langen Isolation unter einer lettischsprachigen Bevölkerung wurden auch etwa 2000 Lehnwörter und weitere Elemente des Lettischen übernommen. Etwa 200 weitere Lehnwörter stammen aus dem Niederdeutschen, so zum Beispiel Berufsbezeichnungen wie Dišler (niederdeutsch Dischler, deutsch Tischler), Slakter (niederdeutsch Slakter, deutsch Schlachter) und Aptēkõr (niederdeutsch Apteker, deutsch Apotheker) sowie Begriffe aus Handel und Handwerk wie tsukkõr (niederdeutsch und deutsch Zucker) und dreibenk (niederdeutsch Dreihbänk, deutsch Drehbank).Fanny de Sivers: Parlons live. Paris 2001, S. 106.
Die lettische und die livische Sprache beeinflussten sich gegenseitig. Etwa 250 Wörter der Umgangssprache des Lettischen sind Lehnwörter aus dem Livischen.Gyula Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft. Wiesbaden 1965, S. 77. Das Livische hat auch die Grammatik der lettischen Sprache beeinflusst. Das Verb „haben“ fehlt beispielsweise im Lettischen wie auch im Livischen und in den anderen ostseefinnischen Sprachen, zur Angabe des Besitzers verwendet man den Dativ mit der Kopula. Das Verb turēt, das mit dem litauischen Wort für „haben“ (tureti) verwandt ist und heute „halten“ bedeutet, wurde bis ins 16. Jahrhundert in Gedichten und Erzählungen im Sinne von „besitzen, haben“ verwendet und wurde später unter dem Einfluss des Livischen ungebräuchlich.Fanny de Sivers: Parlons Live, Paris 2001, S. 34. Der Buchstabe „h“ kommt im Lettischen nur in Lehnwörtern vor und fehlt auch im Livischen.Gyla Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft, S. 81. Wiesbaden 1965 Im Livischen gibt es – im Gegensatz zu den anderen ostseefinnischen Sprachen – einen Dativ, der möglicherweise unter dem Einfluss des Lettischen entstanden ist.Daniel Abondolo: The Uralic Languages, S. 97. New York 2006 Dass im Lettischen die Wörter auf der ersten Silbe betont werden wie im Livischen könnte ebenfalls eine Folge des livischen Einflusses sein.Gyla Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft, S. 77. Wiesbaden 1965
Nicht zu verwechseln ist das Livische mit der livvischen Sprache, auch Olonetzisch genannt, eine ebenfalls ostseefinnische Sprache, die noch in Karelien gesprochen wird.
Alphabet Die livische Sprache zählt 45 Grapheme (PDF).: a A, ā Ā, ä Ä, ǟ Ǟ, b B, d D, ḑ Ḑ, e E, ē Ē, f F, g G, h H, i I, ī Ī, j J, k K, l L, ļ Ļ, m M, n N, ņ Ņ, o O, ō Ō, ȯ Ȯ, ȱ Ȱ, (ö Ö), (ȫ Ȫ), õ Õ, ȭ Ȭ, p P, r R, ŗ Ŗ, s S, š Š, t T, ț Ț, u U, ū Ū, v V, (y Y), (ȳ Ȳ), z Z, ž Ž
Die in Klammern aufgeführten Grapheme werden dabei nur für eine korrekte Darstellung von Eigennamen verwendet. Aufgrund der technischen Anforderungen gestaltet sich die Darstellung der aufgeführten Grapheme auf Schreibmaschinen und Computern schwierig. Es ist daher auch auf Online-Publikationen anzutreffen, bei denen etwa <ķ> als <k'> dargestellt wird. Während die Cedille über die lettische Tastatur abrufbar ist, treten Schwierigkeiten vor allem bei den Graphemen mit zwei diakritischen Zeichen (Trema und Makron) auf. So wird das Makron des langen Vokals <ǟ> hierbei auch durch eine Unterstreichung ersetzt und als <ä> dargestellt.
Laut Michael EversonThe Alphabets of Europe. Version 3.0, mit Verweis auf weitere Quellen (PDF). sind die Buchstaben ḑ Ḑ ļ Ļ ņ Ņ ŗ Ŗ ț Ț mit Unterkomma (nicht mit Cedille oder gar Ogonek) zu schreiben. Die Unicode-Namen der Buchstaben ḑ Ḑ ļ Ļ ņ Ņ ŗ Ŗ enthalten den Zusatz WITH CEDILLA, obwohl sie in den Code-Tabellen mit Unterkomma abgebildet sind. Lediglich beim T unterscheidet Unicode explizit die beiden Diakritika Cedille und Unterkomma.
Phonetik Phonetische Besonderheiten Wie die anderen finno-ugrischen Sprachen weist das Livische eine nahezu durchgehende Betonung auf der ersten Silbe des Wortes auf. Charakteristisch sind auch die Quantitätsdistinktionen, die sowohl bei Vokalen als auch bei Konsonanten auftreten. Die Länge der Vokale macht sowohl morphologisch als auch semantisch einen Unterschied.
Die Darstellung der phonetischen Besonderheiten der livischen Sprache wird dadurch erschwert, dass die ausführlichsten Untersuchungen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt wurden. Seither hat sich die livische Sprache aufgrund einschneidender Ereignisse stark verändert (Zweiter Weltkrieg, Besetzung durch die Sowjetunion und damit verbundene Flucht).
Suprasegmentales Intonation Der Hauptakzent livischer Wörter liegt nahezu ausschließlich auf der ersten Silbe. Bei halblangen Vokalen kann ein Nebenakzent auftreten. Dieser kann jedoch nur auf die zweite oder vierte Silbe fallen.
Der Satzakzent wird durch die Redeabsicht bestimmt.
Melodisierung Das Livische kennt drei grundlegende Intonationsmuster (innerhalb einer Silbe): gedehnte Intonation fallende Intonation gestoßene Intonation
Bei der gedehnten Intonation steigt der Ton zum Silbenende hin an und sinkt dann wiederum leicht. Kettunen charakterisiert diese Intonation auch als leicht interrogativ oder progredient, wobei letzteres vorwiegend im Wortinnern vorkommt. Ähnlich wie im Lettischen wird die Dehnung durch eine Tilde dargestellt. Beispiel: uõla (dt. „Ei“)Diese Darstellung, in der die Tilde zur lautlichen Präzisierung dient, ist nicht mit der graphematischen Darstellung <õ> zu verwechseln. Bei der phonetischen Darstellung handelt es sich um den Laut [o], bei der graphematischen um den Laut [ɤ]. sīlma (dt. „Auge“); hier jedoch als überlanger Vokal ohne Tilde dargestellt
Die fallende Intonation setzt mit einem stärkeren Ton ein, der dann abschwächt. Charakteristisch ist hier ein gleichmäßiges Steigen mit anschließend gleichmäßigem Fallen in gleicher Länge. Phonetisch wird diese Intonation durch einen Gravis dargestellt. Beispiel: strèbt (dt. „schlürfen“)
Die Stoßintonation ist vermutlich durch lettische Einflüsse entstanden. Dabei steigt ein Ton stark an, es kommt zum Stoß mit einem abrupten Fall des Tons. Die Länge zerfällt dabei in zwei Teile. Die Stoßintonation wird phonetisch durch einen Zirkumflex dargestellt. Beispiel: rîts (dt. „Morgen“)
In Bezug auf die Satzintonation kennt das Livische: interrogativ progredient terminal
Diese Muster entsprechen weitgehend der Intonation im Deutschen. Bisher wenig thematisierte Unterschiede bestehen im Melodieverlauf einer sprachlichen Handlung.
Koartikulation Die livische Sprache weist eine regressive Assimilation auf, jedoch auch Fälle von progressiver und doppelseitiger Assimilation. Die Assimilationsvorgänge finden zumeist auch Eingang ins Schriftbild. Die livische Schriftsprache, vor allem deren Orthographie, war zu keiner Zeit wirklich fixiert und ist daher durch eine phonetische Schreibweise geprägt. Die Assimilationsvorgänge lassen sich vor allem auf eine diachrone Betrachtung zurückführen, in der eine potentielle Ursprache als Grundlage dient.
Die regressive Assimilation lässt sich vor allem in Bezug auf die Stimmhaftigkeit beobachten: Aus ursprünglichen Lenis-Lauten wurden Fortis-Laute. Diese Assimilation tritt auf, wenn ein stimmloser Konsonant auf einen stimmhaften Konsonanten folgt: juoptõ (dt. „betränken“): aus dem Graphem <b> wurde <p>
Die progressive Assimilation tritt unter anderem dann auf, wenn ein Lenis-Laut auf einen Fortis-Laut folgt und ersterer zu einem Fortis-Laut wird: sōpkõd (dt. „Stiefel“): <k> war hier ursprünglich <g>
Ferner trat diese Form der Assimilierung auch bei Konsonantenverbindungen wie <lv> und <lj> auf, wobei erstere zu einem langen L-Laut [lː] wurde, die letztere zu einem langen, palatalisierten L-Laut [lʼ].
Bei der doppelseitigen Assimilation beeinflusste die stimmhafte Konsonantenumgebung die Stimmhaftigkeit des eingeschlossenen Fortis-Lautes. <k, p, t> wurden in entsprechenden Fällen zu <g, b, d>.
Ferner treten im Livischen Auslautentstimmlichungen auf. In phonetischen Abhandlungen wird dieses Phänomen mit kleingedruckten Großbuchstaben (z. B. sōpkõd (Stiefel): sōpkõD) dargestellt.
Segmentales Vokale
Das Livische zählt acht Monophthonge, die in jeweils vier Quantitätsstufen auftreten können, von denen drei einen distinktiven Charakter haben, überkurz (durch einen hochgestellten Vokal dargestellt) kurz (durch einen einfachen Vokal dargestellt): mägud (Berge) halblang (durch einen Gravis dargestellt): mìez (Mann) überlang (durch das auch graphematischen abgebildete Makron dargestellt): jālga (Bein)
Im Gegensatz zum Finnischen weist das Livische keine Vokalharmonie auf und gleicht in diesem Punkt dem Estnischen. Eine Besonderheit stellt der graphematisch <õ> dargestellte Laut [ɤ] dar, der zwar im Estnischen vertreten ist, in den anderen finno-ugrischen Sprachen jedoch nicht.
vorne zentral hinten geschlossen halboffen offen
Mit zwölf Diphthongen ist das Livische verglichen mit dem Deutschen reich an Diphthongen, im Vergleich mit anderen finno-ugrischen Sprachen jedoch relativ arm. Die livischen Diphthonge entsprechen lautlich ihrer schriftlichen Umsetzung, weisen also keine Unterschiede wie im Deutschen auf (vgl. dt.: <eu> = [ɔ̯ɪ] wie in Europa).
Konsonanten Die livische Sprache zählt 23 Konsonanten, die folgenden distinktiven Merkmalen unterliegen: Artikulationsstelle Artikulations- und Überwindungsmodus Distinktion der Quantität Hartheit Stimmbeteiligung
+ Konsonanten des Livischen ohne Quantitätstufen (in IPA-Lautschrift) bilabial labio-dental alveolar alveolarpalatalisiert post-alveolar palatal velar glottal Plosive Nasale () Vibranten Frikative Approximanten Laterale
Im Gegensatz zu den deutschen Äquivalenten werden die livischen Fortis-Plosive nicht aspiriert. Das Graphem <s> wird grundsätzlich stimmlos artikuliert. Eine weitere grundlegende Unterscheidung zum deutschen Konsonantismus liegt in der Palatalisierung. In dieser Form können jedoch nur /d, l, n, r, t/ auftreten. Die Palatalität wird graphematisch durch Cedille und phonetisch durch einen Apostroph dargestellt: ud’a (Stange zum Abstoßen der Boote auf Seen) suol' (Darm) Es gilt zu beachten, dass es im Livischen kein uvulares [h] gibt. Der stattdessen auftretende Zwischenlaut, der im Bereich zwischen den deutschen Lauten [x] (Ach-Laut) und [ç] (Ich-Laut) anzusiedeln ist, tritt selten auf. Er ist im Entwicklungsprozess der Sprache verschwunden oder sowohl graphematisch als auch phonetisch durch <j> und <v> ersetzt worden. Beispiel: reja (Rechen) (vgl. estn.: reha) Während die Quantität der Vokale im Schriftbild beispielsweise durch a und ā dargestellt wird und die Länge hierbei durch ein diakritisches Zeichen markiert wird, stehen bei auf konsonantischer Seite Doppelkonsonanten für eine höhere Quantität. Dieses Merkmal trifft jedoch nicht auf Konsonanten am Wortauslaut zu.
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