Sarrasani ist der Name eines bekannten Zirkus-Unternehmens, das in Dresden ansässig war. Mit der Zerstörung des 1912 eingeweihten festen Zirkusbaus in der heutigen Sarrasanistraße in der Inneren Neustadt im Zweiten Weltkrieg ging der Zirkus Sarrasani in Deutschland unter. 1956 erfolgte die Neugründung durch Fritz Mey, den Vater des späteren Zirkuschefs André Sarrasani. mini|Zirkus Sarrasani nach der Eröffnung 1912. Carolaplatz in der Neustadt, im Hintergrund die Dreikönigskirche.
Zirkusbetrieb Hans Stosch-Sarrasani sen. Seit Ende des 18. Jahrhunderts ist eine Familie Stosch in der Lößnitz nachweisbar. Der „Oeconom und Weinberg-Besitzer“ Ferdinand Traugott Stosch (1794–1855) war Mitglied des Gemeinderats von Oberlößnitz. Sein Neffe Albert Stosch (1835–1900), Vater von Hans Stosch, setzte sich ab 1895 in Oberlößnitz zur Ruhe.Große Kreisstadt Radebeul (Hrsg.): Stadtlexikon Radebeul. Historisches Handbuch für die Lößnitz, 2., leicht geänderte Auflage 2006.
Sein 1873 in Lomnitz (Posen) geborener Sohn Hans schloss sich 1888 der bayrischen Wanderschau Kolzer an und arbeitete sich vom Stallburschen zum bekannten Dressur-Clown hoch, als welcher er sich ab 1892 den Künstlernamen „Giovanni Sarrasani“ gab. Sarrasani trat bereits vor 1900 in Strehlen, einem Stadtteil von Dresden, seiner späteren Zirkusheimat, mit einem Minizirkus auf, der aus Hunden, Affen, einem Bären und einem Schwein bestand.
Circus Sarrasani mini|Sarrasanihaus in Radebeul mit einem Bild von Hans Stosch-Sarrasani sen. in seinem Maharadschakostüm
Am 20. März 1901 zog er in das zu Oberlößnitz benachbarte Radebeul in die Gartenstraße 30. In einem Nebengebäude auf dem Grundstück Gartenstraße 54 baute er im Winter des Jahres mit Unterstützung einheimischer Handwerker, unter anderem des Stellmachermeisters Paul Thalheim, ein eigenes Zirkusunternehmen auf. Dieser Wanderzirkus mit 3600 Plätzen erlebte am 30. März 1902 in Meißen seine Premiere als „Circus Sarrasani“, der .
Ab 1904 ergänzte sein Inhaber und Direktor den bisherigen Familiennamen um den Künstlernamen und nannte sich fortan Hans Stosch-Sarrasani senior, zur Unterscheidung von seinem 1897 geborenen Sohn Hans Stosch-Sarrasani junior.
Der ging von Radebeul aus auf Reisen. Sein Weg führte ihn regelmäßig in die Residenzstadt Dresden, die durch Gastspiele von Ernst Renz als „gute Zirkusstadt“ bekannt war. Sarrasani spielte dort mit Vorliebe auf dem freien Platz neben dem Jägerhof in der Neustadt, wo bereits 1746 ein Hetz-Amphitheater gestanden hatte.
Circus-Theater 5000 mini|Suppentasse mit Aufdruck „Circus-Theater Sarrasani“ und unterseitiger Bodenmarke J. G. Klingner, Dresden Nachdem Stosch-Sarrasanis Versuche, einen stationären Zirkus zu errichten, in anderen Städten wie Berlin fehlgeschlagen waren, orientierte er sich auf das Gelände in Dresden-Neustadt und fand bei den Stadtvätern Dresdens großes Entgegenkommen. Am 27. Mai 1910 verkaufte die Stadtgemeinde Dresden diesen inzwischen erweiterten mini| Zelt des Circus Sarrasani bei Nacht in Nürnberg (Juni 1929) Das Gebäude wurde von dem aus Chemnitz stammenden, als Theaterspezialisten bekannten Münchner Architekten Max Littmann entworfen und durch die Bauunternehmung Heilmann & Littmann ausgeführt. Im Mai 1911 begannen die Bauarbeiten, an denen über 20 Firmen beteiligt waren. Obwohl einige Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Kontrahenten Stosch und Renz die Arbeiten hinauszögerten, wurden die Bauarbeiten am Zirkus Sarrasani am 19. September 1912 erfolgreich beendet. Im selben Jahr meldete Stosch-Sarrasani seinen Hauptwohnsitz in Radebeul ab, blieb der Stadt jedoch zeit seines Lebens verbunden. So ehrte er den Schriftsteller Karl May an seinem Grabmal und besuchte mit seinen Zirkusindianern das Karl-May-Museum.
mini|Der Sarrasani-Brunnen am Carolaplatz erinnert heute an das zerstörte Sarrasani-Theater Am 22. Dezember 1912 wurde das „Circus-Theater 5000“ am Königin-Carola-Platz als erster fester Zirkusbau Europas mit einer grandiosen Wohltätigkeitsveranstaltung unter Anwesenheit der königlichen Familie eingeweiht. In dem Gebäude fanden nach polizeilichen Unterlagen 3860 Menschen Platz.
mini|Mehrere Lakota-Indianer aus den Vereinigten Staaten und der Artist Gustav Grade, 2. von links, arbeiteten für Sarrasani, 1931–1932
1926/1927 besaß der Zirkus zwei Riesenzelte für je 10.000 Zuschauer, 800 Mitarbeiter, 250 Pferde, 100 Raubtiere, 22 Elefanten und 175 Fahrzeuge. Zusätzlich zu den Zirkusvorstellungen im festen Bau gingen die Artisten mit vielen Tieren auf Tournee innerhalb Europas. So befanden sich etliche Tiere, Menschen und Dienstleister wie Kostümbildner im Januar 1932 beispielsweise in Antwerpen. Hier brach in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar ein Brand aus, bei dem zwölf Elefanten ums Leben kamen sowie ein wesentlicher Bestand der Künstlergarderoben vernichtet wurde. Menschen kamen nicht zu Tode. Unklar blieb, ob das Feuer Ergebnis einer Brandstiftung war.Zwölf Elefanten verbrannt, Vossische Zeitung, 13. Januar 1932. Im Jahr 1934 starb Hans Stosch-Sarrasani sen. in São Paulo. Ein Beschluss der Stadt Radebeul, Hans Stosch-Sarrasani sen. die Ehrenbürgerwürde zu verleihen, konnte aufgrund des unerwarteten Todes nicht mehr durchgeführt werden.
Hans Stosch-Sarrasani jun. Nach dessen Tod trat Hans Stosch-Sarrasani junior die Nachfolge als Zirkusleiter an. Er teilte den Circus: Während ein Sarrasani-Unternehmen in Deutschland spielte, reiste ein zweites unter Leitung seiner Frau Trude Stosch-Sarrasani, unterstützt durch Fritz Mey, durch Argentinien.www.sarrasani.de, Menüpunkt >Unternehmen>Historie>Tradition, Stand 9. April 2008. Er reduzierte Personal, Tiere und Künstler. 1938 kaufte er die Radebeuler Villa Neufriedstein 1 als Wohnsitz und „Ruheheim für verdiente Sarrasani-Artisten“. Ab 1940 firmierte sein Unternehmen als „Sächsischer Heimatzirkus“. 1941 starb Hans Stosch-Sarrasani jun. während eines Berlin-Gastspiels. Nachdem Sarrasani das Gebäude nicht mehr selbst bespielte, lösten Pächter und Produzenten einander ab. Oft blieb es ungenutzt. Am 13. Februar 1945 wurde das Sarrasani-Theater durch die Luftangriffe auf Dresden zerstört und danach nicht wieder aufgebaut.
Nach der Zerstörung floh Trude Sarrasani mit einem Teil der Mitarbeiter auf das Rittergut Prossen, dem Auslagerungsdepot des Zirkus. Sie setzte die Flucht in den westlichen Teil Deutschlands fort und ernannte ihren Kassierer Heinz Schmitter zum Betriebsdirektor. Schmitter verpfändete, angeblich zur Deckung einer Steuerschuld, die Sarrasani-Bestände an das Finanzamt und erwarb diese dann selbst und baute damit einen „Circus S., früher Sarrasani“ auf. Diesen benannte er später in „Circus Scharivari“ um. Im Frühjahr 1946 wollte Schmitter mit dem Zirkus auftreten, es fehlte ihm aber die Lizenz dafür. Daher verband er sich mit dem Leipziger Zirkusunternehmer und Sensationsdarsteller Cliff Aeros, der seit 1945 eine Lizenz besaß. Dieser machte Schmitter zum Direktor des „Circus Aeros“ in Dresden.
1948 übersiedelte die Witwe Trude Stosch-Sarrasani nach Argentinien, wo sie bis 1972 mit Unterbrechungen den Circo Sarrasani-Shangri La betrieb. 1992 besuchte sie wieder Dresden und Radebeul, wo sie ihr auf Neufriedstein gelegenes Artisten-Ruheheim der Diakonie übereignete. Am 4. Juni 2009 verstarb Trude Sarrasani im Alter von 96 Jahren in San Clemente del Tuyú.
Südamerika und Argentinien Circus Sarrasani unternahm in den 1920er Jahren mehrere umfangreiche Gastspielreisen nach Südamerika. Eine erste große Tour begann Ende 1923 und führte über Brasilien und Uruguay nach Argentinien; in Buenos Aires gastierte das Unternehmen 1924 mit einem aufwendig ausgestatteten Programm aus internationalen Artisten und Tierdressuren. Die Auftritte fanden große öffentliche Resonanz und etablierten den Namen Sarrasani dauerhaft im kulturellen Leben der argentinischen Hauptstadt.
In den 1930er Jahren kam es zu erneuten Südamerika-Aufenthalten; 1935 trat das Unternehmen wieder in Buenos Aires auf, wobei sich ein Teil der Compagnie organisatorisch zunehmend in Argentinien verankerte.
Nach der Zerstörung des festen Zirkusbaus in Dresden (Bombardierung vom 13. Februar 1945) verlagerte Trude Stosch-Sarrasani den Schwerpunkt der Tätigkeit endgültig nach Argentinien und baute den Zirkusbetrieb 1948 in Buenos Aires neu auf; zur Wiedereröffnung erschienen Juan Domingo Perón und Eva Perón. In der Folge erhielt das Unternehmen im peronistischen Argentinien offiziell die Bezeichnung Circo Nacional Argentino, womit seine besondere kulturpolitische Stellung innerhalb des Landes unterstrichen wurde.
Bis in die 1960er und frühen 1970er Jahre blieb Sarrasani in Argentinien präsent und prägte mehrere Generationen von Zuschauern. In der kollektiven Erinnerung entwickelte sich der Name Sarrasani zu einem allgemeinen Synonym für Zirkus; zeitgenössische Kulturbezüge finden sich unter anderem im Tango und in der Literatur.
Rezeption im Tango und in der Literatur Der Name Sarrasani taucht als kulturelle Chiffre auch im Tango auf. So wird er in Justo el 31 von Enrique Santos Discépolo erwähnt (¡Ahí va Sarrasani con el chimpancé!). Ebenso erscheint er in Eche veinte centavos en la ranura von Raúl González Tuñón (el enano de Sarrasani).
Diese kulturelle Verankerung setzte sich in der Literatur fort. In Sarrasani, entre la fábula y la epopeya (Buenos Aires 2000) verarbeitet Gustavo Bernstein die Geschichte des Unternehmens in einer chronikalisch angelegten, literarischen Darstellung.
Neugründung mini|Historischer Grabstein auf dem Friedhof Ohlsdorf für Hedwig Stosch-Sarrasani, verh. Brandt In Deutschland erfolgte 1956 in Mannheim die Neugründung durch Fritz Mey, den Vater des heutigen Zirkuschefs André Sarrasani, und die Sarrasani-Tochter Hedwig Stosch-Brandt (1. März 1896 Berlin – 28. Februar 1957 Hamburg. Ihr Grabstein steht im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg). Für die Verdienste zur Wiederbelebung der deutschen Zirkuskultur erhielt Mey das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Von 1980 bis 2000 übernahm Ingrid Stosch-Sarrasani (* 28. Juni 1933; † 28. April 2022Zirkus-Welt trauert um Ingrid Stosch-Sarrasani, Radio Dresden, 28. April 2022, abgerufen am 29. April 2022.) die Zirkusdirektion. Unter ihrer Leitung entstand die Show „Circus-Poesie“, ihr größter Publikumserfolg.
Sarrasani trat 1990 nach über 45 Jahren wieder in Dresden auf. Zwei Jahre später feierte Sarrasani sein 90-jähriges Jubiläum ebenfalls in Dresden. 1999 erhielt eine Straße in Radebeul den Namen der Zirkusfamilie. mini|Grab von Fritz Mey auf dem Friedhof Mörlenbach, wo der Zirkus Sarrasani sein Winterquartier hatte Seit 2000 leitet der 1972 geborene André Sarrasani, unehelicher Sohn der als Ingrid Stosch-Sarrasani adoptierten Artistin Ingrid Wimmer und Fritz Mey, den Traditions- und Familienbetrieb. Er entwickelte den traditionellen Zirkus zu einem Entertainmentunternehmen, das bis 2016 unterschiedliche Events von der Großillusion bis zum Dinner-Varieté veranstaltete.
2004 kehrte Sarrasani mit der Dinner-Varieté-Show „Trocadero“ nach Dresden zurück. Neben den regelmäßigen Veranstaltungen richtete Sarrasani beispielsweise 2007 die Show zum 80. Geburtstag des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher in Berlin aus. Ab 2008 war die Show „Circussterne“ auf Deutschlandtournee.
Am 1. Juli 2016 meldete die Sarrasani GmbH Insolvenz an.Zu hohe Mieten, zu wenig Besucher und Steuerbelastung - Sarrasani meldet in Dresden Insolvenz an, Dresdner Neueste Nachrichten, vom 1. Juli 2016, abgerufen am 1. Juli 2016 Die neugegründete Sarrasani Event GmbH dagegen kehrte nach 115 Jahren nach Radebeul zurück, wo Sarrasani bis 2018 in der Goldenen Weintraube neben den Landesbühnen Sachsen als neuer Pächter die „Theaterkneipe“ betrieb.
2024 hatte Sarrasani im Trocadero-Zelt in Dresden am Elbepark 16.500 Besucher in 47 Vorstellungen.Besucher, Suppe, Entenkeulen: Dresdens Dinnershows in Zahlen auf tag24.de, abgerufen am 14. Januar 2025
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