Die Schlacht an der Beresina nennt man die Kämpfe beim Rückzug der Grande Armée Napoleons vor den Truppen des Zaren Alexander I. über die Beresina (heute belarussisch Bjaresina) bei Borissow vom 26. bis 28. November 1812. Diese Schlacht war die letzte im Russlandfeldzug 1812 vor dem Rückzug der französischen Armee über die Memel am 14. Dezember 1812.
Vorgeschichte Nach den Schlachten um Smolensk und Borodino erreichte Napoleon am 14. September Moskau. Vergeblich wartete er darauf, dass der Zar auf seine Friedensangebote einging. Am 19. Oktober zog sich Napoleons auf eine Stärke von 100.000 Soldaten geschrumpfte Hauptarmee kurz vor dem Einbruch des Winters aus Moskau zurück. Angriffe russischer Truppen auf dem Rückzug, der einsetzende Winter, Krankheiten und schlechte Versorgung schwächten die französische Armee. Nachdem sie am 13. November 1812 Smolensk verlassen hatte, galt es, die Beresina zu erreichen, bevor sich die Armeen des russischen Generals Wittgenstein und des Admirals Pawel Wassiljewitsch Tschitschagow vor dem Fluss vereinigten und den Rückzugsweg blockierten.
Die Reste der Hauptarmee Napoleons befanden sich zwischen den beiden russischen Armeen. Die Armee Wittgensteins befand sich im Norden bei Witebsk. Ihr gegenüber standen das 2. französische Korps unter Marschall Saint-Cyr und das 9. Korps unter Marschall Victor.
Tschitschagow erhielt am 29. September den Befehl, die Korps der Österreicher und Sachsen, die westlich von ihm standen, in das Herzogtum Warschau abzudrängen. Anschließend sollte seine Armee in Richtung Minsk und weiter nach Borissow marschieren. Seine Armee bestand aus 60.000 Mann, einschließlich der Soldaten, die er von General Tormassow übernahm, der sich zum Oberbefehlshaber der russischen Armee Feldmarschall Kutusow begeben sollte. Tschitschagow drängte Österreicher und Sachsen zurück, konnte sie aber nicht schlagen. Deshalb ließ er 27.000 Mann, fast die Hälfte seiner Armee, unter General Osten-Sacken zurück. Mit dem Rest machte sich Tschitschagow in der letzten Oktoberwoche auf den Weg.
Ereignisse bis zum 20. November
mini|Admiral Tschitschagow, von James Saxon. Am 1. November schrieb Tschitschagow einen Brief an Kutusow und teilte ihm mit, dass er beabsichtige, am 19. November in Minsk zu sein. Kutusow schrieb an Wittgenstein, dass Tschitschagow um den 19. November mit 45.000 Mann nur etwa 75 Kilometer von der Beresina entfernt stehen sollte. An Tschitschagow antwortete er: „Selbst wenn General Wittgenstein von Victor und Saint-Cyr gebunden wird und Ihnen nicht helfen kann, den Gegner niederzuringen, sollten Sie stark genug sein, um gemeinsam mit den Kräften von Generalleutnant Ertel und Generalmajor Lüders die fliehende gegnerische Armee zu schlagen, die so gut wie keine Artillerie oder Kavallerie mehr hat und von hinten durch mich bedrängt wird.“
Dagegen schrieb er an General Jermolow, der zu dem Zeitpunkt seine Vorhut kommandierte: „Bruder Alexej Petrowitsch, lassen Sie sich nicht hinreißen, und hüten Sie Ihre Garderegimenter. Wir haben unseren Teil getan; jetzt ist Tschitschagow an der Reihe.Lieven, Seite 326.“ Anstatt, wie er Tschitschagow geschrieben hatte, Napoleons Truppen zu bedrängen, verordnete er seinen Truppen eine Ruhepause und blieb nach der Schlacht bei Krasnoje in Kopys, südlich von Orscha, etwa 125 Kilometer von der Beresina entfernt, stehen. Er schickte eine Vorhut, bestehend aus zwei Infanterie- und einem Kavalleriekorps unter dem Befehl von General Miloradowitsch, voraus. Wirksam an der Beresina eingreifen konnte Miloradowitsch nur, wenn es Tschitschagow gelingen sollte, Napoleon mindestens vier Tage lang aufzuhalten. Vor ihm waren Kosaken unter Platow und die so genannte fliegende Kolonne unter General Jermolow. Die fliegende Kolonne bestand aus zwei Kürassier-Regimentern, drei Linien-Infanterieregimentern, ein paar Trupps Kosaken und zwei leichten Infanterieregimentern der Garde, den Gardejägern und der Finnlandgarde. Am 19. November verließ die fliegende Kolonne Kopys.Lieven, Seite 331.
Tschitschagows Vorhut besetzte Minsk bereits am 16. Oktober. In der Stadt befanden sich große Vorratslager der Franzosen. Die Vorräte reichten aus, um die Armee Tschitschagows einen Monat zu versorgen. Napoleons ursprünglicher Rückzugsplan, über Minsk zu marschieren, geriet damit in Gefahr. Wegen der strategisch wichtigen Brücke in Borissow musste die Stadt unbedingt gehalten werden.
Tschitschagow befahl General Ertel, dem die Garnison von Mosyr unterstand, am 29. Oktober, mit seinen 15.000 Mann nach Minsk zu ziehen. Das stand im Widerspruch zu einem Befehl von Kutusow, den dieser am 28. Oktober abschickte. Danach sollte Ertel die Provianttransporte von Mosyr nach Bobruisk decken. Am 6. November bat Ertel Tschitschagow um Befehle, wie er sich verhalten sollte. Am 15. November erhielt Ertel von Tschitschagow den Befehl, unverzüglich nach Igumen aufzubrechen. Am selben Tag erhielt Ertel einen Brief von Kutusow mit dem Befehl, nach Bobruisk zu marschieren, allerdings nur, wenn er von Tschitschagow keine anders lautenden Befehle erhalten haben sollte. Ertel fand die verschiedensten Vorwände, um dem Befehl Tschitschagows nicht nachzukommen. Nach Lieven waren es mal zerstörte Brücken, dann eine drohende Revolte, wenn er die Stadt verließ, und zum Schluss sogar die Rinderpest. Zwar wurde General Ertel das Kommando entzogen und an General Tutschkow übertragen, doch durch die Verzögerungen, die General Ertel verursacht hatte, traf Tutschkow nicht früh genug an der Beresina ein. Tschitschagow schrieb an General Osten-Sacken und forderte das Korps von General Essen an, das aber ebenfalls nicht rechtzeitig eintraf. Tschitschagow hatte also nicht, wie von Kutusow geplant, 45.000 Mann zur Verfügung, sondern lediglich etwas mehr als 30.000 Mann. Zwar stießen die Generale Tschaplitz und Lüders mit ihren Truppen zu ihm, aber das gerade erst eroberte Minsk musste gesichert werden. Zudem hatte man in Minsk fast 5.000 Gefangene gemacht, die bewacht werden mussten. Eine erhebliche Anzahl Soldaten blieb in Minsk zurück.
Ertel wurde später vor ein Kriegsgericht gestellt. Das Gericht stellte fest, dass Ertel mehr aus übertriebener Vorsicht als aus Dienstvernachlässigung gehandelt habe. Kutusow übertrug ihm das Amt eines General-Polizeimeisters aller Operationsarmeen.
Am 13. November griff die Division Partouneaux mit Unterstützung der Kavallerie des Korps Victor Wittgensteins Vorhut unter General Alexejew in der Schlacht bei Smoljany an. Nach zwei Stunden zog sich Alexejew zwar zurück, aber nachdem drei Infanterieregimenter zu seiner Unterstützung eingetroffen waren, gelang es ihm, die Franzosen bis zum Einbruch der Dunkelheit aufzuhalten. In der Nacht erhielt Alexejew weitere Verstärkungen unter General Jaschwyl, der auch das Kommando übernahm. Am nächsten Tag wurde der Kampf mit einem Angriff der französischen Division Girard auf die vordere Linie der russischen Truppen, die sich zurückzogen, wieder aufgenommen. Das Dorf Smoljany wurde von den Franzosen gestürmt. Im Verlauf der Schlacht kam es zu schweren Gefechten um das Dorf, letztendlich blieb es in russischer Hand. Am Abend zogen sich die Truppen Victors bis außerhalb der Reichweite der russischen Artillerie zurück. Am nächsten Tag zog sich Victor auf Tschereia zurück, Wittgenstein auf Tschaschniki.
mini|Alexander Iwanowitsch Tschernyschow, Gemälde von George Dawe. Tschitschagow wusste nicht, wo sich Wittgenstein befand, ebenso wenig kannte Wittgenstein Tschitschagows aktuelle Position. Tschitschagow schickte Oberst Tschernyschow mit einigen Kosaken auf den Weg, um eine Verbindung herzustellen. Unterwegs gelang es Tschernyschow und seinen Kosaken, den in Gefangenschaft geratenen russischen General Wintzingerode zu befreien. Durch Tschernyschow erfuhr Wittgenstein, wo sich Tschitschagow befand und wie dessen Planung aussah.
Die Überreste der Minsker Garnison unter General Bronikowski trafen am 18. November in Borissow ein. Bronikowski ließ zwei Bataillone in Borissow und dirigierte den Rest seiner schwachen Truppen nach Weselowo.
Napoleons Hauptarmee hatte sich auf etwa 20.000 kampffähige Soldatennach Minard. verringert. Hinzu kamen eine große Zahl unbewaffneter Nachzügler und ein Tross mit Zivilisten und Verwundeten. Am 19. November erreichte Napoleon Orscha. Aus dem Depot erhielt die französische Armee 36 neue Kanonen. Napoleon gab den Befehl, alle überflüssigen Wagen zu verbrennen, um Zugpferde für seine Artillerie zu bekommen. Diesem Befehl fielen auch die Ponton-Brücken zum Opfer, die man später so dringend gebraucht hätte. 60 Fuhrwerke mit Pontons und Zubehör wurden verbrannt, wodurch 300 Zugpferde für die Artillerie frei wurden. Noch am selben Tag marschierte die Hauptarmee weiter. Marschall Davout blieb mit der Nachhut zurück, um Marschall Ney und die Reste seiner Truppen aufzunehmen, die sich noch auf dem Weg nach Orscha befanden. Der Hauptarmee schlossen sich die Truppen der Depots in Mohilew, Orscha und Gorki an sowie später die Korps von Victor und das 2. Korps, das nun wieder unter dem Kommando von Marschall Oudinot stand. Oudinot, der eigentliche Kommandeur des 2. Korps, war in Polozk verwundet worden. Nachdem seine Wunde ausgeheilt war, löste er Saint-Cyr ab.
Als Jermolow Orscha erreichte, wurde er mehr als einen Tag aufgehalten, da die zwei Brücken über den Dnjepr auf Napoleons Befehl niedergebrannt worden waren. Kutusow befahl Jermolow, bei Tolotschin auf Miloradowitsch zu warten. Jermolow ignorierte den Befehl.
Die Division Dombrowski beobachtete ursprünglich die russische Festung Bobruisk. Zur Sicherung von Borissow wurde sie verlegt und stand zwischen Minsk und der Beresina. Nach der Einnahme von Minsk durch Tschitschagow zog sich Dombrowski auf Borissow zurück, wo er am 20. November ankam. Seine Division bestand aus 5.500 Mann mit 20 Kanonen. In Borissow standen ein Bataillon des 93e régiment d’infanterie und das 7. württembergische Regiment unter dem französischen Oberst Lalance. Insgesamt standen Dombrowski jetzt etwa 6.500 Mann zur Verfügung. Davon waren ein Infanterieregiment und zwei Schwadronen Kavallerie unter General Pakosch allerdings noch auf dem Weg nach Borissow. Am Abend des 20. November waren sie noch einen halben Tagesmarsch entfernt. Tschitschagow befand sich mit seiner Armee auf dem Weg von Minsk nach Borissow.
21. November Am frühen Morgen griff die russische Vorhut unter General Charles de LambertCharles de Lambert (1773–1843) war ein französischer Royalist, der 1793 in die russische Armee eintrat. Borissow an. Die Vorhut bestand aus 8.000 Mann, meist Kavallerie. Diesem Angriff war eine gewaltige Marschleistung vorangegangen. Nach Lieven vollbrachten die Jägerregimenter die wahrscheinlich größte Leistung der leichten russischen Infanterie im Jahr 1812. In den 24 Stunden, bevor sie Borissow erreichten, legten sie eine Strecke von 55 Kilometern zurück. Die vier Jägerregimenter wurden von Fürst Wassili Wjasemski kommandiert.
Die Vorposten Dombrowskis, die auf dem Westufer der Beresina standen, wurden umzingelt und gerieten in Gefangenschaft. Das 38. russische Jägerregiment stürmte die Verschanzungen vor der linken Seite der Brücke und wurde durch das 1. polnische Linienregiment unter Oberst Malachowski zurückgeworfen. Das 7. russische Jägerregiment unter Generalmajor Engelhardt drängte die Polen zurück und besetzte die Verschanzungen, dabei fiel Engelhardt. Jetzt griffen das 13. und das 38. russische Jägerregiment an, mussten aber zurückweichen. General Lambert wurde verwundet. Berittene russische Artillerie unter Oberst Magdenko fuhr auf dem Westufer der Beresina auf und eröffnete das Feuer mit Kartätschen. Die russischen Jägerregimenter eroberten die Brücke, gefolgt von russischer Kavallerie, und drangen in die Stadt ein. Erst am Nachmittag waren die Kämpfe beendet.