Der Begriff kanadische Literatur bezeichnet üblicherweise Prosa, Dichtung, Drama in englischer und französischer Sprache aus Kanada. Nicht zur kanadischen Literatur werden im deutschsprachigen Wissenschaftsbetrieb die traditionellen Literaturen der Ureinwohner, also der Inuit, Innu und anderen First Nations gezählt. Dies tun jedoch die deutschsprachigen Buchverlage, wenn sie solche Autoren publizieren.Die Konzentration auf Francophonie/Anglophonie stellt ein Relikt der Kanadistik im Land selbst bis ca. 1990 dar. Sie wird seitdem heftig angegriffen, nicht nur wegen der First Nations, sondern auch auf Grund der deutlich sichtbaren Einwanderung aus anderen Kulturkreisen und Sprachherkünften. Der deutschsprachige Wissenschaftsbetrieb hat bisher kaum darauf reagiert. Immerhin weist Martin Kuester in Canadiana, 12, Verlag Peter Lang, Bern 2013, S. 16, Mit-Herausgeber ist der Österreicher Klaus-Dieter Ertler, auf diese veraltete Sichtweise hin, die sich optisch festmachen lässt am „Kreuz von Gaspé“, einem riesigen Monument von 1934 zur Feier der ersten europäischen, weißen Einwanderer. Im Unterschied dazu war Kanada im Jahr 2021 als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse mit allen Sprachen des Landes, also Englisch, Französisch, den Sprachen der Indigenen und der Inuit, vertreten und konnte damit seine Vielfalt präsentieren.
Merkmale Die kanadische Literatur wird durch das Neben- und Miteinander anglokanadischer und frankokanadischer Literatur(en) sowie von Einflüssen zahlreicher Minderheiten geprägt. Häufige Sujets, Motive und stilistische Elemente sind:
Natur, Wildnis, ÜberlebenU. a. in: Catharine Parr Traills The Backwoods of Canada (1836), Margaret Atwoods Survival: A Thematic Guide to Canadian Literature (1972), Yann Martels Life of Pi (2001). Leben im Grenzland zwischen Zivilisation und nicht kolonisiertem Land, Bekanntem und Unbekanntem, Alt und NeuU. a. in: Susanna Moodies Life in the Clearings (1853), Sheila Watsons Deep Hollow Creek (1951/1992). Stadt-Land-KonfliktU. a. in: Stephen Leacocks Sunshine Sketches of a Little Town (1912), Alistair MacLeods No Great Mischief (1999). ethnische und kulturelle Diversität, Multikulturalismus, First Nations / Premières NationsU. a. bei: Mordecai Richler, Leonard Cohen, Margaret Laurence, Rohinton Mistry, Michael Ondaatje, Wayson Choy, Rita Joe. Sonderrolle der Frankophonie im mehrheitlich anglophonen Kanada, SeparatismusU. a. in: Hugh MacLennans Two Solitudes (1945), Leonard Cohens Beautiful Losers (1966), Mordecai Richlers Oh Canada! Oh Quebec! Requiem for a Divided Country (1992). Kanadas Stellung in der Welt, Inselmentalität, Verhältnis zu den USAU. a. in: Thomas Chandler Haliburtons The Clockmaker (1838). Underdog-Helden im Kampf gegen große Unternehmen, die Regierung, Naturkatastrophen Selbstfindung und SelbstzerfleischungU. a. in: Robertson Davies’ Fifth Business (1970), Norman Levines Canada Made Me (1958). ScheiternU. a. in: Anne Héberts Kamouraska (1970), Timothy Findleys Not Wanted on the Voyage (1984). Feminismus, Gender und SexU. a. in: Laura Goodman Salversons When Sparrow Falls (1925), Leonard Cohens Beautiful Losers (1966), Nicole Brossards L’Amer ou Le Chapitre effrité (1977), Jane Rules „Slogans“ (in: Inland Passage and Other Stories, 1985), Farzana Doctors Six Metres of Pavement (2011). kanadischer HumorU. a. in: Thomas McCullochs Letters of Mephibosheth Stepsure (1821–1823), Stephen Leacocks Literary Lapse (1910), Michel Tremblays Les Belles-Sœurs (1968), Yves Beauchemins Le Matou (1981) Science-Fiction und Fantasy.
Die offizielle Mehrsprachigkeit Kanadas wirkt sich auch auf die Gestaltung der Figuren und ihrer Interaktion aus, insbesondere in der Darstellung wörtlicher Rede, was zu Schwierigkeiten bei der Übersetzung in andere Sprachen führen kann. Hugh MacLennan, der als erster bedeutender anglophoner Schriftsteller Kanadas gilt, beschreibt dieses Phänomen im Vorwort zu seinem Roman Two Solitudes (1945): Es gebe in Kanada kein einziges Wort, das auf zufrieden stellende Weise die beiden im Land heimischen weißen Bevölkerungsgruppen mit einem einheitlichen Begriff bezeichne. Während die Frankophonen mit dem Wort Canadiens, also Kanadier, fast immer nur sich selbst meinten und ihre anglophonen Mitbürger les Anglais, Engländer, nennen würden, bezeichneten die Anglophonen sich selbst als Canadians, ihre frankophonen Mitbürger aber als French-Canadians, Frankokanadier.“… it is a novel of Canada. This means that its scene is laid in a nation with two official languages, English and French. It means that some of the characters in the book are presumed to speak only English, others only French while many are bilingual. No single word exists, within Canada itself, to designate with satisfaction to both races a native of the country. When those of the French language use the word Canadien, they nearly always refer to themselves. They know their English-speaking compatriots as les Anglais. English-speaking citizens act on the same principle. They call themselves Canadians; those of the French language French-Canadians.”, »Foreword«, in: Hugh MacLennan, Two Solitudes. Collins, Toronto 1945 Im Jahr 2005 griff in ihrer Antrittsrede die von der britischen Königin eingesetzte neue Generalgouverneurin Kanadas, Michaëlle Jean, die selbst haitianische Wurzeln hat, den Titel von MacLennans Buch, Two Solitudes, auf und verkündete optimistisch: „The time of two solitudes had finished.“ („Die Zeit der zwei Einsamkeiten ist vorbei.“)CTV Television Network, 27. September 2005, Link funktioniert nicht mehr
Anglokanadische Literatur Die Ursprünge Neben den ersten Expeditions- und Reiseberichten wie Sir Alexander Mackenzies Voyage from Montreal on the River St. Lawrence, Through the Continent of North America, to the Frozen and Pacific Oceans; in the Years 1789 and 1793 (1801), die vor allem Beschreibungen der widrigen Natur des Landes enthalten, stammen erste literarische Arbeiten von königstreuen Autoren, die aus den seit 1776 unabhängigen Vereinigten Staaten vor allem in das spätere Ontario sowie nach Nova Scotia und New Brunswick ausgewandert waren. Auch hier stehen die Bewältigung von Einsamkeit und Herausforderungen der Natur im Vordergrund. In dieser Zeit entstand das lange Erzählgedicht The Rising Village (1825) des kanadischen Autors und Kolonialadministrators Oliver Goldsmith, eines Großneffen des angloirischen Autors Oliver Goldsmith, dessen Werk The Deserted Village er imitierte. Es wurde in England als erste längere Publikation aus Kanada gedruckt.Kurzbiographie auf waymarking.com Die 1832 als Offiziersgattin eingewanderte Catharine Parr Traill verfasste mit The Backwoods of Canada (1836) und Canadian Crusoes (1851) authentische Schilderungen des Lebens der kanadischen Siedler.
1830 bis 1890 mini|hochkant|Thomas Chandler Haliburton. Seine satirische Skizze The Clockmaker (1838) erlebte bis 2015 70 Auflagen.
Die anglokanadischen Schriftsteller wurden in der Folgezeit durch die literarischen Entwicklungen im kolonialen Mutterland beeinflusst, im 20. Jahrhundert aber in steigendem Maße von Einflüssen aus den Vereinigten Staaten sowie durch die Literaturen der Immigranten aus anderen Ländern, die nunmehr Englisch oder Französisch schreiben, z. B. Einwanderer aus dem Libanon, aus Vietnam, Haiti oder Westafrika. In Nova Scotia wurden seit den 1830er Jahren humoristische Skizzen (sketches) publiziert, unter anderem von Thomas Chandler Haliburton (1796–1865), der zwei Jahre vor der Gründung des Landes verstarb. Zu seinen wichtigsten Werken zählt die humorvolle Charakterskizze The Clockmaker (1838). Der scharfsichtige und geschäftstüchtige Uhrmacher Sam Slick macht sich bei aller Anerkennung ihrer Leistungen der USA über das Verhalten des Yankees sowie über die unerträgliche Arroganz der Briten und vor allem über die Schwächen seiner Landsleute, der Bluenoses aus Nova Scotia, lustig und nutzt sie aus. Ein Vorläufer dieser oft in Serienform von Zeitungen veröffentlichten humoristischen sketcheswaren die Letters of Mephiboseth Stepsure (1821/22) des Pastors Thomas McCulloch (1776–1843). Das gleiche Genre entwickelte sich zur selben Zeit im benachbarten Neuengland, z. B. durch Seba Smith (1792–1868).
Neben der etwas später einsetzenden Welle der Siedlerliteratur der aus Europa Zugewanderten, für die beispielhaft Susanna Moodies Life in the clearing versus the bush (1853) – Teil einer autobiographischen Trilogie über das harte Leben der Einwanderer auf den Farmen und dem Kampf gegen die raue Natur – und Catharine Parr Traills The Backwoods of Canada (1837) stehen, entstanden historische und Liebesromane nach englischen Vorbildern. So orientierte sich John Richardson (1796–1852), ein britisch-kanadischer Offizier, in seinem 1832 erschienenen romantischen Roman Wacousta; or The Prophecy. A Tale of the Canadas am Vorbild Walter Scotts.John Richardson: Canadian Writer auf britannica.com Ein Teil seiner Texte wurde anonym veröffentlicht, andere sind verschollen. Der gebürtige Engländer William Kirby siedelte seinen historischen Roman The Golden Dog (1877) in Québec an und arbeitete viele lokale Legenden und Schauplätze aus dem französischsprachigen Teil Kanadas darin ein.
1890 bis 1945 mini|hochkant|Lucy Maud Montgomery (um 1897). Ihr Kinder- und Jugendbuch Anne of Green Gables (1908) über ein unkonventionelles Waisenmädchen, das seine Pläne durchsetzt, wurde in fünf Jahren 32 Mal aufgelegt und ist im englischsprachigen Raum weit verbreitet. Der letzte von neun Bänden der Reihe wurde postum erst 1974 veröffentlicht. mini|hochkant|Sara Jeannette Duncan (1861–1922), Journalistin und humoristische Beobachterin des sozialen Wandels der ehemaligen Kolonialgesellschaft Nach der 1867 erfolgten Einigung von Upper und Lower Canada zum Dominion, der andere Kolonien folgten, dauerte es längere Zeit, bis sich ein kanadisches Nationalbewusstsein ausbilden konnte. Sara Jeanette Duncans historischer Roman The Imperialist von 1904 beschreibt dessen schwierige Geburt. Die Mehrzahl ihrer Bücher spielt in Britisch-Indien.Thomas Tausky: Sara Jeannette Duncan: Novelist of Empire. Toronto 1980. Die mehrheitlich bereits in Kanada geborenen Autoren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts schrieben über das isolierte Pionierleben an der Frontier, über die Größe, das Potenzial und die Widrigkeiten der Natur, aber auch die natürliche Schönheit des Landes (der Lyriker Bliss Carman), über die Entwicklung einzelner Einwandergruppen im Dominion Kanada (Laura Goodman Salversons The Viking Heart) sowie über die schlichten Sitten, den Glauben und das Streben einfacher Menschen (so etwa Stephen Leacock in humoristischer Prosa und Lucy Maud Montgomery). Carman (Songs of Vagabondia, 1893) und sein Cousin Charles G. D. Roberts lebten lange in den USA, weil man zu dieser Zeit in Kanada von den Einkünften als Autor noch kaum leben konnte. Noch für Sheila Watson bildeten ihre Erfahrungen als junge Lehrerin in einer abgelegenen Gegend British Columbias in den 1930er Jahren die Grundlage für ihren Roman Deep Hollow Creek (1992).
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs rückte das Verhältnis zur ›Alten Welt‹ und der Einfluss des Krieges auf die Einwanderer in den Fokus, so in den Werken der Tochter isländischer Immigranten Laura Goodman Salverson (The Viking Heart, The Dark Weaver).