mini|Lew Semjonowitsch Wygotski Lew Semjonowitsch Wygotski (, ; * in Orscha im Ansiedlungsrayon, Russisches Kaiserreich, heute Belarus; † 11. Juni 1934 in Moskau) war ein sowjetischer PsychologeYasnitsky, A. (2018). Vygotsky: An Intellectual Biography. London and New York: Routledge BOOK PREVIEW und gilt als der Begründer der unter den Bezeichnungen Kulturhistorische Schule bekannt gewordenen Strömungen in der sowjetischen Psychologie. Er lieferte Beiträge zur Theorie des Bewusstseins, zur Behindertenpädagogik, zum Verhältnis von Sprachentwicklung und Denken und zur allgemeinen Entwicklungspsychologie des Kindes.
Leben und Werk Jugend
Lew Wygotski lebte bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr mit seiner Familie im russischen Ansiedlungsrayon, in Gomel. Bereits als Jugendlicher interessierte er sich für Kunst, Philosophie und Geschichte. Nach seiner Gymnasialzeit studierte er Jura an der Lomonossow-Universität in Moskau und konnte sich als Autodidakt ein enzyklopädisches Wissen auf den Gebieten Soziologie, Psychologie, Philosophie, Linguistik, Kunst- und Literaturwissenschaft aneignen. Maßgeblich für sein weiteres Leben waren u. a. die Werke von Baruch Spinoza, Ludwig Feuerbach, William James, Sigmund Freud.Peter Keiler: Lev Vygotskij. Ein Leben für die Psychologie. Beltz Verlag, 2002, S. 18.
Als Lehrer in Gomel Nach Abschluss des Studiums arbeitete er von 1918 bis 1924 als Lehrer in seiner Heimatstadt.Peter Keiler: Lev Vygotskij. Ein Leben für die Psychologie. Beltz Verlag, 2002, S. 17. In dieser Zeit wirkte er aktiv am dortigen kulturellen Leben mit und publizierte mehrere literaturwissenschaftliche Aufsätze, unter anderem eine Analyse von Shakespeares Hamlet und verschiedene Theaterkritiken. Er begann, sich vertieft für Psychologie zu interessieren, arbeitete am Lehrbuch Pädagogische Psychologie und an seiner Dissertation Psychologie der Kunst.Wygotski, L. S. (1925/1976). Psychologie der Kunst (H. Barth, Hrsg.). Dresden: Verlag der Kunst. Letztere wurde 1925 fertiggestellt, aber erst posthum veröffentlicht.Vgl. Yasnitsky, A. (2011). Lev Vygotsky: Philologist and Defectologist. A Sociointellectual Biography. In W. E. Pickren, D. A. Dewsbury & M. Wertheimer (Hrsg.), Portraits of Pioneers in Developmental Psychology (S. 109–133). New York, Hove: Psychology Press, S. 113.Van der Veer, R. & Valsiner, J. (1991). Understanding Vygotsky. A Quest for Synthesis. Cambridge u. a.: Blackwell, S. 19 ff.
Moskau 1924 wechselte Wygotski an das Psychologische Institut der Moskauer Universität. Neben seiner Arbeit dort lehrte und forschte Wygotski an verschiedenen weiteren Moskauer Institutionen in den Bereichen Psychologie, Pädagogik und Defektologie.Keiler, P. (2002). Lev Vygotskij - ein Leben für die Psychologie. Weinheim, Basel: Beltz. S. 22 f. Zu seinen frühen psychologischen Arbeiten gehören The methods of reflexological and psychological investigation (1926)Vygotsky, L. S. (1926/1997). The Methods of Reflexological and Psychological Investigation. In: The Collected Works of L. S. Vygotsky. Problems of the Theory and History of Psychology (Bd. 3, S. 35–49). New York, London: Plenum Press., die auf einen Vortrag auf dem II. Allrussischen Kongress für Psychoneurologie 1924 in Leningrad zurückgeht, Das Bewusstsein als Problem der Psychologie des Verhaltens (1925)Wygotski, L. S. (1925/1985). Das Bewußtsein als Problem der Psychologie des Verhaltens. In Ausgewählte Schriften (Bd. 1, S. 279–308). Berlin: Volk und Wissen. sowie Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung (1926)Wygotski, L. S. (1926/1985). Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung. In: Ausgewählte Schriften (Bd. 1, S. 57–277). Berlin: Volk und Wissen.. Er befasste sich auch kritisch mit dem Werk des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget.Carlos Kölbl. Die Psychologie der kulturhistorischen Schule, Göttingen (2006), Vandenhoeck & Ruprecht.
In Moskau lernte Wygotski u. a. Alexandr R. Lurija und Alexei N. Leontjew kennen, mit denen er eng zusammenarbeitete. Heute sind die psychologischen Arbeiten dieser oft als Troika wahrgenommenen Konstellation unter den Begriffen Kulturhistorische Schule und Tätigkeitstheorie bekannt. Wygotski gründete allerdings während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit keine institutionalisierte Schule im engen Sinne.Yasnitsky, A. (2011). Vygotsky Circle as a Personal Network of Scholars. Restoring Connections Between People and Ideas. Integrative Psychological and Behavioral Science, 45, 422–457. Auch das Etikett Kulturhistorische Schule kommt von außen.Keiler, P. (2012). [ „Kulturhistorische Theorie“ und „Kulturhistorische Schule“: Vom Mythos (Zurück) zur Wirklichkeit]. Institut für kritische Theorie. Wygotski selbst benannte seine Theorie in verschiedenen Phasen unterschiedlich: Instrumentelle Psychologie, Kulturelle Psychologie und Historische Theorie der höheren psychologischen Funktionen.Yasnitsky, A. (2011). Vygotsky Circle as a Personal Network of Scholars. Restoring Connections Between People and Ideas. Integrative Psychological and Behavioral Science, 45 , 422-457.van der Veer, R. & Valsiner, J. (1991). Understanding Vygotsky. A Quest for Synthesis. Cambridge u. a.: Blackwell.
In der Zusammenarbeit mit Lurija, Leontjew und verschiedenen Studenten arbeitete Wygotski seine früheren psychologischen Ideen zu einem instrumentellen Ansatz aus. Zentral war der Begriff der psychischen Werkzeuge mit der Sprache als dem psychischen Werkzeug „par excellence“, welchen Wygotski besonders prägnant in den beiden Arbeiten Die instrumentelle Methode in der PsychologieWygotski, L. S. (1930/1985). Die instrumentelle Methode in der Psychologie. In Ausgewählte Schriften (Bd. 1, S. 309–317). Berlin: Volk und Wissen. und in Geschichte der Entwicklung der höheren psychischen FunktionenVygotskij, L. S. (1931/1992). Geschichte der höheren psychischen Funktionen. Berlin u. a.: LIT. thematisierte.
Zwischen Moskau, Charkow und Leningrad Die instrumentelle Psychologie Wygotskis und seiner Mitarbeiter wurde in der UdSSR zunehmend politisch motiviert unterdrückt. Für Wygotski wurde es schwerer, seine Arbeiten zu veröffentlichen, da seine Theorie nicht auf der Linie der aus den innersowjetischen Machtkämpfen streng materialistisch ausgerichteten Psychologie unter Stalin lag. Insbesondere Wygotskis Rezeption westlicher, „idealistischer“ Autoren wie Sigmund Freud, Charlotte und Karl Bühler, Clara und William Stern, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Kurt Lewin oder Edward Lee Thorndike sowie seine freundschaftlichen Beziehungen zu ideologisch unerwünschten Personen wie dem Dichter Ossip E. Mandelstam wurden kritisiert.Lompscher, J. und Rückriem, G. (2002). Editorial. In: Lev S. Vygotskij: Denken und Sprechen (S. 7–35). Weinheim und Basel: Beltz. S. 10. Mehrere der Institute, an denen Wygotski und seine Mitarbeiter arbeiteten, wurden um 1930 geschlossen. Wygotski, Leontjew, Lurija und andere wurden nach Charkow an das neu gegründete Psychoneurologische Institut eingeladen. Während einige der Mitarbeiter fest nach Charkow wechselten, pendelte Wygotski in der Folge zwischen Moskau, Charkow und Leningrad.
Was die inhaltliche Arbeit Wygotskis betrifft, kam es Anfang der 1930er Jahre zu einer allmählichen Aufgabe der Werkzeugmetapher für Sprache und Wygotski konzentrierte sich auf das „Bedeutungsvolumen“ der Sprache.Bertau, M.-C. (2011). Anreden, Erwidern, Verstehen. Elemente einer Psycholinguistik der Alterität. Berlin: Lehmanns Media, S. 144. Grund dafür waren nicht zuletzt die in den späten 1920er Jahren unter seiner Leitung durchgeführten Experimente zur Begriffsbildung. Sie hatten zum Ergebnis, dass die Beziehung von Wort und Bedeutung nicht statisch ist, sondern sich entwickelt.
In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte sich Wygotski mit der Bedeutungs- und Sinnhaftigkeit der Sprache, dem Verhältnis von Denken und Sprechen, der Rolle von Emotionen und mit dem Bewusstsein. Diese Arbeit mündete 1934 in der Zusammenstellung und Ergänzung früherer Arbeiten zu einer Monographie mit dem Titel Denken und Sprechen. Außerdem arbeitete er weiter an entwicklungspsychologischen und „defektologischen“ Fragen.
Tod und wissenschaftliches Erbe Nach Wygotskis Tod infolge einer Tuberkulose machte sein wissenschaftlicher Nachlass den Eindruck eines work in progress: Wygotski hinterließ 80 unveröffentlichte Manuskripte. Er kam nie dazu, seine Theorien konsequent zu systematisieren, doch beeinflusste er die weiteren Forschungen von Alexander Lurija, Alexei Leontjew und anderen Studenten und Mitarbeitern, die in ihren Werken Wygotskis Ansätze weiterentwickelten. Der explizite Bezug auf Wygotski war jedoch nicht ohne weiteres möglich. Die schon zu Beginn der 1930er Jahre einsetzenden ideologischen Vorwürfe und Anfeindungen gegen Wygotskis Arbeit und die seiner Mitarbeiter und Studenten fanden ihren Höhepunkt mit dem Pädologie-Dekret von 1936, das zu einer vollständigen Zensur von Wygotskis Namen und Werk führte.Lompscher, J. und Rückriem, G. (2002). Editorial. In: Lev S. Vygotskij: Denken und Sprechen (S. 7–35). Weinheim und Basel: Beltz. S. 10 ff. Erst Jahrzehnte später wurde schrittweise Wygotskis Werk rehabilitiert, jedoch weiterhin von Kompromissen geprägt. Bis heute ist die historisch-kritische Aufarbeitung von Wygotskis Werk nicht abgeschlossen.
Außerhalb der Sowjetunion wurden Wygotskis Arbeiten erst ab Ende der 1960er Jahre bekannt. Wesentlich für die deutsche Rezeption waren zum einen die Übersetzungen, die in der DDR veröffentlicht wurden, zum anderen die Empfehlung und Betonung seiner Werke durch den West-Berliner Psychologen Klaus Holzkamp und später durch den Holzkamp-Schüler Peter Keiler. In den folgenden Jahrzehnten wurde Wygotski vor allem als Sprach- und Entwicklungspsychologe wahrgenommen. Dies hat damit zu tun, dass international vor allem Denken und Sprechen als sein Hauptwerk übersetzt und rezipiert wird. Für die internationale Verbreitung seiner Ideen bedeutsam war insbesondere das Buch Mind in Society, das unter dem Namen Wygotskis erschien, dessen Texte aber stark gekürzt und bearbeitet wurden. Trotzdem löste dieses Buch einen „Wygotski-Boom“ in den Humanwissenschaften aus, der bis heute anhält.
Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts entstanden international weitere historisch-kritische Ausgaben der Texte Wygotskis und seiner Mitarbeiter und Schüler, und die Archivarbeit schreitet fort. Auf diese Weise werden die verschiedenen Einflüsse auf Wygotskis Werk und die unterschiedlichen Arbeitskonstellationen, in denen es entstand, stärker berücksichtigt.Yasnitsky, A. (2011). Vygotsky Circle as a Personal Network of Scholars. Restoring Connections Between People and Ideas. Integrative Psychological and Behavioral Science , 45 , 422-457.van der Veer, R. & Valsiner, J. (1991). Understanding Vygotsky. A Quest for Synthesis. Cambridge u. a.: Blackwell.
Zentrale Themen Kunstpsychologie Das Themenfeld der Kunstpsychologie stellt eine Art Scharnier zwischen Wygotskis anfänglicher Tätigkeit als Literaturkritiker und seinem späteren Wirken als Psychologe dar. In seiner 1925 fertiggestellten, aber erst posthum veröffentlichten Dissertation Die Psychologie der KunstWygotski, L. S. 1925/1976. Die Psychologie der Kunst. Dresden: Verlag der Kunst. beschäftigte sich Wygotski mit der Frage nach der Funktionsweise ästhetischer Reaktionen auf Kunst. Er setzte sich hierfür intensiv mit verschiedenen Strömungen der Ästhetik, insbesondere dem russischen Formalismus, auseinander. Wygotski stellte fest, dass die psychologischen Prozesse des Künstlers, die zur Schaffung eines Kunstwerks führen, und die ästhetische Reaktion des Rezipienten nicht ‚direkt‘ untersucht werden können. Sie fließen jedoch in die Form des Kunstwerks ein, welche analysiert werden kann.Vgl. van der Veer, R. und Valsiner, J. 1991. Understanding Vygotsky. A quest for synthesis. Oxford und Cambridge: Blackwell. S. 24 ff.