mini|Ansicht von Nordwesten (um 1920/40) Die evangelische Wiesenkirche oder Kirche St. Maria zur Wiese in Soest gilt als eine formvollendete westfälische Hallenkirche. Von annähernd quadratischem Grundriss geprägt, bietet ihr Inneres dem Betrachter von manchen Standpunkten aus den Eindruck einer reinen Fensterfront, getragen von grazilem Bündelpfeilerwerk. Die hohen Fensterbahnen erreichen im Chor beinahe den Boden. Am Tag wirkt das Gotteshaus leicht und lichtdurchflutet. Drei nahezu gleich hohe, sehr flach gewölbte Schiffe geben dem Raum sein Ebenmaß. Die Baugeschichte erstreckt sich über Jahrhunderte. An Stelle des romanischen Vorgängerbaus wurde 1313 für die heutige Kirche der Grundstein gelegt. Die das Außenbild bestimmenden Doppeltürme wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet.

Architektur und Baugeschichte mini|Blick auf Soest, vom südlich gelegenen Haarstrang aus gesehen. Ganz rechts die zweitürmige gotische Wiesenkirche, der Südturm ist eingerüstet mini|Luftbild im Sommer 2014 Der romanische Vorgängerbau der Kirche – im Grundriss ganz ähnlich der benachbarten Kirche St. Maria zur Höhe – stand der Überlieferung nach in einem sumpfigen Gebiet, das dann entwässert wurde. Das gotische, in dem südlich von Soest abgebauten Grünsandstein errichtete Kirchengebäude entstand auf einer Wiese: St. Maria in Pratis – St. Maria zur Wiese. Der Baubeginn ist aufgrund einer (nicht einwandfrei zu lesenden) Bauinschrift für das Jahr 1313 überliefert, als erster Baumeister ein Johannes Schendeler genannt. Nach seinem Entwurf konnte der Chorbau bis 1376 fertiggestellt werden. Als weiterer Baumeistername ist für 1392 der aus einer Lippstädter Ratsfamilie stammende Godert van Sunte Druden als „werckmeister tho der Wese“ überliefert. Der zweitürmige Westbau wurde einer Bauinschrift zufolge im Jahre 1421 durch Johannes Verlach begonnen, aber nach 1525 eingestellt, als unter dem letzten Baumeister, Porphyrius von Neuenkirchen, lediglich der nördliche Turmunterbau und das mittlere Portaljoch die Traufhöhe des Schiffs erreicht hatten.Johann Josef Böker: Gotische Sakralarchitektur in Soest. In: Heinz-Dieter Heimann (Hrsg.): Soest. Geschichte der Stadt, Band II: Die Welt der Bürger. Politik, Gesellschaft und Kultur im spätmittelalterlichen Soest (= Soester Beiträge, Band 53). Mocker & Jahn, Soest 1996, S. 461–526. Dass auch schon zu diesem Zeitpunkt Turmaufbauten mit einem offenen Maßwerkhelm wie am Kölner Dom vorgesehen waren, belegt der als Turmmodell ausgebildete hölzerne Aufbau eines Sakramentshauses im Chor der Kirche.

Die besondere architektonische Wirkung der Wiesenkirche beruht auf dem Abschluss der kapellenartig zentrierten Hauptapsis aus sieben Seiten eines Zehnecks sowie der eleganten Ausbildung der strebepfeilerlosen Nebenapsiden. Die Gestaltung findet sich am Chor der Petrikirche in Soest vorgebildet. Im Innern sind die außerordentlich schlanken und kämpferlos mit herabgeführten Birnstabrippen ausgebildeten Pfeiler raumbestimmend. Daraus resultiert, im Zusammenklang mit den wohlabgewogenen Proportionen und den fein gearbeiteten Architekturformen, ein ungewöhnlich harmonischer, lichter Innenraum.

Die Kirche wurde – wie aus dem Namen abzuleiten ist – erbaut, um darin ein Marienbild aufzubewahren, das aus dem 12. Jahrhundert stammt und über viele Jahrhunderte Pilger aus nah und fern anzog. Dieses Marienbild wurde in der Reformationszeit, in der die Kirche evangelisch wurde, entfernt und laut einer Legende auf dem Dachboden der Kirche aufbewahrt. 1661 wurde es als Sühnegabe für einen Waldfrevel an die Nachbarstadt Werl übergeben, wo noch heute jährlich mehr als 200.000 Menschen zur Muttergottes von Werl pilgern.

Türme Die die Soester Stadtsilhouette prägenden Türme der Doppelturmfassade mit ihren durchbrochenen Helmen wurden im späten 19. Jahrhundert errichtet, nachdem König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen 1840 die dafür notwendigen Gelder zur Verfügung gestellt hatte. Der tatsächliche Ausbau der Türme nach den Plänen des bereits 1853 verstorbenen August Soller begann jedoch erst 1861 und kam 1874/75 zum Abschluss.Günther Grundmann: August Soller (1805–1853). Ein Berliner Architekt im Geiste Schinkels. Prestel, München 1973, ISBN 3-7913-0351-1, S. 200–204 (= Studien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, Band 18). Sie erreichen eine Höhe von 75 Metern.Max Gieske, Karina Risken: Turmhöhenbestimmung der Kirche St. Maria zur Wiese (Wiesenkirche) in Soest. In: Soester Zeitschrift, Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Heimatpflege Soest, 2017, Heft 129, , S. 129–134; geschichtsverein-soest.de (PDF; 9,4 MB). Oft wird in der Literatur auch eine Höhe von 81 m angegeben. Auch die Innenausstattung wurde bis 1882 restauriert und ergänzt, unter anderem durch Kunstwerke aus der abgebrochenen St.-Walburgis-Kirche.

1933 wurden zeitbedingt die neugotischen Turmaufbauten in ihrem Ornament stilistisch bereinigt,C. Dammeier: Die Türme der Wiesenkirche in Soest. In: Die Denkmalpflege, Jahrgang 1933, S. 1–8. die schweren Kriegsschäden bis 1950 beseitigt. In den durch starke Verwitterung des Grünsandsteins seit 1987 notwendig gewordenen Wiederherstellungsarbeiten an den Westtürmen wird der wesentlich witterungsbeständigere, aber farblich stark abweichende Oberkirchener Sandstein verwendet, zugleich aber werden auch die neugotischen Bauformen wieder rekonstruiert, um dem Bauwerk seine historische Gestalt wiederzugeben.

Ausstattung mini|hochkant|Blick durch das Mittelschiff zum Chor Chor mini|hochkant|Blick in den Chor Im Chor stehen zwischen den Glasfenstern (um 1320 bis 1340) noch elf überlebensgroße Statuen; sie bilden die bedeutendste noch an Ort und Stelle befindliche Gruppe von westfälischen Monumentalfiguren des 14. Jahrhunderts. Christus und Maria in der Mitte werden seitlich von ehemals zwölf (oder sechzehn?) Aposteln sowie Johannes dem Täufer begleitet. Die Anordnung folgt damit der Figurenfolge im Kölner Domchor, aber es gibt in Soest merkwürdigerweise Plätze für 16 Figuren und nicht wie in Köln 14 Plätze. Es wurde angenommen, dass die ikonographische Anordnung der Soester Figuren einer ikonographischen Tradition des Hauptaltars des Doms in Münster folgt, wo, wie in Soest, ausnahmsweise 16 kleinere vergoldete Figuren zum Bildprogramm des Hauptaltars gehören. Somit entspricht dies möglicherweise einer lokalen westfälischen Tradition. Aber die aus Baumbergersandstein von Münster gefertigten, noch 11 verbliebenen Figuren und deren Sockel gehen in ihrer plastischen Bildung und ornamentalen Prägung stilistisch auf eine Kölner Werkstatt zurück, welche nach vorläufiger Einstellung der Bauarbeiten am Südturm des Kölner Domes weiter nach Soest gewandert ist. Angesichts jüngster Forschung, entspricht dem Figurenzyklus der Soester Wiesenkirche und seiner Ornamentik ein Herstellungsdatum zwischen 1310 und 1325, und somit fertigte wahrscheinlich keine in Soest tätige Bildhauerwerkstatt ab etwa 1350 diese Figuren. Mehrere Bildhauerhände sind unterscheidbar. Von eigener Qualität sind die Statuen von Christus, Petrus und Bartholomäus, gekennzeichnet durch flache, umrisshafte Gestaltung und kalligraphische Gewandsäume. Bei einer Restaurierung wurden die Figuren 1973 in der vermutlichen richtigen Reihenfolge wieder aufgestellt. Das Skulpturenprogramm der Apostel steht in antithetischem Kontext zu den alttestamentlichen Gestalten der Glasfenster. Marienleben und Heilsgeschichte finden mit den Darstellungen von Marienkrönung und Jüngstem Gericht in der oberen Fensterzone und im Schlussstein ihren Abschluss.

Südportal und „Westfälische Madonna“ mini|hochkant|Marienfigur am Südportal Das Südportal stammt aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert. Die Figuren sind Repliken; die Originale – ebenfalls aus der Zeit um 1400 – stehen im Inneren der Kirche. In der Mitte steht die zumindest für Westfalen legendäre Plastik der sogenannten Westfälischen Madonna. Tatsächlich ist sie möglicherweise rheinischen Ursprungs – stilistische Ähnlichkeiten zur Bildhauerei der Kölner Kathedralschule sind nicht zu übersehen.

Die Gestalt der Maria ist dynamisch ausgewogen. Die hoheitsvolle Distanz der Hochgotik wurde aufgegeben zugunsten einer dekorativen Schönheit in der Schilderung von Gewanddetails, die wohl ohne den Einfluss der Schönen Madonnen aus der Parlerschule nicht denkbar ist. Die Parler waren eine Baumeister- und Bildhauerfamilie des 14. Jahrhunderts, die in der Bauplastik Kölns und Süddeutschlands eine bedeutende Rolle spielte. Sie beeinflussten wesentlich die gesamte Kunstgeschichte Deutschlands, in der Plastik vor allem durch einen neuen Stil in der Madonnendarstellung, der durch eine dekorativ-schöne und anmutig dynamisch-bewegte Gestaltung geprägt ist – hier also offenbar eine westfälische Variante.

Aldegrever-Altar mini|hochkant|Aldegrever-Altar In der südlichen Apsis des Chores steht das kunsthistorische Hauptwerk der Wiesenkirche, der Aldegrever-Altar von 1526. Es ist eigentlich ein Marienaltar von Heinrich Aldegrever, einem Meister, der sich als Kupferstecher zur Zeit Holbeins und Dürers Ruhm erwarb, dessen Wirken als Maler aber umstritten ist. Aldegrever gilt als der begabteste Künstler Westfalens im Umbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit. In dem geschnitzten Soester Schrein steht in der Mitte die Madonna im Strahlenkranz zwischen den Heiligen Antonius und Agathe. Lediglich die gemalten Seitenflügel stammen von Aldegrever. Der linke Flügel zeigt die Geburt Christi, der rechte die Anbetung der Könige. Besonders auf der rechten Tafel belegen die Balustradenständer, dass Aldegrever hier bereits 1526/1527 typische Renaissance-Formen in seiner Malerei verwendet hat.

Weitere Ausstattung Der Annen- oder Sippenaltar, der sich heute im Hochchor befindet, von 1473 gab dem Meister von 1473 seinen Notnamen. Der Mittelteil zeigt drei Generationen der Heiligen Sippe, Annas Ehemänner, ihre Töchter und deren Gatten. Die linken Bildfelder zeigen Szenen aus dem Leben Annas, die rechten Szenen aus dem Leben Mariens. Im Hauptchor steht der Jacobialtar eines unbekannten Meisters von 1420. Er zeigt, auf Goldgrund gemalt, in der Mitte die Kreuzigung, links die Anbetung der Könige, rechts den Tod Mariens. Die Rückseiten zeigen einen Bischof, die Hl. Katharina, die Hl. Agathe und Jakobus den Älteren. Ein kleines Sakramentshäuschen, flankiert mit einer Statue der Madonna mit Kind aus Sandstein und einer Eichenholzstatue des Hl. Reinoldus. Alle drei Werke stammen aus dem frühen 15. Jahrhundert. Ein weiteres spätgotisches Sakramentshäuschen, um 1530 entstanden, steht vor dem östlichen Pfeiler im Nordschiff. Es enthält das Soester Wappen, ein Steinmetzzeichen im Sockel und eine kleine Engelsstatue aus dem 14. Jahrhundert. Daneben in der nördlichen Chorwand ist ein Alabasterrelief der heiligen Dreifaltigkeit aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Brabantischer Schnitzaltar: Von dem Altar aus Eichen- und Lindenholz unter dem Marienfenster ist nur noch der Mittelteil erhalten. Er stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert und zeigt neben Szenen aus dem Marienleben die Passion Christi. Über dem Sippenaltar, dem Algreveraltar und dem Brabantischen Altar sind Kruzifixe angebracht, die aus dem 13. Jahrhundert stammen. Das Kreuz über dem Sippenaltar enthält Medaillons mit den Evangelistensymbolen und im Korpus Reliquien französischer Heiliger. Fenster über dem Nordportal: Westfälisches Abendmahl (unbekannter Künstler, 1500) Fenster im Chor aus dem 16. Jahrhundert – hier auch die älteste Darstellung des Soester Stadtwappens Kirchenfenster von Hans Gottfried von Stockhausen Zwei gotische Wandmalereien: Die ältere neben der Sakristeitür zeigt die Verkündigung und stammt aus der Zeit um 1370, auf der jüngeren über der Sakristeitür sind Maria mit Kind, der Hl. Antonius und die Hl. Elisabeth, die einem nackten Bettler ein Kleid reicht, zu sehen. Letztere Malerei stammt aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts.

Orgel