Die Violine oder Geige ist ein zu den Kastenhalslauten gehörendes Streichinstrument. Ihre vier Saiten (g – d1 – a1 – e2) werden hauptsächlich mit den Haaren eines Bogens gestrichen (), selten mit der Stange desselben (italienisch col legno) oder den Bogenhaaren geschlagen (italienisch battuto) oder auch mit den Fingern gezupft (italienisch pizzicato). In der Tradition der klassischen europäischen Musik spielt dieses Instrument eine herausragende Rolle. In allen Epochen der Musikgeschichte seit Erscheinen der Violine wurden bedeutende Werke für sie geschrieben. Violinen werden von Geigenbauern hergestellt.

Etymologie Das Wort Violine wurde im 17. Jahrhundert aus dem Italienischen ins Deutsche entlehnt und bedeutet eigentlich „kleine Viola“, wobei sich im Italienischen letztlich die maskuline Diminutivform violino (bezeugt seit dem frühen 16. Jahrhundert) zur Bezeichnung des Instruments durchsetzte, im Deutschen hingegen das Femininum Violine (gegenüber dem im barocken Schrifttum vereinzelt anzutreffenden Violin). Dort angegebene Etymologie textgleich mit dem Eintrag in Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1993. Als sich etwa 10 bis 15 Jahre nach den ersten bekundeten Violen da gamba (1495) Frühformen der Violine entwickelten, wurden diese noch mit unterschiedlichen Begriffen wie lira, violetta oder viola (deutsch auch „Viole“, etwa in „Bassviole“) bezeichnet.

Das ältere deutsche Wort Geige ist ursprünglich eine Scherzbezeichnung (Pejorativum) für die Fidel und entwickelte sich später zum Gattungsbegriff für Streichinstrumente insgesamt, also einschließlich Bratsche, Cello und Gambe, verlor dabei aber lange nicht seine abschätzige Konnotation. So erklärte Leopold Mozart 1756 in seinem Versuch einer gründlichen Violinschule, dass „das Wort Geige ein allgemeines Wort ist, welches alle Arten von Geiginstrumenten in sich einschließet; und daß es folglich nur von einem Mißbrauche herrühret, wenn man die Violin platterdings die Geige nennet“;Leopold Mozart: Versuch einer gründlichen Violinschule. Augsburg 1756, S. 1–2. noch Johann Christoph Adelung markiert die Bezeichnung Geige als unschicklich (bzw. „vertraulicher Sprechart“). Als wertneutrales Synonym zur vornehmen Violine konnte sie sich erst im späteren 19. Jahrhundert etablieren. Die Etymologie des Wortes ist ungeklärt. Es begegnet zuerst im 12. Jahrhundert in einer spätalthochdeutschen Handschrift als gīga (französisch gigue ist ebenfalls bereits um 1150 nachgewiesen, stellt aber wohl eine Entlehnung aus dem Althochdeutschen dar, ebenso italienisch, altspanisch und provenzalisch giga). Vorgeschlagen wurde unter anderem ein Zusammenhang mit dem altnordischen Verb geiga „schwenken, schwanken“, zu dem sich auch im Deutschen mundartliche, allerdings erst spät und nur spärlich bezeugte mögliche Entsprechungen finden, so etwa schweizerisch gieglen, giegeln „sich wälzen, purzeln“ und tirolerisch geigern „schwanken, zweifeln, zaudern“. Vorauszusetzen wäre demnach ein gemeingermanisches *gīgan „hin und her bewegen.“Geige. In: Trübner’s deutsches Wörterbuch, im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für deutsche Wortforschung hrsg. von Alfred Götze, weitergeführt von Walter Mitzka. Band 3 (G–H). Walter de Gruyter, Berlin 1954, S. 66–67. Möglicherweise handelt es sich aber auch um eine lautmalerische Wortschöpfung, vergleichbar dem Gackern [der Hühner] und dem Kieksen „hohe, schrille Laute von sich geben“. Dort angegebene Etymologie textgleich mit dem Eintrag in Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1993.

Anders als die hochsprachliche Violine hat die eher volkstümliche Geige einige sprichwörtliche Redensarten inspiriert. Schon seit etwa 1500 hängt der Himmel voller Geigen, wenn jemand froh und zuversichtlich auf sein Dasein und die Zukunft blickt (nur „im blauen Himmel“ über der Insel Kuba „hängen / heute lauter Violinen“, wie Heinrich Heine 1853 in Bimini dichteteHeinrich Heine: Gedichte 1845–1856 (=Säkulärausgabe. Band 3). de Gruyter, Berlin 1986, S. 269.). Bereits im Mittelhochdeutschen findet sich die Wendung jemandem die Wahrheit [auch Meinung o. ä.] geigen (die somit wesentlich älter ist als die ebenfalls musikalische, aber erst seit dem 19. Jahrhundert geläufige „Standpauke“). Der Ausdruck die erste Geige spielen im Sinne von „bestimmen, was zu tun ist“ bezieht sich auf den Konzertmeister der klassischen Orchesterordnung, der als Stimmführer den Ton der anderen Geiger an- und vorgab (analog die zweite Geige spielen i. S. v. „sich nach Anderen richten müssen, eine untergeordnete Rolle spielen“).

Teile und Bauweise Korpus mini|Drei Seiten des Korpus: Decke, Boden und Zarge. Detailbilder links: Wirbelkasten und Schnecke. mini|Korpus einer Violine im Querschnitt (der Steg gehört nicht zum Korpus)

Der Korpus der Violine besteht aus Decke, Boden und Zargenkranz. Zusammen bilden sie einen etwa 35 bis 36 cm langen Hohlkörper, der als Resonanzkörper dient.

Decke Die Decke ist der mit zwei F-Löchern versehene, gewölbte, aus Fichtenholz gefertigte obere Teil. Die Decke ist meistens aus zwei gespiegelten Teilen gefertigt, welche mittig verleimt werden. Danach wird mit Hilfe von Stecheisen und Hobeln die angestrebte Form herausgearbeitet, zuerst die äußere, nachfolgend die innere Wölbung. Idealerweise wird „feinjähriges“ Holz (die Jahresringe liegen eng und gleichmäßig) verwendet, das auf nährstoffarmem Boden in Hochgebirgsregionen langsam gewachsen ist. Es wird in der ersten Hälfte des Winters geschlagen, wenn sich möglichst wenig Saft im Stamm befindet, und danach mehrere Jahre zur Trocknung gelagert, erst als Stamm und nochmal einige Jahre lang im zugeschnittenen Zustand. Die fertige Decke hat unter dem Steg meist eine Dicke von 2,4 bis 3,5 mm. Um die passende Flexibilität zu erreichen, wird dabei steifes Holz dünner ausgearbeitet als weiches Holz.Barbara Gschaider: Ratgeber Geige. Edition Bochinski, Bergkirchen 2008, ISBN 978-3-937841-68-7, S. 21 ff.

Boden mini|„Wölben“ des Violinbodens Der Boden ist meistens aus Ahorn gefertigt (sehr selten Pappel oder Weide) und wird ebenfalls gewölbt gestochen. Er kann einteilig oder aus zwei miteinander verleimten Teilen gefertigt sein, was an der spiegelsymmetrischen Maserung des Holzes zu erkennen ist.

Zargen Die Zargen sind die Seitenteile des Korpus und sind mit Boden und Decke verleimt, in seltenen Fällen darüber hinaus in den Boden eingelassen. Sie bestehen meistens aus demselben Holz wie der Boden.

Randeinlagen oder Adern verzieren den Rand der Decke und des Bodens. Dies sind drei nebeneinanderliegende schmale Holzstreifen, deren Äußeres oft schwarz gefärbt ist. Sie werden in den Adergraben gelegt und verleimt. Neben der Verzierung dienen sie der Stabilisierung der über den Zargenkranz hinausragenden Ränder von Decke und Boden.

Inneres Einige Bauteile befinden sich im Inneren des Korpus. Der Bassbalken ist eine leicht schräg zur Faserrichtung verlaufende Fichtenholzleiste, die unter leichter Vorspannung unter die Deckeninnenseite geleimt ist. Er erhöht sowohl die Anisotropie als auch die Steifigkeit der Decke. Der Bassbalken verläuft asymmetrisch unter dem bassseitigen Stegfuß.

Der Stimmstock (die Seele oder Stimme) und dessen präzise Platzierung beeinflusst und reguliert den Klang der Geige erheblich. Es handelt sich bei ihm um einen zylindrischen Fichtenholzstab (etwa 6 mm Durchmesser), der zwischen Decke und Boden eingepasst, aber nicht verleimt wird. Seine Position ist etwa drei Millimeter unterhalb des dem Bassbalken gegenüberliegenden Stegfußes.

Ober-, Unter- und Endklötze sowie Reifchen im Innern des Korpus dienen der Stabilisierung der Zargen. Die Klötze sind aus Fichtenholz, die Reifchen aus Fichte oder Weide gefertigt.

Hals und Griffbrett In eine trapezförmige Aussparung des Korpus wird der Hals geleimt. Dieser hat eine Länge von etwa 13 cm und wird mit dem Griffbrett (ungefähr 27 cm Länge) verleimt, das etwa 14 cm über den Korpus ragt. Das Griffbrett ist meist aus feinporigem Ebenholz gefertigt, das besonders hart und verschleißfest ist. Seltener, vor allem bei einfacheren Instrumenten, werden andere Hölzer verwendet, beispielsweise vom Birnbaum, die geschwärzt werden, um das Aussehen des edleren Ebenholzes nachzuahmen. Bevor Ebenholz in Europa als Rohstoff zu bekommen war, wurden alle Instrumente mit Obstholz-Griffbrettern ausgestattet. Diese sind fast vollständig durch Reparaturen und Umbauten von den Instrumenten verschwunden.

Wirbelkasten und Schnecke Am oberen, schmalen Ende des Griffbretts befindet sich ein Sattel, der obere Sattel (oder Obersattel) der Violine. Über ihn laufen die Saiten in den Wirbelkasten hinein. Hier befinden sich die vier konischen Wirbel, mit denen die Saiten des Instruments gestimmt werden. Die Wirbel bestehen wegen der beim Stimmen auftretenden mechanischen Belastung immer aus Harthölzern. Meistens ist dies Ebenholz oder Palisander, seltener Buchsbaum. Der Wirbelkasten endet in einer Schnecke (selten in einem Frauen- oder Löwenkopf). Hierbei handelt es sich um fein geschnitztes Holz, welches normalerweise die Form einer Schnecke hat, daher der Name. Die Schnecke ist mit anderen baulichen Details ein wichtiges Erkennungsmerkmal bei der Provenienzforschung alter Instrumente.

Steg Der Steg aus feinjährigem Ahorn wird zwischen Decke und Saiten eingesetzt. Er steht ohne Befestigung auf der Decke und wird durch die Spannung der darüber laufenden Saiten in der korrekten Position gehalten. Über den Steg werden die Schwingungen der Saiten auf den Korpus übertragen.

Saitenhalter Die Saiten verlaufen vom Wirbelkasten über den Steg bis zum Saitenhalter. Dieser gehört ebenso zum spieltechnisch notwendigen Set des Instrumentes wie die Wirbel. Deshalb wählt man sowohl für die Wirbel als auch den Saitenhalter aus ästhetischen Gründen meist das gleiche Holz. Der Saitenhalter wird mittels einer Henkelsaite (oder Hängesaite), die über den Untersattel läuft, an einem Endknopf befestigt. Der Endknopf ist in einem Loch in der Zarge eingesteckt. Am Saitenhalter können Feinstimmer angebracht sein.

Saiten Die vier Saiten bestehen aus Naturdarm, der mit Silber- oder Aluminiumdraht umsponnen sein kann, aus Kunststoff oder Stahldraht. Die höchste Saite (Chanterelle) ist die E-Saite und ist meistens aus Stahldraht gefertigt. Darmsaiten reagieren stärker auf Temperatur- und Feuchtigkeitsänderung, sie werden hauptsächlich in der historischen Aufführungspraxis verwendet. Die Saiten werden in Quinten auf die Töne g – d1 – a1 – e2 gestimmt. (Ein Merkspruch lautet: Geh du alter Esel.) Davon abweichende Stimmungen finden sich in der orientalischen Musikpraxis, z. B. in der klassischen persischen Musik.Edith Gerson-Kiwi: The Persian Doctrine of Dastga-Composition. A phenomenological study in the musical modes. Israel Music Institute, Tel-Aviv 1963, S. 15. Orchester stimmen in Deutschland und Österreich mit einem Kammerton von 443 Hz, in der Schweiz vorwiegend auf 442 Hz.

Saite Ton/Note Frequenzen bei einem Kammerton (a1) von 443 Hz 442 Hz 440 Hz 1 (höchste Saite) e2 664,50 Hz 663,00 Hz 660,00 Hz 2 a1 443,00 Hz 442,00 Hz 440,00 Hz 3 d1 295,33 Hz 294,67 Hz 293,33 Hz 4 (tiefste Saite) g 196,89 Hz 196,44 Hz 195,56 Hz

Leim und Lack Die Teile des Korpus werden miteinander verleimt: der Hals mit dem Korpus, danach das Griffbrett mit dem Hals. Hierfür wird Knochenleim (Warmleim) oder Hautleim verwendet. Er ist wasserlöslich und wird bei einer Temperatur von etwa 50 bis 60 Grad Celsius weich. Daher kann ein erfahrener Geigenbauer das Instrument problemlos auseinandernehmen, ohne Holz oder Lack zu beschädigen.

Der Lack schützt das Holz des Instrumentes und konserviert dessen Schwingungseigenschaften. Er kann den Klang erheblich beeinflussen, aber nicht deutlich verbessern. Ein unfachmännisch aufgetragener Lack kann den Klang eines Instruments „töten“, das heißt die Schwingfähigkeit der Decke stark einschränken (siehe Geigenlack).