mini|hochkant|Das Wappen der Waldenser: Leuchter mit Umschrift Lux lucet in tenebris „Das Licht leuchtet in der Finsternis“
Die Waldenser sind eine „vorreformatorische“ protestantische Kirche, die gegenwärtig noch in Italien und einigen Ländern Südamerikas verbreitet ist. Ursprünglich als Gemeinschaft religiöser Laien Ende des 12. Jahrhunderts durch den Lyoner Kaufmann Petrus Valdes in Südfrankreich gegründet, wurden die apostolische Armut predigenden Waldenser, genannt auch Arme von Lyon, während des Mittelalters von der katholischen Kirche ausgeschlossen und als Häretiker durch die Inquisition verfolgt. Trotz der Zwangsmaßnahmen breiteten sich ihre Glaubensvorstellungen rasch in Europa aus und beeinflussten später auch die evangelischen Kirchen der Reformationszeit. Die Waldenser verstehen sich als Teil und wichtiger Vorläufer des reformierten Protestantismus, die Kirchen sind sehr schlicht und haben weder Altar noch Kreuz.Zitat „Wir sind von den Katholiken und von den Calvinisten verfolgt worden im Namen des Kreuzes“, in: Die Macht der Religion in der Politik: der Beitrag Paul Tillichs zur Machtfrage im Verhältnis zwischen christlicher Religion und Politik, Evangelische Akademie Loccum, 1988 Evangelische Waldenser-Kirchengemeinde, Bad Homburg vor der Höhe
Ein wichtiges Rückzugsgebiet waren die Waldensertäler in den Westalpen, im Piemont an der Grenze zu Savoyen. Doch auch dort kam es Ende des 17. Jahrhunderts zu Vertreibungen, in deren Folge in Südwestdeutschland und in Hessen mehrere Tausend Waldenser, vielfach in neuen Siedlungen, eine neue Heimat fanden.
Die Bezeichnung Waldenser wurde im Piemont, in Savoyen, Frankreich, in der Schweiz und in den Niederlanden oft zum Synonym nicht nur für Häretiker schlechthin, sondern von ihren Gegnern mit Hexen, Zauberern, Magiern und Astrologen in Teufelsdiensten gleichgedeutet.Amedeo Molnár: Die Waldenser – Geschichte und europäisches Ausmaß einer Ketzerbewegung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1980.
Weltweit zählt die Evangelische Waldenserkirche heute etwa 98.000 Mitglieder, davon allein 47.500 in Italien, wo sie seit 1979 mit den Methodisten eine gemeinsame Kirche bilden, die Chiesa Evangelica Valdese (englisch Union of the Methodist and Waldensian Churches).Andrea Spalinger: Luthers vergessene Vorläufer. Die 1175 gegründete Waldenser-Bewegung wurde über Hunderte von Jahren fast ausgerottet. Sie zählt in Italien noch 30'000 Mitglieder. Über 500'000 Italiener vertrauen ihr jedoch ihre Kirchensteuer an, Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 29. August 2017
Geschichte Die Wurzeln der Waldenser sind im Kontext eines gesellschaftlichen Phänomens zu sehen, das eine große Anzahl von Laien im ausgehenden 12. Jahrhundert erfasste: Aufgrund verschiedener Ursachen, insbesondere aber weil sie die „Verweltlichung und die Unwürdigkeit des Klerus […] für den Niedergang des religiösen Lebens verantwortlich machten“,Josef Neuner, Heinrich Roos: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung; hrsg. von Karl Rahner SJ. Pustet, Regensburg, 7. Auflage, 1965, S. 270. versuchte eine zunehmende Zahl an Christen in Europa, sich selbst aktiv religiös zu betätigen und in freiwillig gewählter Armut dem Vorbild der Apostel Christi folgend das Evangelium zu verkündigen (Vita apostolica). Aus dem großen Kreis dieser Laien sollten sowohl die als häretisch verurteilten Gemeinschaften der Waldenser und der Humiliaten hervorgehen als auch kirchlich anerkannte Orden, etwa die Franziskaner. Aufgrund der theologischen Parallelen zur Reformation werden die Waldenser auch als vorreformatorisch betrachtet – so bezeichnete etwa der im 16. Jahrhundert wirkende Matthias Flacius Illyricus, ein lutherischer Theologe istrischer Herkunft, die Waldenser in seinem Catalogus testium veritatis als „Protestanten vor der Reformation“.
Petrus Valdes
Valdes († vor 1218), ein reicher Kaufmann aus Lyon, gab nach einem Läuterungserlebnis sein Vermögen auf, organisierte um 1176/77 Armenspeisungen und hielt mit seinen Anhängern Wanderpredigten auf Basis volkssprachlicher Evangelienübersetzungen ab. Es kam unausweichlich zum Konflikt mit der katholischen Kirche, weil diese das Recht auf Predigt ihrem eigenen Klerus vorbehalten sah, und weil die Freigabe des Predigtrechts an Laien die Kirche in ihrer Existenz grundlegend in Frage gestellt hätte. Valdes wurde 1182/83, nachdem er dem durch den Lyoner Erzbischof Jean Bellesmains verhängten Predigtverbot nicht Folge leisten wollte, von diesem exkommuniziert und mit seinen Anhängern aus der Umgebung der Stadt vertrieben. Die Waldenser verbreiteten sich danach zunächst in Südfrankreich und von dort aus in viele Gegenden Europas.
Kennzeichen der frühen Waldenser Die frühen Anhänger von Valdes, sowohl Männer als auch Frauen, verzichteten auf persönlichen Besitz, lebten von selbstversorgender Arbeit oder vom Betteln, trugen einfache Gewänder und Sandalen und wurden deshalb in Südfrankreich als Arme von Lyon (auch: Leonisten) bezeichnet. Sie ließen sich die Bibel in die Volkssprache übersetzenGabriel Audisio: Die Waldenser. Die Geschichte einer religiösen Bewegung. C. H. Beck, München 1996: S. 21 und folgten dem biblischen Auftrag Christi an seine Jünger: Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen und hielten als Wanderprediger Predigten ab. Zwar wurden Missstände in der katholischen Kirche von den Armen von Lyon stets kritisiert, doch betrachteten sie sich selbst zunächst durchaus noch als Mitglieder dieser Kirche. Dies änderte sich, nachdem die Armen von Lyon trotz Predigtverbot die öffentliche Verkündigung der Evangelien nicht aufgeben wollten und die Armutsbewegung förderten, weshalb sie von kirchlicher Seite zunehmend als Häretiker betrachtet wurden. Als solche wurden sie erstmals in der im Jahr 1184 nach dem Konzil von Verona niedergelegten Bulle Ad Abolendam aufgeführt. Die Armen von Lyon beharrten ihrerseits auf biblizistischen Lesarten der Evangelien und Anschauungen, die jenen der katholischen Kirche zuwiderliefen. Daneben entwickelten die norditalienischen Waldenser, die Lombardischen Armen, die nicht von Spenden, sondern (ähnlich wie die Humiliaten) von Handarbeit in Arbeitsgemeinschaften (Werkkommunen) lebten, eigene Vorstellungen. Mit der Ablehnung der Heiligenverehrung wurden Standpunkte von Claudius von Turin aus dem 9. Jahrhundert aufgegriffen. Eine direkte Inspiration durch dessen Werke ist jedoch nicht belegt.
Zusammenfassend lassen sich die frühen Waldenser in religiöser Auffassung und Lebensart in folgender Weise kennzeichnen: hohe Bedeutung des persönlichen Bibelstudiums hohe Bedeutung der Beichte Verbreitung des Evangeliums durch Laienprediger (Predigt) Leben in freiwilliger Armut bzw. persönlicher Besitzlosigkeit (Vita apostolica) Ablehnung der Heiligenverehrung Ablehnung des Fegefeuers Ablehnung des Ablasses Ablehnung des Eides Ablehnung aller Kirchensatzungen Ablehnung der weltlichen Gerichtsbarkeit, insbesondere der Todesstrafe Ablehnung der dualistischen Lehre der Katharer
Im Gegensatz zu den Armen von Lyon lehnten die Lombardischen Armen die Bedeutung der sieben Sakramente ab und vertraten die donatistische Auffassung, dass Wirksamkeit und Gültigkeit der Beichte nur erlangt werden könne, wenn deren Spender selbst ein sünden- bzw. makelloses Leben führt. Noch im Lauf des Mittelalters verwischten sich diese Auffassungsunterschiede innerhalb des Waldensertums weitgehend zugunsten der Standpunkte der Lombardischen Armen.
Verbreitung Nach ihrer Vertreibung aus Lyon 1182/83 gewannen die Waldenser vor allem im südfranzösischen Languedoc neue Anhänger, waren aber bereits um 1184 auch in Oberitalien aktiv. In Spanien und Nordostfrankreich tauchten sie in den 1190er Jahren auf. Wenig nach 1200 dürften die Waldenser den süddeutschen Sprachraum erreicht haben. Bis 1250 existierten hier bereits starke Gemeinden, insbesondere im österreichischen Donauraum und in Bayern, aber auch in Schwaben und im oberen Rheinland. Nach Mittel-, Ost- und Norddeutschland drangen die Waldenser vermutlich erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts vor, in dessen Verlauf es danach auch Waldenser in Polen, Böhmen, der Slowakei und Ungarn gab. Vermutlich während des 15. Jahrhunderts verschwanden die Waldenser weitgehend aus dem deutschen Sprachgebiet. Als mögliche Ursachen dafür werden die Hinwendung der Waldenser zum Hussitentum oder ein erfolgreiches Vorgehen der Inquisition gesehen. Die heutigen Waldensergemeinden in Deutschland gehen auf Wiederansiedelungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück, z. B. in Hessen unter Thomas Gautier.
Auch in der Provence wohnten Waldenser. Sie wurden dort am Ende des Mittelalters von den Feudalherren angesiedelt, um die damals verlassenen Orte neu zu beleben. In Mérindol im Luberon fanden mehrere Waldensersynoden statt.Waldenser Magazin. Nr. 243, 1/2010,
Gruppen, Organisation und Bezeichnungen Zu Beginn des 13. Jahrhunderts existierten zwei waldensische Großgruppen: Die südfranzösischen Armen von Lyon und die oberitalienischen Lombardischen Armen unter ihrem Wortführer Giovanni de Ronco. Der deutsche Sprachraum wurde von beiden Gruppen missioniert. Obwohl 1218 ein Einigungsversuch zwischen Armen von Lyon und Lombardischen Armen bei einer eigens dafür einberufenen Versammlung in Bergamo scheiterte, dürfte die Gruppenunterscheidung im Zuge der späteren Verfolgungen noch während des 13. Jahrhunderts an Bedeutung verloren haben. Zu einer bedeutenden Abspaltung kam es im Jahr 1207, als der waldensische Gelehrte Durandus von Osca (in der deutschsprachigen Literatur oft: Durandus von HuescaZ. B. Neuner und Roos: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung. Pustet, Regensburg 1965 (7); Malcolm Lambert: Ketzerei im Mittelalter) mit einer großen Anzahl von italienischen Glaubensbrüdern zur römischen Kirche zurückkehrte. Dabei legte Papst Innozenz III. eine Professio fidei Waldensibus praescripta, ein Glaubensbekenntnis, vor, das Durandus von Huesca und andere Waldenser, die zur Kirche zurückkehren wollten, ablegen mussten. Dieses Glaubensbekenntnis enthält allerdings auch den Widerruf von dualistischen Irrtümern, die von den Waldensern nicht vertreten wurden, sondern für die Katharer charakteristisch waren.Denziger-Schönmetzer: Enchiridion Symbolorum Definitionum et Declarationum de rebus fidei et morum, Herder, Friburgi Breisgoviae 1965, editio XXXIV, S. 79–797 Diese rückkehrwilligen Waldenser erhielten die Bezeichnung Katholische Arme (Pauperes Catholici) und gingen nach 1245 im Augustinerorden auf.
Innerhalb der waldensischen Gemeinschaften standen über den einfachen Gläubigen die waldensischen Prediger, die im deutschen Sprachraum auch Meister, Kunden oder Beichtiger genannt wurden. Im französischen Sprachraum wurden sie oft als Barben (okzitanisch: „Onkel“Geschichte der Waldenser, Kapitel „Petrus Valdes“ und Reformiert-Online, 4.Die Waldenser – für einen Bibelkundigen) bezeichnet. Das Predigeramt konnte erst nach einer längeren Ausbildung erworben werden. Die Hauptaufgabe der Prediger bestand in der Predigt, der Missionierung und der Gewinnung von Spendengeldern bzw. der Verteilung von Einkünften. Gepredigt wurde sowohl auf Wanderschaft, die üblicherweise von zwei Predigern gemeinsam angetreten wurde, als auch in eigens eingerichteten Hausgemeinschaften bzw. Versammlungszentren, die als Schulen bezeichnet wurden. Obwohl das mittelalterliche Waldensertum eher flach organisiert war, bildete es trotz Verfolgung immer wieder regional übergeordnete Leitungsgremien aus. Leiter- bzw. Bischofsämter existieren im 13. Jahrhundert in Oberitalien und Österreich, im 14. Jahrhundert in Südfrankreich. Zudem wurden periodisch in der Provence und der Lombardei auch größere Versammlungen einberufen, die der internationalen Koordination dienten.