Der Begriff der Kulturnation beschreibt eine wissenschaftlich umstrittene Auffassung, die unter einer Nation eine Gemeinschaft von Menschen versteht, die sich durch Sprache, Traditionen, Kultur und Religion miteinander verbunden fühlen, also durch Zugehörigkeit zu einer Kultur. Das Nationalgefühl einer Kulturnation beruht auf einer gemeinsamen Kultur. Eine Kulturnation ist einem Staat gedanklich vorgelagert und von staatlichen Grenzen unabhängig, sie existiert auch ohne eigenen Nationalstaat.Leo Wieland: Katalonien – Kulturnation ohne Staat. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. Oktober 2007 Im Fall „verspäteter Nationen“ kann das im Begriff der Kulturnation enthaltene Zusammengehörigkeitsgefühl zeitlich der Gründung eines Nationalstaats vorausgehen, so im Falle Deutschlands und Italiens im 19. Jahrhundert.

Betonung der in einem Staat existierenden Hochkultur Gelegentlich wird der Begriff Kulturnation auch zur Betonung der Ansicht benutzt, dass eine bestimmte Nation eine besonders wertvolle Kultur hervorgebracht habe und ihre Mitglieder besonders gebildet seien. Als besonders schmerzlich empfinden es beispielsweise Anhänger dieser Sichtweise, dass das Konzentrationslager Buchenwald nur wenige Kilometer von den Wirkungsstätten Goethes und Schillers in Weimar entfernt liegt. Den wertenden Aspekt des Begriffs Kulturnation brachte Bundespräsident Horst Köhler am 3. Oktober 2008 mit den Worten „Kulturlosigkeit öffnet die Tür zur Barbarei“ auf den Punkt.http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2008/10/103-1-bpr.html

Der Auffassung, Kultur und Barbarei seien unvereinbare Gegensätze, widerspricht Walter Benjamin: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.“Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, in: ders.: Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Bd. 1. Frankfurt am Main 1974, S. 253 f.

Im Sinne einer „Staatsnation mit einer hochentwickelten Kultur“ sind auch Länder wie Frankreich Kulturnationen, auf die das Definitionselement der Staatsgrenzen ignorierenden Kulturnation nicht zutrifft.Kulturnation Frankreich, frankreichkontakte.de

Eine Vielzahl von Museen, Theatern, Opernhäusern usw., die über das ganze Land verstreut sind, gibt es gerade in jenen Staaten, die erst spät entstanden sind (vor allem in Deutschland und in Italien; siehe auch Polyzentrismus). Bis heute profitiert ein Land wie Deutschland davon, dass seine kleinteiligen politischen Strukturen im größeren Rahmen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und darüber hinaus bis zur Gründung des (Klein-)Deutschen Reiches 1871 in den glücklicheren Phasen eine Konkurrenz auch um kulturelle Einrichtungen nach sich zogen. Die Kunstsammlungen kleinerer und größerer Fürstentümer sowie der Königreiche bilden den Kernbestand einer Residenzkultur, auf die die Kommunen, die Länder und der Bund bis heute zurückgreifen können.Julian Nida-Rümelin: Kulturnation – Das hat Humboldt nie gewollt, Die Zeit, Ausgabe 10/2005.

Im wertenden Sinne zu verstehen ist auch der häufig in politischen Auseinandersetzungen benutzte Topos: „Das ist einer Kulturnation unwürdig.“ (Beispiele: Kommentare zur Todesstrafe in den Vereinigten Staaten, Kommentare zu den drastischen Kürzungen des Kulturetats 2009 und 2010 in ItalienGerhard Murmelter: Berlusconis „Haushaltsmassaker“ – Eine Kulturnation dankt ab, in: Der Spiegel vom 7. August 2008.Reinhold Jaretzky: Basta Cultura – Italien schafft sich ab, aspekte (ZDF-Kulturmagazin) 19. November 2010 oder zum Entzug des Welterbe-Status für das Elbtal in Dresden«Ein schwarzer Tag für die Kulturnation Deutschland». Die Unesco streicht das Dresdner Elbtal von der Welterbeliste, Neue Zürcher Zeitung. 25. Juni 2009..)

Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 5. März 1974 muss Artikel 5 Abs. 3 GG GG dahingehend interpretiert werden, dass er eine „objektive Wertentscheidung für die Freiheit der Kunst“ in Deutschland enthalte. Die Verfassungsnorm „stellt […] dem modernen Staat, der sich im Sinne einer Staatszielbestimmung auch als Kulturstaat versteht, zugleich die Aufgabe, ein freiheitliches Kunstleben zu erhalten und zu fördern.“

Der Begriff Kulturnation im deutschen Sprachraum des 19. und 20. Jahrhunderts Der Begriff bürgerte sich Ende des 19. Jahrhunderts ein.Landesbildungsserver Baden-Württemberg: . Er wurde von Befürwortern einer weniger durch Politik und militärische Macht als durch Kulturmerkmale repräsentierten Nationsdefinition wie dem Historiker Friedrich Meinecke verwendet. Meinecke sah in den kulturellen Gemeinsamkeiten neben gemeinsamem „Kulturbesitz“ (z. B. die Weimarer Klassik) vor allem religiöse Gemeinsamkeiten. Von Volkstum ist bei ihm noch nicht die Rede. Damit bekommt der Begriff deutsche Kulturnation einen wertenden, und zwar die Deutschen aufwertenden Unterton (vgl. den Topos von den Deutschen als dem Volk der Dichter und Denker). Wolfgang Thierse schrieb 2005 über die Zeit vor der Gründung des Deutschen Reichs: „Die deutsche Nation entstand, als der deutsche Nationalstaat historisch noch in weiter Ferne lag. Die Deutschen konnten nicht auf feste Grenzen zurückgreifen, wenn sie einen Begriff von sich als Nation entwickeln wollten. Was sie gemeinsam hatten, waren Sprache, Traditionen und Nationalsymbole, die Erinnerung an einige große Köpfe wie Martin Luther oder Johannes Gutenberg oder die Erinnerung an das versunkene Alte Reich.“Wolfgang Thierse: Die Kulturnation – „Von Schiller lernen?“. Deutschlandradio vom 3. April 2005.

Das Bewusstsein, eine Nation zu sein, bildete sich im 19. Jahrhundert. Das Bildungsbürgertum, später Burschenschaften und Turnvereine, waren die ersten, die die Menschen deutscher Muttersprache als geistig hoch entwickelte Nation betrachteten und angesichts der Fragmentierung des deutschen Sprachraums, der als Deutschland bezeichnet wurde, in viele Kleinstaaten den Begriff der Nation auch als oppositionellen politischen Begriff verstanden. Sie wollten freie Deutsche (Abkürzung für die deutschsprachigen Menschen) sein und nicht mehr Untertanen in kleinen Fürstentümern mittelalterlicher Prägung.

Dabei stand das ethnische Element bei den Politikern noch nicht im Vordergrund: Als in der Frankfurter Nationalversammlung die Grundrechte diskutiert wurden, erklärte der Abgeordnete Wilhelm Jordan am 4. Juli 1848:

Die gescheiterte deutsche Revolution von 1848 verstand also Deutschland als politische Nation, nicht als ethnisch fundierte Gemeinschaft.

Das schließlich nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gegründete Deutsche Reich definierte die Nation zunächst nicht neu. Das alte Staatsbürgerschaftsrecht seiner Gliedstaaten blieb bestehen. Das preußische Staatsbürgerrecht von 1842 war nicht ethnisch gewesen. Es musste von der Realität des Mehrvölkerstaates ausgehen, da Preußen Ende des 18. Jahrhunderts gemeinsam mit Russland und Österreich Polen aufgeteilt hatte und deshalb viele ethnische Polen in Preußen lebten. Überhaupt wurden seinerzeit die Einwohner eines bestimmten Territoriums noch in erster Linie als Untertanen des jeweiligen Landesherrn angesehen, die ethnische Zugehörigkeit war demgegenüber nachrangig. Erst die Völkische Bewegung schuf die geistigen Grundlagen, die dem Begriff der Nation eine ethnische Bedeutung verliehen. Schließlich konnte in einem monarchischen Obrigkeitsstaat, den das Deutsche Reich darstellte, ein von demokratischen Idealen bestimmter Nations- und Staatsbürgerschaftsbegriff im republikanischen Sinne ohnehin nicht in Frage kommen. 1913 wurde das ius sanguinis, das Abstammungsrecht, zum Leitprinzip bei der gesetzlichen Festlegung der deutschen Staatsangehörigkeit. Ein ius soli (etwa nach dem Muster der USA) lehnte man ab.Vito F. Gironda: Linksliberalismus und nationale Staatsbürgerschaft im Kaiserreich: Ein deutscher Weg zur Staatsbürgernation? In: Jörg Echternkamp und Oliver Müller: (Hrsg.): Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760 bis 1960. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56652-0, S. 107–130, hier S. 109 ff. (abgerufen über De Gruyter Online).

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges trug die Vorstellung einer Kulturnation zur inneren Einigung im Sinne des Burgfriedens bei. Sie wurde in den Ideen von 1914 zu einem Gegensatz gegen Frankreich zugespitzt, dem man unterstellte, keine Kultur, sondern nur Zivilisation zu besitzen. Nach 1918 half der Rekurs auf die angeblich überlegene deutsche Kultur, die unverstandene Niederlage zu kompensieren.Hans-Ulrich Wehler: Radikalnationalismus und Nationalsozialismus. In: Jörg Echternkamp, Oliver Müller (Hrsg.): Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760 bis 1960. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56652-0, S. 203–218, hier S. 211 (abgerufen über De Gruyter Online).

Die Vorstellung einer Kulturnation auf völkischer Grundlage wurde während der NS-Zeit verbreitet, indem die Nationalsozialisten festlegten, wer aus dem „Volkskörper“ auszugrenzen war. Als „Schädlinge im deutschen Volkskörper“ wurden dabei von ihnen die Juden identifiziert, ungeachtet ihrer Verdienste für die deutsche Kulturnation.

Thilo Ramm vertritt die These, dass im historischen Rückblick die deutsche Kulturnation nicht Staatsnation geworden sei. Dem habe geographisch die Option für „Kleindeutschland“ entgegengestanden, und es habe in Deutschland bis 1945 zumeist an Freiheit gemangelt. Nach 1945 sei Deutschland mit der Übertragung der Kulturhoheit auf die Länder in die Zeit vor der Reichsgründung (1871) bzw. der Weimarer Republik zurückversetzt worden.Thilo Ramm: Die Deutschen – eine Nation?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 39/2004.

Während seiner Amtszeit als Bundeskanzler vertrat Willy Brandt die Ansicht, es gebe eine „systemübergreifend fortbestehende deutsche Kulturnation“, die als „einigendes Band“ zwischen der Bundesrepublik und der DDR fungieren könne. Art. 7 des Grundlagenvertrags sah unter anderem den Abschuss von Abkommen auf dem Gebiet der Kultur vor. Ost-Berlin hingegen vertrat die These von einer eigenständigen sozialistischen Kultur, die sich nach 1945 im Ostteil Deutschlands entwickelt habe. Ein deutsch-deutsches Kulturabkommen kam erst 1986 nach langwierigen Verhandlungen zustande.Sebastian Lindner: Mauerblümchen Kulturabkommen bpb, 18. Mai 2011.

Brandts Sichtweise findet sich auch in Artikel 35 des Einigungsvertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik:Sara Ann Harris: Deutschland als Kulturstaat gemäß Art. 35 des Einigungsvertrages. In: Das Filmförderungsgesetz zwischen Wirtschafts- und Kulturförderung. Nomos-Verlag, 2013, S. 282 f.

Der Historiker Otto Dann bestreitet dagegen die Berechtigung der Beschreibung Deutschlands als Kulturnation, weil „kulturelle und nationale Identität unter den Deutschsprachigen niemals übereingestimmt“ hätten: Die deutschsprachige Kulturgemeinschaft, zu der etwa auch die Deutschschweizer zu rechnen seien, sei immer von größerem Umfang gewesen als die deutsche Nation. Zudem verleite das Konzept dazu, volksdeutsch oder großdeutsch missverstanden zu werden, wie es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet werden. Deshalb sei es „für die Deutschen in Europa nicht brauchbar“.Otto Dann: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990. 2. Auflage, C.H.Beck, München 1994, S. 36 ff, die Zitate S. 37.

Gerd Langguth erklärte 1996, mit der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands im Jahr 1990 sei „das theoretische Konstrukt einer deutschen Kulturnation überwunden“ worden.Gerd Langguth: , am 28. Februar 1996 an der Sorbonne gehaltener Vortrag.

Der Philosoph Wolfgang Welsch bewertete 2010 den Begriff Kulturnation als „dubios“: „Einst waren Gruppen durch Blutsgemeinschaft zusammengeschweißt – jetzt soll die Kultur diese Funktion übernehmen. ‚Kulturnation‘ ist Blutsgemeinschaft soft.“Christian Höppner: , Musikforum 1/2010.