Der S. Fischer Verlag ist ein im Jahr 1886 von Samuel Fischer in Berlin gegründeter Verlag, der zum führenden Publikationshaus des Naturalismus und der klassischen Moderne deutscher Sprache aufstieg. Im 20. Jahrhundert reihte sich der Verlag zu den international sichtbarsten und renommiertesten Häusern deutscher Sprache ein.

Zu den mit dem Verlag assoziierten Autoren zählen unter anderem Alfred Döblin, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Carl Zuckmayer. Als Buchillustrator und Umschlaggestalter ist der bedeutende deutsche Impressionist Hans Meid zu nennen (z. B. die gesamte Buchgestaltung zu den Erstauflagen 1930 von Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer und Hermann Hesses Narziß und Goldmund).

Bis zum Jahr 1942 traditionell in Berlin-Schöneberg beheimatet, hat das Unternehmen seit 1948 seinen Sitz in Frankfurt am Main. Für 2027 ist der Umzug des Hauptsitzes nach Berlin angekündigt.

Seit 1962 gehört der S. Fischer Verlag zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Ihm sind die Verlage Fischer Taschenbuch, Krüger Verlag, Scherz Verlag, Fischer FJB und Fischer Kinder- und Jugendbuchverlag untergliedert; letzterer bündelt seit 2013 die Kinderbuchprogramme Fischer KJB, Sauerländer, Meyers Kinderbuch und Duden Kinderbuch.

Geschichte Gründung 1886 mini|hochkant|Anzeige von Samuel Fischer zur Gründung des Verlages im Börsenblatt des deutschen Buchhandels, 1886

Am 1. September 1886 gründete der deutsch-jüdische Samuel Fischer seinen gleichnamigen Verlag in der Mohrenstraße 10Anzeige von Samuel Fischer zur Gründung des Verlages im Börsenblatt des deutschen Buchhandels, 1886 (siehe Abbildung). in Berlin. Das Unternehmen zog später um. 1895 ist als Adresse die Steglitzer Straße 49, 1909 die Bülowstraße nachweisbar. Bereits in den ersten Jahren konnte der Verleger erfolgreiche deutsche und europäische Autoren, wie Émile Zola, Fjodor Dostojewski, Tolstoi, Karl Bleibtreu und Max Kretzer, für sein Haus gewinnen. Die wichtigsten Fischer-Autoren der Gründerzeit waren jedoch Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen. Bald machte sich S. Fischer einen Namen als führendes Verlagshaus des Naturalismus und neben Ibsens Frau vom Meer erschien 1889 das Stück Vor Sonnenaufgang von Gerhart Hauptmann. Zusammen mit dem zeitgleich veröffentlichten Werk Gespenster von Ibsen hatte das Drama auf der „Freien Bühne“ Premiere. Der Theaterverein „Freie Bühne“ war 1889 u. a. von Otto Brahm und Maximilian Harden mit dem Bestreben, das konventionelle bürgerliche Theater zu revolutionieren, gegründet worden. Mit den Dramen von Ibsen und Hauptmann gelangen dem Verein zwei aufsehenerregende Uraufführungen, die den Weg für die zukünftige Arbeit ebneten.

Neben Ibsen zählte der Verlag die Skandinavier Jacobsen, Brandes und Kielland zu seinen Autoren, und die Buchreihe Nordische Bibliothek – Sammlung moderner Erzählungen und Schauspiele aus dem Dänischen, Norwegischen und Schwedischen übersetzt (herausgegeben von Julius Hofforn) sollte dem Publikum die skandinavische Literatur nahebringen.

Die Neue Rundschau

Vier Jahre nach Verlagsbeginn gründete Fischer die Wochenschrift Freie Bühne für Modernes Leben, die bereits in den ersten Jahrgängen Texte von Hermann Bahr, Thomas Mann, Julius Meier-Graefe und Arthur Schnitzler enthielt. Einer der wichtigsten Beiträger wurde Hugo von Hofmannsthal, der 1899 mit seiner dramatischen Studie Gestern zum ersten Mal bei S. Fischer publiziert wurde. Obwohl die Zeitschrift zunächst als Forum für die neue Strömung des Naturalismus konzipiert war, hielt sie sich nach allen Seiten offen und nahm auch bald andere Literaturrichtungen in das Programm mit auf. 1894 wurde das Blatt in Neue Deutsche Rundschau umbenannt, ab 1904 hieß es Die Neue Rundschau und erschien nun monatlich bis September 1944, danach nur noch vierteljährlich. Nachdem Oskar Bie die Zeitschrift bis 1920 geleitet hatte, übernahm erst Rudolf Kayser und ab 1932 Peter Suhrkamp den Vorsitz. mini|rechts|Verlagssignet von Otto Eckmann, um 1900

Verlagsprogramm 1900–1933 Von Anfang an veröffentlichte der Verleger zeitgenössische Autoren sowie Werke der Weltliteratur. 1898 erschien Thomas Manns Erstlingswerk Der kleine Herr Friedemann in der Collection Fischer, 1901 folgte sein erster Roman Buddenbrooks. Aufgrund des Umfangs des Werkes hatte Fischer zunächst Bedenken, es zu veröffentlichen, jedoch wurde es wider seiner Erwartung ein großer Erfolg auf dem Markt. Weitere Autoren jener Jahre waren Otto Erich Hartleben, Felix Hollaender und Gabriele D’Annunzio. Kurz vor der Jahrhundertwende publizierte das Haus Ellen Keys Werk Das Jahrhundert des Kindes.

Ein Anliegen des Verlegers war es, preisgünstige Ausgaben seiner Bücher einer breiten Leserschaft anzubieten und das Volk so mit anspruchsvollen Schriften vertraut zu machen. 1901 rief er die Taschenbuchreihe Pantheon – eine Sammlung klassischer Werke – ins Leben, die zwischen 1960 und 1964 als Exempla classica fortgeführt wurde und Ausgaben von Brentano bis Shakespeare enthielt.

Im Oktober 1908 begann der Verlag die Sammlung Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane, deren Titel in einer Startauflage von 15.000 Exemplaren herausgegeben wurden. Monatlich erschien ein Band der anspruchsvollen Romane, wobei zwölf Titel eine „Reihe“ ergaben. Die Jahresfolgen waren so zusammengestellt, dass immer einige erfolgversprechende Titel das wirtschaftliche Risiko der übrigen Bände ausglichen. 1929 wurde das letzte Buch der Bibliothek herausgegeben, die beim Publikum große Beliebtheit erlangte.

Neben belletristischen Sammlungen erschienen auch wissenschaftliche Reihen wie Fischers technologische Bibliothek (1894–1913).

Eine wichtige Rolle für den Erfolg des Hauses spielte der Lektor Moritz Heimann, der Fischer über drei Jahrzehnte begleitete und neue Talente wie Thomas Mann, Reinhard Sorge, Wilhelm Lehmann und Oskar Loerke aufspürte. Zu Beginn des Jahrhunderts widmete sich Fischer mehr und mehr der englischen Literatur und veröffentlichte Werke von Oscar Wilde, George Meredith und George Bernard Shaw. Themen jener Zeit waren Technisierung, Industrialisierung und Amerika. Die skandinavischen Autoren erhielten weiterhin durch Gustaf af Geijerstam und Bjørnstjerne Bjørnson Einzug in das Programm, und zu seinem 25-jährigen Jubiläum konnte der Verlag bereits 150 Autoren mit insgesamt über 1000 Titeln verzeichnen. Gesamtausgaben erschienen u. a. von Hauptmann, Hofmannsthal, Dehmel und Ibsen. Hermann Hesse war von 1904 bis 1950 Hausautor bei S. Fischer.

Neben der Strömung des Naturalismus förderte Fischer seit den 1910er Jahren besonders expressionistische Literatur. 1912 verlegte er mit Der Bettler von Reinhard Sorge das erste Drama dieser Art in Deutschland, dem Werke von Reinhard Goering und Hermann von Boetticher folgten. Während seiner gesamten verlegerischen Tätigkeit stand Samuel Fischer neuen Richtungen offen gegenüber und konnte sich so trotz schnelllebiger Avantgarde als feste Größe auf dem Literaturmarkt behaupten.

1933–1945 Noch kurz vor seinem Tod übergab Samuel Fischer die Direktion des Fischer Verlags an seinen Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer,Ellen Snow: Das Verhältnis der Verlage Fischer und Suhrkamp vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, Grin Verlag; 1. Edition (21. November 2014), ISBN 978-3-656-83915-6. der, eigentlich Mediziner, seit seinem Einstieg Oktober 1925 die Verlagsgeschicke maßgeblich mitgeprägt hatte.Ingo Langer: Wie Peter Suhrkamp sich seinen Verlag ergaunerte, Cicero 29. Mai 2013. Nach Samuel Fischers Tod im Jahr 1934 bemühten sich der Münchner Nationalsozialist und Kunstverleger Hugo Bruckmann, dessen Frau eine Förderin Hitlers war, sowie der Leipziger Buchhändler Koehler-Volckmar um eine Übernahme. Das Propagandaministerium drängte auf den Verkauf.Harold James: Die Deutsche Bank und die „Arisierung“, Beck, München 2001, ISBN 3-406-47192-7, S. 105. Für die Machthaber waren der jüdische Verleger Fischer ebenso wie viele seiner Verlagspublikationen „unerwünscht“. 15 der 135 Titel der Schwarzen Liste zur Indizierung der Belletristik gehörten zu Fischer, und während der Zeit des Nationalsozialismus wurden insgesamt 123 Titel aus dem Programm gestrichen.

Das Propagandaministerium und Bermann Fischer schlossen Anfang 1935 eine Stipulation. So konnte eine „Arisierung“ abgewendet und der Verlag liquidiert werden. Bermann Fischer wollte mit den Rechten und Werken von ungelegenen Autoren emigrieren und in Deutschland sollte der S. Fischer Verlag unter neuer Leitung solange weitergeführt werden.Ellen Snow 2014.

Der Anwalt der Familie Fischer, Friedrich Oppenheimer, empfahl Hermann Abs von Delbrück Schickler & Co. Mit der Hilfe von Abs wurde mit den übrigen Anteilen des S. Fischer Verlags eine neue Firma, eine Kommanditgesellschaft mit dem Namen S. Fischer Verlag KG gegründet. Zur Finanzierung stellte Abs im Dezember 1936Harold James 2001 S. 105. ein Konsortium bestehend aus Philipp Reemtsma, Christoph Rathjen und seinem Bruder Clemens Abs zusammen.

Somit konnte der Fischer Verlag als KG aufrechterhalten werden. Schließlich übertrugen Fischers Tochter und ihr Mann die Geschäfte auf Peter Suhrkamp. Der Verlag sollte durch Suhrkamp, den loyalen Mitarbeiter, seit 1932 bei Fischer, durch die NS-Zeit geführt werden, um dann wieder von Bermann Fischer geleitet zu werden. Suhrkamp sollte die notwendige Sicherheit bieten, um eine „Arisierung“ zu vermeiden.

Als bevollmächtigtes Vorstandsmitglied verhandelte Suhrkamp mit dem Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer Karl Heinl über die zukünftige Ausrichtung des Verlages.Volker Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich. 2. Aufl., C.H. Beck Verlag, München 1993, ISBN 3-406-37641-X, Seite 87 f. Bermann Fischer bereitete die Gründung eines Exilverlags in der Schweiz durch Übertragung der Rechte auf eine Holding vor. Wegen der angeblichen Gefahr einer „Überfremdung“ verweigerte die Schweiz jedoch die Aufenthaltserlaubnis, ohne die der Verlag nicht betrieben werden konnte. Bermann Fischer gründete in der Folge noch mehrere Exilverlage, die vor allem den vom NS-Staat verfolgten deutschen Schriftstellern die Möglichkeit boten, ihre Bücher weiterhin zu veröffentlichen. So entstanden Verlage in Wien, 1938 in Stockholm und 1940 in New York (zusammen mit F. H. Landshoff). In Deutschland veranlasste Suhrkamp 1942 unter dem Druck des Propagandaministeriums die Umbenennung in Suhrkamp Verlag, vorm. S. Fischer. Der Zusatz musste später gestrichen werden.

Im März 1943 erhielt Abs die vertrauliche Mitteilung, der Verlag solle geschlossen werden. „Lützkendorf NS-Autor hilft“ notierte Abs auf einer seiner Karteikarten. Der Verlag wurde nicht geschlossen.Harold James 2001 S. 106.

Bermann Fischer schloss sich 1948 mit dem Querido Verlag in Amsterdam zusammen, der jedoch kurz nach Erwerb des Verlegers 1952 stillgelegt wurde.

1945-Gegenwart Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kam es zwischen Suhrkamp und Bermann Fischer zu Streitigkeiten über den künftigen Weg des Unternehmens. Dies führte nach einer außergerichtlichen Einigung zur Trennung. Bermann Fischer erhielt, wie vor dem Krieg vereinbart, den Verlag zurück. Peter Suhrkamp schied aus dem Fischer Verlag aus und gründete den Suhrkamp Verlag. Den Autoren des während des Nationalsozialismus in Deutschland verbliebenen und von Suhrkamp geleiteten Teils des Fischer Verlages war freigestellt worden, in welchem Verlag sie zukünftig verlegt werden wollen. Schließlich entschieden sich 33 der 48 Autoren, darunter Hermann Hesse und Bertolt Brecht, der Suhrkamp 1929 eine Anstellung als Journalist und Redakteur beim Ullstein Verlag in Berlin vermittelt hatte, für einen Verlagswechsel zu Suhrkamp.