mini|hochkant=1.1|Henri Matisse: Fenêtre ouverte, Collioure, 1905 Der Fauvismus ist eine Stilrichtung der Malerei, die aus einer Bewegung innerhalb der französischen Avantgarde zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Er bildet die erste Bewegung der klassischen Moderne.

Die Hauptvertreter der zunächst geschmähten Bewegung waren Henri Matisse, André Derain und Maurice de Vlaminck. Ihnen schlossen sich Raoul Dufy, Albert Marquet, Kees van Dongen, Othon Friesz und Georges Braque an.Marcel Giry: Der Fauvismus. 1981, S. 6–9.Jean Leymarie: Fauvismus. 1959, S. 38. Von einigen Kunsthistorikern werden auch Henri Manguin, Charles Camoin, Jean Puy und Louis Valtat zu den Fauves gezählt, neueren Tendenzen zufolge ebenfalls Georges Rouault.

In den fauvistischen Bildern sollte die Farbgebung nicht mehr der illusionistischen Darstellung eines Gegenstandes dienen. Die malerische Aussage entstand aus dem Zusammenklang der Farbflächen. Typisch für die meisten Werke sind ihre leuchtenden Farben. Die Überlegungen zur Darstellung des Raumes sind jedoch ebenso wesentlicher Bestandteil der Bildkomposition.

Die Wurzeln des Fauvismus entstammen dem Impressionismus, Ziel war aber, der Flüchtigkeit impressionistischer Bilder entgegenzuarbeiten, um dem Werk mehr Dauer (frz. durée) zu verleihen. Eine eigene Theorie oder ein Manifest hatte der Fauvismus dabei nicht. Einer neueren Sichtweise zufolge habe der Fauvismus Gemeinsamkeiten mit dem Expressionismus.

1907 löste der Kubismus den Fauvismus ab und zog einige seiner Vertreter an. Es ist ein Erbe der Fauves, dass moderne Künstler die Farbe als individuelles Ausdrucksmittel sehen.

Begriff mini|hochkant|Deckblatt des Katalogs des Salon d’Automne, Grand Palais, Paris, 1905 mini|Saal VII des Salon d’Automne, Grand Palais, Paris, 1905. Jacqueline Marval sitzt links neben der Büste, rechts Jules Flandrin. Louis Valtat und Albert Marquet sind ebenfalls zu sehen.Zuschreibung der Personen: siehe Bildquelle

Der Begriff „Fauvismus“ leitet sich her von dem französischen Wort fauves „wilde Bestien“. Als eine kleine Gruppe von Malern 1905 im Saal VII des Salon d’Automne ihre Bilder zeigte, sah der Kunstkritiker Louis Vauxcelles zwischen den Malereien eine weibliche Büste in florentinischer Art stehen, geschaffen vom französischen Bildhauer Albert Marque. Er rief: „Tiens, Donatello au milieu des fauves.“ („Sieh da, Donatello umgeben von wilden Bestien.“) Neben Henri Matisse und André Derain zeigten Albert Marquet, Henri Manguin, Othon Friesz, Jean Puy, Louis Valtat, Maurice de Vlaminck, Charles Camoin und Kees van Dongen ihre Werke.Gotthard Jedlicka: Der Fauvismus. 1961, S. 14–16.

Die Formulierung wurde berühmt durch die Aufnahme in einen Artikel in Gil Blas vom 17. Oktober 1905, in dem Vauxcelles über das Gemälde La femme au chapeau (Frau mit Hut) von Matisse schrieb, sie erleide „das Schicksal einer christlichen Jungfrau, die im Zirkus den wilden Bestien (Fauves) vorgeworfen wird“. Im selben Artikel wiederholte er die im so bezeichneten Cage aux fauves – dem Käfig der wilden Bestien (Saal VII) – getroffene Äußerung: „Donatello chez les fauves.“Au centre un torse d’enfant d’Albert Marque. La candeur de ce buste surprend au milieu de l’orgie des tons purs: Donatello chez les fauves.

Der Artikel verband Maler miteinander, die nie daran gedacht hatten, als eine geschlossene Gruppe aufzutreten. Ihre Bilder hingen im Saal VII des Salon d′Automne, weil die Verantwortlichen, Armand Dayot und Léonce Bénédite, es so entschieden hatten. Die erste Ausstellung der von nun an Fauves genannten Maler fand vom 21. Oktober bis zum 20. November 1905 in einer kleinen Galerie in der Rue Victor-Massé 25 statt, die von Berthe Weill geführt wurde. Die ausstellenden Maler waren Camoin, Derain, Dufy, Friesz, Manguin, Marquet, Matisse und Vlaminck.

Die Gruppe selbst lehnte die Namensgebung ab. Der Ausdruck wurde von den Malern für so wenig zutreffend gehalten, dass sie ihn vor 1907 nicht gebrauchten. Sie hatten nicht das Bedürfnis, sich einen Namen geben zu müssen.

Die Bezeichnung Fauvismus – wie zuvor für den Impressionismus und später den Kubismus – war zufällig, kam von außen, war der Ausdruck einer Schockwirkung auf die Zeitgenossen. Das von Vauxcelles geprägte Wort belastete das Schicksal dieser neuen Malerei und verfälschte deren Verständnis.Jean Leymarie: Fauvismus. 1959, S. 14–16. In dem Wort Fauve steckte unbewusst die zu dieser Zeit noch lebendige Ideologie, die den übermäßigen Farbenreichtum verurteilte und der Zeichnung für die Bildgestaltung den Vorrang gab. Die Farbe galt noch im Sinne Ingres’ als „tierischer Teil der Kunst“.

Fauvismus ist eine jener Stilbezeichnungen, die weder eine geistige Situation noch einen Stil der Malerei angemessen beschreiben. Bei Vlaminck oder van Dongen sind Züge des „wilden Tieres“ zu finden, insoweit man dies auf den Gegenstand oder die Technik bezieht, kaum jedoch bei Derain und Matisse.Denys Sutton: André Derain. 1960, S. 22–23.

Charakterisierung Drei Hauptgruppen, zu denen noch der niederländische Einzelgänger Kees van Dongen kommt, tragen zur Bildung des Begriffs Fauvismus bei: die Schüler Gustave Moreaus und der Académie Carrière: Henri Matisse, Albert Marquet, Charles Camoin, Henri Manguin und Jean Puy. die Gruppe aus Chatou: André Derain und Maurice de Vlaminck. das bekehrte Trio aus Le Havre von impressionistischer Herkunft: Othon Friesz, Raoul Dufy und Georges Braque.

Die Maler wollten mit der Vergangenheit, insbesondere dem Impressionismus und Realismus, brechen und nicht von einem Vorbild abhängig werden. Sie arbeiteten dem flüchtigen Eindruck impressionistischer Bilder entgegen, um dem Werk mehr Dauer (frz. durée) zu verleihen.

In dem Sujet Landschaftsmalerei wurden die grundlegenden Ziele entwickelt. In den Bildwerken sind Licht und Raumgestaltung durch die Farbe gleichwertig. Die räumlichen Erscheinungen werden als reine Fläche ohne Modellierung und Illusion des Helldunkels behandelt.Jean Leymarie: Fauvismus. 1959, S. 111. An die Stelle der Raumillusion tritt ein durch Empfindungsvermögen und Phantasie gestalteter poetischer Raum. Dieser Raum drückt sich bildnerisch durch ein Zusammenspiel reiner, gleichmäßig gesättigter Farben aus.Marcel Giry: Der Fauvismus. 1981, S. 8–10. Die Fauves lehnten literarische Bezüge in der Malerei ab.

Der Ausdruck (frz.: expression) des Werkes liegt in der farbigen Oberfläche des Bildes, die der Betrachter als Ganzes erfasst. Die höchste Steigerung der Farbe genüge nicht, um den Fauvismus zu charakterisieren. „Das ist nur das Äußere“, so Matisse, „der Fauvismus ist dadurch entstanden, daß wir die nachahmenden Farben abgelehnt und mit den reinen weit stärkere Wirkungen […] erzielt haben, abgesehen von der Leuchtkraft der Farben.“Jean Leymarie: Fauvismus. 1959, S. 114. Für den Fauvismus typisch ist ebenso, dass die Maler die Übereinstimmung zwischen dem Ausdruck und dem inneren Gehalt des Bildes durch die ordnende Komposition anstrebten. Der Einfachheit der eingesetzten malerischen Mittel wurde hierbei eine deutliche Beachtung geschenkt.

Historische Eingliederung Gesellschaft Die Maler, die 1905 zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt waren, wurden kurz nach der Niederlage Frankreichs von 1870 und den Ereignissen der Pariser Kommune geboren und stammten aus meist bescheidenen Familienverhältnissen. Frankreich wurde 1894 von der Dreyfus-Affäre erschüttert und gespalten, es wurde viel protestiert. Das Vertrauen in die Staatsgewalt, Justiz, Armee, Kirche und in das Wirtschaftssystem war für manche Kritiker erschüttert. So kamen antiklerikale, antimilitaristische, antikonformistische, sogar anarchistische Tendenzen zum Vorschein.

mini|Die Weltausstellung im Jahre 1900 in Paris zählte die Rekordzahl von 50 Millionen Besuchern.

Der Anarchismus zwischen 1900 und 1905 war in Frankreich jedoch keine aktive, gewalttätige Bewegung mehr, es handelte sich vielmehr um einen Kaffeehaus-Anarchismus. Die Fauves hatten sich zwar in einem gewissen Sinn den Anarchisten angenähert – so führte der Kampf gegen die anerkannte bürgerliche Kunst auch zum Kampf gegen die etablierte Ordnung. Doch Derain äußerte bereits 1905 in einem Brief an Vlaminck: „Ich bin wieder auf einen Anarchisten gestoßen. Überall, wo ich hinkomme, habe ich einen Haufen Anarchisten um mich, die jeden Abend die Welt zerstören und sie morgens wieder zusammensetzen. Das geht mir auf die Nerven, vor allem die Idee, geglaubt zu haben, daß ich selber einer sei.“Marcel Giry: Der Fauvismus. 1981, S. 11–13.

Die Weltausstellung von 1900 in Paris machte die Kluft deutlich, die zwischen der europäischen Industriegesellschaft und den neu entdeckten Kulturen des Fernen Ostens, Afrikas und Ozeaniens lag. Auf diese Weise gelangten Kunstwerke weit entfernter Kulturen in die Hauptstadt Frankreichs, die bei den Fauves Beachtung fanden.

Philosophie und Literatur Der Geist der Fauves ist vergleichbar mit den Gedanken André Gides. Gide preist den Kult des Lebens, jenen Zustand der leidenschaftlichen Begeisterung, in dem sich das Individuum entfaltet, was er 1897 in Les nourritures terrestres zum Ausdruck bringt. Die literarische Haltung Gides, der aus Unmut über den Symbolismus die Kunst des Schreibens erneuern will, entsprach der Reaktion der Fauves. So wendeten sie sich gegen die Unproduktivität der offiziellen Kunst und die Auswüchse des sich im Anekdotischen verlierenden Symbolismus in der Malerei.

Im Januar und Februar 1900 erschienen in der Zeitschrift Mercure de France Artikel von Jules de Gaultier, der die antirationalistische und individualistische Grundlage der Philosophie Nietzsches sowie die in Also sprach Zarathustra im Überfluss vorhandene lyrische Begeisterung hervorhob. Ein anderer Aspekt des Nietzsche’schen Denkens war die Verteidigung des Dionysischen gegen das Christentum. Diese Haltung machte aus Nietzsche den Propheten des Méditerranéisme, einen Philosophen der Mittelmeerländer, den die Fauves bevorzugten. Die Verherrlichung des Lebens, der freudige Individualismus Nietzsches zu jener Zeit wurde als eine Reaktion gegen den Pessimismus und die Auswüchse des Fin de siècle empfunden. Was etwa Jules de Gaultier über Also sprach Zarathustra sagt, könnte Teil eines Manifestes des Fauvismus sein: „Diese ist eine Lust, ein neuer Appetit, eine neue Gabe, Farben zu sehen, Klänge zu vernehmen und Gefühle zu empfinden, die bisher weder gesehen, noch vernommen oder empfunden wurden.“Jules de Gaultier, De Kant á Nietzsche, Mercure de France, Januar 1900, S. 104.

Malerei Auf die jungen Maler des beginnenden 20. Jahrhunderts in Paris drangen sehr viele Einflüsse und Gegenströmungen ein. Die populäre Kunst jener Zeit war eine Mischung von akademischem „poetischem Realismus“ à la Bouguereau und Fin-de-siècle Erscheinungen wie der Art Nouveau. Der offizielle Akademiestil präsentierte die letzten Phasen des Neoklassizismus und Realismus. Den Gegensatz zu dieser populären Malerei bildete ein wichtiger Teil der französischen Malkultur, die bereits zur Tradition gewordene Avantgarde.Jack D. Flam, Einleitungstext; aus Henri Matisse – Über Kunst, 1982, S. 38–40. Ihre beiden Hauptströmungen waren der Impressionismus und Neoimpressionismus (siehe hierzu Divisionismus), des Weiteren der Symbolismus, Cloisonismus, Synthetismus, die Künstlergruppe der Nabis und die Arbeiten van Goghs, Gauguins und Cézannes. Ihr gemeinsames Anliegen war, den durch den Impressionismus hervorgerufenen zerfließenden Bildeindruck zu festigen. Die Einheit der nicht-illusionistischen Bildfläche beherrschte das Wollen der Avantgarde.Jean Leymarie: Fauvismus. 1959, S. 57–59.