mini|hochkant=1.3|Arvid Harnack, Harro Schulze-Boysen und John Sieg auf einer DDR-Briefmarke vom 22. März 1983 Unter dem Kennwort oder Fahndungsnamen Rote Kapelle ermittelte die Gestapo im Zweiten Weltkrieg gegen Gruppen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten. „Rot“ stand für kommunistisch, „Kapelle“ für eine Gruppe von Funkern. Dazu gehörten deutsche Freundeskreise um Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack, Ilse Stöbe und weitere in Berlin/Brandenburg sowie unabhängig von diesen auch nachrichtendienstliche Widerstandsgruppen in Paris und Brüssel, die Leopold Trepper im Auftrag des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes (GRU) aufgebaut hatte. Entgegen der von der Gestapo erfundenen Legende war die „Rote Kapelle“ weder kommunistisch gelenkt noch unter einheitlicher Leitung, sondern ein Netz einzelner Gruppen und Personen aus unterschiedlichen Regionen. Namentlich bekannt sind bis heute ca. 400 Personen der „Roten Kapelle“.Wolfgang Benz, Walther Pehle (Hrsg.): Lexikon des Deutschen Widerstands. Frankfurt am Main 1999, Artikel Rote Kapelle. S. 281ff Sie druckten Flugblätter, halfen Juden und Oppositionellen und dokumentierten die Verbrechen des NS-Regimes.

Name „Rote Kapelle“ (Kapelle im Sinne von Orchester) war ein Fahndungs- und Sammelname der Gestapo und Funkabwehr in der Wehrmacht, den letztere seit Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges für NS-Gegner mit vermuteten oder, im Fall der Pariser und Brüsseler Gruppen, tatsächlichen Funkkontakten zur Sowjetunion verwendete. mini|Harro Schulze-Boysen auf einer DDR-Zuschlagsmarke (1964)

Erst nachdem die Abwehr im August 1942 Funksprüche entschlüsselt hatte, in denen deutsche Namen auftauchten, brachte die Geheime Staatspolizei auch diese Personen, ihre Angehörigen und Freunde damit in Verbindung. Zu ihrer Bezeichnung schrieb Stefan Roloff 2002:Stefan Roloff: Die Rote Kapelle. Ullstein 2002, S. 146.

Hans Coppi junior betonte in seiner Quellenforschung 1996 auch im Blick auf die westeuropäischen Gruppen:Hans Coppi: Der Trepper-Report vom Juni 1943. In: VfZ. Nr. 3, 1996, S. 431 ff.

Die Historiker der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erklärten: Tatsächlich zeigen die Ermittlungsakten, wie irritiert die Gestapo selbst über ihre unter dem Namen „Rote Kapelle“ geführten Ermittlungsergebnisse war, die eine vielfältige Zusammensetzung dieser Widerstandsgruppen zeigten. Bei den Frauen und Männern um Harnack und Schulze-Boysen handelte es sich oftmals um Vertreter aus gesellschaftlichen Kreisen, von deren Loyalität gegenüber dem NS-Regime sie ausgegangen waren. Sie hatten es hier mit Ministerialbeamten, Wehrmachtsbediensteten und weiteren Funktionsträgern des NS-Staates zu tun, weiterhin vielen Künstlern und deutlich über 40 Frauen. Das entsprach so gar nicht dem gängigen Feindbild, von dem sie ausgingen und das sie statt einer informell zusammengeschlossenen heterogenen Gruppe eine straff organisierte und hierarchisch gegliederte kommunistische Gruppe erwarten ließ.Jürgen Danyel: Die Rote Kapelle. In: Peter Steinbach u. Johannes Tuchel: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945. Lukas Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936872-37-6, S. 396–413, hier S. 398.

Berliner Gruppen und Personen

Schulze-Boysen/Harnack-Kreis mini|Die Schulze-Boysen-Gruppe in der Darstellung der CIA (1979) (Diagramm-Struktur und Namen: gemäß Quelle; graphische Bearbeitung: N.N.) mini|Die Harnack-Gruppe in der Darstellung der CIA (1979)

Unter der vom Reichssicherheitshauptamt benutzten Bezeichnung Rote Kapelle wurde vor allem die Widerstandsgruppen um Harro Schulze-Boysen, Oberleutnant der Luftwaffe, den Schriftsteller Adam Kuckhoff und den Ökonomen Arvid Harnack genannt, denen Historiker über 100 Personen zuordnen. Harnack und Schulze-Boysen hatten ähnliche politische Ansichten, lehnten den Friedensvertrag von Versailles von 1919 ab und suchten Alternativen zur bestehenden Gesellschaftsordnung. Seit der Weltwirtschaftskrise 1929 sahen sie die sowjetische Zentralverwaltungswirtschaft als positives Gegenmodell zur Freien Marktwirtschaft. Sie wollten planwirtschaftliche Elemente (siehe Arplan) in Deutschland einführen und eng mit der Sowjetunion zusammenarbeiten, ohne deutsche Brücken nach Westeuropa abzubrechen.

mini|hochkant|Gedenkstein für Arvid und Mildred Harnack auf dem Friedhof Zehlendorf in Berlin-Zehlendorf, Onkel-Tom-Straße 30–33 (2006) Um den Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack und seine Frau Mildred sammelte sich seit 1932 ein Freundes- und Diskussionskreis aus Mitgliedern der Berliner Marxistischen Arbeiterschule (MASCH). Dazu gehörten auch der frühere preußische Kultusminister Adolf Grimme, der Schlosser Karl Behrens, das Ehepaar Greta und Adam Kuckhoff und der Fabrikant Leo Skrzypczynski. Arvid Harnack wollte sie schulen, um nach dem Ende des NS-Regimes ein freies und sozial gerechtes Deutschland mit aufzubauen. Seit 1935 arbeitete er im Reichswirtschaftsministerium, 1937 wurde er zur Tarnung NSDAP-Mitglied, 1942 lehrte er Wirtschaftsgeschichte der USA an der Universität Berlin.

Schulze-Boysen gab vor 1933 zusammen mit Franz Jung die überparteiliche Zeitschrift Der Gegner heraus. Die SA inhaftierte ihn deswegen im April 1933 einige Zeit, misshandelte ihn schwer und tötete seinen jüdischen Mitarbeiter. Als ausgebildeter Pilot erhielt er 1934 eine Stelle im Reichsluftfahrtministerium, so dass er an kriegswichtige Informationen gelangte. Nach seiner Heirat mit Libertas Haas-Heye 1936 sammelte das Ehepaar junge Intellektuelle um sich, darunter das Künstlerehepaar Kurt und Elisabeth Schumacher, die Schriftsteller Günther Weisenborn und Walter Küchenmeister, die Journalisten John Graudenz und Gisela von Poellnitz, die Ärzte John Rittmeister und Elfriede Paul, die Tänzerin Oda Schottmüller, seit 1938 das Ehepaar Walter und Marta Husemann. Weitere Freunde fanden die Schulze-Boysens unter ehemaligen Schülern der Schulfarm Insel Scharfenberg in Berlin-Tegel. Diese stammten oft aus kommunistisch oder sozialdemokratisch geprägten Arbeiterfamilien: etwa Hans und Hilde Coppi, Heinrich Scheel, Hermann Natterodt und Hans Lautenschläger. Einige dieser Kontakte bestanden aus der Zeit vor 1933, etwa durch den „Bund der Geistesschaffenden“.

Gruppen in Neukölln John Rittmeisters Gattin Eva war in der Abiturklasse 1939 am Heilschen Abendgymnasium in Berlin-Schöneberg mit Liane Berkowitz, Ursula Goetze, Friedrich Rehmer, Maria Terwiel und Fritz Thiel befreundet. Zu diesem Kreis stieß der Romanist Werner Krauss. Ursula Goetze wiederum hatte Kontakte zu kommunistischen Gruppen in Berlin-Neukölln.

Friedenau & Westend Oda Schottmüller und Erika Gräfin von Brockdorff waren mit den Kuckhoffs befreundet. Adam Kuckhoff machte Harnack 1937 mit dem Journalisten John Sieg bekannt, einem früheren Redakteur der KPD-Zeitung Die Rote Fahne. Als Arbeiter bei der Reichsbahn hatte Sieg in Berlin-Neukölln eine kommunistische Widerstandsgruppe gegründet. Er kannte den ehemaligen Ressortchef für Außenpolitik Wilhelm Guddorf. Dieser arbeitete nach seiner Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen 1939 eng mit Schulze-Boysen zusammen.

Durch diese Kontakte bildete sich bis 1941 ein loses Netzwerk von sieben Berliner Freundes-, Diskussions- und Schulungskreisen mit über 150 Berliner NS-Gegnern heraus.Sonder- und Wanderausstellungen der Gedenkstätte Deutscher Widerstand In ihnen begegneten sich Künstler, Wissenschaftler, Bürger, Arbeiter und Studenten verschiedener Herkunft. Etwa 40 Prozent waren Frauen. Sie hatten verschiedene politische Ansichten und suchten wenigstens im Privatbereich den offenen Meinungsaustausch. Schulze-Boysen und Harnack standen in manchen Ideen der KPD nahe, andere wie Maria Terwiel und Helmut Himpel waren gläubige Katholiken. Sie alle einte die Ablehnung des Nationalsozialismus.

Auf Initiative Adam Kuckhoffs vereinten sich ihre bis dahin getrennten Kreise seit dem Überfall auf Polen 1939. Ab 1940 tauschten sie regelmäßig ihre Meinungen zum Krieg und zur sonstigen NS-Politik aus und suchten Handlungsmöglichkeiten dagegen.Johannes Tuchel: Weihnachten müsst Ihr richtig feiern. In: Die Zeit. Nr. 51, 13. Dezember 2007.

Der Historiker Heinrich Scheel, ein Schulkamerad von Hans Coppi, urteilte über diese Gruppen:

Scheel hatte bereits 1934 für kommunistische Zellen schriftliches Material von einem Kontaktmann zum nächsten weitergegeben und dabei erlebt, wie leicht solche Verbindungen verloren gingen, falls ein Treffen wegen einer Verhaftung eines Beteiligten nicht zustande kam. In einem lockeren Freundes- und Gesprächskreis mit Gleichgesinnten fand man leicht Unterstützer für eine Aktion.Heinrich Scheel: Die Rote Kapelle – Widerstand, Verfolgung, Haft. In: Hans Coppi junior, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen Hitler. Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Edition Hentrich, Berlin 1992, ISBN 3-89468-110-1, S. 45.

Widerstandsaktionen Die Berliner Gruppen um Schulze-Boysen und Harnack übten seit 1933 Widerstand durch: Hilfe für Verfolgte, Verbreiten von Flugschriften und Klebezetteln mit regimekritischen Inhalten, Sammeln und Weitergeben von Informationen, auch an Auslandsvertreter, über deutsche Kriegsvorbereitungen, Verbrechen der Wehrmacht und NS-Verbrechen, Kontaktaufnahme zu anderen Oppositionskreisen und ausländischen Zwangsarbeitern, Aufrufen zu Gehorsamsverweigerung gegenüber NS-Vertretern, Entwürfe für eine mögliche Nachkriegsordnung.

mini|Adam Kuckhoff auf einer DDR-Zuschlagsmarke (1964)

Seit April 1933 versuchte die Gruppe um Schulze-Boysen, Regimegegner aus SPD, KPD und Gewerkschaften zu verstecken oder ihnen zu Flucht und Ausreise zu verhelfen. Seit 1937 sammelte Libertas Schulze-Boysen Bildmaterial über deutsche Kriegsverbrechen, das ihr im Reichspropagandaministerium und seit 1942 auch in der Kulturfilmzentrale des Reichspropagandaministeriums bekannt wurde.

Anfang 1938 erschien ein erstes Flugblatt dieser Gruppe zum Spanischen Bürgerkrieg. Nach dem Münchner Abkommen erklärte ein zweites Flugblatt die Angliederung des Sudetenlandes im Oktober 1938 als weiteren Schritt auf dem Weg zu einem neuen Weltkrieg. Seit den Novemberpogromen 1938 verhalfen Gruppenmitglieder auch Juden zu Verstecken, gefälschten Ausweisen und zur Flucht.

Den Überfall auf Polen am 1. September 1939 sahen sie als Beginn des befürchteten Weltkrieges, aber auch als Chance zur Beseitigung der NS-Herrschaft und zu einer gründlichen Umgestaltung der deutschen Gesellschaft. Hitlers Siege in Frankreich und Norwegen 1940 bestärkten sie darin, die Ablösung des NS-Regimes vor allem von der Sowjetunion, nicht vom westlichen Kapitalismus zu erwarten. Sie glaubten, die Sowjetunion würde Deutschland nach ihrem Sieg als souveränen Großstaat erhalten, und wollten innenpolitisch auf eine entsprechende Opposition ohne Dominanz der KPD hinwirken.

Im Frühjahr 1941 verfassten Harro Schulze-Boysen und Horst Heilmann den Aufsatz Napoleon Bonaparte, sein politischer Werdegang. Dieses scheinbar unpolitische historische Werk spielte auf Hitlers bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion an, indem es an den Untergang der Armee Napoleons in dessen Russlandfeldzug 1812 erinnerte. Die Schrift wurde als Diplomarbeit an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität eingereicht. Dort sammelte sich von 1939 bis 1940 ein reger Kreis widerständiger Dozenten und Studenten, darunter der Professor Albrecht Haushofer und der Student Rainer Hildebrandt.

Am 17. Juni 1941 warnte Harro Schulze-Boysen die sowjetische Botschaft gezielt über den bevorstehenden deutschen Überfall auf die Sowjetunion, von dem er im Reichsluftfahrtministerium erfahren hatte. Am selben Tag legte der sowjetische Volkskommissar für Staatssicherheit seinen Bericht Josef Stalin vor, der ihn schroff als Desinformation zurückwies.Jan Friedmann: Horrorbriefe an die Ostfront. In: Der Spiegel.