Die Reichsstraße 1 (R 1) war von 1934 bis 1945 als Staatsstraße des Deutschen Reiches die bedeutendste West-Ost-Straßenverbindung im Nordosten des damaligen Staatsgebietes, da die Reichsautobahn Berlin–Königsberg nicht fertiggestellt wurde. Während der nach 1945 westlich der Oder-Neiße-Grenze verbliebene Teil der R 1 im Artikel Bundesstraße 1 behandelt wird, befasst sich dieser Artikel speziell mit dem Abschnitt der Straße in Polen bzw. im russischen Kaliningrader Gebiet und berücksichtigt auch die heutigen Gegebenheiten. Zwischen der deutsch-polnischen Grenze und Elbing (Elbląg) entspricht der Verlauf der polnischen Staatsstraße DK 22 im Wesentlichen dem der ehemaligen R 1. Auf russischem Gebiet folgen die Fernstraßen A 194 und A 229 der Trasse der R 1.

Allgemeines Aachen (1981)|mini

Uralte Handels- und Postwege zwischen Berlin und der litauischen Grenze wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts abschnittsweise zu Chausseen ausgebaut, während die Eisenbahn, vor allem die Preußische Ostbahn, den Fernverkehr übernahm. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Fahrrad, Motorrad und das Automobil wichtige Verkehrsmittel, für die die Straßen ausgebaut werden sollten.

1932 wurden geeignete Straßen zwischen Aachen, Berlin und Königsberg (Preußen) unter der Bezeichnung „Fernverkehrsstraße 1“, ab 1934 „Reichsstraße 1“ zusammengefasst. Die 1392 Kilometer lange Reichsstraße 1 führte von der niederländischen Grenze bei Aachen über Berlin bis zum Polnischen Korridor in Westpreußen. Auf dem Gebiet des Korridors fasste man vorhandene Straßen zu einer hypothetischen R 1 zusammen, was auch als Empfehlung für Durchreisende diente. Auf ostpreußischem Gebiet führte die R 1 über Königsberg bis nach Eydtkuhnen (1938–1945: Eydtkau) an der Grenze zu Litauen.

Da die vielen Ortsdurchfahrten für den Fernverkehr ungünstig waren, wurde die Reichsautobahn Berlin–Königsberg geplant und in den 1930er Jahren bis 1942 teilweise gebaut. Im Jahr 1939 nahm Hitler unter anderem die Forderung nach einer exterritorialen Autobahntrasse durch den Korridor zum Vorwand für den Überfall auf Polen.

Der Ostabschnitt der R 1 verband die Provinzen Brandenburg, Pommern, Westpreußen und Ostpreußen. Die Trasse der alten Reichsstraße 1 führt durch die polnischen Woiwodschaften Lebus, Westpommern, Großpolen, Pommern und Ermland-Masuren sowie die russische Oblast Kaliningrad.

Die Provinzen Brandenburg und Pommern

Küstrin–Landsberg miniatur|Das Berliner Tor in Küstrin (Kostrzyn n. O.)

Der Verkehr, der von der heutigen Bundesstraße 1 kommend der Route der alten Reichsstraße 1 weiter folgt, passiert auf der Brücke über die Oder (polnisch: Odra) die 45 Jahre geschlossene und erst seit dem 21. November 1992 mit dem Grenzübergang Küstrin-Kietz / Kostrzyn geöffnete Grenze zwischen Deutschland und Polen. Mit Küstrin (Kostrzyn nad Odrą) erreichte die R 1, heute Droga krajowa 22 (DK 22), den ostbrandenburgischen Landkreis Königsberg (Neumark), heute Powiat Gorzowski (Landsberg (Warthe)) in der Woiwodschaft Lebus. Nach der Querung der Bahnstrecke Stettin–Breslau bog die R 1 (anders als die heutige DK 22) nordwärts in Richtung Küstrin-Neustadt ab (heutige DK 31) und traf hier auf die ehemalige Reichsstraße 112 nach Stettin (Szczecin).

Hinter der Brücke über die Warthe (Warta) wandte sich die R 1 ostwärts auf die heutige Droga wojewódzka 132 (DW 132). Hier überquerte sie noch innerhalb der Küstriner Stadtgrenze die Reichsbahnstrecke Berlin – Eydtkuhnen (Tschernyschewskoje/Чернышевское) der Preußischen Ostbahn, die bis zum Endpunkt der R 1 deren ständige Begleiterin war. Der Weg der R 1 führte weiter in den ehemaligen Landkreis Landsberg (Warthe) (heutiger Powiat Gorzowski) durch das nördliche Warthebruch mit den Dörfern Tamsel (Dąbroszyn) und Blumbergerbruch (Mościczki) in die Kleinstadt Vietz (Witnica) unterhalb der Dolgenberge (Dołzyne). Weiter zog die R 1 ihre Bahn durch Dühringshof (Bogdaniec) und Loppow (Łupowo) und erreichte bei Wepritz (Gorzów Wlkp.-Wieprzyce) das heutige Stadtgebiet von Landsberg (Warthe) (Gorzów Wielkopolski).

In Landsberg endet die heutige DW 132 genau an der Stelle, an der die alte R 1 die Reichsstraße 113 Stettin – Grünberg in Schlesien (Zielona Góra) kreuzte (heute DK 3 bzw. Europastraße 65).

Landsberg – Friedeberg – Woldenberg miniatur|Woldenberg (Dobiegniew) (1900)

Nach der Querung der ehemaligen R 113 hat die R 1 heute wieder die Bezeichnung DK 22, mit der sie ja bereits nach dem Grenzübergang in Küstrin wenige hundert Meter eine gemeinsame Strecke hatte. Südlich des heutigen Barlinecko-Gorzowski Park Krajobrazowy (Landschaftsschutzpark Berlinchen-Landsberg) verlaufend, verließ die R 1 hinter Stolzenberg (Różanki) den ehemaligen Landkreis Landsberg (Warthe), der beim Grenzflüsschen Zunze (Santoczna) in den Landkreis Friedeberg (Neumark) überging. Hier beginnt auch der heutige Powiat Strzelecko-Drezdenecki (Friedeberg–Driesen), in dem die R 1 zunächst durch Altenfließ (Przyłęg) führte. Von 1939 bis 1945 war hier auch die Grenze zwischen den preußischen Provinzen Brandenburg und Pommern. Nach sechs Kilometern erreichte die R 1 die Kreisstadt Friedeberg (Neumark) (Strzelce Krajeńskie).

In ihrem weiteren Verlauf durch die Ortschaften Lichtenow (Licheń) und Lauchstädt (Ługi) erreichte die R 1 das alte neumärkische Städtchen Woldenberg (Dobiegniew), am Südufer des Großen Sees (Jezioro Wielgie) gelegen. Woldenberg ist seit dem Mittelalter Kreuzungspunkt der alten Handelsstraßen von Küstrin (Kostrzyn) nach Ostpreußen (also der R 1) und von Stettin (Szczecin) nach Posen (Poznań). In der letzteren Richtung verläuft auch die 1847 eröffnete Strecke der Stargard-Posener Eisenbahn, die hier überquert wird.

Provinz Pommern und Westpreußen

Woldenberg – Schloppe – Deutsch Krone Die R 1 führte von Woldenberg aus, weiterhin auf der Trasse der heutigen DK 22, nach Wolgast (Wołogoszcz), verließ dann den Landkreis Friedeberg (Neumark) und führte in den Landkreis Arnswalde. Bei Hochzeit (Stare Osiecno) war der Dragepass erreicht. Die Drage (Drawa) bildete von 1368 bis 1772 die Grenze zwischen Brandenburg und Polen. Hinter der Dragebrücke durchlief die R 1 für einige Kilometer den Netzekreis mit dem Ort Wiesental (Przesieki), dann begann der Landkreis Deutsch Krone, der einst zur Provinz Westpreußen, danach zur Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen gehörte und von 1939 bis 1945 in die Provinz Pommern integriert war.

Die R 1 durchquerte die Dörfer Zützer (Szczuczarz) und Schönow (Dzwonowo), die zum Landkreis Deutsch Krone gehörten (heute Powiat Wałecki), und erreichte Schloppe (Człopa) am Desselfließ (Cieszynka). Nach zehn Kilometern traf die R 1 auf den Ort Ruschendorf (Rusinowo). Hier begann die Reichsstraße 123 nach Schneidemühl (Piła) (heute DW 179).

Jetzt waren es nur noch 16 Kilometer, die die R 1 über Neu Preußendorf (Prusinówko) und Stranz (Strączno) vorbei am großen Radunsee (Jezioro Raduń) in die Kreisstadt Deutsch Krone (Wałcz) führte. Durch die Lage der Stadt an der alten Handelsstraße von Berlin nach Königsberg und nach dem Bau mehrerer Eisenbahnstrecken (nach Schneidemühl, Piła), Kallies (Kalisz Pomorski) und Stargard in Pommern (Stargard) wurde sie Verkehrsknotenpunkt. In Deutsch Krone kreuzte die R 1 die Reichsstraße 104 Stettin – Schneidemühl (heutige DK 10). Außerdem zweigte hier die Reichsstraße 124 nach Kolberg (Kołobrzeg) ab, die jetzige DW 163.

Deutsch Krone – Schlochau – Niesewanz miniatur|hochkant|Die St.-Michaelis-Kirche in Jastrow (Jastrowie)

Die R 1 verließ Deutsch Krone, überquerte bei Sagemühl (Ostrowiec) die Döberitz (Dobrzyca) und traf in Freudenfier (Szwecja) auf das Flüsschen Pilow (Piława), das heute die Grenze zwischen dem Powiat Wałecki (Deutsch Krone) und dem Powiat Złotowski (Flatow) sowie auch zwischen den Woiwodschaften Westpommern und Großpolen markiert.

Der Weg der R 1 führte weiter nach Marienbrück (Prądy), überquerte dort die Plietnitz (Płytnica) und traf wenige Kilometer vor Jastrow (Jastrowie) auf die Reichsstraße 160 Schneidemühl (Piła) – Kolberg (Kołobrzeg) (heutige DK 11), die sich elf Kilometer mit der R 1 vereinte und sie bis in die Stadt Jastrow begleitete. Gemeinsam überquerten sie die 1879 von der Preußischen Ostbahn eröffnete Strecke Posen (Poznań) – Neustettin (Szczecinek) und die Bahnstrecke Tempelburg (Czaplinek) – Wengerz (Węgierce).

Mit Jastrow, das als Jastrowie heute zum Powiat Złotowski (Flatow) gehört, verließ nun die R 1 den letzten Ort im früheren Landkreis Deutsch Krone und durchquerte mit Flederborn (Podgaje) den einzigen Ort an der R 1, der zum Landkreis Neustettin gehörte. Hier nun trennte sich die R 1 wieder von der R 160. Ab Jastrow wurde die R 1 von der Küddow (Gwda) begleitet, die dann nach 14 Kilometern im Dorf Landeck (Lędyczek) die Straße unterquert und hier das Flüsschen Dobrinka (Debrzynka) aufnimmt. Noch 1830 war an der Straßenbrücke ein Zoll zu entrichten. In Landeck führte die Trasse der R 1 auf das Territorium des ehemaligen Landkreises Schlochau, und jenseits der Gwda beginnt heute ebenfalls nicht nur das Powiat Człuchowski (Schlochau), sondern auch die polnische Woiwodschaft Pommern.

Weitere Dörfer des Schlochauer Landes reihten sich nun an die R 1: Peterswalde (Cierznie), Heinrichswalde (Uniechów), Barkenfelde (Barkowo) und Christfelde (Chrząstowo). Nach Querung der alten Reichsbahnstrecke Neustettin (Szczecinek) – Konitz (Chojnice) war die Kreisstadt Schlochau (Człuchów) erreicht. An der Stadtgrenze von Schlochau überquerte die R 1 die Bahnstrecke nach Rummelsburg (Miastko), bevor sie bei Niesewanz (Nieżywięc) an die zwischen 1920 und 1939 bestehende Grenze des Deutschen Reiches zum Polnischen Korridor stieß.

Der Regierungsbezirk Westpreußen und die Freie Stadt Danzig

Niesewanz – Konitz – Dirschau Niesewanz (Nieżywięc) ist ein kleines Dorf mit knapp 400 Einwohnern am Rande der DK 22. In der Tucheler Heide war die R 1 bis 1939 eine nur „gedachte“ Reichsstraße. Zwischen 1939 und 1945 gehörte die Strecke zwischen Niesewanz und Dirschau auch offiziell zur R 1, weil der Korridor nach dem Überfall auf Polen völkerrechtswidrig Teil des Reichsgaus Danzig-Westpreußen geworden war.

Mit Konitz (Chojnice), das nur 13 Kilometer von Schlochau entfernt liegt, war die Kreisstadt des Landkreises Konitz (des heutigen Powiat Chojnicki) erreicht, der vor 1920 zur Provinz Westpreußen gehörte und heute Teil der Woiwodschaft Pommern ist. Bei der Ausfahrt aus der Stadt überquerte die R 1 die Preußische Ostbahn und die Strecke Konitz–Berent (Westpreußen) (Kościerzyna). Auf ihrem weiteren Weg passierte die R 1 Jesiorke (Jeziorki) und bei Rittel (Rytel) die Brahe (Brda) mit dem Großen Brahekanal (Wielki Kanał Brdy), von wo aus es nur noch dreizehn Kilometer bis nach Czersk (1942–1945: Heiderode) im Norden des heutigen Tucholski Park Krajobrazowy (Tucheler Landschaftsschutzpark) sind. In Czersk wurde bereits 1827 die spätere Reichsstraße 1 gebaut. Auch diese Stadt liegt an der Preußischen Ostbahn, die parallel zur R 1 verlief. In Czersk kreuzten diese Bahnlinie und die heutige Staatsbahnstrecke Nr. 215 (Bonk (Bąk) – Laskowitz (Laskowice)) die R 1 und wenige Kilometer weiter ostwärts bei Long (heute Łąg, 1942–1945: Schönhain) die Strecke Gdingen (Gdynia) – Groß Neudorf (Nowa Wieś Wielka).

Wieder war es ein Flüsschen, nämlich die Neckwarz (Niechwaszcz), die der R 1 den Wechsel zu einer anderen Landkreiszugehörigkeit signalisierte, denn beim Ort Schwarzwasser (Czarna Woda) begann der westpreußische Landkreis Preußisch Stargard (heute Kreis Starogard Gdański). Über Dombrowo (Dąbrowa) und Bitonia (Bytonia) erreichte die R 1 nach 16 Kilometern den Ort Hochstüblau (Zblewo), um nach weiteren 14 Kilometern in die Kreisstadt Preußisch Stargard (Starogard Gdański) zu gelangen. In Preußisch Stargard überquerte die R 1 nicht nur das Flüsschen Ferse (Wierzyca), sondern auch die von der Ostbahn abzweigende Staatsbahnlinie Nr. 243 nach Skurz (Skórz).