Der Höhlenlöwe (Panthera spelaea, teilweise auch Panthera leo spelaea) ist eine ausgestorbene Großkatze, die zur Zeit des Pleistozäns in Europa und Nordasien lebte. Ursprünglich als mehr oder weniger klar abgegrenzte Unterart des Löwen (Panthera leo) angesehen, sprechen genetische Befunde eher für eine eigenständige Art. Die Erstbeschreibung erfolgte 1816 durch den Arzt und Naturforscher Georg August Goldfuss anhand eines Schädels aus der Zoolithenhöhle von Burggaillenreuth bei Muggendorf in der Fränkischen Alb.
Geographische und zeitliche Verbreitung mini|links|Karte mit der ungefähren Verbreitung von Löwen aus dem späten Pleistozän. Rot zeigt die maximale Verbreitung von Panthera spelaea an; blau die maximale Verbreitung von Panthera atrox; und grün die maximale Verbreitung von Panthera leo leo / Panthera leo persica. Sterne zeigen ungefähre Standorte von Funden der entsprechenden Löwen. Die Einfügungen zeigen Details der modernen Grenzen von Yukon Territory, Kanada, und Chukotka, Russland, sowie regionale Siedlungen. In Europa erschienen Löwen erstmals mit Panthera fossilis, dem sogenannten Mosbacher Löwen, vor ca. 700.000 Jahren. Die Tatsache, dass diese Mosbacher Löwen gelegentlich auch als Höhlenlöwen bezeichnet werden, kann zu Verwirrungen führen. Hier wird unter dem Begriff Höhlenlöwe daher ausschließlich Panthera spelaea verstanden.
Die Herkunft des Höhlenlöwen ist nicht eindeutig. Wahrscheinlich sind beide, Höhlenlöwe und Mosbacher Löwe, nahe miteinander verwandt. Aufgrund einzelner „tigriner“ Merkmale etwa im Bau des Hirnschädels, lassen sich beide Formen möglicherweise auf den eher asiatisch-osteuropäisch verbreiteten Panthera gombaszoegensis zurückführen.Karlheinz Fischer: Ein Löwenskelett (Panthera spelaea, Goldfuß, 1810) aus den interglazialen Sedimenten Saale-Zeit von Neumark-Nord bei Merseburg. Dietrich Mania u. a. (Hrsg.): Neumark-Nord – Ein interglaziales Ökosystem des mittelpaläolithischen Menschen. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle 62. Halle/Saale, 2010, S. 339–360. Zu den ältesten bekannten Funden gehört ein Mittelfußknochen aus der Fundstätte Notarchirico nahe Venosa in der Basilicata in Italien, der rund 660.000 bis 612.000 Jahre alt ist und somit in das frühe Mittelpleistozän datiert.Alessio Iannucci, Beniamino Mecozzi, Antonio Pineda, Raffaele Sardella, Marco Carpentieri, Rivka Rabinovich, Marie-Hélène Moncel: Early occurrence of lion (Panthera spelaea) at the Middle Pleistocene Acheulean site of Notarchirico (MIS 16, Italy). In: Journal of Quaternary Science., 2024, doi:10.1002/jqs.3639. Der Höhlenlöwe war weit über das nördliche Eurasien verbreitet und drang selbst während der Kaltzeiten weit nach Norden vor. Über die durch die Vereisung trockengefallene Bering-Landbrücke erreichte er im späten Mittelpleistozän auch Alaska. Von dort aus stieß er wahrscheinlich weiter nach Süden vor und entwickelte sich durch genetische Isolierung zum Amerikanischen Löwen (Panthera atrox). In einer weiteren Ausbreitungswelle erreichte der Höhlenlöwe im frühen Jungpleistozän erneut Alaska, blieb aber in Nordamerika auf diese Region beschränkt.Alexander T. Salis, Sarah C. E. Bray, Michael S. Y. Lee, Holly Heiniger, Ross Barnett, James A. Burns, Vladimir Doronichev, Daryl Fedje, Liubov Golovanova, C. Richard Harington, Bryan Hockett, Pavel Kosintsev, Xulong Lai, Quentin Mackie, Sergei Vasiliev, Jacobo Weinstock, Nobuyuki Yamaguchi, Julie Meachen, Alan Cooper, Kieren J. Mitchell: Lions and brown bears colonized North America in multiple synchronous waves of dispersal across the Bering Land Bridge. In: Molecular Ecology. 31 (24), 2022, S. 6407–6421, doi:10.1111/mec.16267. Ebenfalls im Jungpleistozän, vor etwa 73.000 bis 20.000 Jahren gab es Höhlenlöwen in Japan.Xin Sun et al. 2026. The Japanese Archipelago sheltered cave lions, not tigers, during the Late Pleistocene. PNAS 123 (6): e2523901123; doi: 10.1073/pnas.2523901123
Der Höhlenlöwe verschwand mit dem Ende der letzten Kaltzeit vor etwa 12.000 Jahren, hielt sich aber möglicherweise auf der Balkanhalbinsel bis weit in die Nacheiszeit hinein. Bei diesen Löwen, die anscheinend noch zur Zeitenwende auf dem Balkan lebten, ist allerdings nicht geklärt, ob sie tatsächlich zur Unterart des Höhlenlöwen gehörten. Die jüngsten gesicherten Nachweise von Höhlenlöwen aus dem Gebiet des Lena-Flusses in Sibirien beziehungsweise aus Sigmaringen in Deutschland werden mittels Radiokohlenstoffdatierung auf ein Alter von etwa 12.500 Kohlenstoffjahren datiert (das absolute Alter in Kalenderjahren liegt etwas darüber).R. Barnett, B. Shapiro, I. Barnes, S. Y. Ho, J. Burger, N. Yamaguchi, T. F. Higham, H. T. Wheeler, W. Rosendahl, A. V. Sher, M. Sotnikova, T. Kuznetsova, G. F. Baryshnikov, L. D. Martin, C. R. Harington, J. A. Burns, A. Cooper: Phylogeography of lions (Panthera leo ssp.) reveals three distinct taxa and a late Pleistocene reduction in genetic diversity. In: Molecular Ecology. 18 (8), 2009, S. 1668–1677, doi:10.1111/j.1365-294X.2009.04134.x.
Fossilfunde des Höhlenlöwen stammen häufig aus Höhlen, in welche ihre Kadaver von Hyänen hereingeschleppt worden sein dürften. Derartige Höhlen in Deutschland sind die Bilsteinhöhle, die Balver Höhle, das Perick-Höhlensystem, die Kepplerhöhle und die Zoolithenhöhle. Aus Siegsdorf in Bayern ist ein vollständiges Skelett eines Höhlenlöwen außerhalb einer Höhle bekannt, das 1985 gefunden wurde.Cajus G. Diedrich: Steppe lion remains imported by Ice Age spotted hyenas into the Late Pleistocene Perick Caves hyena den in northern Germany. In: Quaternary Research. 71 (3), 2009, S. 361–374. Ein nahezu vollständiges Skelett einer Löwin mit pathologischen Veränderungen wurde in Neumark-Nord im Geiseltal entdeckt.Karlheinz Fischer: Ein Löwenskelett (Panthera spelaea, Goldfuß, 1810) aus den interglazialen Sedimenten Saale-Zeit von Neumark-Nord bei Merseburg. Dietrich Mania u. a. (Hrsg.): Neumark-Nord – Ein interglaziales Ökosystem des mittelpaläolithischen Menschen. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle 62. Halle/Saale, 2010, S. 339–360.Cajus G. Diedrich: A diseased Panthera leo spelaea (Goldfuss 1810) lioness from a forest elephant graveyard in the Late Pleistocene (Eemian) interglacial lake at Neumark-Nord, central Germany. In: Historical Biology. 23 (2–3), 2011, S. 195–217, doi:10.1080/08912963.2010.507814. Ein weiteres vollständiges Höhlenlöwenskelett wurde in der Srbsko Chlum–Komín-Höhle in Tschechien gefunden.C. G. Diedrich, K. Zak: Prey deposits and den sites of the Upper Pleistocene hyena Crocuta crocuta spelaea (Goldfuss, 1823) in horizontal and vertical caves of the Bohemian Karst (Czech Republic). In: Bulletin of Geosciences. 81, 4, 2006, S. 237–276 ().
Aussehen mini|links|Schädel eines Höhlenlöwen Ausgewachsene Höhlenlöwen übertrafen im Schnitt heutige Löwen um 5 bis 10 % an Körpergröße, jedoch trifft dies nicht für alle Skelettelemente zu.Martina Pacher: Funde des Höhlenlöwen (Panthera leo spelaea) aus der Herdengelhöhle (1823/4) bei Lunz am See, Niederösterreich. In: Die Höhle. 60 (1–4), 2009, S. 21–27 Für einige Funde aus dem Rheingebiet liegen Berechnungen der Körpergröße vor. So wurde für ein rund 37 cm langes Schienbein aus Hessenaue eine Kopf-Rumpf-Länge von 217 cm ermittelt, für ein etwa 34 cm langes Schienbein aus Geinsheim beträgt die Körperlänge gut 206 cm. Ein etwa 37 cm langer Oberschenkelknochen aus Groß-Rohrheim führt zu einer Kopf-Rumpf-Länge von 194 cm.Wighart von Koenigswald. Erich Schmitt: Eine pathologisch veränderte Löwentibia aus dem Jungpleistozän der nördlichen Oberrheinebene. In: Natur und Museum. 117 (9), 1987, S. 272–277. Sie erreichten damit nicht die deutlich größeren Ausmaße der Mosbacher Löwen (Panthera fossilis) und der Amerikanischen Löwen (Panthera atrox).
Die maximale Schädellänge männlicher Höhlenlöwen aus der Weichsel-Kaltzeit lag bei etwa 40 cm. Frühere Formen des Höhlenlöwen, etwa aus der Eem-Warmzeit, erreichten mit bis zu 45 cm Schädellänge vergleichbare Ausmaße wie der Mosbacher Löwe oder der Amerikanische Löwe.M. Sabo, A. Tomašových und J. Gullár: Geographic and temporal variability in Pleistocene lion-like felids: Implications for their evolution and taxonomy. In: Palaeontologia Electronica. 25 (2), 2022, S. a26, doi:10.26879/1175.
Anhand einzelner Eismumien aus dem nördlichen Russland kann die Fellbedeckung des Höhlenlöwen relativ gut rekonstruiert werden. Das Fell zeichnete sich durch eine Teilung in dichtes Wollhaar und in Deckhaar aus, was sich sowohl bei Jung- als auch bei ausgewachsenen Tieren belegen ließ. Im Unterschied dazu ist das Wollhaar bei ausgewachsenen Individuen des heutigen Löwen nur marginal ausgebildet, bei Jungtieren kommt es nicht vor. Das Deckhaar des Höhlenlöwen war schwarz bis dunkelbraun gefärbt. Einzelne Haare wiesen auch hellgelbe Spitzen auf. Die Länge der Haare variierte zwischen 35 und 60 mm. Dies ist weitgehend doppelt so lang wie beim heutigen Löwen (ausgenommen die Mähne). Im Vergleich zu diesem waren die Deckhaare beim Höhlenlöwen dünner, hatten aber eine ähnlich gut entwickelte Markröhre, die bis zu drei Viertel des Schaftdurchmessers beanspruchte. Lediglich fragmentiert liegen Leithaare vor, die aber mit einem Durchmesser von 180 bis 200 μm doppelt so dick waren wie normale Deckhaare. Das Wollhaar bildete den Hauptteil des Fells beim Höhlenlöwen und stellt somit ein effektives Wärmepolster dar. Es wies eine hellgelbliche Färbung auf und zeigte sich stark gekräuselt mit drei bis sechs Wellen bei einer Haarlänge von maximal 35 mm. Auch hier war die Markröhre gut entwickelt. Abweichend von den ausgewachsenen Höhlenlöwen war das Fell der Jungtiere weniger differenziert. Es kamen keine Leithaare vor und sowohl die Deck- als auch die Wollhaare besaßen in etwa die gleiche Länge, ebenso erwies sich die Markröhre als noch nicht vollständig ausgebildet. Allerdings zeichneten sich an der Schnauze bereits Vibrissen ab. Das gesamte Fell der Jungtiere hatte eine weiße Tönung.И. В. Кириллова, О. Ф. Чернова, О. В. Крылович, А. В. Тиунов, Ф. К. Шидловский: Первая находка скелета пещерного льва (Panthera spelaea Goldfuss, 1810) в России. In: Доклады Академии Наук. 455 (3), 2014, S. 359–362.O. F. Chernova, I. V. Kirillova, B. Shapiro, F. K. Shidlovskiy, A. E. R. Soares, V. A. Levchenko, F. Bertuch: Morphological and genetic identification and isotopic study of the hair of a cave lion (Panthera spelaea Goldfuss, 1810) from the Malyi Anyui River (Chukotka, Russia). In: Quaternary Science Reviews. 142, 2016, S. 61–73, doi:10.1016/j.quascirev.2016.04.018.O. F. Chernova, A. V. Protopopov, G. G. Boeskorov, I. S. Pavlov, V. V. Plotnikov, N. Suzuki: First Description of the Fur of Two Cubs of Fossil Cave Lion Panthera spelaea (Goldfuss, 1810) Found in Yakutia in 2017 and 2018. In: Doklady Biological Sciences. 492, 6. Juli 2020, S. 93–98, doi:10.1134/S0012496620030011. Zusätzliche Informationen über die Fellbedeckung können aus altsteinzeitlichen Darstellungen wie Höhlenmalereien und Figurinen gewonnen werden. Sie zeigen den Höhlenlöwen immer ohne Mähne, was als Hinweis dient, dass männliche Individuen im Gegensatz zu ihren afrikanischen und indischen Verwandten mähnenlos waren. Jedoch weisen diese Darstellungen oftmals die löwentypische Schwanzquaste auf. Das Fell scheint nach diesen Zeichnungen einfarbig gewesen zu sein.