Tabgha [, arabisch ] ist eine Ortschaft am Nordufer des Sees Genezareth in Galiläa im nördlichen Teil Israels. Es ist der Austrittspunkt mehrerer Quellen, die in den See münden, und eine christliche Pilgerstätte, die mit dem Wirken Jesu, insbesondere der überlieferten Brotvermehrung, in Verbindung gebracht wird.
In den Evangelien nehmen der See und allgemein Galiläa als erster Wirkungsbereich Jesu eine wichtige Rolle ein. In Tabgha befinden sich die Brotvermehrungskirche, die Primatskapelle und antike Ruinenreste der Kapelle der Seligkeiten, die der Tradition nach an das Handeln Jesu erinnern. Die Kirchen werden von zwei Klostergemeinschaften – italienischen Franziskanern und deutschen Benediktinern – betreut. Als Einrichtung für Gäste ist ein Pilgerhaus vorhanden und südlich der Brotvermehrungskirche wurde zu Beginn der 1980er Jahre eine Behinderten- und Jugendbegegnungsstätte eingerichtet. In unmittelbarer Nähe liegen weitere christliche Stätten, vor allem der Berg der Seligpreisungen nördlich, Kafarnaum sowie Bethsaida östlich und Magdala südlich von Tabgha.
Seit dem 30. Juni 2000 stehen der See Genezareth und seine antiken Stätten Korazim, Kafarnaum und Tabgha auf der Tentativliste der UNESCO, der Vorschlagsliste für einen Eintrag auf der Welterbeliste.
Namensformen Der Name Tabgha ist die verkürzte Form der arabischen Ortsbezeichnung ; diese Bezeichnung leitet sich vom griechischen Heptapegon (chorion) ( (), wörtlich: siebenquelliges Landstück) ab.Gerhard Kroll: Auf den Spuren Jesu. St.-Benno-Verlag, Leipzig, 10., erweiterte. Aufl. 1988, S. 443. Bereits Pilger in der byzantinischen Zeit benannten den Ort so, weil dort sieben Quellen entspringen. Auch die hebräische Bezeichnung des Ortes (En Scheva) bedeutet Siebenquell, ebenso die lateinische: .
Geographie
Lage Tabgha liegt in Galiläa im nördlichen Teil Israels unmittelbar am Nordwestufer des Sees Genezareth. Um den See führt eine Uferstraße. Zwei Kilometer südwestlich von Kafarnaum weicht die Straßenführung nach Tiberias einem Bergausläufer aus. Auf dem Berg liegt die Kirche der Seligpreisungen, fünf bis zehn Meter über der Straße am Steilhang befinden sich die antiken Ruinenreste der Kapelle der Seligkeiten. Auf der anderen Straßenseite etwa auf der Höhenlinie 200 m unter dem Meeresspiegel treten die ersten Quellen aus. Das Landstück Heptapegon reicht von diesen Quellen bis zum Berg Kinneret im Westen.
Geologische Verhältnisse mini|Übersichtskarte über die Austrittspunkte der sieben Quellen
Am Ufer des Sees Genezareth treten mehrere Quellen aus. Dabei werden zwei Gruppen unterschieden, solche mit einem hohen Kalzium-Anteil, dazu gehören die Quellen in Tabgha sowie die von Fuliya und Tiberias, und solche mit einem hohen Magnesium-Anteil, dazu zählen die Quellen an der Süd-Ostseite des Sees, wie Gofra, Ha'On 1 und Chammat Gader.
Die sieben Quellen von Tabgha sind in ihrem Salzgehalt und in ihrer Temperatur sehr verschieden. Sie gehen auf tief ins Erdinnere reichende geologische Verwerfungen zurück. Etwa 500 Meter weiter nach Westen trifft in der Talsenke die von Rosh Pina kommende Straße auf die Uferstraße nach Tiberias; hier verläuft die zweite tief reichende geologische Verwerfung. Im Einzugsgebiet von Tabgha streichen die Gesteine der Judea-, Mt.-Scopus- und der Avedat-Gruppe aus. Den östlichen Teil Tabghas bildet der basaltische Korazim-Block. Die Grundwasser stammen überwiegend aus dem Oberen Aquifer und unterscheiden sich bezüglich der Chloridität (0,2 bis 2,4 g/l) und Temperatur (19 bis 39 °C). Grund dafür ist die Abhängigkeit der aufsteigenden Sole vom Mischungsgrad mit nicht salinarem Grundwasser.Christian Siebert: Saisonale chemische Variationen des See Genezareth, seiner Zuflüsse und deren Ursachen. Diss. FU Berlin 2006, S. 47 f., 54 (pdf; 1,6 MB). Abgerufen am 18. Juni 2020.
Ortsgliederung Das heutige Tabgha ist ein Pilgerort und umfasst das Priorat Tabgha der Dormitio-Abtei zu Jerusalem, zu dem die Brotvermehrungskirche, das Benediktinerkloster, ein Pilgerhaus, eine Stätte zur Behinderten- und Jugendbegegnung, ein Schwesternhaus und umfangreiche Plantagen gehören. Westlich davon, am Fuß des Tell el-Oreme, hat der Deutsche Verein vom Heiligen Lande das alte Pilgerhospiz, das nach der Gründung des Staates Israel lange Zeit als Jugendherberge diente, renoviert und erweitert. Der Tell el-Oreme, die neue Jugendherberge Karei Deshe und eine in der Nähe befindliche Ausgrabung eines muslimischen Palastes (Khirbat al-Minya) gehören zu Tabgha und liegen auf dem Besitz des Deutschen Vereins vom Heiligen Land. Östlich des Priorates Tabgha, von der Kustodie des Heiligen Landes der Franziskaner (OFM) betreut, liegt die Primatskapelle. 50 Meter weiter östlich an der Straße Richtung Kafarnaum steht der aus der byzantinischen Zeit stammende Turm, der im Arabischen Hammam Ayub (Bad des Ijob) oder auch Tannur Ayub (Ofen des Ijob) genannt wird, und der eine der Quellen Tabghas fasst.
Am südöstlichen Rand von Tabgha im See Genezareth befinden sich Reste einer kleinen Hafenanlage, die aufgrund der dort entdeckten Keramik in das 3. und 4. Jahrhundert datiert wird. Auch unregelmäßige Anker aus Basalt konnten dort geborgen werden.E. Galili, U. Dahari, J. Sharvit: Underwater Surveys and Rescue Excavations along the Israeli Coast. In: Internat. Journal Nautical Arch. 22/1 (1993), S. 61–77.
Klima Das Klima in Tabgha ist eine Mischung aus Mittelmeer- und Steppenklima. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 22,9 °C. Die wärmsten Monate sind Juli, August und September mit durchschnittlich 27, 28 beziehungsweise 26 °C und die kältesten Dezember, Januar und Februar mit 15, 14 beziehungsweise 15 °C im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt im Dezember und im Januar mit durchschnittlich 130 Millimeter, der geringste von Mai bis September mit durchschnittlich weniger als fünf Millimeter. Der Jahresdurchschnitt an Niederschlägen liegt bei 463 Millimeter. Die Lufttemperaturen steigen im Sommer auf über 40 °C und die Wassertemperaturen auf bis zu 30 °C. Der Wind bläst häufig stark ablandig vom Westen und breitet sich über den See abschwächend nach Osten aus. Der frühsommerliche Wüstenwind (arab. Chamsin, hebr. Scharav) kann starke Hitzewellen mit bis zu 50 °C bringen. Die Wassermasse des See Genezareth bildet einen Wärmespeicher, der durch seine Abstrahlung im Winter zu Durchschnittstemperaturen von 14 °C beiträgt.
Flora und Fauna mini|Klippschliefer in Tabgha im November 2008
In Tabgha wurden immer wieder Reihen von Palmen angepflanzt. Von den früher für die Bodenentwässerung gesetzten Eukalyptusbäumen musste nach mehreren Sturmschäden Ende der 1990er Jahre ein Großteil aus Sicherheitsgründen gefällt werden.
Auf dem Gelände blühen an vielen Stellen große Bougainvillea-Büsche. An Nutzpflanzen wurden auf den landwirtschaftlichen Flächen zuletzt überwiegend Mangos und Grapefruits angebaut.
An Landtieren sind aufgrund der relativ hohen Temperaturen im Sommer vor allem Klippschliefer (Procavia capensis syriaca), Gewöhnliche Chamäleons (Chamaeleo chamaeleon) und Geckos (Gekkonidae) anzutreffen.
Im Seebereich vor den Quellen von Tabgha schwimmen der so genannte Petrusfisch (Sarotherodon galilaeus, arabisch Musht) sowie die Kinneret-Sardine (Acanthobrama terrae-sanctae), aber auch die Süßwassermuschel Unio tigridis in der essbaren Unterart Unio tigridis terminalis und die Süßwasserschnecke der Art Melanopsis praemorsa.
Für frühere Epochen, als das Ufer des Sees noch deutlich sumpfiger und mit Papyrus bestanden war, sind Wildschweine und Flusspferde (Hippopotamus amphibius) durch Knochenfunde nachweisbar. Während erstere bis heute an der Jordanmündung vorhanden sind, kamen letztere wohl nur bis in die späte Eisenzeit am See Genezareth vor.H. Manhart, A. v. d. Driesch: Bronze- und eisenzeitliche Tierwelt nach den Knochenfunden vom Tell el-Oreme am See Genezareth und ihre kulturhistorische Bedeutung. In: G. Fassbeck, S. Fortner, A. Rottloff, J. Zangenberg (Hrsg.): Leben am See Gennesaret. Mainz 2003, S. 25–30, bes. 28.
Geschichte mini|Blick von Dalmanuta nach Südwesten auf den Tell-el-Oreme mit der antiken Stadt Kinneret
Ur- und Frühgeschichte sowie Antike In der Sammlung der Königlichen Museen für Kunst und Geschichte in Brüssel befinden sich mehrere mittelsteinzeitliche Fundstücke wie Steinmesser mit der Fundortangabe Tabgha.Vgl. auch: Correia, Antonio Mendes: A significando genealogico do Australopithecus e do cranio de Tabgha e o arco antropofiletico indico (Trabalhos da Soc. Portuguesa de Antropologia e etnologia, v. 2, fasc. 3.). Porto 1925.
Im südwestlichen Teil von Tabgha in den Schichten des Tell el-Oreme befinden sich die Überreste der biblischen Stadt Kinneret. Anhand der gefundenen Keramik wurde sie in die Mittlere und Jüngere Bronzezeit datiert. Die Stadt war von einer über zehn Meter breiten Stadtmauer umgeben. Zwischen dem Tell el-Oreme und Tabgha verlief während der Zeit der römischen Besetzung die Via Maris, eine Römerstraße, die Ägypten mit den nördlicheren römischen Provinzen verband. Auch die Reste eines römischen Aquäduktes, der parallel zu dieser Straße verlief, sind erhalten.
Biblischer Bezug mini|Moderner Altar über dem (versetzten) Felsstück und den Mosaiken des 5. Jh.
Drei Geschichten aus dem Neuen Testament werden nach der traditionellen Überlieferung mit Tabgha in Verbindung gebracht. Zwar reichen die Traditionen bis ins 3. Jahrhundert zurück, belastbare Anhaltspunkte dafür, dass die Ereignisse tatsächlich in Tabgha stattgefunden haben, gibt es jedoch nicht.
Die Speisung der Fünftausend – nach biblischer Überlieferung soll Jesus mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Männer sowie Frauen und Kinder gespeist haben ( und Parallelstellen). Die Einsetzung des Papsttums – die Erscheinung des auferstandenen Jesus, über die das Johannesevangelium berichtet, wird ebenfalls in Tabgha lokalisiert: Jesus erscheint seinen Jüngern während des Fischens am Seeufer und beauftragt Simon Petrus nach einem gemeinsamen Mahl dreimal, „seine Lämmer zu weiden“. Nach katholischer Lesart erfolgt in diesem Auftrag die Einsetzung des Petrus zum Oberhaupt aller Gläubigen und damit zum ersten Papst. Auch die Heilung des Aussätzigen durch Jesus soll sich in dem 200 Meter entfernten Turm Tannur Ayub zugetragen haben . Dafür, dass schon die frühen Christen diesen Platz als den Ort verehrten, an dem Jesus den Aussätzigen heilte, sprechen Erwähnungen des Ortes in frühen Pilgerberichten. Die arabischen Beduinen der Gegend haben diese Geschichte in ihre Tradition aufgenommen. Da der Koran jedoch an Aussätzigen nur Ijob kennt, wurde der Ort mit diesem identifiziert.
Spätantike Geschichte mini|hochkant|Rabenfisch (Sciaena umbra)
Die Quellen des Ortes werden bereits in einer Beschreibung von Josephus Flavius genannt. Bei der Eroberung Taricheas im Jahre 67 durch Kaiser Vespasian beschreibt Flavius den Jordanlauf sowie Landschaft und See Gennesar. Dabei schreibt er: „Zu dem milden Klima gesellt sich dann eine sehr kräftige Quelle, […] Einige haben diese Quelle schon für eine Ader des Nil gehalten, da in ihr Rabenfische wie im See bei Alexandria sich finden.“Flavius Josephus: Geschichte des Jüdischen Krieges. Buch 3, Kapitel 10, Vers 8 (3:520 nach Ausgabe von Whiston)
mini|Mosaik im nordöstlichen Teil der Kirche über den Resten des Kirchenbaus aus dem 4. Jh.
Die erste Kirche am Ort war ein einschiffiger Bau, von 15,5 × 9,5 Meter Größe, der an der Straße ausgerichtet und noch nicht geostet war. Diese Kirche ist im 4. Jahrhundert errichtet worden. Ein 1911 entdeckter Basaltstein trug die Grabinschrift eines gewissen Josephus, in dem einige Forscher den Erbauer des ersten Kirchenbaus sehen.