Das Stift Ardagger ist ein ehemaliges Kollegiatstift in Ardagger in der nach dem Stift benannten Katastralgemeinde Ardagger Stift im Bezirk Amstetten in Niederösterreich.

Geschichte mini|Stiftskirche in Ardagger

Stiftung und Weihung Im Jahr 823 wurden in der Urkunde Confirmatio Lucovici Pii erstmals zwei Kirchen in Ardagger erwähnt. Am 7. Jänner 1049 übergab Kaiser Heinrich III das Gebiet in und um Ardagger an das Hochstift Freising (Bischof Nitker von Freising) zur Errichtung und Erhalt eines Kollegiatstiftes zu Ehren der heiligen Margareta.Abschrift Stiftungsurkunde 13 Jh. Stiftsbibliothek Seitenstetten, Kodex 238. In: Archiv für österreichische Geschichte. Band 46, S. 466. Die feierliche Weihung der Kirche erfolgte bereits am 4. September 1063, bei welcher die bedeutendsten Männer des Reiches anwesend waren: Erzbischof Anno von Köln, Erzbischof Adalbert von Bremen, Erzbischof Siegfried Graf Eppenstein von Mainz, Bischof Ellenhard von Freising, sowie 24 weitere hochrangige Geistliche.Stiftsbibliothek Seitenstetten, Kodex 238. In: Archiv für österreichische Geschichte. Band 46, S. 467.

Gründungssage Der lokalen Sage nach habe sich der Kaiser, begleitet von seiner Gemahlin Agnes von Poitou, auf der Jagd befunden, als diese im tiefsten Walde von Geburtswehen überrascht wurde. In dieser misslichen und hilflosen Lage gelobte die Kaiserin, anstatt der dortigen Waldkapelle zu Ehren der hl. Margareta, eine Kirche samt Kloster zu stiften, wenn die bedrohliche Stunde vorüber gehe und das Kind gesund und wohlauf das Licht der Welt erblicke. Die Sage will es, dass ihr Gebet erhört und das Kind auf den Namen Margarita getauft wurde. mini|Innenansicht mit dem erhöhten Chor Bei der ersten schriftlichen Erwähnung der Gründungssage aus dem Jahre 1667 handelt es sich um ein Manuskript mit vier Miniaturgemälden, darunter auch eine Abbildung der Stiftskirche und Propstei. Diese Illustration wurde im Auftrag von Propst Melchior von Pergen als Geschenk an Kaiser Leopold I. anlässlich der bevorstehenden Entbindung seiner Gemahlin Margareta Teresa angefertigt und befindet sich heute in der Österreichischen Nationalbibliothek.Österreichische Nationalbibliothek Cod. 7240 Die Überlieferung der Gründung findet jedoch das ganze Mittelalter hinweg keine schriftliche Erwähnung und auch in Kunstwerken keinen Niederschlag, sodass hier wohl nicht von einem tatsächlichen historischen Hintergrund auszugehen ist. Es existieren einige Versionen der Gründungssage, welche sich vor allem durch den Kindesnamen voneinander unterscheiden.

Weitere Entwicklung Die ersten zwei Jahrhunderte nach der Gründung florierte das Stift auch dank der landesfürstlichen Privilegien, welche ihm unter anderem das Abhalten von wöchentlichen Markttagen erlaubte, gut. Der Markttag zum Fest der Kirchenpatronin, der hl. Margareta, erstreckte sich sogar über mehrere Tage. Diese weitgehend friedliche und ungestörte Epoche endete für das Stift mit dem Einfall des Heeres Ludwigs, Sohn des Bayernherzogs Otto II, in das heutige Oberösterreich. Die Streifzüge von kleineren Gruppen seines Heeres nach Niederösterreich reichten auch nach Ardagger. Die Soldaten brachen das Sacrarium auf und entwendeten wertvolle Gefäße und Paramente. Auch zahlreiche Schriften inklusive der verbrieften Privilegien des Stiftes wurden geraubt oder vernichtet. Der damalige Propst Leopold, welcher als Hofkaplan bei der Königin Margarete hohes Ansehen genoss, erwirkte später die teilweise Wiedergutmachung des Schadens und die Wiederherstellung der ursprünglichen Privilegien. Urkundlich tritt das Stift hauptsächlich durch die zahlreichen Seelgerätstiftungen und anderen Zuwendungen bzw. Kaufverträgen in Erscheinung.

Demnach verstrichen weitere zwei Jahrhunderte relativ friedlich und ohne besondere Ereignisse bis in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Söldner des Jörg von Stein sich in der Nähe von Ardagger in Ybbs und Aschbach festsetzten und das umliegende Land verwüsteten. Dies hatte vor allem auf den Wochenmarkt und damit auf eine für das Stift wichtige Einkommensquelle eine verheerende Auswirkung, da Käufer wie auch Verkäufer diesem fernblieben. Auch der Einfall des Matthias Corvinus im späten 15. Jahrhundert in Niederösterreich belastete das Stift. Es musste ihm 1482, wie auch andere Märkte und Städte, huldigen und eine beträchtliche Brandsteuer entrichten. Trotz finanzieller Verluste wurde in der inkorporierten Pfarre Stephanshart mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen, welche 1487 eingeweiht wurde.

Wirklich existenzbedrohend für das Stift wurde die Lage dann im 16. Jahrhundert. Die Lehren Luthers erreichten auch Ardagger und fanden unter manchem Chorherrn und Vikar regen Zuspruch. Dies führte sogar so weit, dass die Vikare von Stephanshart und Zeilern öffentlich heirateten. Bei der Türkenbelagerung Wiens 1529 wurde auch das Stift von den Streifscharen heimgesucht. Stift, Kirche und Häuser der Kanoniker wurden geplündert und in Brand gesteckt. Die Kirche erlitt erheblichen Schaden durch den Einsturz des Gewölbes. Die im darauffolgenden Jahr von Erzherzog Ferdinand I erhobene „Türkensteuer“ kostete das Stift den für ihn so wichtigen Markt Ardagger, sowie aller Besitzungen jenseits der Donau. Die 1539 eingehobene Steuer zur Erneuerung der Wiener Universität belastete das bereits finanziell angeschlagene Stift weiter, sodass die Zahl der Chorherren auf zehn reduziert wurde, um den verbliebenen Chorherren ihre Präbenden zu sichern. Die schlechte soziale Lage der Bauern und die daraus resultierenden Bauernaufstände in Niederösterreich überstand das Stift dagegen relativ unbeschadet. Die Aufständischen begnügten sich mit Wein und Geld. Am 18. Februar 1597 unterzeichnete auch Stift Ardagger den Revers zu Amstetten, um eine „Friedenseinigung“ zu erzielen. mini|Ehemalige Propstei Unter Propst Melchior von Pergen wurde das Stift, dessen Zahl an Chorherren sich im Laufe der Zeit immer weiter reduzierte, im Jahre 1662 endgültig in eine Realpropstei umgewandelt. Die Aufgaben am Stift und an den inkorporierten Pfarren wurden ab da nur mehr von Vikaren wahrgenommen und deren Anzahl auf 6 festgelegt. Bis zur Auflösung von Stift Ardagger wurde die Propstwürde zusehends an Mitglieder des österreichischen Adels zur Einkommensaufbesserung vergeben. Im Zuge der Reformen Kaiser Josephs II und der Errichtung der Diözese St. Pölten wurde Stift Ardagger im Jahr 1784 aufgehoben. Die Stiftsgüter und Ländereien wurden aber von der Staatsgüteradministration dermaßen schlecht verwaltet, sodass diese in einer Versteigerung im Jahr 1811 an Graf Alois Geneco verkauft werden mussten. Der Käufer verpflichtete sich jedoch, als Patron der Stiftskirche und der zugehörigen Pfarren für deren Instandhaltung zu sorgen, erhielt im Gegenzug aber auch ein Präsentationsrecht auf den Pfarrer. Die ehemaligen Stiftsgüter und zugehörigen Liegenschaften wechselten in weiterer Folge mehrfach den Besitzer und befinden sich seitdem in Privatbesitz: 1837 kamen diese an Josef Gyay, noch im selben Jahr an Natalie Edle von Löwenberg und 1842 an Matthias Constantin Capello Reichsgraf von Wickenburg-Stechinelli. Dieser war Gouverneur der Steiermark und Schöpfer des Kurortes Bad Gleichenberg. Ab 1861 stellte die Familie Eltz, ab 1917 die Familie Ita die Guts- und Patronatsherren von Ardagger.

Das Patronat selbst wurde zusehends durch Einigungen zwischen den Eigentümern und der Kirche abgelöst. Nach dem Tod des letzten Propstes Josef Franz von Auersperg 1795 wurde Stift Ardagger auch formal in eine Titularpropstei umgewandelt. Der Titel „Propst von Ardagger“ wird bis heute noch von der Diözese St. Pölten an verdiente kirchliche Würdenträger verliehen. Aktuell trägt Propst Raimund Breiteneder diesen Titel. Die Seelsorge der Pfarre Stift Ardagger wird von Herrn Mag. Gerhard Gruber durchgeführt.

Stiftskirche und Ausstattung (Quellen:) Baugeschichte mini|Kreuzgang mit Dreikönigskapelle Der ursprüngliche Bau aus dem 11. Jahrhundert war eine dreischiffige, flach gedeckte frühromanische Pfeilerbasilika und ist noch teilweise in den Umfassungsmauern erhalten. Unter Propst Heinrich, welcher um 1224 bis 1240 Propst von Stift Ardagger sowie Passauer Dompropst war, erfolgte der Neubau der Kirche als spätromanische dreischiffige Basilika mit erhöhtem Chor und darunterliegender Krypta. Die ehemalige Flachdecke des Langhauses wurde erst zwischen 1567 und 1584 durch ein Kreuzgewölbe ersetzt, sowie der Boden auf das heutige Niveau angehoben. Das auch von Propst Heinrich gestiftete Margaretenfenster (1230–40) ist die älteste figürliche Glasmalerei Österreichs und zeigt ihn im unteren Rundmedaillon des Fensters mit einem Kirchenmodell der geplanten dreischiffigen Basilika mit zwei hohen Westtürmen. Diese wurden aber so nie gebaut. Der zur Ausführung gebrachte niedrige Kirchturm wurde 1780 erhöht, konnte jedoch das zusätzliche Gewicht nicht tragen. Er musste abgetragen und 1804 in der heutigen Gestalt neu errichtet werden.

Im 14. Jahrhundert erhielt die Kirche zahlreiche Umbauten im Stile der Gotik. Diese treten sowohl im Chor als auch im Langhaus und an den Strebepfeiler mit krabbenbesetzten Fialen und abschließenden Kreuzblumen in Erscheinung. An den gotischen Spitzbogenfenstern im Chor und Langhaus, der Sakramentsnische hinter dem linken Chornebenaltar, dem Westportal, sowie an dem Kreuzrippengewölbe der alten Sakristei, ist diese Stilepoche an der heutigen Stiftskirche gut sichtbar. Die bereits erwähnten Spitzbogenfenster wurden bei der Neueinwölbung des Langschiffes zugemauert, da das neue Gewölbe niedriger als das ursprüngliche höhere Gotische war. Diese wurden im Zuge der Restaurierung 1996 als Blindfenster wieder freigelegt.

Im 17. Jahrhundert erfuhr der Kirchenbau umfangreiche barocke Veränderungen unter Propst Caspar Stredele und seinem Nachfolger Propst Melchior von Pergen. Ein Großteil der heutigen Innenausstattung, wie das Chorgestühl, der 14 Nothelferaltar, sowie die Errichtung der Orgel und Kanzel fallen in diese Zeit. Auch die weitgehend erhaltene Stuckierung und Freskierung des Gewölbes in Hochchor und Langhaus wie auch der Dreikönigskapelle im Kreuzgang, verdankt Stift Ardagger dieser Bauperiode. Die vier großen Ölgemälde an den Seitenwänden des Chores sind zeitgleich mit den Fresken entstanden.

Abgesehen von der bereits erwähnten Neuerrichtung des Turmes erfolgten nach der Stiftsaufhebung 1784 nur mehr kleinere Um- und anbauten, welche vor allem die Vorbauten für das West- und Südportal und diverse Fenster- bzw. Türdurchbrüche betrafen. Die letzte große Renovierung wie auch zahlreiche Gebäudesicherungsmaßnahmen aufgrund der mangelnden Fundamentierung wurden 1996 durchgeführt.

Margaretenfenster mini|Margaretenfenster Das wohl bedeutendste Kunstwerk in der Stiftskirche ist das Margaretenfenster. Es ist um 1234 im Zuge der spätromanischen Bauphase entstanden und befindet sich im östlichen hohen, rundbogigen Achsenfenster der rechteckigen Apsis. Auch ist es das einzige fast vollständig erhaltene Glasgemälde mit szenischen Darstellungen dieser Zeit in Österreich und ist neben einem Fenster im Chorumgang der Kathedrale von Chartres das früheste bekannte Beispiel eines hagiographischen Zyklus der hl. Margareta. Bis auf ein verlorengegangenes Medaillon, dem erneuerten oberen Abschluss und einer in infolge von Restaurierungen des 19. Jahrhunderts nicht mehr ursprünglichen Anordnung, hat sich das Fenster bis heute unbeschadet und am ursprünglichen Platz erhalten. Im Jahr 1944 wurde das Fenster zum Schutz vor Kriegsschäden zugemauert, da nach Intervention in Ardagger ein Ausbau und eine damit einhergehende mögliche Beschädigung zu riskant war. Diese Entscheidung war, rückblickend betrachtet äußerst positiv für Stift Ardagger, weil ansonsten wohl das Fenster in den Wirren gegen Kriegsende verloren gegangen wäre.