mini|Rudolf Steiner, Foto von Otto Rietmann, um 1905 rahmenlos|klasse=skin-invert-image Rudolf Joseph Lorenz Steiner (* 25. oder 27. Februar 1861 in Nieder-Kraliewitz, Königreich Ungarn, Teil des Kaisertums Österreich, heute Kroatien; † 30. März 1925 in Dornach, Kanton Solothurn, Schweiz) war ein österreichischer Schriftsteller und Theosoph. Er war der Begründer der Anthroposophie.
Steiners Schaffen begann in Wien mit der Edition der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, redaktionellen Arbeiten an Magazinen und Lexika beziehungsweise Arbeiten als Herausgeber. Nach der Mitarbeit an der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken und philosophischen Abhandlungen zur Erkenntnistheorie erarbeitete Steiner nach 1900 in Berlin die Grundlagen der Anthroposophie. Er rezipierte nach 1902 die Lehren der Theosophie, wie sie in den Werken Helena Petrovna Blavatskys und anderer Theosophen vorlagen. Zwischen 1904 und 1910 stellte Steiner in grundlegenden Schriften und Vorträgen seine eigene Form der Theosophie dar. Er nannte sie „Geisteswissenschaft“, Geheimwissenschaft und ab 1910 auch Anthroposophie. Bei deren Ausarbeitung waren von großem Einfluss auch das Rosenkreuzertum, die Gnosis, die Philosophie des Deutschen Idealismus sowie Goethes Weltanschauung. Schon zu Beginn seiner Zugehörigkeit zur Theosophischen Gesellschaft, deren deutscher Sektion er seit 1902 vorstand, vertrat er eine eigene Esoterik westlicher Prägung mit Betonung des christlichen Elements. Ab 1907 machte er sich zunehmend unabhängig von der Theosophischen Gesellschaft, deren seiner Ansicht nach einseitig östliche Ausrichtung er nicht mitgehen wollte.
Auf der Grundlage seiner anthroposophischen Weltanschauung entwickelte Steiner neue Konzepte für unterschiedliche Praxisfelder. Dazu gehören die anthroposophische Architektur, die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Medizin, die anthroposophische Pharmazie, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Eurythmie und die Christengemeinschaft. Die von ihm behauptete Wissenschaftlichkeit seiner Ideen wird von den Wissenschaften als Parapsychologie und Pseudowissenschaft abgelehnt.Vgl. dazu unten den Abschnitt Rudolf Steiner#Das Problem der WissenschaftlichkeitMax von Laue, Gesammelte Schriften und Vorträge, Vieweg & Sohn, Braunschweig, 1961 Band 3, Seite 48–56John Heilbron, The Dilemmas of an Upright Man: Max Planck as Spoksman for German Science, University of California, Berkeley / Los Angeles / London, 1986, Seite 123f.Pseudowissenschaften, Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte, Hrsg.: Rupnow, Lipphardt, Thiel, Wessely, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2008, ISBN 978-3-518-29497-0, Seite 77–99 Ebenso wird die angebliche Hellsichtigkeit Steiners, die ihm als Grundlage seiner Erkenntnisse diente, von der Wissenschaft als Instrument der Forschung nicht anerkannt, zumal Steiner es ablehnte, seine Hellsichtigkeit mit wissenschaftlichen Methoden verifizieren zu lassen.
Steiners rassistische Ansätze und seine Konzeption einer deutlichen Hierarchie von ethnischen Gruppen werden heute kritisch diskutiert.
Leben und Werk Kindheit und Jugend (1861–1879) mini|Das Geburtshaus Rudolf Steiners in Donji Kraljevec Rudolf Steiners Geburtstag ist nach den meisten Nachschlagewerken und Biographien der 27. Februar 1861.Zum Beispiel: Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, München 2011, S. 25–26; Peter Selg: Rudolf Steiner 1861–1925. Lebens-und Werkgeschichte. Band 1: Kindheit, Jugend, Wien (1861–1890). 1. Auflage der siebenbändigen Ausgabe. Verlag des Ita Wegman Instituts, Arlesheim 2017, ISBN 978-3-905919-03-5, S. 44; Martina Maria Sam: Rudolf Steiner: Kindheit und Jugend 1881–1884. Verlag am Goetheanum, Dornach 2018, ISBN 978-3-7235-1591-4. Steiner selbst gab in seinen autobiographischen Selbstzeugnissen einmal den 25. Februar und zweimal den 27. Februar 1861 an.Beide Geburtsdaten dokumentiert in: Walter Kugler (Hrsg.): Rudolf Steiner. Selbstzeugnisse. Autobiographische Dokumente. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2007; auch zitiert in: Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik (1861–1925). Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1988, ISBN 3-7725-0905-3, S. 27; Helmut Zander: Rudolf Steiner. Eine Biografie. Piper Verlag, München und Zürich 2011, ISBN 978-3-492-05448-5, S. 13 und 14 (Zander hält den 25. Februar für eine „versehentliche Verlegung“ Steiners um zwei Tage nach vorne); Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61205-3, S. 13 und 249.
Steiner entstammte einfachen Verhältnissen. Seine Elterns. Martina Maria Sam: Rudolf Steiners Familie. II – Die Eltern. Marginalien zu Rudolf Steiners Leben und Werk 21. In: Das Goetheanum vom 23. Juli 2022. https://dasgoetheanum.com/rudolf-steiners-familie-ii-die-eltern/, Franziska Steiner, geborene Blie (1834–1918) und der Bahnbeamte Johann Steiner (1829–1910) kamen aus dem niederösterreichischen Waldviertel und hatten sich in Nieder-Kraliewitz (, ) angesiedelt, das damals zum Königreich Ungarn (Komitat Zala, Königreich Kroatien und Slawonien) gehörte.
Steiner hatte zwei jüngere Geschwister: Leopoldine (1863–1927), die als Näherin bis zu deren Tod bei den Eltern wohnte, und Gustav (1866–1941), der gehörlos geboren wurde, zeitlebens auf fremde Hilfe angewiesen war und den Rudolf Steiner bis an sein Lebensende unterstützte. Der Vater war zuvor als Förster und Jäger in Diensten des Horner Reichsgrafen Hoyos (ein Sohn von Graf Johann Ernst Hoyos-Sprinzenstein) tätig; als dieser ihm 1860 seine Zustimmung zur Hochzeit verweigerte, quittierte er den Dienst und fand eine Anstellung als Bahntelegrafist bei der Südbahn-Gesellschaft. Kurz hintereinander arbeitete er als Bahnwärter an drei Orten im Wiener Becken (bzw. südlich des Wiener Beckens) – am zweiten Ort, Donji Kraljevec, wurde Rudolf geboren; am dritten, in Mödling (ab 1862) lebte die Familie nur einige Monate. Anfang 1863 wurde er Stationsvorsteher der Semmeringbahn in Pottschach, wo Rudolf Steiner seine frühen Kindheitsjahre verbrachte. 1869 zog die Familie auf die ungarische Seite der Leitha bei Neudörfl (ungarisch Lajta-Szent-Miklós), 1879 nach Inzersdorf, 1882 nach Brunn am Gebirge.
Steiner wurde katholisch getauft, nahm bis zu seinem zehnten Lebensjahr regelmäßig an Gottesdiensten teil und war als Chorknabe und Ministrant tätig. Später erklärte Steiner in einem Rückblick, dass er den kirchlichen Kultus als Ministrant zwar kennengelernt habe, es aber nirgends Frömmigkeit oder Religiosität gegeben habe und ihm gewisse Schattenseiten des katholischen Klerus vor Augen getreten seien.Rudolf Steiner/Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901–1925 (= Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Band 262). 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Basel 2014, ISBN 978-3-7274-2622-3, S. 16. Zitiert in: Peter Selg: Rudolf Steiner. 1861–1925. Lebens- und Werkgeschichte. Band 1: Kindheit, Jugend, Wien (1861–1890). Verlag des Ita Wegman Instituts, Arlesheim 2017, ISBN 978-3-905919-03-5, S. 8. In der Realschule nahm Rudolf Steiner nur die ersten vier Jahre pflichtgemäß am Religionsunterricht teil, für den Rest der Schulzeit machte er von der möglichen Befreiung Gebrauch. Er wurde auch nicht gefirmt, weil die Familie keinen Wert darauf legte. Er berichtete 1913, schon als Kind erste Erfahrungen mit Hellsichtigkeit gehabt zu haben. So habe er im Alter von sieben Jahren in einer Vision seine Tante gesehen, die fast zeitgleich an einem weiter entfernten Ort Suizid begangen hatte. Helmut Zander vermutet, dass er diese Geschichte als „arrivierter Okkultist“ verbreitete, um sich als jemanden darzustellen, der bereits als junger Mensch außergewöhnliche Erfahrungen gemacht habe.Helmut Zander: Die Anthroposophie: Rudolf Steiners Ideen zwischen Esoterik, Weleda, Demeter und Waldorfpädagogik. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN 978-3-506-79225-9, S. 212. Der Religionswissenschaftler Cees Leijenhorst gibt an, dass Steiner, da er diese inneren Erfahrungen mit niemandem teilen konnte, sich oft in sich selbst zurückgezogen und sich zunehmend für Esoterik interessiert habe.Cees Leijenhorst: Steiner, Rudolf. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Band 2, Brill, Leiden/Boston 2005, S. 1084. Als er ab dem achten Lebensjahr in Neudörfl zur Grundschule ging, lebte er in Ungarn in einer deutschsprachigen Enklave und lernte im Geschichtsunterricht erst die ungarische und dann die deutsche bzw. habsburgische Geschichte kennen. Um dagegenzuhalten, erzog ihn sein autoritärer Vater in einem nationalistischen Geist.
Wiener Neustadt: Oberrealschule (1872–1879) Steiner bestand nach drei Jahren die Aufnahmeprüfung in die Bürgerschule von Wiener Neustadt. Besonders interessierte ihn die Geometrie. Als Jugendlicher von sechzehn Jahren las er nach eigenen Angaben Kants Kritik der reinen Vernunft.Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik. 1861–1925. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1988, ISBN 3-7725-0905-3, S. 9–10; Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biographie. Piper, München 2011, S. 16–19.
Wien (1879–1890) mini|hochkant|Der 21-jährige Student in Wien, um 1882
Nach dem Besuch der Oberrealschule Wiener Neustadt, an der er am 5. Juli 1879 die Matura mit Auszeichnung bestand, konnte Steiner dank eines Stipendiums ab Oktober 1879 an der Technischen Hochschule in Wien studieren.Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik. 1861–1925. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1988, ISBN 3-7725-0905-3, S. 64. Sein Hauptfach war Mathematik, Nebenfächer waren Chemie, Physik, Geologie, Mineralogie, Biologie, Botanik, Zoologie, Mechanik und Maschinentechnik. Steiners Studienziel war das Lehramt an Realschulen. Daneben besuchte er Lehrveranstaltungen über deutsche Literatur und ging auch wegen philosophischer, literarischer, historischer und medizinischer Fragen an die Wiener Universität, wo er, ohne gymnasiale Matura in Latein,Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. Beck, München 2011, S. 15 und 17.Peter Selg: Rudolf Steiner. 1861–1925. Lebens-und Werkgeschichte. Band 1: Kindheit, Jugend, Wien (1861–1890). 1. Auflage der siebenbändigen Ausgabe. Verlag des Ita Wegmann Instituts, Arlesheim 2017, ISBN 978-3-905919-03-5, S. 117. nur einen Gaststatus hatte. Während des Studiums lernte er den protestantischen Germanisten Karl Julius Schröer kennen, der für ihn ein intellektueller Ziehvater wurde: Er übte mit seinem Deutschnationalismus, vor allem aber mit seiner Goethebegeisterung einen nachhaltigen Einfluss auf Steiner aus.Helmut Zander: Die Anthroposophie: Rudolf Steiners Ideen zwischen Esoterik, Weleda, Demeter und Waldorfpädagogik. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, S. 212 f.