Tallinn (deutsche Aussprache [], estnische Aussprache []) ist die Hauptstadt sowie das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Estlands und mit rund 457.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes sowie nach Riga und Vilnius drittgrößte Stadt des Baltikums. Sie liegt am Finnischen Meerbusen der Ostsee, etwa 80 Kilometer südlich von Helsinki.

Bis zum 24. Februar 1918 hieß Tallinn amtlich Reval [], ein im deutschsprachigen und schwedischsprachigen Raum auch danach noch gebräuchlicher Name. Im Niederdeutschen lautet der Name Revel.Arved von Taube: Reval/Tallinn. Walter Rau Verlag, Düsseldorf / Kempen/Allgäu 1979, ISBN 3-7919-0187-7, S. 20. Andere alte Namen sind (Rewel) und vormals Колывань (Kolywan), , oder Reuel.

Den Namen Tallinn trug die Stadt im Estnischen bereits seit der Eroberung durch den dänischen König Waldemar im Jahr 1219. Er wird üblicherweise abgeleitet von Taani-linn(a), was „Dänische Stadt“ oder „Dänische Burg“ () bedeutet.

Geographie Klima Tallinn ist durch ein kaltes Klima geprägt. Die größten Niederschlagsmengen werden im August verzeichnet.

Stadtgliederung mini|Stadtgliederung Tallinns|alternativtext=Grafische Karte von der Stadt mit den genannten Stadtteilen, die von grünen (Land) und blauen (Meer) Flächen umgeben sind. mini|Tallinn aus dem All|alternativtext=Satellitenaufnahme von der Stadt mit einer großen Wasserfläche in der Stadt. Die umliegenden Orte, das Meer und die linke Insel sind gut zu erkennen. Tallinn ist unterteilt in die Stadtteile Haabersti, Kesklinn, Kristiine, Lasnamäe, Mustamäe, Nõmme, Pirita und Põhja-Tallinn sowie 84 Stadtviertel. Haabersti: Astangu, Haabersti, Kakumäe, Mäeküla, Mustjõe, Õismäe, Pikaliiva, Rocca al Mare, Tiskre, Väike-Õismäe, Veskimetsa, Vismeistri Kesklinn: Aegna, Juhkentali, Kadriorg, Kassisaba, Keldrimäe, Kitseküla, Kompassi, Luite, Maakri, Mõigu, Raua, Sadama, Sibulaküla, Südalinn, Tatari, Tõnismäe, Torupilli, Ülemistejärve, Uus Maailm, Vanalinn, Veerenni Kristiine: Järve, Lilleküla, Tondi Lasnamäe: Katleri, Kurepõllu, Kuristiku, Laagna, Loopealse, Mustakivi, Pae, Paevälja, Priisle, Seli, Sikupilli, Sõjamäe, Tondiraba, Ülemiste, Uuslinn, Väo Mustamäe: Kadaka, Mustamäe, Sääse, Siili Nõmme: Hiiu, Kivimäe, Laagri, Liiva, Männiku, Nõmme, Pääsküla, Rahumäe, Raudalu, Vana-Mustamäe Pirita: Iru, Kloostrimetsa, Kose, Laiaküla, Lepiku, Maarjamäe, Mähe, Merivälja, Pirita Põhja-Tallinn: Kalamaja, Karjamaa, Kelmiküla, Kopli, Merimetsa, Paljassaare, Pelgulinn, Pelguranna, Sitsi

Nachbarschaft Tallinn grenzt im Nordosten an Viimsi, im Osten an Jõelähtme, im Südosten an Rae, im Süden an Saku, im Südwesten an Vasalemma und im Westen an Harku.

Geschichte Die Ursprünge Tallinns gehen auf eine hölzerne Burg (auf dem heutigen Domberg) und einen vermuteten estnischen Handelsplatz zurück, die Mitte des 11. Jahrhunderts gebaut wurden.Zur Geschichte Revals bis zur Reformation im Folgenden vgl. Eugen von Nottbeck, Wilhelm Neumann: Geschichte und Kunstdenkmäler der Stadt Reval. Band 1: Die Geschichte der Stadt Reval. Franz Kluge's Verlag, Reval 1904, (Nachdruck: V. Hirschheydt, Hannover 1973, ISBN 3-7777-0940-9, S. 1–60); Paul Johansen, Heinz von zur Mühlen: Deutsch und Undeutsch im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reval. Köln/Wien 1973, ISBN 3-412-96172-8, S. 28–85; Heinz von zur Mühlen: Siedlungskontinuität und Rechtslage der Esten in Reval von der vordeutschen Zeit bis zum Spätmittelalter. In: Zeitschrift für Ostforschung (ZfO). 18 (1969), S. 630–647 (doi:10.25627/19691842256). Zur gleichen Zeit wurde der Hafen Tallinns angelegt.

Namen Der deutsche und dänische Name Reval rührt vom estnischen Namen des historischen Kleingebietes her, dessen Zentrum der Ort war, und wurde für die Burg und die spätere Stadt erst von Dänen und Deutschen geprägt (, nach Heinrich von Lettland Revele, nach dem Waldemar-Erdbuch Revælæ). Der estnische Name Tallinn leitet sich aus ‚tani linna‘ her und bedeutet ‚dänische Burg‘. In altrussischen Schriften ist der Ort als ‚Колывань‘ (Kolywan) erwähnt.

Dänische Herrschaft mini|Blick auf den Domberg|alternativtext=Farbige Panoramaaufnahme von einer Stadt mit einem Felsenberg in der Mitte, auf dem eine orthodoxe Kirche und ein Dom sind. In deren Mitte steht ein runder Burgturm. Viele alte Häuser und Türme mit braunen Dächern verzieren den Vordergrund, während hinten moderne Gebäude und Fabriken sind. mini|Teil der mittelalterlichen Stadtmauer|alternativtext=Farbfotografie in der Obersicht von Häusern und mittelalterlichen Wachtürmen mit braunen Dächern, die quer von unten rechts nach oben links gehen. Zwischen den beiden vorderen Türmen ist eine kleine Steinmauer. Im Hintergrund sind eine Grünanlage und moderne Gebäude.

Im Jahre 1219 eroberte der dänische König Waldemar II. die alte estnische Burg (Schlacht von Lyndanisse) auf dem Domberg, errichtete sie neu und begann mit dem Bau einer Domkirche für den von Dänemark um 1167 im Zuge seiner Missionierung ernannten Bischof der Esten, Suffragan des Erzbischofs von Lund. Dänemark konnte die Burg jedoch nicht lange gegen die aufständischen Esten und die vordringenden Deutschen halten. 1227 eroberte der Schwertbrüderorden Reval mit päpstlicher Genehmigung und erhielt die Burg und einen Großteil des heutigen Estland zur Verwaltung aus der Hand des päpstlichen Statthalters in Estland.

Wahrscheinlich um seine Stellung gegen die ländlichen Vasallen zu stärken, ließ der Schwertbrüderorden im Jahre 1230 aus Gotland 200 westfälische und niedersächsische Kaufleute anwerben, die sich, mit Zollfreiheit und Land belehnt, unterhalb der Burg ansiedelten. Obwohl eine Gründungsurkunde nicht überliefert ist, ist hierin wohl die eigentliche Gründung einer Stadt Reval zu sehen.

Als der Orden es ablehnte, seine Lehnsherrschaften und die Burg drei Jahre später wieder an den päpstlichen Legaten zu übergeben, machte der dänische König seine Ansprüche auf Reval und Estland wieder geltend. Nach der vernichtenden Niederlage in der Schlacht von Schaulen im Jahre 1236 strebte der Schwertbrüderorden die Vereinigung mit dem Deutschen Orden an, die der Papst nur gegen die Herausgabe Revals genehmigte. So ging der Schwertbrüderorden 1237 als Livländischer Orden in den Deutschen Orden über, und Reval kam 1238 zurück an Dänemark. In diesem Zusammenhang wurde Reval zum ersten Mal als civitas (Bürgerschaft, Stadt) erwähnt.

Unter der erneuten dänischen Herrschaft bis 1346 gewann die Stadt rasch an Größe und wirtschaftlicher Bedeutung. 1248 erhielt sie vom dänischen König das lübische Stadtrecht, das bis 1865 galt. Dieses galt allerdings nicht auf dem Domberg. Mit derselben Urkunde wurden die ersten Ratsherren ernannt. Die Stadt erhielt nach und nach umfangreiche Privilegien, die sie vom Landesherrn weitestgehend unabhängig machten. Die Amtssprache in Tallinn war bis 1889 Deutsch.

Obwohl Reval unter (zunehmend lockerer) dänischer Herrschaft stand, behielt die Stadt eine deutsche Oberschicht, und da diese fast ausschließlich aus Kaufleuten bestand, wurde ein enger Kontakt zur Hanse unterhalten. Dass sich Reval als der Hanse zugehörig betrachtete, ist bereits für 1252 belegbar und findet spätestens 1285 ausdrückliche Erwähnung. Von wirtschaftlicher Bedeutung war die dänische Entscheidung von 1294, allen deutschen Kaufleuten den Handelsweg nach Nowgorod über Reval und Narwa zu gestatten. Damit konnte Reval zu einem Knotenpunkt des hansischen Ostseehandels werden.

Reval und der Deutsche Orden mini|Ansicht von 1630|alternativtext=Kupferstich von der Stadt mit einer Stadtmauer und zwei Kirchen. Vor der Mauer sind drei Orte mit Häusern und rechts ist der Hafen mit einlaufenden Segelschiffen. In den Wolken ist der deutsche Name „Revalia“ vermerkt. mini|Revalia (Reval) um 1650 (Kupferstich von Adam Olearius)|alt=Kupferstich von der Stadt mit der Aufschrift „Revalia“. Der Berg mit der Burg und dem Dom ist rechts zu sehen. Weitere bekannte Gebäude sind links gemalt und mit Buchstaben versehen, die in der linken oberen Legende benannt sind. Links ist der Hafen und vor der Stadtmauer sind Bäume eingezäunt. mini|Karte Revals von 1810|alternativtext=Farbfotografie einer alten, geknickten Karte mit farbig markierten Stadtteilen, Grünflächen und Wasserwegen. Die Beschriftung ist in kyrillischer Schrift.

Nach der Niederschlagung eines großen Estenaufstandes mit der Hilfe des Deutschen Ordens entließ der dänische König 1346 seine estländischen Vasallen aus ihrem Treueid und verkaufte seine Rechte an Nord-Estland dem Deutschen Orden. Reval, das sich im Jahr vor dem Verkauf alle bestehenden und einige neue Privilegien durch den dänischen König hatte bestätigen lassen, bekam nun durch den neuen Landesherrn sämtliche Privilegien zugesichert und konnte so seine rechtliche und autonome Stellung während des Wechsels noch ausbauen.

Reval, Teil des „Livländischen Drittels“ der Hanse, erhielt 1346 zusammen mit Riga und Pernau das Stapelrecht, das alle mit Russland Handel treibenden Kaufleute dazu verpflichtete, eine der drei Städte anzulaufen und für einen Zeitraum von drei bis acht Tagen ihre Waren auf dem Markt anzubieten. Mehrere exklusive Handelsrechte für die Revaler Kaufleute beendeten den bis dahin für jeden offenen Freihandel in der Stadt. Die bisher wichtigste Handelsstadt der Ostsee, Wisby, gelangte nach der Plünderung durch den dänischen König 1361 und in den darauf folgenden Kriegsjahren nicht wieder zu ihrer vorherigen Vormachtstellung; und als zur Jahrhundertwende die Vitalienbrüder aus der Ostsee verbannt worden waren, wurde Reval die wichtigste Stadt des hansischen Osthandels.

Der Russlandhandel blieb allerdings nicht immer ungetrübt. Nach mehreren unsicheren Jahren brach 1471 der Handel mit Nowgorod (heute Weliki Nowgorod) durch Angriffe der Moskauer ganz ab, und 1478 wurde das bis dahin unabhängige Fürstentum von den Moskauern endgültig erobert. Das Großfürstentum Moskau führte Krieg gegen Livland, mit dem es nun eine gemeinsame Grenze besaß. Der Einfall der Moskauer Russen in Livland 1481 brachte der von Flüchtlingen überfüllten Stadt einen schweren Pestausbruch. Weitere schwere Seuchenjahre der Stadt waren 1464, 1495/96 und 1519/20. Nach einer kurzen Friedensperiode, in der das Nowgoroder Handelskontor wieder eröffnet und erneut geschlossen wurde, folgte 1501–1503 ein erfolgreicher Kriegszug des Deutschen Ordens gegen Moskau, an den sich ein bis 1558 dauernder Friede anschloss.

Die Kriege mit den Moskauer Russen brachten für Livland und Reval schwere wirtschaftliche und Bevölkerungsverluste. Erst 1514 gelang die erneute Errichtung einer Handelsbeziehung der livländischen Städte Reval und Dorpat mit Nowgorod, die zu einer neuen wirtschaftlichen Blüte bis in die 1550er Jahre führte. Im 16. Jahrhundert hatte die Stadt ca. 6000–7000 Einwohner.

Die Reformation erreichte Reval 1523/24. Ihren endgültigen Durchbruch erlebte sie, als sich im Juli 1524 Vertreter der livländischen Städte und Ritter im Revaler Rathaus versammelten und beschlossen, bei der protestantischen Lehre zu bleiben und sie mit allen Mitteln zu verteidigen. Im September 1524 kam es zu einem Bildersturm, dem die Ausstattung dreier Kirchen zum Opfer fiel. Die Verluste blieben dabei verhältnismäßig gering, da der Rat bereits am nächsten Tag die öffentliche Ordnung wiederherstellen konnte und für die Rückerstattung der geraubten Kunstschätze sorgte. Insgesamt verlief die Reformation in Livland und in Reval unblutig. Am 9. September 1525 wurde die neue Lehre in Reval durch den Erlass einer lutherischen Kirchenordnung seitens des Rates und der Gilden „amtlich“.

Schutzmacht Schweden und russische Herrschaft mini|Reval um 1900|alternativtext=Ölgemälde von einer Stadt mit einem bebauten Berg auf der rechten Seite. Kirchen und Wachtürme zieren das Stadtbild. Vorne sind begrünte Hügel und Gleise mit Fabrikgelände zu sehen.