Das spätantike Kastell Rutupiae befindet sich in der Nähe des heutigen Richborough, Grafschaft Kent in England, Distrikt Dover.

Richborough war von 43 n. Chr. bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahre 410, von den Römern besetzt. Seine Bedeutung erlangte es als Marinestützpunkt und Basislager für die Eroberung der Insel mit der Invasion Britanniens durch Kaiser Claudius im Jahre 43 n. Chr. Während der römischen Besatzungszeit entwickelte sich neben dem Kastell auch eine Zivilsiedlung bzw. ein wichtiger Handels- und Transithafen. Es war eines der beiden Haupttore zum römischen Britannien und somit eine der meistfrequentierten Anlaufstellen für den Schiffsverkehr, der die Insel mit Portus Itius/Gesoriacum (heute Boulogne-sur-Mer) an der gallischen Küste verband. Die römische Flotte kontrollierte von hier aus die Gewässer des Ärmelkanals und der Nordsee. Im 3. Jahrhundert war Rutupiae in die Kastellkette des sogenannten Litus Saxonicum (Sachsenküste) integriert, ein wichtiger Bestandteil des spätantiken Limes Britannicus.

Name mini|Die Route Canterbury–Richborough–Dover–Lympne auf der Tabula Peutingeriana (4. Jahrhundert) Wahrscheinlich stammt der Name Rutupiae (= „trübes Wasser“ oder „die schlammige Flussmündung“) aus dem keltischen Sprachbereich.

Richborough wird in der geographischen Abhandlung des Claudius Ptolemäus im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. als Rutupiai bezeichnet. Das im späten 2. Jahrhundert entstandene Itinerarium Antonini erwähnt Richborough an drei Stellen, einmal im Iter BritanniarumA Gessoriaco de Galliis Ritupis in portu Britanniarum. Stadia numero CCCCL. „Von Gesoriacum in Gallien, zum Hafen von Britannia, Ritupiae, 450 Stadien.“, daneben zweimal im Iter II, „Der Weg vom Wall zum Hafen von Ritupiae“.Item a vallo ad portum Ritupis mpm cccclxxxi. Hier werden auch alle Straßenstationen vom Hadrianswall bis nach Richborough aufgezählt. Die Entfernung zwischen dem Portus Ritupiae und der vorletzten Station, Durovernum (Canterbury), wird mit zwölf Meilen angegeben.The Antonine Itinerary. In der Tabula Peutingeriana ist der Ort als Rutupis eingetragen. In der Notitia Dignitatum scheint Rutupis im späten 4. Jahrhundert als Garnisonsort des Litus Saxonicum zwischen Regulbium (Reculver, Kent) und Anderitum (Pevensey, East Sussex) auf. Darüber hinaus wird Richborough im 7. Jahrhundert noch in der Cosmographia des Geographen von RavennaR & C Nr. 73., als Rutupiae, dieses Mal zwischen Durovernum Cantiacorum (Canterbury) und Durobrivae (Rochester, Kent), erwähnt.

Lage und Funktion miniatur|Die Sachsenküstenkastelle um 400 n. Chr. Die Besatzung des Kastells sicherte – zusammen mit Kastell Regulbium – einen der wichtigsten Hafenorte der britischen Provinzen, den südlichen Eingang des Wantsum-Kanals, die Insel Thanet und den Eingang zum Stour-Tal. Von hier aus konnte man relativ problemlos den Oceanus Britannicus nach dem gallischen Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer) überqueren. Das Kastell lag etwas nördlich von Sandwich (Kent), nahe der Ostküste von Kent. Es stand auf einem niedrigen, isolierten Hügel, einem Ausläufer der Canterbury Downs, der sich 18 m über dem Meeresspiegel erhebt und heute zur Gänze von Marschland umgeben ist. Im Norden und Westen breiten sich Ebenen aus, die ihn von der Isle of Thanet trennen, diese erstrecken sich auch nach Osten und Süden, wo der Stour ins Meer mündet. Nur im Westen und Südwesten ist der Sumpfgürtel schmäler, von dort aus kann man die Hochebene im Landesinneren erreichen. Es ist auch heute noch ein etwas abgelegener Ort und der letzte Aussichtspunkt vor der Küste. In römischer Zeit war der Kastellhügel eine Halbinsel und an zwei Seiten vom Meer umgeben, abgesehen vom Süden und Westen. Der damals noch schiffbare Wantsum-Kanal war ein großer Gezeitendurchlass, der Schiffen, die in die Themse/Thamesis einlaufen wollten, eine sichere Passage nach London/Londinium garantierte, ohne die Risiken, die eine Umfahrung der Insel Thanet auf offener See mit sich brachten. Er ist im Lauf der Jahrhunderte verlandet, nur Marschland und Deiche markieren die Stellen, wo in der Antike noch ein reger Schiffsverkehr möglich war. Die Ruine des Sachsenküstenkastells liegt daher heute circa drei Kilometer landeinwärts. Der antike Hafen ist heute ebenfalls Sumpfland. Am Rand des Kastellareals steht heute eine Fabrik, das östliche Ende des Lagers wurde ab dem 15. Jahrhundert durch Erosion und später noch durch die Anlage einer Eisenbahnlinie zerstört. Der Ort war auch Ausgangspunkt der Watling Street, eine Fernstraße, die zunächst nach London und dann über St. Albans und Wroxeter bis nach Zentralwales und in den Norden führte. Heute erinnert nur noch ein schmaler Feldweg, westlich von Richborough, an sie.Victoria County History of Kent, 1932, S. 24.

Forschungsgeschichte mini|Historische Karte Küstenverlauf, Insel Thanet und Wantsumkanal im 18. Jahrhundert John Leland beschrieb 1540 erstmals die Mauern des Sachsenküstenkastells und die Fundamente des Triumphbogens. Weitere Berichte über römische Hinterlassenschaften wurden von William Boys im Jahre 1799 verfasst. Er erwähnt die Spuren von Straßen, die westlich des Kastells verliefen. 1846 wurden beim Bau der Eisenbahnlinie östlich des Kastells Mauerreste aus Feuerstein und Ziegeln und eine Apsis zerstört. 1849 wurden Teile des Amphitheaters freigelegt. Im Jahr 1887 fand George Dowker die Reste von antiken Steingebäuden mit Mosaikböden. 350 m weiter südlich wurden bei Eisenbahnbauarbeiten im Jahre 1926 nahe dem Amphitheater die Reste von zwei romano-britischen Tempeln, ein Gräberfeld, Brennöfen und weiteren römischen Gebäuden entdeckt. Die Ruinenstätte wurde 1894 von der Kent Archaeological Society aufgekauft, zunächst einem Gremium von Treuhändern überantwortet und eingezäunt; später wurde das Areal in das National Heritage of England übernommen.

Die umfangreichsten Ausgrabungen wurden von Joselyn P. Bushe-Fox – im Auftrag der Society of Antiquaries of London und dem Minister für öffentliche Bauten und Arbeit – mit Hilfe von arbeitslosen Bergleuten in den 1920er und 1930er Jahren durchgeführt. Zwischen 1959 und 1969 führte die Kent Archeological Rescue Unit (KARU) Ausgrabungen im Kastell durch. 1965 erkannte Ian Archibald Richmond, dass die Fundamente im Zentrum des Kastells und Marmorfragmente zu einem Triumphalmonument gehörten. Eine abschließende Zusammenfassung der Grabungsergebnisse wurde von Barry Cunliffe 1968 herausgegeben. Im Jahre 2000 fertigte man Luftaufnahmen des antiken Stadtareals an. 2001 wurden zur Vervollständigung 22 ha des Grabungsgeländes geophysikalisch untersucht. Hierbei konnten vor allem der genaue Verlauf der römischen Straßen geklärt werden. In den Jahren 2001 und 2008 konnten Archäologen des English Heritage bestätigten, dass der antike Küstenverlauf mit dem heutigen Flussbett des Stoure fast identisch ist.Tony Willmott 2003, S. 71–72 und 2012, S. 46–48

Entwicklung mini|Befundskizze des Kastellhügels

mini|Reste der Mansio von Westen mini|Gebäude in der Nordwestecke des Kastells mit Blick auf die Reste des Triumphbogens im Hintergrund. Die Ufer des Wantsum-Kanals wurden schon seit der späten Bronzezeit besiedelt. Auch der Kanal selbst war vermutlich seit prähistorischer Zeit ein wichtiger Verkehrsweg. Bei Richborough wurden Spuren einer größeren Siedlung aus dem 7.–6. Jahrhundert v. Chr. beobachtet. Keramikscherben der frühen Eisenzeit, die in einigen Fällen mit Gräben in Verbindung gebracht wurden, zeugen ebenfalls von einer Besiedlung des Hügels in vorrömischer Zeit. Zur Zeit der römischen Invasion wurde die Region von den kelto-britischen Stämmen der Catuvellauni, Atrebaten und Trinovanten beherrscht.

Im Jahr 43 n. Chr. landeten die Römer unter Kaiser Claudius im Zuge ihrer zweiten Invasion in Britannien. Rutupiae war einer ihrer Brückenköpfe, hier ging Aulus Plautius wohl mit den Großteil der Truppen – wahrscheinlich bis zu drei Legionen – an Land. Die Legio II Augusta unter dem Befehl Vespasians betrat etwas weiter südlich britischen Boden. Die Okkupationsarmee wird heute auf ungefähr 800 Schiffe und 40.000–50.000 Mann geschätzt. Zu dieser Zeit war dieser Ort eine gut geschützte Lagune zwischen der Küste und der Insel Thanet (Thanatusins). Archäologische Ausgrabungen haben ergeben, dass sofort nach der Landung begonnen wurde, den Brückenkopf zu befestigen und eine Infrastruktur aufzubauen.

Fast der gesamte Richborough Hill war wahrscheinlich während der Römerzeit großflächig bebaut. Heute sind in der nordöstlichen Ecke nur noch die Überreste des Sachsenküstenkastells sichtbar, das in den letzten Jahrzehnten der römischen Herrschaft den Kern des Hafenortes bildete. Die Ausgrabungen von Bushe-Fox für die Society of Antiquaries haben jedoch gezeigt, dass dem Kastell noch eine ganze Reihe von anderen Gebäuden vorausgingen, von denen einige militärische und andere offenbar zivilen Ursprungs waren. Nach Konsolidierung ihrer Herrschaft im südöstlichen Britannien in der Mitte des 1. Jahrhunderts wurde Rutupiae zur bedeutendsten Marine- und Nachschubbasis für das weitere Vordringen der Römer in Britannien. Neue Militärstraßen wurden von hier in Richtung Canterbury und London angelegt, zahlreiche Holzbauten an einem gitterförmigen Straßennetz errichtet, um die Soldaten und Versorgungsgüter darin unterzubringen. Um das Jahr 85 änderte sich das Erscheinungsbild Rutupiaes grundlegend, die provisorischen Holzbauten der Gründungszeit wurden beseitigt und teilweise durch solidere Steinkonstruktionen und einen monumentalen Triumphbogen (Quadrifrons) ersetzt. Die Standorte derartiger Monumente hatten für die Römer eine große symbolische Bedeutung. Die Aufstellung des Monuments ist daher auch das stärkste Indiz dafür, dass Claudius’ Invasionstruppen hier tatsächlich zuerst britischen Boden betraten. In weiterer Folge sollte er aber wohl auch die Unterjochung der einheimischen Bevölkerung und Roms Macht hervorheben. Der militärische Fokus verlagerte sich jetzt aber in den Norden und Westen der Insel. Rutupiae wurde zudem vom 25 km entfernten Portus Dubris/Dover als Hauptversorgungs- und Marinestützpunkt abgelöst. Trotzdem entwickelte es sich zu einer blühenden Küstenstadt, zu ihrer Infrastruktur zählte nun auch eine große Mansio (Herberge). Die Stadt war im ganzen Römischen Reich auch für die Qualität ihrer Austernbänke bekannt. Diese werden bei Juvenal als auf einer Stufe mit denen vom süditalienischen Lukriner See/Lucrinus Lacus erwähnt.Victoria County History of Kent 1932, S. 25, Juvenal, Satiren 4, 141.

Um die Mitte des 3. Jahrhunderts erforderten drastische politische und wirtschaftliche Umwälzungen im Reich eine Befestigung der damals offenbar schon weitgehend zerstörten Hafenstadt. Möglicherweise hatte sich ein Großteil der wirtschaftlichen Aktivitäten nach Londinium verlagert. Man errichtete rund um den Triumphbogen zunächst eine provisorische Befestigung. Ein Großteil des Areals der Zivilstadt wurde planiert, auch der inzwischen wohl ebenfalls schon verfallene Quadrifrons wurde vollständig abgetragen. Mit dem Abbruchmaterial wurden die massiven Wehrmauern des Sachsenküstenkastells hochgezogen und sein Marmor zu Kalk gebrannt. Es scheint, dass mit seinem Bau um 277 begonnen und dieser 285 beendet wurde. Als die Kastellmauern fertiggestellt waren, wurden auch die restlichen Erdwerke und Gräben abgetragen bzw. zugeschüttet. Die Festung wurde vermutlich vom Usurpator Carausius zur Abwehr einer Invasion durch Truppen der römischen Zentralregierung in Auftrag gegeben. Eine neue Bedrohung in Gestalt von angelsächsischen und fränkischen Piraten trat nun in Erscheinung. Sie waren die Vorhut der späteren sächsischen Siedler, die sich bald, über die Nordsee kommend, dauerhaft in Britannien festsetzen sollten. Der Limes an der „Sachsenküste“ wurde als eigenständiger Militärbezirk eingerichtet bzw. stärker befestigt. An der Mündung des Wantsum wurde im Zuge dessen u. a. auch das Lager von Regulbium/Reculver errichtet.Donald White: 1961, S. 36.