mini|Die Sachsenküstenkastelle um 400 n. Chr. mini|Gelände des ehemaligen römischen Kastells, im Vordergrund die Türme der Ruine der Marienkirche mini|Plan des Kastells mini|Überreste des Osttores (Nordturm) mini|Überreste der Ostmauer mini|Überreste der NO-Ecke mini|Überreste der Südmauer mini|Skizze der Bauinschrift aus den Principia mini|Lage von Regulbium am nördlichen Ende des ehemaligen Wantsum Channels in der Nähe der Themsemündung mini|Funde und Rekonstruktionszeichnung im Herne Bay Museum mini|Mauerrest der St. Mary’s Church mit römischen Ziegeln

Regulbium war Bestandteil der Kastellkette an der britischen Sachsenküste (SK) in England, an der nördlichen Küste der Grafschaft Kent, Distrikt City of Canterbury beim ehemaligen Reculver, einem seit dem 19. Jahrhundert wegen Erosion abgesiedelten Dorfs, zwei Kilometer östlich von Herne Bay.

Seine Reste wurden erstmals schriftlich im 19. Jahrhundert erwähnt und zwischen 1952 und 1968 von Archäologen freigelegt.B. Cunliffe: CBA-Report Nr. 18, 1977, S. 1. Bisher einzigartig bei den Sachsenküstenbefestigungen konnte dort auch eine Bauinschrift geborgen werden, die eine exakte Datierung des Kastells ermöglichte. Ab dem 3. Jahrhundert war es in die Kastellkette des Litus Saxonicum (Sachsenküste) integriert. Das Kastellgelände, im Mittelalter u. a. auch mit einem Kloster überbaut, ging Anfang des 19. Jahrhunderts größtenteils durch Küstenerosion verloren. Heute sind nur noch einige Mauerreste des Kastells und die Ruine der Marienkirche zu sehen.

Name Der Name des Kastells stammt aus dem Keltischen und bedeutet „an der Landspitze“ oder „große Landzunge“.A.Mills 1998. Er ist bisher nur aus der Notitia Dignitatum (ND) (Regulbio) bekannt. Im Altenglischen wurde daraus Raculf, auch Raculfceastre. Daraus entwickelte sich das heutige Reculver. Reculver wird im Frühmittelalter, in einem Dokument aus dem Jahr 669, als Raculfmynster und in einer Urkunde von 784, als Raculfceaster bezeichnet. Raculfceastre enthält das altenglische ceaster (engl.: chester), das vielfach auf eine römische Siedlung oder ummauerte Stadt zurückgeht.Anno Domini DCCLXXXIV: Ego Ealmundus Rex Cantiæ do tibi, Wihtrede, honorabili Abbati, tuæque familiæ degenti in loco qui dicitur Raculfcester, terram 12 aratorum quæ dicitur Sildunk. Ich Ealmund, König der Cantiaci, übereigne Wihtrede, dem höchst ehrenwerten Abt, und seiner Familie aus dem Ort Raculfcester, 12 Hufen des Landes, dass Sildunk genannt wird. In der angelsächsischen Chronik des 12. Jahrhunderts taucht der Ort als Raculf wieder auf.669: in diesem Jahr gab König Egbert einem Prediger, Bass, Raculf um hier ein Kloster aufzubauen. 690: in diesem Jahr starb Erzbischof Theodor, der 22 Winter lang Bischof war, er wurde in der Stadt Cantwanbyrig (Canterbury) begraben. Bertwald, der vorher Abt von Raculf war, folgte ihm an den Kalenden des Juli nach.

Lage Seit der Spätantike hat sich die Küstenlinie stark verändert und die heutige Landschaft – oder auch „die große Halbinsel“ – hat nur mehr wenig mit der in römischer Zeit gemein. Thanet war noch eine durch den Wantsumkanal vom Festland abgetrennte Insel. Das Kastell stand damals etwa einen Kilometer von der Küste entfernt, auf den sog. Thanet Beds, deren sandiger, mit Lehm durchsetzter Boden durch die Brandung sehr schnell erodiert und im Laufe der Zeit schon das halbe Kastell mit sich ins Meer gerissen hat. Das Festland nördlich der Befestigung ist heute zum großen Teil verschwunden. Der Wantsumkanal hingegen ist im Laufe der Zeit fast völlig verlandet. Das Kastell stand auf einem niederen Hügel an der nordöstlichsten Landspitze von Kent. Von dort aus hatte man nach allen Seiten eine gute Sicht auf das Umland und die Küste.

Entwicklung 24 Münzen aus der Zeit des Tiberius und Nero sprechen für eine Nutzung des Ortes durch die Römer seit dem 1. Jahrhundert. Wahrscheinlich ließen die Römer 43 n. Chr. hier einen Teil ihrer Invasionsarmee anlanden und bauten danach den Platz durch Anlage eines kleinen Holz-Erde-Kastells zu einem befestigten Brückenkopf aus. Danach legte man eine Straße nach Canterbury, etwa 13,7 km südwestlich an, was die Anwesenheit der Römer in Reculver von diesem Zeitpunkt an nachweist. Der Stützpunkt wurde später zunächst als Leuchtfeuer und Signalstation benutzt, da er an einer dafür günstigen Position am Ufer des Wantsum Kanal und in der Nähe der Mündungen der Themse und des Medway lag. Die Gründung des Steinkastells erfolgte am Ende des 2. oder frühen 3. Jahrhunderts. Diese Annahme stützt sich vor allem auf eine Inschriftentafel aus dem Fahnenheiligtum (siehe unten). Die Datierung der Inschrift in das frühe 3. Jahrhundert deckt sich auch mit den Funden (u. a. der Keramik), die vor allem 1957, aber auch in späteren Grabungen rund um das Kastell gemacht wurden.Arch.Cant. LXXIII, 1959, S. 96.

Regulbium sicherte die nördliche Einfahrt zum Kanal, der damals noch eine stark befahrene Schiffspassage war, und damit auch die für den Schiffsverkehr wichtige Mündung der Themse. Sein südliches Ende überwachte die Besatzung des Kastells von Rutupiae. Wahrscheinlich diente es auch als Hafen und Versorgungsbasis der Kanalflotte. Während der Existenz des britannischen Sonderreiches war es wohl auch Aufgabe der Besatzung, diesen Abschnitt der Küste gegen eine Invasion der römischen Zentralregierung zu verteidigen.

Aufgrund der zunehmenden Gefährdung durch sächsische und fränkische Piraten vom Kontinent organisierte Carausius, Gründer und Herrscher (Usurpator) des sog. „Britischen Sonderreiches“, um das Jahr 287 die Verteidigung der britischen Kanalküste neu. Durch Neu- oder Umbau schon bestehender Anlagen schufen er und sein Nachfolger Allectus nach und nach eine dichte Kette aus tw. stark befestigten Kastellen, in die auch Regulbium einbezogen wurde. Das Kastell war danach für ca. 150 Jahre von der römischen Armee besetzt.Barry Cunliffe, CBA Res.Report 1977, S. 3. Auch die Funde vom Kastellareal zeigen, dass am Ende des 3. Jahrhunderts größere Bauaktivitäten festzustellen sind, deren Ursache wohl die Überfälle sächsischer Seeräuber und Plünderer auf die britische Kanalküste waren. Kurz nach seiner Fertigstellung wurde das Kastell aber offenbar wieder verlassen, wie lange es leer stand, ist unbekannt.

Im Umfeld von zwei ausgegrabenen Kasernen im nördlichen Sektor wurden ca. 100 Münzen aus dem Zeitraum von 270 bis 300 geborgen. Dies hängt, nach Ansicht des Ausgräbers, vielleicht mit der zeitweisen Abwesenheit der Garnison und dem damit verbundenen Verfall ihrer Kasernen zusammen. Möglicherweise wurde das Kastell erst um 296, nach dem Untergang des Britannischen Sonderreiches (siehe Carausius), unter Constantius I. wieder mit einer Besatzung belegt. Schon ab der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts nehmen die militärischen Aktivitäten wieder merklich ab. Die Münzfunde zeigten außerdem, dass das Kastell nach 360 vom Militär offenbar wieder aufgegeben und entweder der Zivilbevölkerung oder Neusiedlern bzw. Einwanderern überlassen wurde.B. Philp, 1968, S. 4.

Nach Abzug der Römer diente das Kastell vorübergehend als Residenz der angelsächsischen Könige von Kent, einer von ihnen, Ecgberht I., ließ hier u. a. eine Kirche errichten. Im Jahr 669 vergab Ecgberht das Land bei Reculver an einen Geistlichen namens Bass, der dort ein Kloster gründete.Angelsächsische Chronik zum Jahr 669 Online im Project Gutenberg (englisch) Im Jahr 679 übertrug König Hlothhere Ländereien bei Westanae (Isle of Thanet), in Sturry (bei Canterbury) und das Kloster von Reculver an den Abt Beorhtwald. Diese – von den Benediktinern geführte – Abtei wurde später als St. Mary’s Church of Reculver bekannt; ihre charakteristischen Doppeltürme (lange eine wichtige Landmarke für die Schifffahrt im Kanal) wurden im 12. Jahrhundert erbaut. (2001). Office for National Statistics.

Kastell Das Kastell wurde erstmals im 19. Jahrhundert von Charles Roach erwähnt. Die Archäologen um Brian Philp konnten anhand der Grabungsergebnisse in den 1960er Jahren im Kastell mehrere Bauphasen unterscheiden.Philp 1969, S. 18 f.

Holz-Erde-Kastell Dessen Ost- und Südseite konnte zwischen 1961 und 1963 innerhalb des späteren Sachsenküstenkastells lokalisiert werden. Die Ostseite des claudischen Holz-Erde-Kastells wurde stark von späteren Gebäuderesten überlagert. Es war von zwei Wehrgräben, der innere y- und der äußere v-förmig, umgeben. Der äußere Graben wurde scheinbar schon in der Antike bald vernachlässigt und nicht mehr regelmäßig gereinigt, weswegen er teilweise mit Lehmablagerungen und Schlamm verfüllt war, die Keramikscherben unterschiedlicher Zeitperioden enthielten. Der Graben verlief noch weiter Richtung NW, sodass die Ausgräber annahmen, dass der Nordwall unter einer Gruppe von Landhäusern, einer spätantiken Therme und einem mittelalterlichen Friedhof zu suchen ist.

Steinkastell Von diesem Kastell ist heute nicht mehr viel zu sehen, nur die stark von Vegetation überwucherten Überreste des Süd- und des Ostwalles sind noch erkennbar. Von ihnen blieb die Südmauer am besten erhalten. Sie ist durch eine abgerundete Ecke mit der Ostmauer verbunden, deren vorgelagerte zwei Wehrgräben ebenfalls noch ansatzweise zu erkennen sind. Diese Bauweise ist typisch für Kastelle des frühen 3. Jahrhunderts, die meist noch im traditionellen Stil der frühen und mittleren Kaiserzeit (Spielkartenform) ausgeführt worden sind.

Umwehrung und Gräben Die Umwehrung war ursprünglich etwa 4,5 m hoch, an der Basis 3 m dick und verjüngte sich nach oben bis auf 2,4 m. Sie umfasste ursprünglich wohl ein Areal von ca. 3,06 ha. Im Kern besteht sie aus gemörtelten schwarzen Flint- (Feuerstein), der u. a. auf der Insel Thanet gebrochen wurde, und Kieselsandstein. Weiteres Baumaterial für das Kastell wurde offensichtlich aus der Gegend um Bishopstone Glen (zwischen Reculver und Herne Bay) herangeschafft. Der Kieselsandstein stammt wahrscheinlich aus der Region Maidstone. Die Mauern waren ursprünglich an ihrer Vor- und Rückseite mit Kalksteinblöcken ("Ragstone") verkleidet. Davon ist aber bis heute nur noch wenig erhalten geblieben. Sichtbar ist meist nur mehr der Mauerkern, der abschnittsweise noch bis auf eine Höhe von 2,6 m erhalten ist. Die nördliche Mauer ist zusammen mit Teilen der östlichen und dem größten Teil der westlichen Mauer im Laufe der Jahrhunderte durch Unterspülung des Terrains in die See gestürzt. An der Ostmauer sind noch nachträglich durchgeführte Ausbesserungen zu erkennen. Dort wurden auch Überreste eines Brennofens gefunden. Eine rückwärtig angeschüttete Erdrampe stabilisierte die relativ schmale Ringmauer und diente gleichzeitig als Wehrgang. Das Kastell wurde im Laufe der Zeit durch Steinraub, hier insbesondere die Südwestecke, zerstört. In der Ruine der Marienkirche finden sich eine große Menge römischer Ziegel die noch von den Kastellgebäuden stammen.

Zusätzlich umgaben noch zwei Spitzgräben das Kastell, der innere war 2,7 m tief und 7,9 m breit, der äußere hatte eine Tiefe von ca. 2 × 5 m.

Türme und Tore Der Eingang zum Lagerhauptquartier befand sich an der Nordseite, was darauf hinweist, dass sich auch das Haupttor (porta praetoria) des Kastells an der Nordumwehrung befand, gegenüber der Landspitze und der Küste. In der Mitte der West- und Ostmauer befand sich ebenfalls je ein Tor. Durch die ca. 2,7 m breite Durchfahrt des Osttores gelangte man auf die ehemalige Lagerhauptstraße (via principalis). Nach Passieren des Tores kann man an der rechten Seite noch die stark überwucherten Fundamente eines Wachhauses sehen. Nur ein einziger, innen angesetzter Turm konnte in der Südwestecke nachgewiesen werden. Da keine – für die Spätantike typischen – vorkragenden U-Türme festgestellt werden konnte, dürfte es mit ziemlicher Sicherheit, neben dem in Branchaster, zu den frühesten Steinkastellen an der Sachsenküste zählen.B. Cunliffe, CBA Res. Report, 1977, S. 3.

Innenbauten