mini|Sitting Bull, Häuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux, 1885. Fotografien dieser Art haben das Bild der Indianer stark geprägt. mini|John Ross, Cherokee-Häuptling, ca. 1843. Dieses über vier Jahrzehnte ältere Bild ist hingegen als weniger exotisch und zu „modern“ kaum zur Kenntnis genommen worden. mini|Chirley Pankará, Aktivistin des gleichnamigen Volkes und Abgeordnete in Brasilien, 2022. Die südamerikanischen Indigenen, erst recht die weiblichen, prägen erst seit kurzer Zeit das Bild der Einwohner, die sich von voreuropäischen Kulturen Amerikas herleiten.

Indianer ist eine Sammelbezeichnung für die bei weitem größte Gruppe der bereits vor der europäischen Kolonialisierung in Amerika lebenden Menschen. Das Wort geht auf einen Irrtum von Christoph Kolumbus zurück, der 1492 meinte, nach „Indien“ (was damals auch Südostasien einschloss, vgl. Hinterindien) gelangt zu sein. Nicht unter den Begriff fallen die Ureinwohner der arktischen Regionen, die als Eskimos und Aleuten bezeichnet werden. Auch gemischte Ethnien wie die rund 400.000 Métis in Kanada zählen nicht dazu.

Die durch den Kolonialismus etablierten Fremdbezeichnungen der autochthonen Bevölkerungen Amerikas werden sowohl von den damit bezeichneten Menschen als auch in den verschiedenen Wissenschaften unterschiedlich, teils kritisch bewertet. Für die deutsche Bezeichnung ‚Indianer‘ gilt dies allerdings in geringerem Ausmaß als für Bezeichnungen in den in Amerika vorherrschenden Sprachen. Entsprechend den dortigen Konnotationen und Selbstbestimmungsrechten haben sich in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Bezeichnungen durchgesetzt.

Entwicklung Die Besiedlung Amerikas begann in urgeschichtlicher Zeit hauptsächlich von Asien aus über eine Landbrücke, Beringia, im Bereich der heutigen Beringstraße. In der Folge entwickelten sich unterschiedliche Kulturen und indigene amerikanische Sprachen in Nord- und Südamerika zu großer Vielfalt. Die Vorfahren der Indianer entwickelten zunächst die mitgebrachte Jäger- und Sammlerkultur fort. Sie befuhren bereits kurz nach oder schon während der letzten Kaltzeit den Pazifik entlang der Küste.Zu den bis 13.000 BP zurückreichenden Spuren auf den kalifornischen Kanalinseln vgl. Troy W. Davis, Jon M. Erlandson, Gerrit L. Fenenga, Keith Hamm: Chipped Stone Crescents and the Antiquity of Maritime Settlement on San Nicolas Island, Alta California. In: California Archaeology 2,2 (Dezember 2010), S. 185–202, hier S. 186.

Keramik, Ackerbau (wie der vor 4000 v. Chr. einsetzende Anbau von Kürbissen) und abgestufte Formen der Sesshaftigkeit sowie sehr früher Fernhandel kennzeichneten die Kulturen im Norden Südamerikas, während im Süden Nordamerikas Viehzucht und Bewässerungswirtschaft zu höheren Erträgen und vor 3000 v. Chr. zu städtischen Kulturen führten, die nach Norden bis an den Mississippi und in den Süden Kanadas reichten. Den herausragenden Züchtungserfolgen der bäuerlichen Indianer Mittel- und Südamerikas sind die Kultivierung u. a. von Avocado, Kartoffel, Tomate, Mais, Ananas, Paprika, Tabak sowie die Alpakawolle und das Meerschweinchen zu verdanken. Daneben existierten in großen Teilen des Doppelkontinentes weiterhin viele Wildbeuterkulturen, die zumeist mobil in kleinen Horden, aber auch größeren segmentären oder Stammesgesellschaften organisiert waren, und die sich dem jeweiligen Jahreszyklus entsprechend auf bestimmten Wegen bewegten.

Im heutigen Lateinamerika vernichteten im 16. Jahrhundert die spanischen Konquistadoren innerhalb weniger Jahrzehnte die Großreiche in Mittel- und Südamerika. Besonders zerstörerisch wirkten sich die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten aus, allen voran die Pocken. In einigen Regionen wie in der Karibik fand ein Genozid an der indigenen Bevölkerung statt, die dann durch afrikanische Sklaven ersetzt wurde. Der größte Sklavenmarkt des Kontinents entwickelte sich im kolonialen Brasilien unter portugiesischer Herrschaft, wo die systematische Versklavung der indigenen Einwohner durch die Bandeirantes anders als im spanischen Kolonialreich legal war und sich später ein Schwerpunkt des Menschenhandels mit Afrikanern etablierte. Anders als in den angelsächsischen und französischen Kolonien Nordamerikas vermischten sich in vielen kolonisierten Regionen Süd- und Mittelamerikas von Anfang an indianische und europäische Bevölkerung.

Der längstandauernde Widerstand gegen die europäischen Invasoren gelang den Araukanern im Südkegel Südamerikas, die bis in die 1870er Jahre die Kolonisierung verhinderten. Heute sind die Indianer Lateinamerikas nur in einigen Gebieten wie in Bolivien und im Süden Mexikos noch in der Mehrheit. In Bolivien war von 2006 bis 2019 Evo Morales erster indigener Staatspräsident und Vorsitzender der sozialistischen Partei. Heute stellt für ihre lokalen Gemeinschaften, die in Südamerika noch stark an ihre natürliche Umgebung gebunden sind und zu geringen Teilen wieder isoliert leben, vor allem die Politik der industriellen und agrarischen Nutzung, der Abholzung des Waldes sowie der Ausbeutung von Bodenschätzen eine Gefahr dar.

In den nordamerikanischen Siedlungsarealen nördlich von Mexiko gerieten die Indianer nach bereits vor 1600 erlittenen verheerenden Epidemien und dem Beginn der systematischen Kolonisation im 17. Jahrhundert allmählich in die Minderheit. Dieser Verdrängungsprozess dauerte bis in das 20. Jahrhundert an. Die europäischen Einwanderergesellschaften betrachteten die Indianer als „minderwertig“ und versuchten sie anfangs unkoordiniert, bald jedoch planmäßig zu verdrängen: Der militärischen Unterwerfung, manchmal Vernichtung, folgte eine gezielte Assimilationspolitik, zunächst durch erzwungene Sesshaftigkeit und Vernichtung ihrer Lebensgrundlage, der Bisons, dann durch Verschleppung der Kinder in Internate und Freigaben zur Adoption, zudem durch Absonderung in Indianerreservaten, Zwangsumsiedlung und Segregation. Die Bevölkerungsmehrheit stellen sie nur noch in den fast unbesiedelten Gebieten der kanadischen Nadelwälder und in einigen Gebieten Alaskas. Im US-amerikanischen Kernland ist dies nur noch in den großen Reservaten der nördlichen Great Plains sowie in einigen Gebieten des Südwestens der Fall.

Die Traumatisierungsfolgen sind lange unterschätzt oder ignoriert worden. Seit Ende des 20. Jahrhunderts haben Kirchen und einige Regierungen für Misshandlungen, Genozide und Kulturvernichtung um Entschuldigung gebeten. Kurz nach der Jahrtausendwende begannen Versuche der Wiedergutmachung. Zudem erlangten Indianer Partizipationsmöglichkeiten und Fertigkeiten, um vertragliche und politische Rechte durchzusetzen, auch dann, wenn ihre Vorstellungen mit europäisch-amerikanischen Rechtsgrundsätzen wie dem individuellen Besitz an Boden kollidierten.

Begriff

mini|Abbildung aus dem Codex canadiensis, der Ende des 17. Jahrhunderts entstand. Neben „Sauvages“ (‚Wilde‘) werden hier die abgebildeten Männer als „Amériquains“ bezeichnet, als ‚Amerikaner‘.

Fremd- und Selbstbezeichnung

Die so bezeichneten Menschen bewerten den Ausdruck unterschiedlich: Im spanischen Sprachraum wird indio zumeist abwertend oder sogar als Schimpfwort aufgefasst.Mark Münzel (Hrsg.): Indigene Religionen Südamerikas, Kohlhammer, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-034949-0 (PDF-E-Book), S. 13.Norbert von der Ruhren: Indigene Völker Südamerikas zwischen Marginalisierung und Selbstbestimmung, Ernst Klett Verlag, 2019 (auf Terrasse online, abgerufen am 22. September 2022). Im angloamerikanischen Raum bezeichnen sich hingegen manche Angehörige indigener Gruppen im Rahmen einer neuen panindianischen Identitätsfindung selbst als (American) Indians. Ein bekanntes Beispiel ist das American Indian Movement. Dem deutschen Begriff ‚Indianer‘ wird in der öffentlichen Diskussion mitunter eine diskriminierende Konnotation zugeschrieben, die von Fachleuten oftmals nicht geteilt wird.So zum Beispiel Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68718-1, S. 12. ‚Indianer‘ kann nicht, wie im Englischen, mit ‚Inder‘ verwechselt werden und hat im Deutschen aufgrund einer weniger im Vordergrund stehenden, für die aktuellen Diskussionen nicht mehr bedeutsamen, deutsch-amerikanischen Kolonialgeschichte auch keinen rassistisch-abwertenden Anklang.

Heute sind sowohl in den ehemals spanischen und portugiesischen Kolonien Amerikas wie auch in den Vereinigten Staaten und Kanada andere zusammenfassende Begriffe in Gebrauch, so beispielsweise Native Americans, Indígenas, Peuples autochtones oder First Nations. Die Fremdbezeichnung wird im Rahmen von Rassismus­debatten seit den späten 2010er Jahren auch in Deutschland diskutiert.

Herkunft Die Bezeichnungen Indian (englisch) und ‚Indianer‘ (deutsch) gehen auf das spanische Wort indio (eigentlich ‚Inder‘) zurück, einen Neologismus aus der Kolonialzeit. Christoph Kolumbus glaubte 1492, in Indien angekommen zu sein, als er Hispaniola erreichte. Genauer gesagt wähnte er sich in Champa im Süden Vietnams.

Mit Indien (span. las Indias, engl. Indies) bezeichneten die europäischen Seefahrer zur damaligen Zeit nicht nur den indischen Subkontinent, sondern den gesamten Südosten Asiens, den sie über den westlichen Seeweg zu erreichen suchten (vgl. Europäische Expansion in Asien und die bei Claudius Ptolemäus auftauchenden Begriffe India intra Gangem, Vorderindien, und India extra Gangem, Hinterindien und Inselindien, für Südostasien, daher auch der Name Indonesien). Dies ist der Ursprung der Bezeichnung Westindien.

Obwohl Amerigo Vespucci den Irrtum Kolumbus’ 1502 endgültig aufklärte, wurde die Bezeichnung der in den neu entdeckten Gebieten angetroffenen Bewohner als ‚Indianer‘ beibehalten. Konkurrierende Begriffe wie ‚Amerikaner‘ (etwa im Codex canadiensis), die teils wieder verschwanden, vor allem aber „Wilde“ und Heiden, die die Nichtzugehörigkeit zu Zivilisation und Christentum hervorheben und damit eine Abgrenzung schaffen sollten, waren früh in Gebrauch.

Verwendung Im Spanischen gibt es den im Deutschen erkennbaren Unterschied zwischen ‚Inder‘ und ‚Indianer‘ nicht; beide Herkunftskategorien können mit dem im spanischen Sprachraum heute überwiegend als diskriminierend empfundenen und auch historisch oft abwertend verwendeten Wort indio bezeichnet werden. Um Missverständnisse zu vermeiden, werden Inder in fast allen hispanoamerikanischen Ländern ohnehin nicht als indios, sondern als hindús bezeichnet, obgleich dies eigentlich nur eine in Indien verbreitete Religionszugehörigkeit angibt. In der Literatur wurde – ausgehend vom französischen amérindien – auch der Neologismus amerindio geprägt. Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch herrscht im spanischsprachigen Amerika für Indianer die generelle Benennung indígenas („Indigene“, „Eingeborene“) oder pueblos indígenas (indigene Völker) vor.