mini|hochkant=0.85|Ernst Weiß zentriert|rahmenlos
Ernst Weiß (* 28. August 1882 in Brünn, Österreich-Ungarn; † 15. Juni 1940 in Paris) war ein österreichischer Arzt, Schriftsteller und literarischer Übersetzer.Eintrag zu Ernst Weiß in der Deutschen Biographie
Leben Kindheit und Jugend in Brünn links|mini|Berta und Gustav Weiß, die Eltern von Ernst Weiß (vor 1887) Ernst Weiß, aus einer jüdischen Familie stammend, war der Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiß und dessen Ehefrau Berta, geb. Weinberg. Als Ernst Weiß geboren wurde, lebte die Familie in der Pilgramgasse 1/3 (heute: Divadelní). Am 24. November 1886 starb der Vater, und nach dessen Tod zog die Familie ein kurzes Stück weiter in eine Wohnung in der Adlergasse 34 (heute: Orlí).So in den Adressbüchern der Stadt Brünn für 1881, bzw. 1890 - zu finden hier: https://wiki.genealogy.net/Kategorie:Adressbuch_f%C3%BCr_Br%C3%BCnn_(M%C3%A4hren) Ernst Weiß hatte drei Geschwister, den 1880 geborenen Egon Weiß († 1953) später Richter und dann Juraprofessor an der Universität Prag, sowie Otto (ca. 1884–1941) und Alice (1886–1965), die spätere Ehefrau des bedeutenden Physiologen Emil von Skramlik. Nach dem Tod des Vaters wurde Ludwig Weinberg, vermutlich ein Bruder der Mutter, zum Vormund bestellt.Siehe Deutsche Biografie Über Weiß’ Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Er scheint damals Kontakt zu der vier Jahre jüngeren, gleichfalls aus Brünn stammenden späteren Schauspielerin Leopoldine Konstantin gehabt zu haben. Belegt ist dies durch einen Brief Weiß’ an Konstantin von 1916, in dem es heißt, sie sei zum Teil Vorbild der Figur Franziska in dem gleichnamigen Roman.Cornelia Heering: Ein Vorbild für die Figur der Franziska? Zum Fund eines bisher unbekannten Weiß-Briefes, 20. Februar 2026
Rückblickend schrieb Ernst Weiß 1927 über sein Leben in Brünn:
Arzt und literarische Anfänge in Wien Trotz finanzieller Probleme und mehrfacher Schulwechsel (unter anderem besuchte er Gymnasien in Leitmeritz und Arnau) bestand Weiß 1902 die Matura. Anschließend begann er an den Universitäten Prag und Wien Medizin zu studieren. Dieses Studium beendete er 1908 mit der Promotion in Brünn und arbeitete danach als Chirurg in Bern bei Emil Theodor Kocher und in Berlin bei August Bier.
In Wien gehörte Weiß wohl ab etwa 1901 dem Freilicht an, einem losen Zusammenschluss junger Autoren, der von Richard Arnold Bermann gegründet worden war und zu dem, neben anderen, auch Leo Perutz, Berthold Viertel und Arthur Rundt gehörten. Bermann nannte die Gruppe später einen „von der Schulordnung nicht autorisierten Verein für Ethik und Literatur.“ Über die Zusammenkünfte wurde Protokoll geführt. Leo Perutz erinnerte sich an diese Gruppe so:
Mit Leo Perutz blieb Weiß noch lange in Kontakt. Zwischen 1907 und 1930 sind 25 Briefe von Weiß an Leo Perutz überliefert. Die beiden sandten sich ihre Bücher zu und kritisierten die Werke des anderen – was gelegentlich auch zu Spannungen führte.Die Briefe fand 1985 Hans-Harald Müller im Nachlass von Leo Perutz in Tel Aviv. Veröffentlicht und editiert wurden sie 1988 in Modern Austrian Literature, Vol. 21, No. 1. Online beschränkt einzusehen bei JSTOR
Bekanntschaft mit Kafka, Schiffsarzt und Weltkrieg mini|Ernst Weiß als Militärarzt im Ersten Weltkrieg Im Jahr 1911 verließ Weiß Berlin und kehrte zurück nach Wien, wo er in der Chirurgie des Wiedner Spitals arbeitete, die von Julius Schnitzler, dem jüngeren Bruder von Arthur Schnitzler, geleitet wurde. Aus dieser Zeit stammt auch sein Briefwechsel mit Martin Buber. Nach einer Erkrankung an Lungentuberkulose hatte er in den Jahren 1912 und 1913 eine Anstellung als Schiffsarzt beim österreichischen Lloyd und kam mit dem Dampfer Austria nach Indien, Japan und in die Karibik.
Im Juni 1913, dem Monat, als Weiß’ Erstling Die Galeere erschien, machte er die Bekanntschaft von Franz Kafka. In seinem Tagebuch notiert Kafka dazu:
links|mini|Rahel Sanzara (ca. 1926) In den Jahren 1913–14 versuchte Weiß, auf die Bitte Kafkas hin, wiederholt zwischen ihm und Felice Bauer zu vermitteln. Im folgenden Jahr half Kafka Weiß dann bei den Korrekturen zu dessen zweitem Roman Der KampfFranz Kafka: Tagebücher, Eintrag für den 28. Juli 1914 (erschienen 1916, spätere Ausgaben unter dem Titel Franziska). Ebenfalls 1913 lernte Weiß Rahel Sanzara kennen, die viele Jahre seine Lebensgefährtin war.Eintrag zu Rahel Sanzara auf buecherverbrennung.deIn der Deutschen Biographie heißt es: „(Lebenspartnerschaft) 1913–33 Johanna Bleschke (1894–1936), Ps. Rahel Sanzara, auch Sansara“, siehe: https://www.deutsche-biographie.de/sfz122845.html?language=de#ndbcontent Im Sommer 1914, kurz vor Ausbruch des Krieges, urlaubten Weiß und Rahel Sanzara für einige Tage zusammen mit Kafka im dänischen Badeort Marielyst auf der Insel Falster.Franz Kafka-Website des S.Fischer Verlags In seinem Tagebuch hält Kafka fest, Weiß und Sanzara hätten gestritten, weshalb er sich zur Abreise entschloss, dann aber doch blieb.Franz Kafka: Tagebücher, Eintrag für den 28. Juli 1914
1914 wurde Weiß in das k.u.k Landwehrinfanterieregiment Linz einberufen und nahm am Ersten Weltkrieg als Regimentsarzt in Ungarn und Wolhynien teil. Nach Kriegsende ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte dort in den Jahren 1919 und 1920 im Allgemeinen Krankenhaus.
mini|Berliner Gedenktafel am Haus Luitpoldstraße 34, in Berlin-Schöneberg. Auf dieser Tafel ist Weiß’ Geburtsjahr falsch – richtig ist 1882.
Freier Schriftsteller in Berlin Nach einem kurzen Aufenthalt in München ließ sich Weiß Anfang 1921 in Berlin nieder. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller, u. a. als Mitarbeiter beim Berliner Börsen-Courier. Zu Beginn dieses Jahrzehnts schrieb Weiß auch für das Theater, doch obgleich sein expressionistisches Stück Olympia 1923 in Berlin unter der Regie von Karlheinz Martin und mit Heinrich George am Renaissance-Theater uraufgeführt wurde, blieb der Erfolg aus. In seiner Rezension schrieb Alfred Döblin über diese Aufführung:
In den Jahren 1926 bis 1931 lebte Weiß in Berlin-Schöneberg. Am Haus Luitpoldstraße 34 erinnert daran eine Gedenktafel (mit falschem Geburtsjahr, 1884 statt 1882). Im selben Haus wohnte zeitweise der Schriftsteller Ödön von Horváth, mit dem Weiß eng befreundet war.Traugott Krischke: Ödön von Horváth. München 1980, S. 84. Horváth widmete Weiß seinen Roman Der ewige Spießer. In dieser Zeit gehörte Weiß der Gruppe 1925 an, einem losen Zusammenschluss linker Schriftsteller, zu dem u. a. auch Brecht, Döblin, Musil und Tucholsky gehörten.
Im Jahr 1928 gewann er für das Deutsche Reich bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Silbermedaille im Kunst-Wettbewerb für seinen Roman Boëtius von Orlamünde. Zuständig für die Auswahl der deutschen Beiträge zum Olympischen Kunstwettbewerb war der Reichskunstwart Edwin Redslob, als Gutachter diente der Schriftsteller Oskar Loerke. Zu den Medaillengewinnern des Deutschen Reichs gehörten 1928 neben Weiß auch Rudolf Binding, der in der Kategorie Lyrische Werke für seine Reitvorschrift für eine Geliebte ebenfalls Silber gewann.Hiltrud Häntzschel: Marieluise Fleißer. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig 2007, ISBN 978-3-458-17324-3 dort auf S. 142. Marieluise Fließer war von Edwin Redslob ebenfalls um einen Beitrag angefragt worden, der dann aber nicht eingereicht wurde. Im Bereich der Bildenden Künste gewannen 1928 u. a. Wilhelm Klemm und Renée Sintenis Medaillen für das Deutsche Reich.Eine vollständige Übersicht der Kategorien und eingereichten Beiträge bietet die Olympedia (auf Englisch beim Intent Archive)Übersicht zum Kunstwettbewerb 1928 beim Olympic Museum (auf Englisch) Da Ernst Weiß hier für das Deutsche Reich antrat, ist denkbar, dass der in Berlin lebende Weiß in den 1920er Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat.Andererseits weist jedoch Peter Engel darauf hin, dass Weiß noch 1935 - als Jude geschützt durch seinen tschechischen Pass - Berlin besucht habe, um sich dort ärztlich untersuchen zu lassen. Siehe hierzu: Peter Engel: „Nachwort“ in Ernst Weiß: Jarmila, Frankfurt am Main 1998, S. 108 Für eben diesen Roman, seit 1930 unter dem Titel Der Aristokrat erschienen, erhielt Weiß im Jahr 1930 auch den Adalbert-Stifter-Preis der Stadt Prag.So im Klappentext von Der Aristokrat, Bibliothek Suhrkamp, 1980: „1930 erhielt er für dieses Buch den Adalbert-Stifter-Preis der Stadt Prag.“ Auf dem Vorsatzblatt derselben Ausgabe heißt es: „Die Erstausgabe erschien 1928 unter dem Titel Boëtius von Orlamünde. 1930 wurde der Roman u.a. mit dem Adalbert Stifter Preis (sic!) ausgezeichnet und wurde seither mit dem Haupttitel Der Aristokrat neu aufgelegt.“ An anderer Stelle wird hingegen – ohne Quelle – angegeben, Weiß habe für den Roman 1928 den Adalbert-Stifter-Preis des Landes Oberösterreich erhalten.
In den 1920er Jahren zeigte sich Weiß modernen Kulturtechniken gegenüber sehr aufgeschlossen und besaß, wie „aus seinem Briefwechsel mit Rahel Sanzara bekannt“, (…) „eine moderne Kamera und ein Grammophon“. Weiß trat auch im Rundfunk auf. Belegt ist eine Radiolesung im Jahr 1929 sowie, im selben Jahr, seine Teilnahme an der Sendung „Kritiker und Dichter: Herbert Ihering und Ernst Weiß vor dem Mikrophon“, die von der MiRAG ausgestrahlt wurde.Cornelia Heering: Ernst Weiß im „Zwiegespräch“ mit Herbert Ihering im Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig 7. Juni 2026
Exil in Prag und Paris Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verließ Weiß Berlin und ging nach Prag. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris. Da er dort als Arzt keine Arbeitserlaubnis bekam, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriften zu schreiben, u. a. für Die Sammlung, Das Neue Tage-Buch und Mass und Wert. Da er mit diesen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann, Stefan Zweig und ab Anfang 1938 auch die American Guild for German Cultural Freedom. Weiß hatte in dieser Zeit nicht nur finanzielle Probleme, auch seine Gesundheit litt, ein Magengeschwür war diagnostiziert worden und, wie er Stefan Zweig 1937 in einem Brief berichtete, „war er durch eine starke innere Blutung beinahe hinüber“ gewesen.Peter Engel: „Nachwort“ in Ernst Weiß: Jarmila, Frankfurt am Main 1998, S. 100f.
Ernst Weiß letzter Roman Der Augenzeuge wurde 1939 geschrieben. In Form einer fiktiven ärztlichen Autobiographie wird von der „Heilung“ des hysterischen Kriegsblinden A. H. nach der militärischen Niederlage in einem Lazarett des deutschen Heeres Ende 1918 berichtet. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wird der Arzt, weil Augenzeuge, in ein Konzentrationslager verbracht: Sein Wissen um die Krankheit des A. H. könnte den Nazis gefährlich werden. Um den Preis der Dokumentenübergabe wird „der Augenzeuge“ freigelassen und aus Deutschland ausgewiesen. Nun will er nicht mehr nur Augenzeuge sein, sondern praktisch-organisiert kämpfen und entschließt sich, im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner gegen den mit Nazideutschland politisch verbündeten Franquismus zu kämpfen.
Gescheiterte Flucht und Tod