Bei computervermittelter Kommunikation nutzen Menschen Rechner zum Aufbau einer Datenverbindung sowie zum Austausch von Nachrichten und/oder weiteren Mitteilungen. Die Rechner sind bei dieser Form sozialer Beziehung als digitale Medien durch Internet (Internetkommunikation, Online-Kommunikation) oder Intranet vernetzt und werden zur Kommunikation verwendet.Margarete Payer: Computervermittelte Kommunikation. Kapitel 1: Computervermittelte Kommunikation (CMC). 2003, Erstmals veröffentlicht: 1997 Daher ist auch von netzbasierter Kommunikation die Rede.
Geschichte Kommunikationsmedien gibt es von den Anfängen der Entwicklung der Menschheit an (siehe Mediengeschichte). In den 1940er Jahren wurden in der Zeit des Nationalsozialismus und in den USA die ersten Computer entwickelt. In den Jahren von 1960 bis 1970 fand in den USA die Entwicklung des Arpanet statt, siehe Geschichte des Internets. In diese Zeit werden auch die Anfänge der computervermittelten Kommunikation datiert.
Begriffsdefinition und Merkmale Es erweist sich als relativ schwierig, den Begriff computervermittelte Kommunikation (CVK) zu definieren, da sich sehr viele sich weiterentwickelnde Formen ausgeprägt haben.
Nach Trepte und Reinecke (2013) ist computervermittelte Kommunikation ein interaktiver Prozess des Erstellens, Austauschens und Empfangens von Informationen mithilfe von Computern, der zwischen zwei oder mehreren Personen stattfindet.
Jan Pelz (1995) sieht die computervermittelte Kommunikation als einen Oberbegriff für unterschiedliche Anwendungsformen der elektronischen Übermittlung, Speicherung und des Abrufs von elektronischen Nachrichten durch Menschen über miteinander vernetzte Computer. Benutzer senden Nachrichten zum Beispiel in Form einer E-Mail oder eines Newsgroup-Beitrags an ein Netzwerk mit verschiedenartigen Diensten (zum Beispiel Internet, Intranet). Abhängig vom Dienst sind die Nachrichten dann entweder für ein mehr oder weniger viele Empfänger verfügbar, oder sie werden nur an einen bestimmten Empfänger beziehungsweise an eine Gruppe von Empfängern weitergeleitet.Jan Pelz: Gruppenarbeit via Computer – Sozialpsychologische Aspekte eines Vergleichs zwischen direkter Kommunikation und Computerkonferenz. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag, 1995, ISBN 978-3-631-48261-2.
Joachim Höflich (1994) definiert die CVK folgend: „CVK erfolgt vorwiegend unter bislang Fremden, also mit Personen unter Personengruppen, zu denen bisher keine Sozialkontakte bestanden haben und womöglich auch nicht folgen werden (wenngleich dies jedoch nicht ausgeschlossen ist)“. Es wird hier versucht, den Begriff anhand der häufig zugrunde liegenden Eigenschaften und Merkmale zu definieren. Es zeigt sich hier schon ein großer Unterschied zur direkten Kommunikation, nämlich die theoretisch unbegrenzte Anzahl von Benutzern. Bei den bisherigen Formen wie Brief, Telefon oder Fax konnte in der Regel immer nur ein Kommunikationspartner erreicht werden.J. R. Höflich: Der Computer als „interaktives Massenmedium“. 1994, Publizistik 39: S. 389–408.
Falckenberg (1994) gibt ebenfalls eine Beschreibung durch Merkmale:
Mehrere bis sehr viele Kommunikationspartner sind möglich. Kommunikation erfolgt unter bislang Fremden. Aufenthaltsort der Kommunikationspartner spielt keine Rolle. Die Kommunikation beschränkt sich fast immer auf einen Text.
Nachdem Gestik, Mimik und weitere Merkmale der direkten Kommunikation (englisch Face-to-Face Communication) fehlen, wird sie oft als eine defizitäre und emotionslose Kommunikationsform angesehen. Nicola Döring (1994), Professorin für Medienpsychologie und Medienkonzeption, sieht jedoch in ihr eine Ergänzung zu den bereits vorhandenen Medien, die ein sehr differenziertes Publikum anspricht. Auch Stegbauer (1990) sieht im Internet und dem E-Mail-Dienst ein Medium, das zum zwanglosen Kennenlernen von Computerinteressierten dient. Inzwischen dienen computervermittelte Kommunikationsformen wie Chat und E-Mail nicht mehr nur einem anonymen Kennenlernen, sondern ergänzen die bisherigen Kommunikationsformen einander aus direkter Begegnung bekannter Personen.
Weitere Merkmale sind die Unabhängigkeit von Zeit und Raumgrenzen, die nahezu grenzenlose Simulation von Identitäten und die einfache Dokumentierbarkeit der Kommunikation.
Theorien Im Folgenden wird eine Auswahl von Theorien nach Nicola DöringNicola Döring vorgestellt, die sich mit den Besonderheiten computervermittelter Kommunikation beschäftigen.
Kanalreduktionstheorie Die zentrale Aussage der Kanalreduktionstheorie ist, dass durch den Ausschluss von Sinneskanälen durch CMC (Computer-mediated communication) die Kommunikation entsinnlicht wird. Das Ersetzen der Sinneskanäle, die bei der Face-to-Face-Kommunikation verwendet werden, durch andere Kommunikationskanäle (z. B. das Internet), spielt aber auch eine große Rolle. Die Kommunikation kann z. B. durch E-Mail auch zeitversetzt, asynchron, stattfinden. Somit kann man auch von einer Entzeitlichung sprechen. Menschliche Emotionen können durch CMC nicht adäquat vermittelt werden. Deshalb ist die Face-to-Face-Kommunikation der CMC vorzuziehen. CMC ist laut der Kanalreduktionstheorie und wegen fehlender Sinneskanäle im Vergleich zu Face-to-Face-Kommunikation defizitär und unpersönlich. Bei diesem Ansatz wird die Face-to-Face-Kommunikation als Optimum angesehen. Daraus resultiert, dass die CMC nur als defizitäre Form der Kommunikation dient. Ein Kritikpunkt ist hierbei, dass die weiterentwickelten Technologien in der CMC neben der Face-to-Face-Kommunikation auch eine reichhaltige Interaktion ermöglichen.
Filtertheorie Die Filtertheorie thematisiert das Konzept der Kanalreduktion. Eine Verringerung der Kommunikationskanäle führt zu einem Informationsverlust, der die Wahrnehmung der Person verändert. Wichtige Bestandteile der Face-to-Face-Kommunikation, wie Mimik, Gestik oder die Betonungen von Äußerungen (z. B. Sarkasmus) können hier nicht vermittelt werden. Der Schwerpunkt der Filtertheorie bezieht sich darauf, dass die Person nichts über den psychosozialen Hintergrund des Kommunikationspartners weiß. Durch Anonymität und Pseudonymität kann ein sogenannter Nivellierungseffekt eintreten; es werden soziale Hemmungen, Kontrollen, Privilegien und Hürden abgebaut. Dies kann sowohl einen positiven Effekt, verstärkte Offenheit, Freundlichkeit etc., als auch einen negativen Effekt, verstärkte Feindlichkeit, Anomie etc., haben. Ein weiteres Negativ-Beispiel ist auch die Angst vor einer anschließenden Face-to-Face-Kommunikation, bei der die vorher optimierte vermittelte Darstellung der eigenen Person nicht aufrechterhalten werden kann.
Ein solches pro- und antisoziales Verhalten kann durch jene Anonymität sichergestellt werden und diesbezügliche Handlungsspielräume eröffnen. Dieses antisoziale und deviante Verhalten wird als Flaming bezeichnet. Zusammenfassend kann man die Effekte der Filtertheorie als thematisierte Effekte der Egalisierung und Anomie bezeichnen.
Rationale Medienwahl Die Theorien der rationalen Medienwahl gehen davon aus, dass Personen Medien nach ihrer sozialen Präsenz (persönliche Nähe) und medialen Reichhaltigkeit auswählen. Je nach Anlass und Adressat werden verschiedene Formen der Vermittlung genutzt, um einen maximalen Kommunikationserfolg zu erzielen (Kosten-Nutzen-Abwägung). Ziel ist es, eine Passung zwischen Kommunikationsaufgabe und der sozialen Präsenz des Mediums zu finden. Bei richtiger Passung kann die Mediennutzung keine negativen Effekte auf die Kommunikation haben.
Normative Medienwahl Die Theorie der normativen Medienwahl geht davon aus, dass Medienwahlen im (betrieblichen) Alltag v. a. durch Bedienungskompetenz und soziale Normen überformt sind und nicht durch individuelle Kosten-Nutzen-Abwägungen (rationale Medienwahl) entschieden werden. Medienbewertungen sind sozial konstruiert. Insbesondere die Zuschreibung sozialer Präsenz wird durch die Bedienungskompetenz beeinflusst: Personen mit mehr Medienerfahrung stufen die computervermittelte Kommunikation als lebendiger und reichhaltiger ein und nutzen diese auch in stärkerem Maße. Die Nützlichkeitsbewertung des Umfeldes beeinflusst die eigene Bewertung und Nutzung des entsprechenden Mediums. Dementsprechend sind diverse medienbedingte Kommunikationsstörungen möglich, etwa wenn man bestimmte Medien aus Prestigegründen nutzt bzw. zu nutzen vorgibt oder sie auf Basis von Vorurteilen ablehnt. Bei Medienbeurteilungen muss man also von komplexen Wechselwirkungen ausgehen.
Modelle Aufbauend auf diesen Theorien, lassen sich zwei modernere Modelle ableiten, die unter anderem von Trepte und Reinecke beschrieben wurden.
Hyperpersonal Model (HPM) Das durch Joseph Walther (Walther 1996) entwickelte Hyperpersonal-Modell beinhaltet vier Komponenten: einen Sender, einen Empfänger, den Kanal und das Feedback. Sender und Selbstdarstellung: In der computervermittelten Kommunikation ist es den Kommunizierenden nicht möglich, einander zu hören oder zu sehen. Weiterhin findet der Austausch zeitversetzt und textbasiert statt. Dies hat zur Folge, dass der Sender die von ihm preisgegebenen Informationen über sich selbst in selektiver Weise darstellen und weiterleiten kann. So eröffnet sich für den Sender die Möglichkeit, ein positives Selbstbild von sich zu schaffen, in dem beispielsweise die Aufmerksamkeit des Kommunikationspartners auf bestimmte Persönlichkeitsaspekte gelenkt wird.
Empfänger: Das durch den Sender vermittelte Selbstbild wird durch den Empfänger auf die erhaltenen Informationen reduziert. Diese werden zugleich idealisiert und stereotypisiert. So kann beispielsweise auch ein sehr positiv gefärbter Eindruck über den Sender entstehen. Kommunikationskanal: Laut Walther (2011) ermöglicht die textbasierte Kommunikation, sich überlegter zu äußern und das eigene Selbstbild aktiv zu beeinflussen, da andere Eindrücke, welche bei der Face-to-face-Kommunikation beim Gesprächspartner entstehen würden (z. B. durch Erröten, Körpersprache), gänzlich nicht übermittelt werden. Feedback: Der Sender wird in seinem Kommunikationsverhalten durch ein positives oder stereotypisches Feedback vom Empfänger verstärkt und die zugeschriebenen Merkmale werden Teil der Persönlichkeit. Das Hyperpersonal Model betrachtet als eines von wenigen Modellen der Computervermittelten Kommunikation auch die Wirkung auf den Menschen, nachdem die eigentliche Kommunikation stattgefunden hat.
Social Model of De-Individuation (SIDE) Siehe auch: Deindividuation
Als zweites Modell lässt sich das Social Model of De-Individuation Effects (kurz: SIDE-Modell) anführen.
Es gibt zwei bestimmende Faktoren (Determinanten), auf denen dieses Modell basiert: Gruppenzugehörigkeit: Basis hierfür stellt die Theorie der sozialen Identität dar. Diese unterscheidet zwischen der personalen Identität, bei der bestimmte Handlungen auf eigene Einstellungen zurückzuführen sind, und der der sozialen Identität, bei der die Handlungen von der jeweiligen Gruppe abhängig sind, der man angehört. Wichtige Phänomene hierbei sind die soziale Kategorisierung: das Maß zur Bestimmung der unterschiedlich stark wahrgenommenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Homogenisierung: die Tatsache, dass man die eigene Gruppe überschätzt und andere stereotypisiert De-Individuation: Grundlage bildet die Selbstkategorisierungstheorie. Hier werden die fließenden Übergänge zwischen personaler und sozialer Identität erwähnt. Am besten lässt sich die De-Individuation mithilfe von Anonymität untersuchen, d. h., dass der zu untersuchenden Person der Kommunikationspartner oder die -partnerin nicht bekannt ist. Der Gegensatz hierzu wäre die Identifizierbarkeit. Unter Beachtung der genannten Faktoren wird angenommen, dass ein Interaktionseffekt eintritt. Demnach wird entweder die personale oder die soziale Identität durch die Anonymität verstärkt.