Tirol () ist eine Region in den Ostalpen im Westen Österreichs und Norden Italiens. Seit dem Jahr 2011 besitzt das historische Gebiet mit der Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino eine eigene Rechtspersönlichkeit in Form eines Europäischen Verbundes für territoriale Zusammenarbeit.
Das Gebiet stand einst als Grafschaft Tirol lange Zeit unter einer gemeinsamen Herrschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie Österreich-Ungarn war auch Tirol betroffen und wurde im Jahre 1919 durch den Vertrag von St-Germain geteilt: Nordtirol und Osttirol (das heutige Land Tirol) verblieben bzw. gehörten fortan zur neuen Republik Österreich. Südtirol und Welschtirol, die bis auf wenige abgetrennte Gemeinden die heutige Autonome Region Trentino-Südtirol bilden, wurden im November 1918 militärisch besetzt und kamen 1919/20 auch formal zum Königreich Italien.
Geografie mini|hochkant=1.6|Wildspitze im Ötztal, höchster Berg Nordtirols () mini|hochkant=1.6|Wildspitze im Winter
Landschaftlich ist Tirol durch die Alpen geprägt.
Tirols höchste Berge sind: der Ortler () die Königspitze () der Großglockner () der Monte Cevedale () die Wildspitze ()
Die Entwässerung erfolgt in Nord- und Osttirol über Inn, Drau und Lech, die alle in die Donau münden. Südtirol und Trentino werden hauptsächlich von der Etsch und ihren Nebenflüssen entwässert. Die Teilung des Landes erfolgte fast genau an der Wasserscheide.
Die Region Tirol grenzt im Norden an Bayern, im Westen an Vorarlberg und den Kanton Graubünden, im Südwesten an die Lombardei, im Süden und Südosten an Venetien und im Osten an Salzburg und Kärnten.
Ballungsgebiete mini|Innsbruck mini|Trient mini|Bozen + Gemeinden Tirols mit über 10.000 Einwohnern Rang Gemeinde in Einw. 1 Innsbruck Nordtirol 2 Trient Trentino 3 Bozen Südtirol 4 Meran Südtirol 5 Rovereto Trentino 6 Brixen Südtirol 7 Pergine Valsugana Trentino 8 Kufstein Nordtirol 9 Leifers Südtirol 10 Riva del Garda Trentino 11 Arco Trentino 12 Bruneck Südtirol 13 Telfs Nordtirol 14 Eppan Südtirol 15 Hall in Tirol Nordtirol 16 Schwaz Nordtirol 17 Wörgl Nordtirol 18 Lana Südtirol 19 Lienz Osttirol 20 Imst Nordtirol Stand Österreich: Stand Italien:
Flächen und Einwohnerzahlen Landesteil Fläche in km² Einwohner Nordtirol 10.627,84 Osttirol 2.020,12 Südtirol 7.400,43 Trentino 6.206,90 Europaregion 26.255,29 Einwohner-Stand Österreich: Einwohner-Stand Italien:
Wappen
Das Wappentier Tirols ist der Tiroler Adler: Im silbernen Schild der goldene gekrönte und bewehrte rote Adler mit goldenen Flügelspangen.
Etymologie Der Name Tirol ist sicher vorrömischen Ursprungs und stammt möglicherweise von einem Geländenamen, der anschließend auf Schloss Tirol und Dorf Tirol sowie zuletzt das gesamte Herrschaftsgebiet der Grafen von Tirol überging. Von Interesse ist dabei, dass unter den frühesten Belegen aus dem 12. Jahrhundert auch Schreibungen mit der zweiten Silbe -al (etwa de Tirale) auftauchen, wodurch die parallel im selben Zeitraum einsetzenden Schreibungen auf -ol als Folge einer lautgesetzlichen Verdumpfung der eventuell als älter anzusetzenden Form auf -al interpretiert werden könnten.Egon Kühebacher: Die Ortsnamen Südtirols und ihre Geschichte. Die geschichtlich gewachsenen Namen der Gemeinden, Fraktionen und Weiler. Athesia, Bozen 1991, ISBN 88-7014-634-0, S. 470–471. Die Etymologie wie auch die Ausgangssprache des Toponyms liegen im Dunkeln, es gibt aber eine Reihe von Hypothesen.Peter Anreiter, Christian Chapman, Gerhard Rampl: Die Gemeindenamen Tirols: Herkunft und Bedeutung. Band 17 von Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2009, ISBN 978-3-7030-0449-0, S. 236.
In älterer Literatur wurde gelegentlich ein direkter Zusammenhang mit dem römischen Kastellnamen Teriolis, aus dem sich Zirl entwickelte, vermutet, allerdings handelt es sich wohl weniger um eine Ableitung als um einen zufälligen lautlichen Anklang von zwei als unabhängig voneinander zu betrachtenden Ortsnamen, worauf bereits Karl Finsterwalder hinwies.Karl Finsterwalder: Besprechung zu C. Battisti – G. Giacomelli, I nomi locali del Burgraviato di Merano. In: Tiroler Ortsnamenkunde. Gesammelte Aufsätze und Arbeiten, Band 3, Wagner, Innsbruck 1990, ISBN 3-7030-0279-4, S. 1127.
Geschichte Frühgeschichte Das Gebiet von Tirol ist mindestens seit etwa 100.000 Jahren besiedelt, wie Funde in der Tischofer Höhle bei Kufstein erweisen; sie stellen zugleich die einzigen Funde des Paläolithikums in Tirol dar.Thomas Bachnetzer, Michael Brandl, Alfred Pawlik: Mesolithische Jäger im Hochgebirge, in: Nikolaus Hofer, Franz Sauer (Hrsg.): Ins wilde Längental. Steinzeitjäger und Almwirtschaft im Kühtai, Tirol, 2018, S. 58–71, 94–96 (Literatur). (academia.edu), Bezug S. 59. Aus der Epoche nach der letzten Eiszeit, dem Mesolithikum, haben sich im Gegensatz dazu zahlreiche Spuren finden lassen. Allerdings fanden sich in Tirol erst 1986 erste Belege, nämlich am Tuxer Joch (2338 m). Bis 2009 erhöhte sich die Zahl der nachgewiesenen Fundplätze aus dieser Zeit allein im österreichischen Tirol auf 114 (S. 60), wobei es sich allerdings fast ausschließlich um Oberflächenfunde handelte. Systematisch ergraben wurden nur sehr wenige Plätze. 1997 wurde in der Nähe der Dortmunder Hütte ein Silexartefakt entdeckt. Von 1995 bis 2004 erfolgten Grabungen am Ullafelsen bei Sellrain. Das dortige Jägerlager ließ sich auf die Zeit zwischen 9200 und 7500 v. Chr. datieren. Weitere Grabungen erfolgten auf der Krimpenbachalm (Gemeinde Oberperfuss) sowie im Sulztal (Gemeinde Längenfeld). Im Längental ließ sich ebenfalls ein in zwei Phasen genutztes Jägerlager nachweisen, datiert auf etwa 7000 und 6500 v. Chr. Der Fundplatz Alm I wurde ins Beuronien datiert, und damit in die Zeit zwischen 9000 und 6500 v. Chr. Er erbrachte mehr als 3000 Artefakte, meist aus dem späten 8. Jahrtausend. Davon waren 2497 aus Gangquarz, 547 aus Silex und 35 aus Bergkristall. Ebenfalls aus dem Mesolithikum fanden sich Artefakte auf der Seiser Alm und an weiteren Plätzen im Süden.
Die ersten Siedler lebten als Jäger und Sammler, bis sich um etwa 5500 v. Chr. der Ackerbau durchsetzte. Von dieser Zeit zeugen der Fund der Gletschermumie Ötzi und mehrere Ausgrabungen in allen Teilen Tirols.
Tirol verfügte schon früh über eine Bergbaukultur. Die älteste Verhüttung wurde in der Nähe von Brixlegg gefunden und stammt aus dem frühen 4. Jahrtausend v. Chr. In den folgenden Jahrtausenden wurden weitere Abbaustellen vor allem für Kupfer errichtet. Der Kupferabbau führte zu einem blühenden Handel, was vor allem die reichen Grabbeigaben in der Urnenfelderzeit, z. B. aus dem Gräberfeld Volders (ca. 1400–900 v. Chr.) beweisen. Das damalige Handelsnetz reichte von der Nordsee bis zum Mittelmeer.
Die Zeit ab ca. 450 v. Chr. bis zur römischen Invasion wird als La-Tène-Zeit bezeichnet. In dieser Zeit siedelten in den Tiroler Alpen Völker, die in den umliegenden Gebieten oft von Kelten verdrängt worden sind. Diese Völker, die zwischen dem Comer See (lat. Larius, ital. Lario) und Kärnten lebten, wurden von den Römern als Räter bezeichnet, wie die Breonen (in der Inschrift des Tropaeum Alpium von 6/7 v. Chr. als Breuni erwähnt, wohl im Inntal), Genaunen (Unterinntal), Isarken (am Eisack), Venosten (im Vinschgau). Die Kultur bezeichnen Historiker nach den beiden wichtigsten Fundorten als die Fritzens-Sanzeno-Kultur. Sie verfügte über Weinfässer, die später von den Römern übernommen wurden, und über ein eigenes Alphabet.
Daneben finden sich auch keltische Bergvölker, wie die Taurisker (Salzach-, Zillertal, davon wohl Tauern) und Saevaten (Pustertal), und später von den Slawen aus dem ehemaligen Norikum verdrängte westwärts ziehende Stämme, sowie Stämme unklarer Zuordnung wie die Fokunaten (wohl Unterinntal). Im Süden finden sich aber die nördlichsten Siedlungsgebiete der Veneter. Die Siedlungsgebiete dieser Stämme lassen sich auch über die Tiroler Ortsnamen nachzeichnen, die nicht selten auf vorrömische Ausgangswörter zurückgehen.
Römerzeit mini|hochkant=1.6|Germanien zur Römerzeit, südlich anschließend Rätien und Noricum. Droysen: Historischer Handatlas, 1886 Im Jahr 15 v. Chr. wurde das Gebiet von den römischen Feldherren Drusus und Tiberius erobert und auf die römischen Provinzen Rätien (Vinschgau, Burggrafenamt, Eisacktal, Wipptal, Oberinntal und Teile des Unterinntals) und Noricum (Pustertal, Defereggen und Teile des Unterlandes rechts des Zillers und des Inns) aufgeteilt. Bozen und der äußerste Süden des Landes gehörten zu Venetia et Histria.
In dieser Zeit übernahmen die in Tirol lebenden rätischen Stämme das Vulgärlatein und verbanden es mit ihrer eigenen Sprache. Daraus wurde dann das noch heute gesprochene Ladinisch.
Tirol profitierte zu dieser Zeit vor allem durch den römischen Fernhandel, der durch die Errichtung von befestigten Straßen wie der Via Claudia Augusta und Via Raetia begünstigt wurde. Als Siedlungsgebiet war Tirol für die Römer aber nicht attraktiv, was die wenigen Städte beweisen. Die bekannteste römische Stadt auf Tiroler Gebiet war in Noricum die Stadt Aguntum, die sich in der Nähe von Lienz befand.
In der Spätantike (ab 476 n. Chr.) gehörte Tirol zum Reich der Ostgoten. 534 überließen diese den Vinschgau mit Meran bis zur Passer den westgermanischen Franken. Nach dem Zusammenbruch des Ostgotenreichs (550/553) erfolgte von Norden her die Einwanderung der Bajuwaren (Baiern), während ab 568 die Langobarden weite Teile Italiens eroberten und von Süden heraufdrangen. Im heutigen Trentino, dem ehemaligen Welschtirol, errichteten sie das langobardische Herzogtum Trient, das bis Bozen reichte. Von Osten erfolgte ab dem Jahr 590/91 eine slawische Besiedelung, die wohl bis zur Eroberung Kärntens durch die Bajuwaren um das Jahr 740 an die Grenzen Osttirols herangereicht hat.
Mittelalter Bis 1363 gehörte der weitaus größte Teil Tirols zum Herzogtum Bayern. Die bayerisch-langobardische Grenze lag unmittelbar südwestlich von Bozen. Salurn und das Gebiet rechts der Etsch, darunter auch Eppan, und Kaltern bis zur Falschauer in Lana wurden langobardisch. Das Gebiet links der Etsch und das Fassatal wurden bayerisch. Die Christianisierung erfolgte durch die Bischöfe von Brixen und Trient. Der Grenzverlauf blieb auch während der Karolingerzeit und der Ottonenzeit unverändert, obwohl auch im langobardischen Teil bis Salurn die bajuwarische Besiedlung vordrang. Für diese Epoche, im Wesentlichen das 7. bis 9. Jahrhundert, ist für die jeweiligen Rechtsräume die Anwendung der sogenannten „Stammesrechte“ – bei den Kodifikationen handelt es sich um die Lex Romana Curiensis, die Lex Alamannorum, die Lex Baiuvariorum und die Leges Langobardorum – urkundlich bezeugt.Hannes Obermair: Das Recht der tirolisch-trientinischen ‚Regio‘ zwischen Spätantike und Frühmittelalter. In: Concilium Medii Aevi 9 (2006), S. 141–158, Bezug S. 147 ff., doi:10.2364/1437905809107 mini|Schloss Tirol
1027 trennte Kaiser Konrad II. zur Sicherung der wichtigen Brennerroute das südlich angrenzende Bistum Trient vom italienischen Reichsteil (dem ehem. Königreich der Langobarden) ab und gliederte es dem deutschen Reichsteil ein. Dadurch kam auch das rechte Etschtal zwischen Lana und Deutschmetz (Mezzocorona) zum Herzogtum Bayern. Im Laufe des 12. Jahrhunderts gelang es den Grafen von Tirol, einem bayerischen Adelsgeschlecht, im südlichen Teil des Herzogtums ausgehend von Schloss Tirol bei Meran und dem Vinschgau mit der Grafschaft Tirol ein eigenes Territorium zu schaffen und im 13. Jahrhundert während der kaiserlosen Zeit anerkennen zu lassen.