In der Varusschlacht (auch Schlacht im Teutoburger Wald oder Hermannsschlacht, von römischen Schriftstellern als , als „Varusniederlage“ bezeichnet) erlitten in der zweiten Hälfte des Jahres 9 n. Chr. drei römische Legionen samt Hilfstruppen und Tross unter Publius Quinctilius Varus in Germanien eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer unter Führung des Arminius („Hermann“), eines Fürsten der Cherusker.

Die Schlacht, in der ein Achtel des Gesamtheeres des Römischen Reiches vernichtet wurde, leitete das Ende der römischen Bemühungen ein, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens bis zur Elbe (Fluvius Albis) zu einer Provinz des Römischen Reiches zu machen (Augusteische Germanenkriege). Sie gehört daher zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte der Römer in Germanien und der Entwicklung Germaniens.

Als Ort der Schlacht werden verschiedene Stätten in Ostwestfalen, Norddeutschland und in den Niederlanden vermutet. Seit Ende der 1980er Jahre werden intensive archäologische Ausgrabungen in der Fundregion Kalkriese am Wiehengebirge im Osnabrücker Land durchgeführt, die den Ort zu einem Favoriten in der Diskussion als Stätte der Varusschlacht machten. Am Ort wurde das Museum und Park Kalkriese errichtet. Das Hermannsdenkmal bei Detmold im Teutoburger Wald erinnert an die Varusschlacht.

Historischer Hintergrund Nach der Eroberung Galliens durch Caesar (58 v. Chr. – 51 v. Chr.) begannen vier Jahrzehnte später unter Augustus die römischen Feldzüge in das Gebiet rechts des Rheins. Augustus’ Stiefsöhne Drusus und Tiberius führten 15 v. Chr. einen Feldzug gegen die Räter und Vindeliker. Drusus, der danach den Befehl über die Legionen am Rhein übernahm, führte in den Jahren 12 v. Chr. bis zu seinem Tod 9 v. Chr. ausgedehnte Erkundungszüge östlich des Rheins durch, bei denen er Elbe und Saale erreichte. Vom Rhein aus über den Drusus-Kanal, den lacus Flevo, das Wattenmeer und die Nordsee konnte die römische Flotte die Operationen unterstützen. Mit den Drusus-Feldzügen ist die Frage aufgeworfen, welche Ziele das Römische Reich in Germanien verfolgte. Die Antworten über den Umfang der römischen Feldzüge reichen von einer Verteidigung Galliens bis zu einer über die Elbe hinausreichenden Expansion.Zusammenfassungen der Forschung bei Jürgen Deininger: Germaniam pacare. Zur neueren Diskussion über die Strategie des Augustus gegenüber Germanien. In: Chiron. Bd. 30, 2000, S. 749–773; Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006. In den letzten Jahren geht die Forschung davon aus, dass es weniger um Landgewinn als vielmehr um den Erwerb von Prestige und um Abschreckung ging. In Germanien sollte der Ruhm erworben werden, der den Kriegsherrn in der Sicht der Öffentlichkeit dazu befähigt, das Römische Reich zu beherrschen. Nach dieser Sichtweise spielte Germanien lediglich die Rolle als materies gloriae, eines Gegenstandes, der zur militärischen Qualifizierung des Nachfolgers geeignet war.Peter Kehne: Augustus und ‚seine‘ spolia opima: Hoffnungen auf den Triumph des Nero Claudius Drusus? In: Theodora Hantos, Gustav Adolf Lehmann (Hrsg.): Althistorisches Kolloquium aus Anlaß des 70. Geburtstages von Jochen Bleicken. Stuttgart 1998, S. 187–211; Peter Kehne: Limitierte Offensiven: Drusus, Tiberius und die Germanienpolitik im Dienste des augusteischen Prinzipats. In: Jörg Spielvogel (Hrsg.): Res Publica Reperta. Zur Verfassung und Gesellschaft der römischen Republik und des frühen Prinzipats. Festschrift für Jochen Bleicken zum 75. Geburtstag. Stuttgart 2002, S. 298–321; Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald Varus, Arminius und das römische Germanien. In: Ernst Baltrusch, Morten Hegewisch, Michael Meyer, Uwe Puschner und Christian Wendt (Hrsg.): 2000 Jahre Varusschlacht. Geschichte – Archäologie – Legenden. Berlin u. a. 2012, S. 3–21, hier: S. 8. Demnach konnten die Germanen für die Römer nicht als eine wirkliche Bedrohung angesehen werden.

Die Römer errichteten an Rhein (Rhenus), Lahn (Laugona), Lippe (Lippia), Ems (Amisia) und an der Nordsee eine Reihe von befestigten Lagerplätzen und versuchten, unter den Stämmen Verbündete zu gewinnen. Am 1. Januar 7 v. Chr. feierte Tiberius einen Triumph über die Germanen. Tiberius ging ein Jahr später aus dynastischen Gründen in ein selbstgewähltes Exil nach Rhodos. Weitere Erfolge bei der Befriedung des Landes wurden von Lucius Domitius Ahenobarbus und nach Tiberius’ Rückkehr 4 n. Chr. erzielt. Als Bedrohung stellten sich die unter Drusus in das Gebiet des heutigen Böhmen vertriebenen Markomannen unter ihrem Herrscher Marbod dar. Im Jahr 4 drang Tiberius im Zuge des immensum bellum in Germanien ein, unterwarf die Cananefaten, Chattuarier sowie Brukterer und führte sein Heer bis über die Weser. Der im Jahr 6 gegen Marbod geplante Großangriff von zwölf Legionen unter Tiberius und Gaius Sentius Saturninus musste aber wegen des zur gleichen Zeit in Pannonien und Dalmatien ausgebrochenen Illyrischen Aufstands (6–9 n. Chr.) abgebrochen werden. Zum neuen Befehlshaber am Rhein wurde 7 n. Chr. Publius Quinctilius Varus ernannt.

Quellenlage Die heute erhaltenen unmittelbar zeitgenössischen Nachrichten berichten über das Ereignis der Niederlage der Legionen des Varus nur kurz. Hierzu zählen Ovid (Tristia III, 12, 45–48), Manilius (Astronomica I, 896–903) und Strabon (Geographica VII, 1, 4). Velleius Paterculus beschreibt 30 n. Chr. die Geschehnisse sehr knapp (Historiae Romanae II, 117–119). Erwähnt wird die Schlacht daneben von weiteren Autoren, wie zum Beispiel Seneca (Epistulae morales, Brief 47), Frontinus (Kriegslisten) und Sueton. Die ausführlicheren Berichte zur Varusschlacht stammen von Tacitus Anfang des zweiten Jahrhunderts (Annalen) und von Cassius Dio Anfang des dritten Jahrhunderts (Römische Geschichte).

Die literarische Überlieferung bietet nur die ausschließlich römische Sichtweise auf das Ereignis. Alle Darstellungen akzentuieren, dass der Angriff auf die römischen Truppen völlig überraschend kam und es sich um einen Hinterhalt der Germanen handelte. Alle Autoren sehen in erster Linie im persönlichen Versagen des Varus die Ursache für die Niederlage.Reinhard Wolters: Varusschlachten – oder: Neues zur Örtlichkeit der Varusschlacht. In: Die Kunde. Zeitschrift für Ur- und Frühgeschichte. NF 44, 1993, S. 167–183, hier: S. 169.

Velleius Paterculus war Zeuge und Kriegsteilnehmer in Germanien. Velleius begründet die Knappheit seiner Schilderungen mit einem geplanten größeren Geschichtswerk über die Germanenkriege, das jedoch nicht mehr geschrieben wurde.Velleius Paterculus: Römische Geschichte. 2,119,1 (englisch) Der Historiker gibt Auskunft über das Verhalten der römischen Offiziere und liefert genaue Angaben zu militärischen Angelegenheiten sowie zur Heeresstärke. Velleius kritisiert Varus scharf und beschreibt ihn als den Hauptverantwortlichen für die Niederlage, „der mehr Mut zum Sterben als zum Kämpfen hatte“.Velleius Paterculus, Römische Geschichte 2,119,3 (englisch). Der glücklose Feldherr Varus wird zum Sündenbock und in seiner Darstellung bewusst in Kontrast zum siegreichen Tiberius gesetzt.

Tacitus sieht in der Freiheit der Germanen einen wichtigen Grund für die Niederlage des Varus und lobt Arminius dafür, dass er Rom „in der höchsten Blüte des Reiches“Tacitus, Annales 2,88. angegriffen habe. Die Varusschlacht selbst beschreibt er nicht, wohl aber die Feldzüge des Germanicus, der das Schlachtfeld sechs Jahre nach der Niederlage wieder aufgesucht hat. Tacitus schreibt dazu, das Schlachtfeld sei im Teutoburgiensi saltu zu finden,Tacitus, Annales 1,60. der nicht weit von den „äußersten Brukterern“ gewesen sein soll.

Cassius Dio liefert die detailreichste Beschreibung der Schlacht und stellt für zahlreiche Einzelheiten die einzige Quelle dar. Dios Bericht stammt zwar vom Beginn des 3. Jahrhunderts, jedoch verfügte Dio über sehr zuverlässige und zeitnahe Quellen. Seine Darstellung des Geschehens wird daher mehrheitlich als zuverlässig eingestuft.Bernd Manuwald: Politisches Ungeschick oder vorbestimmtes Verhängnis? Cassius Dios Bericht über die Varus-Schlacht. In: Gustav Adolf Lehmann, Rainer Wiegels (Hrsg.): Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit. Göttingen 2007, S. 431–449. Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald Varus, Arminius und das römische Germanien. In: Ernst Baltrusch, Morten Hegewisch, Michael Meyer, Uwe Puschner und Christian Wendt (Hrsg.): 2000 Jahre Varusschlacht. Geschichte – Archäologie – Legenden. Berlin u. a. 2012, S. 3–21, hier: S. 11. Tacitus und Cassius Dio benutzten ihrerseits vermutlich unterschiedliche (heute allesamt verlorene) Geschichtswerke als Quellen; in Frage kommen neben Plinius dem Älteren (dessen bella Germaniae in 20 Büchern Tacitus offenbar benutzt hat und der von Tacitus explizit als Germanicorum bellorum scriptor ‚Geschichtsschreiber der Germanenkriege‘ bezeichnet wird)Tacitus, Annales 1,69. etwa die libri belli Germanici bzw. die Historiae des Aufidius Bassus.Vgl. zu den möglichen Quellen die Diskussion bei Ronald Syme: Tacitus. Bd. 1, Oxford 1958, S. 274 ff., sowie bei Peter Michael Swan: The Augustan Succession: An Historical Commentary on Cassius Dio’s Roman History, Books 55–56 (9 B.C.–A.D. 14). Oxford 2004, S. 250 ff.

Das Werk des zu Beginn des 2. Jahrhunderts schreibenden Florus (Geschichte aller Kriege, die in 700 Jahren geführt worden sind) liefert eine Darstellung, die als einzige im Ablauf der Ereignisse von anderen Quellen abweicht. Nach seiner Version wurden die Römer nicht auf dem Marsch angegriffen, sondern die Germanen seien über das Lager hergefallen, als Varus nichts ahnend im Lager Gericht abhielt.Florus 2,34 f. Die Darstellung gilt aber bei heutigen Historikern als wenig zuverlässig, da allein die Vorstellung, die Germanen hätten ein von drei Legionen verteidigtes Lager eingenommen, als eher unwahrscheinlich gilt.Vgl. etwa: Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. München 2017, S. 110; Ralf-Peter Märtin: Die Varusschlacht. Rom und die Germanen. Frankfurt am Main 2008, S. 184 f.

Geografische Beschreibungen des Schlachtfeldes, das etwa durch feuchtkaltes Klima, dichte Wälder und moorigen Untergrund geprägt gewesen sei, werden in der Forschung allgemein als topische Vorstellungen der Römer für nördliche Länder angesehen, welche die Autoren mittels einer Ekphrase nutzten. Andere Schlachtdarstellungen, die auf die Varus-Niederlage folgten, wie etwa die Caecinaschlacht, wurden von den antiken Geschichtsschreibern möglicherweise nachmodelliert.Reinhard Wolters: Die Römer in Germanien. 5., durchgesehene und aktualisierte Auflage, München 2006, S. 55. Folgt man dieser Annahme, so ließe sich über die Schlacht außer der bloßen Tatsache der römischen Niederlage und des Untergangs der drei Legionen in Germanien nichts weiter sagen.

Das lange Zeit einzige archäologisch-epigraphische Zeugnis der Schlacht, das jedoch weder zur Frage des Orts noch zur Kenntnis des Schlachtverlaufs etwas beitrug, ist der sogenannte „Caeliusstein“, der sich heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn befindet. Dieser Grabstein wurde im Xantener Ortsteil Birten gefunden und war für den „im Krieg des Varus“ () ums Leben gekommenen römischen Centurio Marcus Caelius errichtet worden. = ILS 2244. Das lebensgroße Bildnis darauf zeigt den römischen Offizier in voller Uniform zwischen zweien seiner Freigelassenen. Aus der unterhalb dieser Darstellung eingemeißelten Inschrift geht hervor, dass die Leiche des Caelius nicht geborgen werden konnte.

Der römische Statthalter Varus mini|As der Serie Lugdunum I mit Gegenstempel des Varus („VAR“)