Methamphetamin () ist eine synthetisch hergestellte Substanz aus der Stoffgruppe der Phenylethylamine. Methamphetamin ist als freie Base bei Raumtemperatur flüssig; sein Hydrochlorid dagegen ist als Salz eine farblose kristalline Substanz. Sie wird sowohl in der Medizin als Arzneistoff wie auch missbräuchlich als euphorisierende und stimulierende Rauschdroge verwendet. Andere Namen sind Metamfetamin oder N-Methylamphetamin; historisch, umgangssprachlich und in der Drogenszene sind zahlreiche Bezeichnungen gebräuchlich, darunter Panzerschokolade, Crystal Meth oder Ice.

Methamphetamin gehört zur Substanzklasse der Amphetamine. Zu ihr zählen noch etliche weitere psychoaktive Substanzen, unter anderem Amphetamin selbst und das in der Natur vorkommende Ephedrin. Methamphetamin ist ein potentes Stimulans und indirektes Sympathomimetikum, d. h., es regt stark die sympathischen Teile des vegetativen Nervensystems an.

Herstellung, Besitz oder Inverkehrbringen von Methamphetamin ohne Erlaubnis ist in Deutschland und den meisten europäischen Ländern strafbar. In den USA fällt die Substanz seit 1970 unter das Drogenkontrollgesetz.

Geschichte Methamphetamin wurde erstmals 1893 durch den japanischen Chemiker Nagayoshi Nagai in flüssiger Form synthetisiert.Nagayoshi Nagai: Kanyaku maō seibun kenkyū seiseki (zoku). In: Yakugaku Zasshi, Band 13, 1893, S. 901. 1919 wurde die Substanz im Zuge der Strukturaufklärung von Ephedrin erstmals in Reinform von Akira Ogata kristallisiert, 1921 patentiertAkira Ogata: alpha and beta-Aminoalkyl(aryl)benzenes and their derivatives. In: J. Pharm. Soc. Jpn. Band 445, 1919, S. 193–216. – erfasst in Chem. Abstracts. Band 13, 1919, S. 1709.Akira Ogata: Constitution of ephedrine – Desoxyephedrine. In: J. Pharm. Soc. Jpn., 1919, 451, S. 751–764. – erfasst in Chem. Abstracts. Band 14, 1920, S. 475. HTML. und vom Pharmaunternehmen Dainippon Seiyaku unter der Marke Philopon (, Hiropon) vertrieben. Der Name leitet sich vermutlich von den japanischen Wörtern „Müdigkeit“ (hirō) und „mit einem Schlag“ (pon) im Sinne „die Müdigkeit verschwindet schlagartig“ oder aber vom griechischen philoponos („arbeitliebend“) ab.

Die pharmakologische Gruppe der Sympathomimetika (Arzneimittel, die die Stimulation des sympathischen Nervensystems nachahmen), in die Methamphetamin und andere Phenylalkylamine gehören, wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts vielfach erforscht, so 1910 in England von George Barger und Henry Hallett Dale.G. Barger und H. H. Dale: Chemical structure and sympathomimetic action of amines. In: The Journal of Physiology 1910, 41, S. 19–59. In den Vereinigten Staaten kam 1933 das dem Methamphetamin chemisch nahestehende, aber um eine Methylgruppe ärmere, Amphetamin unter dem Markennamen Benzedrin in den Handel.

In Deutschland wurde ab 1934 in den Vereinigten Chemischen Fabriken H. Temmler in Berlin an Verfahren zur Herstellung von Methamphetamin geforscht, dessen Ergebnis im Oktober 1937 patentiert wurde. Wesentlichen Anteil an der Entwicklung bei Temmler hatte Fritz Kurt Hauschild, der die Arbeiten am Methamphetamin auch zum Gegenstand seiner Habilitationsschrift „Zur Chemie und Pharmakologie der Phenylalkylamine“ machte, welche von Wolfgang Heubner betreut wurde. Das Produkt der Temmler-Werke wurde 1938 unter dem Namen Pervitin als Markenartikel in den Handel gebracht, wobei Temmler die Markenrechte noch bis 2015 hielt.Wortmarke Pervitin Nr. 321782, angemeldet 29. März 1924 für die Klasse Arzneimittel.

Verwendung im Zweiten Weltkrieg Nach der Markteinführung von Pervitin waren u. a. damit versetzte Pralinen (sogenannte „Hausfrauenschokolade“) erhältlich.Thomas Veszelits: Die Neckermanns: Licht und Schatten einer deutschen Unternehmerfamilie. Campus Verlag, Frankfurt / New York 2005, ISBN 3-593-37406-4. Ab 1938 führte der Physiologe Otto Ranke an der Militärärztlichen Akademie Experimente mit leistungssteigernden Mitteln durch, wobei er sich besonders mit Methamphetamin beschäftigte, weil es ihm als vielversprechendes Mittel zur Bekämpfung von Ermüdungserscheinungen erschien.Norman Ohler: Der totale Rausch: Drogen im Dritten Reich. Köln 2015, ISBN 978-3-462-04733-2, S. 70–126. Insbesondere während der Blitzkriege gegen Polen (1939) und gegen Frankreich 1940 wurde Methamphetamin millionenfach verwendet. General Heinz Guderian bestellte für die 1. Panzer-Division 20.000 Tabletten Pervitin für die ersten Tage des Westfeldzuges, insbesondere für den Durchbruch bei Sedan.Christoph Gunkel: Schwindelig vom Blitzkrieg (Spiegel Geschichte 2010). Unter den Spitznamen Panzerschokolade, Fliegersalz, Fliegermarzipan (nicht jedoch Fliegerschokolade), Stuka-Tabletten und Hermann-Göring-Pillen diente das somit meist oral verabreichte Mittel zur Dämpfung des Angstgefühls, zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und des Selbstwertgefühls der Soldaten, Fahrzeugführer und Piloten. Ähnliches galt für den Deutsch-Sowjetischen Krieg, die Schlacht um Stalingrad und die Ardennenoffensive: Auch hier wurde vielen Soldaten der deutschen Wehrmacht Pervitin appliziert, um das Durchhaltevermögen zu steigern und das Kältegefühl sowie Hunger und Erschöpfung zu dämpfen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Pervitin auch mit Traubenzucker versetzt verabreicht.

Besondere Bedeutung hatte Pervitin 1944 für die Kleinst-U-Boote der Kriegsmarine unter Admiral Hellmuth Heye. Die Einsätze des bemannten Torpedos Neger, des U-Boots Seehund und anderer Typen sollten bis zu sieben Tagen dauern. Zur Entwicklung eines geeigneten Medikamentenmix („D-IX“) arbeitete Heye eng mit der SS im KZ Sachsenhausen zusammen. Die Erprobungen erfolgten auf der Schuhprüfstrecke mit einer Pillenpatrouille.Norman Ohler: Der totale Rausch: Drogen im Dritten Reich. Köln 2015, ISBN 978-3-462-04733-2, S. 258 ff.

In der Zeit von April bis Juni 1940 bezog die Wehrmacht mehr als 35 Millionen Tabletten Pervitin. Der damalige Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti erklärte am 19. März 1940 in seiner Rede vor dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund im Berliner Rathaus:Jens Alexander Steinat: Ernst Speer (1889–1964), Leben – Werk – Wirkung (PDF; 2,3 MB); Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen (2004).

Als dann am 25. Oktober 1940 in der Münchener Medizinischen Wochenschrift (MMW) ein Beitrag erschien, in dem Pervitin für ganz verschiedene Störungen von See- und Bergkrankheit und verzögerter Rekonvaleszenz bis hin zu organischen Hirn- und Rückenmarkstörungen empfohlen wurde, sah sich die Reichsgesundheitsführung veranlasst, den Psychiater Ernst Speer als bekannten Kritiker des Medikaments mit einer Gegendarstellung zu berufen, die ebenfalls in der MMW erschien.Liebendörfer: Pervitin in der Hand des praktischen Nervenarztes. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. München 1940, 43, S. 1182–1183.Ernst Speer: Das Pervitinproblem. In: Dtsch. Ärztebl. 71 (1941), S. 4–6, 15–19, zitiert nach Jens Alexander Steinat: Ernst Speer (1889–1964), Leben – Werk – Wirkung (PDF; 2,3 MB). Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen 2004.

Ab Mitte 1941 war das Medikament durch das geänderte Reichsopiumgesetz nur noch auf Rezept erhältlich. Dadurch reduzierte sich der Einsatz der als Suchtdroge eingestuften Substanz merklich.

Mehreren Veröffentlichungen zufolge soll Hitler Methamphetamin zunächst in Form von Pervitin-Tabletten und ab 1942 bis zu mehrmals täglich per Injektion verabreicht bekommen haben.Jan Dreher: Psychopharmakotherapie griffbereit. 2014, Schattauer, ISBN 978-3-7945-3078-6, S. 192.Maik Baumgärtner, Mario Born, Bastian Pauly: Crystal Meth: Produzenten, Dealer, Ermittler. Ch. Links Verlag, 2015, ISBN 978-3-86153-820-2, S. 17.Leonard L. Heston, Renate Heston: The Medical Casebook of Adolf Hitler: His Illnesses, Doctors, and Drugs. Stein and Day, New York 1980, ISBN 0-8128-2718-X.

Die Substanz fand auch im amerikanischen, britischen und japanischen Militär während des Zweiten Weltkriegs breite Verwendung.

Verwendung nach 1945 Sowohl Bundeswehr als auch Nationale Volksarmee (NVA) lagerten Pervitin „für den Ernstfall“ bis in die 1970er Jahre ein. Es war Bestandteil der Verpflegung für Fallschirmjäger und wurde bei Übungen ausgegeben. Die NVA produzierte Pervitin in einer Fabrik in Königsbrück bis 1975; es wurde danach durch APo-Neuron abgelöst. Bei Piloten war Pervitin für den Notfall vorgesehen, und der Verbandsatz der NVA enthielt bis 1988 Pervitin. Auch vom US-Militär wurde der Wirkstoff nach 1945 zur Leistungssteigerung eingesetzt, beispielsweise während des Vietnamkrieges.

Im Leistungssport wurde Pervitin von einigen Sportärzten als Dopingmittel eingesetzt; siehe auch: Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Es wurde oft mit Traubenzucker vermischt und direkt in den Körper als Dopingmittel injiziert. Der österreichische Extremalpinist Hermann Buhl verwendete 1953 Pervitin bei der Erstbesteigung des hohen Nanga Parbat im Himalaya.Die Presse vom 9. Mai 2014: Droge für Soldaten und Bergsteiger.Martin Grabner : 50. Todestag Hermann Buhl: Die Spur im Schnee bis zur Kante. In: Der Standard, Printausgabe, 25. Juni 2007. Der portugiesische Fußballnationalspieler Fernando Mendes verwendete während seiner Profifußballkarriere unter anderem Pervitin als Dopingmittel, wie er in seiner Biografie offenbarte.

Der unter starken Rückenschmerzen leidende US-Präsident John F. Kennedy wurde in den frühen 1960er Jahren regelmäßig mit Amphetaminen therapiert.What Jackie Kennedy Didn’t Say—and Didn’t Know. Psychology Today, 14. September 2011; abgerufen am 3. September 2018. Durch die Veröffentlichung seiner Tagebücher im Jahr 2017 wurde bekannt, dass in den 1960er Jahren Konrad Adenauer, der damalige deutsche Bundeskanzler, gelegentlich Pervitin zur Leistungssteigerung konsumierte. Auch die Beatles nutzten regelmäßig Pervitin und Preludin, um in der Frühphase ihrer Karriere die stundenlangen Auftritte in Hamburger Clubs zu bewältigen.Far Out Magazine: Did The Beatles take drugs? Das Fertigarzneimittel Pervitin blieb bis 1988 im Handel.

Eine Hochphase als Rauschdroge begann im Zeitraum von den 2000er- bis in die 2010er-Jahre, als der illegale Markt für Crystal Meth in Deutschland deutlich anwuchs: 2017 wurden 114,5 Kilogramm Crystal Meth sichergestellt – erheblich mehr als in den Vorjahren. Im deutschen „Drogen- und Suchtbericht“ von 2019 werden regionale Trends beschrieben: Während in Sachsen zwei Prozent und in Thüringen 1,7 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren schon mindestens einmal Methamphetamin konsumiert haben, trifft dies in Nordrhein-Westfalen nur auf 0,3 Prozent der Erwachsenen zu. In Hessen liegt dieser Wert bei 0,7 Prozent, in Hamburg sind es 0,9 und in Bayern 1,1 Prozent. Da ein Großteil des in Europa verfügbaren Methamphetamins in Tschechien produziert wird, ist die Droge also in den angrenzenden Bundesländern stärker verbreitet.Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Drogen- und Suchtbericht 2019, S. 101, online. Einsatz findet Methamphetamin auch als Partydroge und bei „Chem-Sexpartys“.

Weltweit ist die illegale Droge unter zahlreichen Bezeichnungen bekannt, so als Crystal Meth, Meth, Crystal, Glass, Ice, Piko, Yaba, Nazi-Crank oder Hitler-Speed.Solveig Wright: Tanzen, tanzen, tagelang. In: die tageszeitung, 20. Juli 2005, online. – Rudi Hutterer: Fit in Organik. Teubner-Verlag, Wiesbaden 2006, S. 90, online. – Thomas Geschwinde: Rauschdrogen: Marktformen und Wirkungsweisen. 7. Auflage, Springer, Heidelberg u. a. 2012, S. 581, online.

Pharmakologie Wirkung