Als Hindutva () wird ein politisches Konzept bezeichnet, das die autoritäre Ausrichtung Indiens nach den Vorstellungen eines primär politisch-kulturell und national verstandenen Hinduismus zum Ziel hat.

Im deutschsprachigen Raum werden oft die Bezeichnungen hinduistischer Nationalismus oder kurz Hindu-Nationalismus sowie Hindu-Faschismus verwendet. Die ideologischen Wurzeln dieses politisierten Hinduismus liegen in der neo-hinduistischen Bewegung der britischen Kolonialzeit. Zurückführen lassen sich die Kerngedanken auf Vinayak Damodar Savarkar.

Die mit diesem Konzept verbundene politische Bewegung verfügt über ein Netzwerk zahlreicher und miteinander verflochtener Organisationen, in deren Kern der Rashtriya Swayamsevak Sangh steht. Während sie in den ersten Jahrzehnten nach der indischen Unabhängigkeit keine große Rolle spielte, hat sie mittlerweile stark an gesellschaftlicher und politischer Bedeutung gewonnen. Mit der Bharatiya Janata Party stellt sie die stärkste indische Partei und mit Narendra Modi seit 2014 auch den Premierminister Indiens. Unter seiner Regierung weist Indien eine zunehmend autoritäre und demokratiegefährdende Entwicklung auf. Diskutiert wird, ob und inwieweit sich die Hindutva-Bewegung ganz oder teilweise als faschistisch charakterisieren lässt.

Begriffsbedeutung Hindutva lässt sich als Hindutum oder Hindu-Sein übersetzen.

Ideologie Entstehung im Umfeld des Neohinduismus Die Hindutva-Bewegung entstammt dem kulturellen, sozialen und intellektuellen Umfeld, das vor der Unabhängigkeit in der indischen Gesellschaft in Britisch-Indien durch den Kontakt mit der westlichen Moderne und ihre Impulse entstand und auf diese differenziert reagierte.

1871 unterschied der von den Briten erhobene Zensus nach Konfessionen und führte dafür die Zuschreibung Hindu ein. Dieses war zuvor eine primär geographische Zuordnung gewesen, nun aber wurde sie benutzt, um einen Oberbegriff für religiöse Praktiken und Gruppen zu finden. Dies führte dazu, dass viele Inder sich tatsächlich als Hindus zu fühlen begannen, aber noch im Zensus von 1911 versuchten immerhin 200.000 Inder sich als „Hindu-Mohammedaner“ einzuordnen. Die Briten ordneten jedoch alle, die ihre Religionszugehörigkeit nicht in ihrem Sinne nach den ihnen bekannten Konfessionen klar benennen konnten, als Hindus ein – obgleich diese bis dato „keine gemeinsame Selbstbezeichnung kannten und nicht ohne weiteres als eine zusammenhängende Religion konstituiert waren“ – und folgten damit älteren persisch-muslimischen Zuschreibungen, die erst generell die Bevölkerung jenseits des Flusses Indus, dann, als der Islam in Indien Fuß gefasst hatte, alle Nicht-Muslime dort als Hindus, also als Inder bezeichnet hatten.

Aufkommende Reformbewegungen des Neohinduismus führten innerhalb des Hinduismus zu Organisations- und Selbstvergewisserungsbestrebungen sowie zu einem erwachten politischen Interesse. Das generelle gesellschaftliche (von Hindus ausgehende aber nicht auf die Hindus beschränkte) Erwachen führte politisch bereits 1885 zur Gründung des Indischen Nationalkongresses, in der sich Inder aller Religionen organisierten. Allerdings sahen Muslime mehrheitlich den Kongress mit großer Skepsis, da sie im Falle einer Machtübergabe durch die Briten an ihn befürchteten, von einer hinduistischen Mehrheit beherrscht zu werden und sich insofern mehr von einer Kooperation mit den Briten versprachen. Im Neohinduismus wurden sehr unterschiedliche Positionen entwickelt, darunter säkular-liberale und konfessionsübergreifende, das Verbindende mit den Muslimen suchende, aber auch auf ethnisch-nationalen Interpretationen indischer Kultur und Geschichte basierende. Übergänge waren fließend und Konflikte traten auch unvermutet auf. Die Reformgemeinde Arya Samaj beispielsweise lehnte die bevorzugte Stellung der Brahmanen und das Kastenwesen ab und vertrat die Auffassung, dass man in den Hinduismus übertreten könne, womit sie mit der orthodox hinduistischen Auffassung brach, die Geburt bestimme über die Zugehörigkeit und nicht die Überzeugung. Sie entwickelte ein shuddhi genanntes Ritual, das Konversionen erlaubte und versuchte in Auseinandersetzung mit christlicher und islamischer Mission auch Muslime zu überzeugen, was aber zu Spannungen mit islamischen Gruppen führte bzw. bestehende oder neu auftretende kommunalistische Konflikte noch verstärkte und ein Faktor in diesen wurde.

1909 führten die britischen Kolonialherren im Rahmen einer Divide-et-impera-Strategie nach Muslimen und Hindus getrennte Wählerschaften ein, in denen lediglich Kandidaten der jeweiligen Konfession gewählt werden konnten und trugen so zu einer entsprechenden Polarisierung bei. 1906 war bereits nach den bitteren Auseinandersetzungen um die von den Briten vollzogene Teilung der Provinz Bengalen in einen eher hinduistischen westlichen und einen islamischen östlichen Landesteil die Muslimliga gegründet worden, 1914 folgte die Hindu Mahasabha. Beide Parteien sprachen, anders als der überkonfessionelle Nationalkongress, Muslime und Hindus bewusst getrennt an.

Vordenker Zu führenden Hindutva-Ideologen zählen Vinayak Damodar Savarkar und Madhavrao Sadashivrao Golwalkar, die beide in Schriften ihre politischen Vorstellungen veröffentlichten.

Vinayak Damodar Savarkar mini|Vinayak Damodar Savarkar

Vinayak Damodar Savarkar formulierte in der 1923 in Nagpur veröffentlichten und der Bewegung den Namen gebenden Schrift Hindutva: Who is a Hindu? erstmals die Idee einer Hindu-Nation, der „Hindu Rashtra“. Seinen Ausführungen zufolge sei als Hindu anzusehen, wer „Bharat Mata («Mutter Indien») gleichzeitig als Pitribhu («Vaterland» verstanden als Geburtsland) und als Punyabhu («Heiliges Land», wörtlich «Land des religiösen Verdienstes»)“ verstünde. Sie beruhen auf den Prinzipien des gemeinsamen Landes, der gemeinsamen Abstammung und der gemeinsamen Kultur, auf die sich alle Hindus berufen könnten und die die Grundlage einer gemeinsamen Nation bildeten.

Ziel der Hindutva-Bewegung ist die (Wieder-)Erschaffung einer einzigen Hindu-Nation. Savarkar bediente sich dabei des Rückgriffs auf eine idealisierte gemeinsame Vergangenheit aller Hindus (in der Indien den Babyloniern und Ägyptern überlegen gewesen sei), die durch die Eroberungen der Muslime (Savarkar nennt Mahmud al Ghazni) zerstört worden sei. Dabei ist es ahistorisch anzunehmen, dass eine solche in dieser idealisierten Form jemals existierte. Zugleich regte Savarkar die Abkehr von als Fehlentwicklungen bewerteten Elementen des althergebrachten Hinduismus an, insbesondere vom Kastensystem, das er für die politische Schwäche und Zersplitterung des Hinduismus verantwortlich machte. Dementsprechend positionierte er sich gegen die Hindu-Orthodoxie und die Sonderstellung der Brahmanen, die er für das Kastensystem und seine Ausgrenzungsmechanismen verantwortlich machte. Wenig erfolgreich – selbst in den sich auf ihn berufenden Organisationen – war jedoch seine Vorstellung, das Kastensystem durch Eheschließungen zwischen Angehörigen verschiedener Kasten zu überwinden. Anfangs noch ein Befürworter hinduistisch-islamischer Zusammenarbeit, bewegten ihn Erfahrungen mit der Khilafatsbewegung (in der sich ein panislamischer Nationalismus zu formulieren begann, der indirekt später zur Formulierung der Zwei-Nationen-Theorie führte) diese Position zu verwerfen. Sein Bild des Islam korrespondierte mit der Eigenbewertung von Islamisten, die Synkretismus, also eine Verbindung islamischer mit anderen religiösen Vorstellungen, strikt ablehnten und islamische Werte als vollkommen unvereinbar mit hinduistischen sahen. Savarkar zufolge hätten sich die islamischen Eroberer – anders als andere vor ihnen – nie in die polytheistisch-tolerante hinduistische Kultur Indiens integriert, sondern einen militanten und mitleidlosen Monotheismus vertreten. Er träumte darum von einer wenig realistischen Re-Konversion indischer Muslime zum Hinduismus. Ihm missfielen jedoch die verbreiteten Praktiken bhaktistischer Volksfrömmigkeit, auch die Verehrung der Herkunft nach ursprünglich muslimischer, in der Praxis aber synkretistischer Heiliger wie den Weber Kabir in den Hinduismus zu integrieren, zumal diese Verehrung Hindus und Muslime in gemeinsamer Religiosität verband.

Stattdessen griff die Erneuerungsbewegung psychologisch auf ein sehr altes Muster zurück: „Hindutva entspricht auf politischer Ebene einer uralten gesellschaftsbildenden Grundstimmung des Hinduismus: der Angst vor der Verunreinigung durch den Fremden.“

Während in Indien entstandene Religionen wie Buddhismus, Jainismus und Sikhismus anerkannt und kulturell dem Hinduismus zugeordnet werden, gilt dies für im Ausland entstandene Minderheitsreligionen wie Christentum und Islam explizit nicht, da deren kulturelle Referenzrahmen außerhalb Indiens in Betlehem und Mekka lägen und sie Indien insofern – selbst wenn sie loyale Bürger wären – allenfalls als Vaterland, nicht aber als ihr Heiliges Land anerkennen würden, was der – selber agnostische – Savarkar aus politischen Gründen für wichtig hielt. Hinduismus war für ihn weniger persönliche religiöse Überzeugung als Möglichkeit einer politischen Weltsicht und Strategie, eine kollektive Identität zu schaffen. Diese sollte kämpferisch und männlich sein, denn erst pazifistische Grundströmungen des alten Indiens – insbesondere der Buddhismus – hätten die islamischen Eroberungen überhaupt möglich gemacht. Insofern sind seine Vorstellungen konträr zum inklusiven und friedlichen Nationalismus eines Gandhi und Nehru, der alle Gruppen Indiens ansprechen und einbeziehen wollte.

Madhavrao Sadashivrao Golwalkar mini|M.S Golwalkar