mini|Erwin Piscator (um 1929) rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image|Piscators Unterschrift
Erwin Friedrich Max Piscator (* 17. Dezember 1893 in Ulm, heute zu Greifenstein gehörig; † 30. März 1966 in Starnberg) war ein deutscher Theaterintendant, Regisseur und Theaterpädagoge.
Piscator war ein einflussreicher Avantgardist der Weimarer Republik, der das Theater unter Ausweitung der bühnentechnischen Möglichkeiten zum ‚politischen Tribunal‘ umfunktionierte. Mit Hilfe komplexer Arrangements von Filmdokumenten, Bildprojektionen, laufenden Bändern und Fahrstühlen kommentierte er das theatrale Geschehen und erweiterte die Bühne zum epischen Panorama.
Das an den Piscator-Bühnen der Weimarer Republik entwickelte politische Theater erzielte breite Resonanz, veranlasste die Zeitgenossen jedoch angesichts der Abgrenzung des Regisseurs von einer Bühnenästhetik des reinen Kunstschönen zu sehr widersprüchlichen Einschätzungen. Piscators Inszenierungen wirkten auch auf die Theatertheorie Bertolt Brechts ein, der in den theoretischen Grundlegungen des epischen Theaters ausgiebige Anleihen bei Piscator machte.Martina Thöne: Zwischen Utopie und Wirklichkeit. Das dramatische Werk von Alfons Paquet. Peter Lang, Frankfurt a. M. u. a. 2005, S. 318.
Nach langjähriger Emigration in der Sowjetunion, Frankreich und den Vereinigten Staaten traf Piscator in den 1950er und 1960er Jahren in der Bundesrepublik erneut den Nerv der Zeit mit Inszenierungen von Gegenwartsstücken zur NS-Vergangenheit. Damit leitete er eine Phase des Gedächtnis- und Dokumentartheaters ein, die auf breiter Ebene zu gesellschaftlichen Debatten um Fragen der Geschichtspolitik führte.
Leben mini|Erwin Piscator (zweiter von links) und seine Mutter Antonie Piscator (Mitte) in Dillenburg, 1906
Jugend und Erster Weltkrieg (1893–1918) Piscator entstammte einer calvinistischen Kaufmannsfamilie aus Mittelhessen. Seine Eltern Carl Piscator und Antonie Karoline Katharina Piscator (geb. Laparose), ab 1899 in Marburg ansässig, waren Mitinhaber einer Textilmanufaktur. Zu seinen Vorfahren zählte Erwin Piscator den Theologen und Bibelübersetzer Johannes Piscator, der um 1600 seinen Familiennamen Fischer latinisiert hatte.Heinrich Goertz: Erwin Piscator in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1974, ISBN 3-499-50221-6, S. 140. – Anders dagegen Walther Baumann: Die Herborner und die Straßburger Fischer. Piscator. In: Mitteilungsblatt des Geschichtsvereins Herborn e. V. 26. Jg. (April 1978), Nr. 2, S. 23–30.
Das Erlebnis eines Gastspiels des Gießener Stadttheaters in Marburg ließ den jungen Piscator den Entschluss fassen, anstatt der ihm vorbestimmten kaufmännischen Laufbahn den Einstieg in das Theaterfach zu suchen.Hans-Jörg Grell: Erwin Piscator 1893–1966. Stationen seines Lebens – Stichworte zu Werk und Wirkung. In: „Leben – ist immer ein Anfang!“ Erwin Piscator 1893–1966. Der Regisseur des politischen Theaters. Hrsg. von Ullrich Amlung in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste, Berlin. Jonas, Marburg 1993, S. 13. Nach dem Schulbesuch am Gymnasium Philippinum und an der Städtischen Oberrealschule in Marburg absolvierte Piscator ab Herbst 1913 bei der Theaterschule Otto König in München eine Schauspielausbildung. Nach einem Wechsel der Schauspielschule attestierte Piscators neuer Lehrer Carl Graumann dem jungen Schauspielschüler eine starke Begabung.Brief Erwin Piscators an Antonie und Carl Piscator, 24. April 1914, In: Erwin Piscator. Die Briefe. Band 1: Berlin – Moskau (1909–1936). Hrsg. von Peter Diezel. Bostelmann und Siebenhaar, Berlin 2005, S. 40. Zugleich belegte Piscator Lehrveranstaltungen in Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik an der Universität München, unter anderem bei Artur Kutscher, einem der Begründer der Theaterwissenschaft.Artur Kutscher: Der Theaterprofessor. Ein Leben für die Wissenschaft vom Theater. Ehrenwirth, München 1960, S. 83. In der Spielzeit 1914/15 volontierte Piscator auch am Königlichen Hof- und Nationaltheater, einer ästhetisch ganz der Tradition des 19. Jahrhunderts verbundenen Bühne.
Den Ersten Weltkrieg erlebte Piscator unter anderem in den Stellungskämpfen in Westflandern. Im Frühjahr 1915 wurde er als „Landsturm-Pflichtiger“ einer Infanterieeinheit an der Ypern-Front zugeteilt und erlitt nach wenigen Monaten schwere Verwundungen. Die Kriegserfahrung prägte die pazifistische und sozialistische Überzeugung Piscators, der damals „auch nicht im geringsten den Atem dieser ‚grossen Zeit‘“Brief Erwin Piscators an Antonie und Carl Piscator, 16.II.1917, in: Erwin Piscator. Die Briefe. Band 1. Hrsg. von Peter Diezel. Berlin 2005, S. 74. verspürte. Von Piscators antimilitaristischer Haltung zeugen die verstörenden Gedichte, die er während der Kriegsjahre in Franz Pfemferts literarischer und politischer Wochenschrift „Die Aktion“ veröffentlichte.Siehe den Nachdruck in: Erwin Piscator. Zeittheater. „Das politische Theater“ und weitere Schriften von 1915–1966. Ausgewählt und bearbeitet von Manfred Brauneck und Peter Stertz. Rowohlt, Reinbek 1986, S. 449–454. Ab Herbst 1917 beteiligte Piscator sich an einem Fronttheater, das ein Repertoire populärer Unterhaltungsstücke zeigte und dessen Spielleitung ihm nach einem halben Jahr übertragen wurde.
Frühe Theaterarbeit und Volksbühnen-Zeit (1918–1927) mini|Programmzettel der Inszenierung von Romain Rollands Die Zeit wird kommen, Central-Theater, Berlin, November 1922 mini|hochkant|Erwin Piscator: Das politische Theater, 1929. Schutzumschlag von László Moholy-Nagy mini|Preußisches Staatstheater am Berliner Gendarmenmarkt Nach Kriegsende setzte Piscator seine Studien an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin fort und schloss sich der Berliner Gruppe des Dadaismus um die Maler und Grafiker George Grosz und John Heartfield an. Nach der Novemberrevolution trat er in die KPD ein. Ein erstes eigenes Theaterprojekt in Königsberg, bei dem Piscator lauter „vergessene alte Übungen des Theaters“ neu belebte, darunter „die Verwandlung auf offener Szene und der sichtbar gelassene Schnürboden,“Wolfgang Petzet: Theater. Die Münchner Kammerspiele 1911–1972. München 1973, S. 136f. scheiterte nach wenigen Monaten. In Königsberg lernte Piscator seine erste Frau kennen, die sechs Jahre jüngere oberschlesische Schauspielerin Hildegard Jurczyk, die am Neuen Schauspielhaus auftrat. Erwin Piscator und Hildegard Jurczyk heirateten im Oktober 1919. Nach dem Scheitern seiner ersten eigenen Bühne in Königsberg ging Piscator erneut nach Berlin und gründete dort im Herbst 1920 das „Proletarische Theater“.Lothar Uebel: Hasenheide 13. Hrsg. von der Sammlung Wemhöner. Jovis, Berlin 2020, S. 61–66.
Bei einer Inszenierung von Alfons Paquets Schauspiel Fahnen an der Volksbühne Berlin nutzte Piscator im Mai 1924 ausgiebig Projektionen und Zwischentitel auf Leinwänden und nahm damit – wie schon bei früheren Inszenierungen – zentrale Stilmittel des „epischen Theaters“ vorweg. Paquet hatte sein Stück zudem nicht-gattungskonform als „dramatischen Roman“ bezeichnet.Paquet hatte sich dabei an der im 18. Jahrhundert entstandenen Gattung des „dramatischen Romans“ (Dialog-Romans) sowie an Lion Feuchtwangers Drama Thomas Wendt. Ein dramatischer Roman (1919) orientiert. In Zusammenhang mit dieser Piscator-Inszenierung kommentierte Alfred Döblin im Leipziger Tageblatt, der Urheber des Stücks sei „episch, nicht lyrisch entflammt“ und die von Paquet geprägte Form des Roman-Dramas könne wieder zum „Mutterboden des Dramas“ werden.Alfred Döblin in: Leipziger Tagblatt, Nr. 145, 11. Juni 1924, zitiert nach: Erwin Piscator: Das Politische Theater. Adalbert Schultz, Berlin 1929, S. 58. Vgl. dazu Peter Jung: Erwin Piscator. Das politische Theater. Ein Kommentar. Nora, Berlin 2007, S. 116 f. In der wenige Jahre später aufkommenden Debatte um die Urheberschaft am Begriff und der Methodik des epischen Theaters spielten die Beobachtungen Döblins von 1924 eine wichtige Rolle.
Im Anschluss an die erfolgreiche Fahnen-Produktion wurde Piscator 1924 als Oberspielleiter fest an die Volksbühne am Bülowplatz verpflichtet. Die Volksbühne Berlin war eine mitgliederstarke Besucherorganisation, deren Anspruch darin bestand, der Berliner Arbeiterschaft unter dem Leitgedanken „Die Kunst dem Volke“ Zugang zum bürgerlichen Bildungsgut zu verschaffen. Die erklärte Absicht des erst kurze Zeit in sein Amt eingeführten Volksbühnen-Intendanten und Piscator-Entdeckers Fritz Holl war, „der jungen Dramatik, die die Bewegungen der Zeit reflektierte,“Peter Jung: Erwin Piscator. Das politische Theater. Ein Kommentar. Berlin 2007, S. 109. den Weg zu bereiten. Neben seiner neuen Funktion als Oberspielleiter an der Volksbühne setzte Piscator Satireabende, Sprechchorwerke und politische Revuen im Auftrag der KPD in Szene, in denen er erstmals den Einsatz filmischer Mittel erprobte.
Erhebliches Aufsehen erregte eine Gastinszenierung, die Piscator 1926 am Preußischen Staatstheater unter der Intendanz Leopold Jessners ausführte, Friedrich Schillers Schauspiel Die Räuber. Gegen die seit der Märzrevolution 1848 auf deutschen Bühnen verstärkt gepflegte pathetische Überhöhung von Schillers Dichtung setzte Piscator eine radikale Überprüfung und Aktualisierung seiner Vorlage. Vor einer simultanen Etagenbühne wurde in ineinander verschränkten Sequenzen der bandeninterne Gegenspieler des Grafensohns Karl Moor, Moritz Spiegelberg, in Trotzki-Maske als ein „Verstandesrevolutionär bolschewistischer Prägung“ in Szene gesetzt. Der „Schillersche Bösewicht“ Spiegelberg „avancierte zum Helden, der sich nicht von persönlichen Gefühlen oder Ehrgeiz verführen lässt.“Peter Jung: Erwin Piscator. Das politische Theater. Ein Kommentar. Berlin 2007, S. 162.
Obwohl verschiedene Klassikerinszenierungen der Weimarer Republik wie Erich Ziegels Hamburger Räuber-Inszenierung von 1921 mit aktualisierenden Elementen wie zeitgenössisch kostümierten und militärisch organisierten RäubernPeter Jung: Erwin Piscator. Das politische Theater. Ein Kommentar. Berlin 2007, S. 165. aufgewartet hatten, übertraf das Echo auf die rasante Piscator-Produktion vorhergegangene Kontroversen deutlich sowohl an Schärfe als auch in der Gegensätzlichkeit der Einschätzungen. Während der österreichische Publizist und Satiriker Karl Kraus Schillers Dramatik fortan generell ironisch als „Piscator-Dramen“ apostrophieren wollte,Karl Kraus: Rechenschaftsbericht. In: Die Fackel, Heft 795–799, S. 1–51. Zitiert nach: Karl Kraus: Vor der Walpurgisnacht. Volk und Welt, Berlin 1971, S. 355. war die Debatte in den deutschen Feuilletons durch Zuspitzungen und suggestive Begrifflichkeiten wie „Klassikerschlaf“ (Bernhard Diebold) oder „Klassikertod“ (Herbert Ihering) geprägt.Siehe Herbert Ihering: Reinhardt, Jessner, Piscator oder Klassikertod? Ernst Rowohlt, Berlin 1929. – Vgl. Erwin Piscator: Das Politische Theater. Adalbert Schultz, Berlin 1929, S. 85–91.Piscator inszenierte Schillers Schauspiel Die Räuber später noch zweimal (Nationaltheater Mannheim, 13. Januar 1957 und Städtische Bühnen Essen, 24. Februar 1959)
Im Jahr 1927 kam es, nach einem durch die Inflation bedingten Mitgliederrückgang an der Volksbühne und auf Grund von Befürchtungen seitens des Volksbühnen-Vorstands, dass Piscators Wirken die überparteiliche Ausrichtung der Besucherorganisation gefährde, zum Zerwürfnis. Ausschlag für den Eklat gab eine aktuelle Bezüge auslotende Inszenierung von Ehm Welks Drama Gewitter über Gottland, in der der bekannte Schauspieler Heinrich George den Claus Störtebecker spielte. Der Vorstand warf Piscator vor, das Stück einer tendenziös-politischen Umdeutung und einer provozierenden Darstellung „sozialer Revolution“ unterzogen zu haben.
Die Piscator-Bühnen (1927–1931) mini|Volksbühne Berlin in den 1930er Jahren mini|Ehemaliges Theater am Nollendorfplatz, Heimat der Piscator-Bühne