mini|250px|Die Thomaskirche von Osten (2019) mini|Westfront der Thomaskirche (2019) mini|Thomaskirche (1547)

Die Thomaskirche in Leipzig ist – zusammen mit der Nikolaikirche – eine der beiden Hauptkirchen der Stadt und als Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs und des Thomanerchores weltweit bekannt. Sie ist das Gotteshaus der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde St. Thomas.

Geschichte mini|Die Kirche 1859 mini|Thomaskirche 1949 von Süden mit Notdach auf dem Turm mini|Das Mendelssohn-Portal (2019) Grundmauern einer romanischen Kirche von etwa 1160, als Markgraf Otto der Reiche von Meißen der Burg und dem Burgvorort Libzi das Stadtrecht verlieh, kamen bei archäologischen Grabungen unter dem Chorraum und unter der Vierung zu Tage.

Zwischen 1212 und 1222 wurde diese ältere Marktkirche zur Stiftskirche des neuen Thomasklosters der Augustiner-Chorherren umgebaut. Der Minnesänger Heinrich von Morungen soll dem Kloster anlässlich seines Eintritts eine Reliquie des Hl. Thomas geschenkt haben, die er aus Indien mitgebracht hatte.

Der Thomanerchor wurde bereits 1212 gegründet und ist somit einer der ältesten Knabenchöre Deutschlands. Im Laufe der Geschichte bekleideten immer wieder bedeutende Komponisten und ausübende Musiker das angesehene Amt des Thomaskantors.

Um 1355 baute man den romanischen Chorraum um. Im Jahr 1391 ging die Kirche Sommerfeld vom Kreuzkloster Meißen an die Thomaskirche Leipzig über., abgerufen am 5. April 2021.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts gelangte die Handels- und Messestadt Leipzig durch Silberfunde im Erzgebirge zu üppigem Wohlstand. Dadurch konnte man es sich leisten, die Leipziger Kirchen innerhalb von etwa 40 Jahren neu zu bauen oder zumindest zu erweitern. So riss man das alte Kirchenschiff 1482 ab und errichtete es in der großteils bis heute bestehenden Gestalt neu.Textheft zur CD: Die neue Bach-Orgel der Thomaskirche zu Leipzig. Querstand 2001 (Erläuterungen des ehemaligen Thomasorganisten Ullrich Böhme zur Kirche und zur Orgel). Die Kirche wurde durch den Merseburger Bischof Thilo von Trotha am 10. April 1496 erneut geweiht. Im Laufe der Jahrhunderte erfuhr sie einige An- und Umbauten; am bedeutendsten ist dabei der 68 m hohe Turm, dessen unterstes Geschoss noch aus der Zeit vor 1355 stammt und der im 14. Jahrhundert den achteckigen Aufsatz erhielt. 1537 wurde der obere Teil des Turms (Achteck, Welsche Haube mit Laterne) neu gebaut. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt er seine jetzige Gestalt.

Der mit einem Aufstieg über 232 Stufen im Rahmen von Führungen zu besichtigende Turm enthielt von alters her die sich über drei Etagen erstreckende Wohnung des Türmers. Diese war von 1533 bis 1917 bewohnt.

Zu Pfingsten 1539 predigte hier der Reformator Martin Luther.

Die äußere Gestalt der Kirche ist vor allem von Renovierungen und Umbauten des 19. Jahrhunderts geprägt. Nachdem die Kirche 1869 vom Besitz des Rates in die Selbstverwaltung der Kirchengemeinde entlassen worden war, fanden rund 30 Jahre lang historisierende Umbauten an der Außenfassade statt. Unter anderem brach man zwei Kapellenanbauten aus dem 17. Jahrhundert sowie einen langgestreckten Vorbau an der Nordwand des Kirchenschiffs, über den die obere Galerie der damals zweistöckigen Nordempore erreicht werden konnte, ab. Die neogotische Schaufassade am Westgiebel wurde 1884 bis 1889 nach Entwürfen von Constantin Lipsius ausgeführt, während gleichzeitig alle gotischen und renaissancezeitlichen Fassadenelemente sowie die fast gesamte barocke Innenausstattung entfernt wurden. Erhalten blieben das gegenüber der Kanzel angebrachte Kruzifix sowie die Gemälde der Superintendenten im Chorraum. Auch die vier hohen Fialen an den Ecken und das Apostelportal an der Nordseite des Langhauses sind Zutaten aus dieser Umgestaltung im späten 19. Jahrhundert.

Neben elf Kindern Bachs wurde u. a. im Jahr 1813 Richard Wagner und 1871 Karl Liebknecht in der Thomaskirche getauft, dessen schriftliche Taufpaten Karl Marx und Friedrich Engels waren.

Beim Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 entstanden Schäden am gesamten Bauwerk. Beim Angriff wurden auch große Teile der die Kirche einst umgebenden Bebauung zerstört, so dass bei den Wiederherstellungen nach Kriegsende weitere Fassadenumgestaltungen notwendig waren. Hierbei ist vor allem der einheitliche Putz zu nennen, während die durch den Abriss der Anbauten gegen Ende des 19. Jh. zu weiten Teilen freigewordenen Fassadenbereiche zuvor nur aus unverputztem Backsteinmauerwerk bestanden hatten.

1949 wurden die mutmaßlichen Gebeine Bachs, der hier von 1723 bis zu seinem Tod 1750 Thomaskantor war, aus der zerstörten Johanniskirche überführt.

Bei der Innenrenovierung von 1961 bis 1964 wurde versucht, das Bauwerk wieder als spätgotische Hallenkirche wirken zu lassen.

Die EKD stellte zwischen 1973 und 1975 die Summe von 466.000 D-Mark bereit, damit über ein Kirchenbauprogramm in der DDR dieselbe Summe in DDR-Mark für Sanierungs-Bauleistungen dieses Sakralbaus verfügbar war.

Nach der deutschen Wiedervereinigung bot sich die Gelegenheit zu einer großangelegten Restaurierung und Instandsetzung, welche mit der Weihe der Woehl-Orgel zum 250. Todestag Johann Sebastian Bachs großteils vollendet war.

Architektur

Die dreischiffige Hallenkirche hat eine Gesamtlänge von 76 m. Die Länge des Hauptschiffs beträgt 50 m, die Breite 25 m und die Höhe 18 m. Der Chor ist gegen das Langhaus leicht nach Norden abgewinkelt. Das Dach hat einen ungewöhnlich steilen Neigungswinkel von 63° und ist damit eines der steilsten Giebeldächer Deutschlands. Im Inneren verfügt es über sieben Ebenen (Firsthöhe 45 m). Die Decke des Langhauses besteht aus einem farblich abgesetzten Netzrippengewölbe.

Innenraum und Ausstattung Hauptaltäre (Quelle:Die Bau- und Kunstdenkmäler von Sachsen. Stadt Leipzig. Die Sakralbauten. Bd. 2, S. 255–266.) Flügelaltar (um 1500–1721) Ein Schnitzaltar mit Predella und vier Flügeln wurde um 1500 aufgestellt. Valentin Silbermann und Michael Treuding fertigten 1587 Standflügel und Aufsatz. Der Altar befindet sich heute in der Lutherkirche in Plauen. In die damalige Gottesackerkirche wurde er 1722 versetzt.

Bornscher Altar (1721–1888) Der barocke Portikus-Altar oder Bornsche Altar in der Thomaskirche zu Leipzig war von 1721 bis 1888 dort aufgestellt. Benannt ist er nach dem Mäzen Jacob Born (1638–1709), Präsident des Leipziger Konsistoriums. Die wesentlichen Künstler waren Giovanni Maria Fossati und der Bildhauer Paul Heermann (1673–1732).Martin Petzoldt: Die Altäre der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, ISBN 978-3-374-03061-3, S. 42–51. Den Marmor zum Bau des Altars stiftete August der Starke. Aus stilistischen Gründen wurde der Altar 1888 entfernt. Nach dem Neubau der Leipziger Johanniskirche durch Hugo Licht wurde ein Großteil des architektonischen Aufbaus im dortigen neobarocken Chorraum als Altar wiederverwendet. Als die Kirche infolge des Luftangriffes vom 4. Dezember 1943 ausbrannte, wurde er vernichtet.

Neugotischer Jesus-Altar (1889–1963 und seit 2016) Der 1888 nach dem theologischen Bildprogramm von Superintendent Oskar Pank unter der Leitung des Architekten Constantin Lipsius (1832–1894) entworfene und errichtete Altar war in den 1960er Jahren in die Südsakristei der Kirche umgestellt worden. Nach zweijähriger Restaurierungsphase, im Zuge derer das Retabel restauriert und ein neuer Altartisch aufgestellt wurden, wurde der Jesus-Altar nach 53 Jahren aus der Petzoldt-Sakristei in den Altarraum der Thomaskirche zurückgeführt. Im Gottesdienst am 28. August 2016 wurde er wieder in Dienst genommen. Die Reliefs sind Darstellungen aus dem Leben Christi, das letzte Abendmahl in der Mitte ist ein Werk von Oskar Rassau (1843–1912).

Sandsteinaltar (1964–1984) 1964 wurde ein vom Bildhauer Werner Hempel aus Sandsteinwerkstücken gefertigter schlichter Stipes eingeweiht. Dieser war vorgesehen als Unterbau für einen spätgotischen Flügelaltar.

Pauliner-Altar (1984–2014) Der gotische Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert befand sich ursprünglich in der Universitätskirche St. Pauli. Diese wurde 1968 gesprengt. Der Altar konnte gerettet werden und war von 1984 bis zum 25. Oktober 2014 in der Thomaskirche als Altarretabel aufgestellt. Heute befindet er sich wieder im Paulinum, dem Nachfolgebau der Paulinerkirche.leipzig.de – Der Paulineraltar steht wieder am Augustusplatz (24. Oktober 2014)

Emporen mini|hochkant=0.65|Alte Kanzel, diverse Emporen und deutlich niedrigerer Triumphbogen (1881) 1570/71 entstanden die jetzigen, das Kirchenschiff von drei Seiten umschließenden Emporen mit Brüstungen aus Rochlitzer Porphyr unter der Leitung von Hieronymus Lotter. Auf die Westempore wurden 1632 zwei weitere, die Hauptorgel flankierende Holzemporen mit Platz für jeweils zehn Musiker (Stadtpfeifer auf der nordseitigen und Kunstgeiger auf der südseitigen Musikerempore) aufgesetzt. Dazwischen, vor der Orgel, fanden die Sänger des Thomanerchores Platz. Auch auf der Nordempore entstanden im 17. und 18. Jahrhundert diverse hölzerne Aufbauten: Familienkapellen, ein Fürstenstuhl von 1684 und eine weitere Holzempore. Insgesamt bot die Thomaskirche dadurch zur Bach-Zeit 2000 Plätze. Die zahlreichen Holzaufbauten beeinträchtigen den Lichteinfall durch die Nordfenster erheblich; viele davon wurden bei der neogotischen Umgestaltung der Kirche in den 1880er Jahren wieder entfernt und der Fürstenstuhl dem Stadtgeschichtlichen Museum übergeben.

Kanzel Diese entstand 1885 im Zuge der neugotischen Umgestaltung an einem gegenüber ihrer Vorgängerin um ein Joch nach Osten versetzten Platz. In ihrer Kalksteinbrüstung sind Abbildungen der vier Evangelisten eingemeißelt. Der hölzerne Schalldeckel wurde 1961 während der regotisierenden Renovation abgebaut und im Jahr 2000 wieder aufgesetzt.

Taufstein Der Taufstein wurde in den Jahren 1614/1615 von Franz Döteber geschaffen. Er ist aus Marmor und Alabaster gefertigt. An ihm sind biblische Szenen dargestellt. 2009 wurde er restauriert. Nach anderen Angaben entstand er schon 1555. Sein Deckel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Epitaphe In der Kirche befinden sich zahlreiche Grabplatten und Epitaphe, darunter die spätgotischen Grabplatten des Nickel Pflugk († 1482) und des Ritters Hermann von Harras aus Lichtenwalde († 1451), die unter der Südempore links vom Seiteneingang angebracht ist. Im nördlichen Vierungsraum hängt das Epitaph für den Ratsherrn Daniel Leicher von 1612.

Kruzifixe mini|Kruzifixe über dem Triumphbogen und gegenüber der Kanzel Beim Kruzifix im Triumphbogen aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden Echthaar und eine Dornenkrone aus echtem Christusdorn verwendet. Es stammt aus der Schlosskirche Altenburg und hängt seit 1968 in St. Thomas. Das Kruzifix gegenüber der Kanzel ist ein Werk von Caspar Friedrich Löbert aus der Bachzeit.

Grabstätte von J. S. Bach mini|Das Bach-Grab in der Thomaskirche In der Thomaskirche befinden sich seit 1949 die mutmaßlichen Gebeine von Johann Sebastian Bach. Von einigen modernen Musikwissenschaftlern wird deren Identität in Zweifel gezogen und ein DNA-Vergleich mit den zweifelsfrei erhaltenen Knochen seines Sohns Carl Philipp Emanuel gefordert; ein solcher ist bislang nicht erfolgt.