mini|Friedbert Pflüger auf der Buch Wien 2024 mini|Friedbert Pflüger, August 2009 Friedbert Pflüger (* 6. März 1955 in Anderten, Landkreis Hannover) ist ein ehemaliger deutscher Politiker (CDU), Unternehmensberater und Politikwissenschaftler. Er leitet die Firma Pflüger international GmbH, die Unternehmen u. a. bei der Lobbyarbeit unterstützt gemeinsam mit seiner Frau Sibylle Pflüger und ist Co-Geschäftsführer der von seiner Frau, ihm und seinen Kindern gegründeten Denkfabrik Stiftung Clean Energy Forum gGmbH (CEF).
Pflüger war von 1990 bis 2006 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2005 bis 2006 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung. Er kandidierte in der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2006 als Spitzenkandidat für den Posten des Bürgermeisters, verlor die Wahl jedoch gegen Klaus Wowereit. Anschließend war er von 2006 bis 2011 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und fungierte dort von 2006 bis 2008 als Vorsitzender der CDU-Fraktion.
Leben Ausbildung und Beruf Nach dem Abitur 1973 an der Schillerschule in Hannover absolvierte Pflüger ein Studium der Politikwissenschaft, des Staatsrechts und der Volkswirtschaftslehre in Göttingen, Bonn und am Center for International Affairs der Harvard-Universität am Lehrstuhl von Samuel P. Huntington, das er 1980 mit dem Magister artium abschloss. 1982 wurde er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn bei Karl Dietrich Bracher zum Thema Amerikanische Menschenrechtspolitik zwischen Idealismus und Realismus promoviert.
Von 1989 bis 1991 war Pflüger als Geschäftsführer in der Vermögensverwaltung bei der Matuschka Gruppe tätig. Von 2009 bis 2021 war er Gastprofessor am King’s College London. Er ist seit 1. Oktober 2010 Direktor des zunächst am King’s College London angesiedelten EUCERS, das 2020 an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn verlegt worden ist. In: King’s College London, 27. August 2009 (englisch). Pflüger ist Senior Advisor bei der Roland Berger GmbH. Im Frühjahr 2009 gründete er die Pflüger International und beriet unter anderem die albanische Regierung in der Frage einer möglichen Trans Adriatic Pipeline (TAP), Nord Stream 2 und die später in die Kritik geratene Initial Coin Offering der Envion AG zum Einsatz erneuerbaren Energien. Pflüger International firmierte nach dem Eintritt von Holger Bingmann unter dem Namen Bingmann Pflüger International. 2022 übernahm der ehemalige BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang die Mehrheit der Anteile des Unternehmens, die in Strategic Minds Company GmbH umbenannt wurde. Lang, Bingmann und die Familie Pflüger verkauften das Unternehmen im Mai 2024 an die Berlin Global Advisors (BGA). Gleichzeitig gründete Pflüger mit seiner Frau, Sibylle Pflüger, erneut die Pflüger International GmbH. Das Ehepaar führt seitdem die Geschäfte der Beratungsfirma gemeinsam.
Politische Laufbahn mini|hochkant|Wahlplakat von Pflüger aus den 1990er-Jahren Pflüger ist seit 1971 Mitglied der CDU. Von 1977 bis 1978 war er Bundesvorsitzender des Ringes Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und von 1976 bis 1978 stellvertretender Vorsitzender von European Democrat Students. Von 1977 bis 1985 gehörte er dem Bundesvorstand der Jungen Union an.
Von 1998 bis 2006 war Pflüger stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Niedersachsen, von 1999 bis 2005 war er Vorsitzender des Bundesfachausschusses für Außen- und Sicherheitspolitik der CDU und zwischen 2000 und 2010 Mitglied des Bundesvorstandes der CDU, von 2006 bis 2008 als gewähltes Mitglied des Präsidiums der CDU. Von 2006 bis 2012 war er Mitglied im Vorstand der Europäischen Volkspartei. Pflüger ist außerdem Mitglied des inoffiziellen sogenannten Andenpakts.
Innerhalb der CDU gilt Pflüger als progressiv. Am 13. Februar 1995 wandte er sich im Gegensatz zur geltenden Parteilinie an seine Parteiführung, um die Rehabilitation von Deserteuren des Zweiten Weltkrieges zu erreichen.Vgl. Wolfram Wette, Deserteure der Wehrmacht. Feiglinge – Opfer – Hoffnungsträger, Essen, 1995 ( Klartext-Verlagsges.), S. 186 ff. Während der Amtszeit von Bundeskanzler Helmut Kohl zählte Pflüger zu den kritischen Begleitern seiner Politik. 1993 wandte er sich offen gegen den von Kohl als Bundespräsidenten favorisierten Steffen Heitmann. Während der CDU-Spendenaffäre setzte er sich dafür ein, dass Kohl nicht mehr Ehrenvorsitzender der CDU bleiben sollte. 2000 veröffentlichte Pflüger ein kritisches Buch über die Kohl-Ära. Nach der Landtagswahl in Hessen 2008 gehörte Pflüger zu den 17 Unionspolitikern, die sich in einem offenen Brief in der Wochenzeitung Die Zeit von Ministerpräsident Roland Koch distanzierten.
Am 4. September 2008 kündigte Pflüger an, im Frühjahr 2009 für den CDU-Landesvorsitz in Berlin selbst zu kandidieren. Diese Ankündigung führte zu einigen politischen Turbulenzen, da der Landesvorsitzende Ingo Schmitt sich einer Kandidatur gegen Pflüger nicht stellen wollte. Am 8. September zog Pflüger vorübergehend seine Kandidatur für den Parteivorsitz zurück. Dass er an der Kandidatur festhielt, wurde in den Berliner Medien kontrovers kommentiert.Thomas Rogalla: Berliner CDU geht ins Hinterzimmer. In: Berliner Zeitung, 12. September 2008. Als Reaktion auf diesen Machtkampf wurde Pflüger am 11. September 2008 als Vorsitzender seiner Fraktion im Abgeordnetenhaus mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit abgewählt. Zum Nachfolger für das Amt des Fraktionschefs wurde der bisherige parlamentarische Geschäftsführer und Generalsekretär der Berliner CDU Frank Henkel bestellt. Schmitt verzichtete auf eine erneute Kandidatur.
Politische Ämter und Mandate Unter Weizsäcker (1981–1989) mini|Pflüger mit seiner ersten Ehefrau Margarita Mathiopoulos und Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1989) Von 1981 bis 1984 war Pflüger Mitarbeiter des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Richard von Weizsäcker, 1983 wurde er dessen persönlicher Referent. Nach der Wahl Weizsäckers zum Bundespräsidenten wechselte Pflüger ebenfalls ins Bundespräsidialamt und war von 1984 bis 1989 Pressesprecher des Bundespräsidenten. Als Redenschreiber arbeitete er unter anderem an Richard von Weizsäckers berühmter Rede zum 8. Mai 1985 mit. In dem Kontext verhinderte er, mit Hinweis auf die damals gerade aufgeflammte Bitburg-Kontroverse, die Überlegung Weizsäckers, in der Rede eine Begnadigung für Rudolf Heß zu fordern.Friedbert Pflüger: Richard von Weizsäcker – Ein Portrait aus der Nähe. 1. Auflage, München 1993, ISBN 3-426-02437-3, S. 202–206,
Deutscher Bundestag (1990–2006) Von 1990 bis 2006 war Pflüger Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1994 bis 1998 war Pflüger abrüstungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und von 1998 bis 2002 Vorsitzender des Bundestagsausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union. Von 2002 bis 2005 war er außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion.
Am 23. November 2005 wurde Pflüger als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung in die von Bundeskanzlerin Angela Merkel geführte Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD berufen. Im Dezember 2005 gelang es ihm, in Verhandlung mit der usbekischen Regierung und Staatschef Karimov den Vertrag zu verlängern, der es der Bundeswehr erlaubt, den usbekischen Luftwaffenstützpunkt Termez zu nutzen, der höchst wichtig ist, um nach Afghanistan zu kommen. Auf eigenen Wunsch entließ ihn Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung am 18. Oktober 2006 aus diesem Amt, da sich Pflüger nun ganz der Berliner Landespolitik widmen wollte.Die Welt: Pflüger ist nicht mehr Staatssekretär. welt.de vom 19. Oktober 2006 Aus demselben Grund legte Pflüger am 24. November 2006 auch sein Bundestagsmandat nieder.Karsten Hintzmann: In: Berliner Morgenpost 25. November 2006.
Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin (2006–2011) Am 31. März 2006 wurde Pflüger auf einem Parteitag mit 97 % der Stimmen offiziell zum Spitzenkandidaten der Berliner CDU für die Abgeordnetenhauswahl am 17. September 2006 gewählt. Damit wurde er für die noch vom Berliner Bankenskandal gebeutelte CDU zum Herausforderer des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD). Die CDU erreichte landesweit 21,3 % der Stimmen, was das zweitschlechteste Ergebnis der CDU in Berlin seit 1946Reuters Deutschland: , 11. September 2008. und einen Verlust von 2,5 Prozentpunkten gegenüber 2001 darstellte.focus.msn.de: Pflüger verliert auch eigenen Wahlkreis, 18. September 2006
Während des Wahlkampfs 2006 sah Pflüger sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht von der Bundespolitik und seiner Heimatstadt Hannover trennen zu wollen.Armin Fuhrer: Wenig zu lachen für Pflüger. In: Focus. 8. August 2006 (focus.de). Auch weckte Pflügers Votum gegen den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin vom 20. Juni 1991 immer wieder Bedenken auch innerhalb der CDU, inwieweit Pflüger wirklich längerfristig in Berlin tätig sein wollte. Pflüger entschied sich daraufhin, sich ganz der Berliner Landespolitik zu widmen. Er legte sein Bundestagsmandat nieder und trat als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium zurück. Auch aus Hannover verabschiedete sich Pflüger endgültig, er verkaufte dort sein Haus und erwarb eine Eigentumswohnung im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Nach der verlorenen Wahl war er von 2006 bis 2011 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und anfangs als Vorsitzender der CDU-Fraktion auch Oppositionsführer. Am 11. September 2008 wurde er auf einer Sondersitzung der CDU-Fraktion als Fraktionschef abgewählt, nachdem er neben dem Fraktions- auch den Landesvorsitz beansprucht hatte. Zwei Monate später versuchte Pflüger Spitzenkandidat der Berliner CDU bei der anstehenden Europawahl zu werden, scheiterte jedoch und unterlag Joachim Zeller bei der Abstimmung auf der Landesdelegiertenkonferenz. 2010 gab er seinen Rückzug aus der aktiven Politik bekannt.
Nach der Politik Pflüger gründete er zusammen mit Reinhard Stuth im April 2009 die strategische Beratungsfirma Pflüger und Stuth. Internationale Beratung Berlin GmbH. Im Juni 2022 verkaufte er die Mehrheit seiner Anteile an Joachim Lang, der das Unternehmen unter dem neuen Namen Strategic Minds Company GmbH als alleiniger Managing Partner führt. Lang und Pflüger verkauften das Unternehmen im Mai 2024 an die Berlin Global Advisors (BGA) und gleichzeitig gründete Pflüger gemeinsam mit seiner Frau erneut die Pflüger International GmbH, die beide seitdem als Co-Geschäftsführer leiten.
Seit 2009 organisiert er die Diskussionsrunde „Energiegespräche am Reichstag“, in der Politiker und Unternehmer über energie- und klimapolitischen Fragen diskutieren.
Im Oktober 2010 gab Pflüger bekannt, sich zudem der Forschung und Lehre widmen zu wollen. Von 2010 bis 2020 leitete Pflüger am King’s College London das Institut EUCERS, das sich mit Energie- und Ressourcensicherheit beschäftigte. Das Institut verlegte er anschließend an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo Pflüger bis Frühjahr 2024 Klima- und Energiepolitik lehrte. Im Juli 2023 gründeten Pflüger mit seiner Frau und seinen erwachsenen Kindern die gemeinnützige Denkfabrik Stiftung Clean Energy Forum (CEF), die Pflüger gemeinsam mit dem früheren BP-Manager Ruprecht Brandis führt.
Im April 2016 gründete Pflüger gemeinsam mit Ralph Dommermuth die Stiftung Internet Economy Foundation (IEF) und fungierte bis 2023 als Vorsitzender. Bei der Stiftung handelt es sich um eine Interessenvertretung der deutschen Internetwirtschaft, die ihren Geschäftssitz in Berlin hat.
2017 warb die Envion AG im Zuge ihres Initial Coin Offering mit der Berufung von Pflüger als Berater. Pflüger unterstützte das Vorhaben Envions, Krypto-Währung ausschließlich mit Erneuerbaren Energien zu schürfen.Sönke Iwersen, Andrew Bulkeley: . In: Handelsblatt vom 6. September 2018. 2018 ging die Envion AG in den Konkurs.