mini|hochkant|Stephan Balkenhol 2018
Stephan Balkenhol (* 10. Februar 1957 in Fritzlar) ist ein deutscher Bildhauer.
Leben Stephan Balkenhol wuchs in Fritzlar, Luxemburg und Kassel als jüngster von vier Söhnen einer Hausfrau und eines Gymnasiallehrers auf und besuchte mehrere Jahre die Europäische Schule in Luxemburg, an der sein Vater zu dieser Zeit lehrte. Balkenhol legte sein Abitur am Kasseler Friedrichsgymnasium ab. Mit seinem Mitschüler Peer Schröder gab er die hektographierte Zeitschrift Schorli Morli heraus;„Produktionsmittel waren Spirit-Carbon-Umdrucker sowie zugehörige Geha-Sets (Matrizen). 'Vor Ort' produzierten Herausgeber Peer Schröder und Miterfinder Stephan Balkenhol: Texte und Zeichnungen direkt auf Matrize, diese durch die Maschine gezogen, Rückseite dito, nächstes Blatt (…) alle 'guten Blätter' zusammengesucht (die Maschine hatte ihre Tücken), Titelblatt, an der Seite zusammengeheftet – und manchmal entstanden wirklich kaum mehr Hefte als die Anzahl der schreibenden, collagierenden und zeichnenden Akteure, die am jeweiligen Heft beteiligt waren.“ Michael Kellner: Der Vorderste Westen. 'Loose Blätter Sammlung' und 'Schorli Morli' 1976–1979. In: Kasseler Literatur-Spaziergang. Kassel 1997, S. 79 bereits Jahre zuvor erkundeten sie die Documenta 5.Spaziergang mit Stephan Balkenhol, in: Weltkunst, Ausgabe 131, Spezial 03 – „DOCUMENTA“ (2017), S. 75 Balkenhol studierte von 1976 bis 1982 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg unter anderem bei Ulrich Rückriem. Durch das Karl-Schmidt-Rottluff-Stipendium konnte er seinen Weg zum Bildhauer einschlagen.
Danach war er Lehrer am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt. Von 1992 bis 2023 war er Professor an der Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe. In seinem Dienstatelier in Karlsruhe hatten seine Studenten die Gelegenheit, seine Arbeit zu kommentieren.Interview mit Balkenhol im Norddeutschen Rundfunk, NDR Kultur, am 5. Januar 2009 von 10:30-10:45 sowie von 13:00-14:00
Balkenhol lebt und arbeitet in Karlsruhe, Berlin, Meisenthal in Lothringen und Kassel.
Balkenhol ist der Bruder von Bernhard Balkenhol und Thomas Balkenhol.
Werk Balkenhol arbeitet in Skulpturen, Reliefs, Zeichnungen und graphischen Techniken wie Lithographie, Holzschnitt und Siebdruck. Seine grob gehauenen und farbig bemalten Holzskulpturen sind sein Markenzeichen. Er stellt Menschen, Tiere und Architekturen dar, zuweilen surreal kombiniert. Der Mensch steht im Mittelpunkt seiner Arbeiten. Er entwickelt Grundtypen, die er vielfältig variiert. Sein bekanntester Figurentypus ist der Mann mit schwarzer Hose und weißem Hemd. Kleidung und Haltung der dargestellten Menschen deuten auf die Gegenwart. Sie zeigen keine eindeutigen Emotionen, sie blicken scheinbar ins Leere oder auf – für den Betrachter – unbekannte Punkte. Die Figuren bleiben distanziert, anonym und rätselhaft.
Holz ist Balkenhols wichtigstes Arbeitsmaterial. Weiche Holzarten wie Pappel oder Wawaholz erlauben dem Künstler ein präzises Herausarbeiten der Gesichter seiner Figuren. Bei den meisten Skulpturen ist die Figur so aus dem Holz herausgearbeitet, dass Figur und Sockel als ein Stück verbunden bleiben. Das Material bleibt in seinen Werken deutlich erkennbar und auch die Bearbeitung bleibt in der groben Struktur unter der Farbfassung sichtbar. Material und sichtbare Spuren des Arbeitsprozesses sind damit Teil des Kunstwerkes.
miniatur|Seemannsarm vor dem Deutschen Schifffahrtsmuseum
Er gibt seinen Figuren bewusst einen indifferenten Ausdruck, damit dem Betrachter Deutungsmöglichkeiten bleiben. Ein Lächeln oder ein anderer Gemütszustand würde zu sehr „eingefroren“ wirken. Er arbeitet an mehreren Skulpturen gleichzeitig und fertigt ungefähr 100 Skulpturen pro Jahr. Bei Holzfiguren wird der Rundholzsockel festgeklemmt. Die Figuren wachsen aus dem Rundholz mit der Arbeit und werden durch den Sockel auf Höhe gehalten.
Seine bisher höchste Skulptur, der sechs Meter hohe Männertorso aus Zedernholz Sempre più („Immer mehr“), wurde 2009 temporär im Caesarforum in Rom aufgestellt., art-magazin.de, 2. November 2009
2012 sorgte eine Balkenhol-Skulptur auf dem Turm der Sankt-Elisabeth-Kirche in Kassel für Streit. Die Leiterin der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, kritisierte die katholische Kirche für die Aufstellung dieses Kunstwerks im Vorfeld der documenta. „Es stört erheblich. Die künstlerische Leiterin fühlt sich von dieser Figur bedroht, die mit der documenta (13) nichts zu tun hat“, ließ documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld verlauten. Die Kirche hielt dessen ungeachtet an der Balkenhol-Ausstellung und Installation fest. Die Skulptur wurde im Anschluss an die Ausstellung vom Künstler der Sankt-Elisabeth-Kirche geschenkt.
Neben den Skulpturunikaten und den Zeichnungen hat Stephan Balkenhol auch ein umfangreiches Werk an Bronze-Editionen und druckgraphischen Arbeiten geschaffen, die 2014 und 2015 in zwei Werkverzeichnissen dokumentiert wurden.Skulpturengalerie Löhrl (Hrsg.): Stephan Balkenhol. Bronze-Editionen 1992–2014. Mönchengladbach 2014 und Dirk Dobke, Holger Priess: Stephan Balkenhol – Druckgraphik und Photo-Editionen. Hamburg 2015
Werkauswahl Kunst im öffentlichen Raum miniatur|hochkant=0.8|Mann mit Hirsch in Hannover miniatur|hochkant|Große Säulenfigur in Lörrach miniatur|hochkant|Mann + Frau in Hamburg vor der Zentralbibliothek der Öffentlichen Bücherhallen miniatur|hochkant|Mann auf Giraffe vor dem Tierpark Hagenbeck mini|hochkant|Das Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig auf einem Sockel von Max Klinger mini|hochkant|Emma, in memoriam Emma Hellenstainer. Bronze, bemalt L’Homme sur sa Bouée, Amiens, Frankreich L’Homme à la Chemise rouge, Amiens, Frankreich La Femme à la Robe verte, Amiens, Frankreich Mann auf Stier, Hager Group Forum, Obernai, Frankreich Großer Mann mit kleinem Mann im Palais am Pariser Platz, Berlin-Mitte Bonhoefferkirche, Wolfsburg-Westhagen Campus der Universität Bayreuth Mann mit Vogel (1996), Bremen, am Martinianleger (bis 2003 am Bredenplatz) Vier Männer auf Bojen in Hamburg in weißem Hemd und schwarzer Hose. Die ursprünglichen Figuren waren aus Eichenholz, wogen je neun Tonnen und waren jede auf einem Schwimmkörper montiert. Jedes Frühjahr wurden sie in der Stackmeisterei auf Finkenwerder von Balkenhol überholt.Der „Mann auf Boje“ schwimmt wieder. In: Hamburger Abendblatt vom 20. Mai 2010, S. 7 Im Sommer 2020/Frühjahr 2021 wurden sie durch vom Künstler neu geschaffene, bemalte witterungsbeständige Figuren aus Aluminiumguss ersetzt.Julian Schmelmer: Der Bojen-Mann kehrt zurück. In: Hamburger Abendblatt, 4. August 2020, S. 13. Die vier Standorte sind: Hamburg-Othmarschen, Elbe bei Övelgönne Hamburg-Bergedorf, Serrahn (Teil des Bergedorfer Hafens) Hamburg-Hohenfelde, Außenalster, Höhe Sechslingspforte Hamburg-Wilhelmsburg, Süderelbe, östlich der Brücke des 17. Juni Männliche Figur, Singen, Wasserturm der Firma Maggi – Nestlé Deutschland AG Bronzeplastiken Mann + Frau vor der Zentralbibliothek Hamburg (Am Hühnerposten) Bronzeplastiken Mann auf dem Hals einer Giraffe, enthüllt am 26. April 2001 in Hamburg-Stellingen (Am Haupteingang zu Hagenbecks Tierpark, Ecke Lokstedter Grenzstraße und Koppelstraße) Große Säulenfigur auf dem Senser Platz in Lörrach Mann mit Hirsch, Hannover Mann im Hirschgeweih, Bronzeplastik, Ratingen Angertal, Höhe Parkplatz Steinkothen Neuer Eiserner Mann im „Amphitheater“ in den barocken Gartenanlagen von Kleve Seemannsarm vor dem Deutschen Schifffahrtsmuseum, Bremerhaven Sphaera (Skulptur Mann auf Mozartkugel) in Salzburg Mann mit ausgebreiteten Armen und weißem Hemd, Kaufingerstraße München, vor der Kaufingertorpassage Balanceakt, Axel-Springer-Hochhaus, Berlin Mann im Turm, Gießener Kunstweg Sempre più im Caesarforum, Rom Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose, La Cartuja, Sevilla Man with Fish, Chicago, Shedd Aquarium, 2001 Mann auf gespaltenem Sockel, 2002, Holzskulptur. Douglasie, farbig gefasst Richard-Wagner-Denkmal, enthüllt am 22. Mai 2013 in Leipzig Jean-Moulin-Denkmal, enthüllt am 10. Juli 2014 in der Haupthalle des Bahnhofs Metz Emma auf der Passeierpromenade in Meran. Beitrag zum Kunst-Projekt MenschenBilder, April 2015 Der große Kniende, 2015, vor der Hauptverwaltung von Hörmann in Steinhagen Mann mit Rose, 2017, Neuss Reiter auf Seepferdchen-Skulptur, am 20. Juli 2018 auf der Rems in Waiblingen gesetzt Apparitions, 2019, Le Havre Monsieur Goéland, 2020, Le Havre Homo Mobilis, 2025, Osnabrück Frauenfigur und Männerfigur an den Außenwänden des Kunstmuseums und der Kunsthalle in Bremerhaven.
Kunst in Museen Kunstmuseum Basel: 12 Freunde, Relief aus Kiefernholz von 1988 Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main: 57 Pinguine aus Wawaholz von 1991 Hamburger Kunsthalle: Großer Kopf, 1991 Museum im Kulturspeicher, Würzburg: Großes Kopfrelief Mann und Frau von 2000, Pappelholz, farbig gefasst Museum Ludwig, Köln Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Stadt Luxemburg: Castle von 2003, Großherzog Jean von 2006, Großherzogin Joséphine Charlotte, Reliefs aus Holz Marta Herford, Herford, Paar (Mann und Frau), 2005
Auszeichnungen 1983: Karl-Schmidt-Rottluff-Stipendium 1986: Arbeitsstipendium der Freien und Hansestadt Hamburg 1989: Förderpreis zum Internationalen Preis des Landes Baden-Württemberg 1990: Bremer Kunstpreis 2014: Ordre des Arts et des Lettres, verliehen durch die französische Ministerin für Kultur und Kommunikation, Aurélie Filippetti 2016: Ehrenmitgliedschaft der Akademie der Russischen Künste
Ausstellungen 1986: Kunstverein Kassel, Kassel 1988: Kunsthalle Basel (mit Marika Mäkelä), Basel 1991: Skulpturen im Städelgarten, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main 1992: Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1994: Nationalgalerie Berlin 1995: Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington 1996: Montreal Museum of Fine Arts, Montreal; Saatchi Gallery, London 1998: Von der Heydt-Museum Wuppertal; Kunstmuseum Wolfsburg 1999: BAWAG Foundation Wien 2000: Museum Kurhaus Kleve 2001: Centro Galego de Arte Contemporánea, Santiago de Compostela; Museum der bildenden Künste, Leipzig 2003: Le Rectangle/Goethe-Institut, Lyon; Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen und Material, Sprengel Museum Hannover 2005: The National Museum of Art, Osaka 2006: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 2007: PAC, Mailand; Museum der Moderne Salzburg; Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg 2008: Deichtorhallen, Hamburg; John Berggruen Gallery, San Francisco 2010: Musée de Grenoble, Frankreich 2011: Essl Museum, Klosterneuburg/Wien 2012: St.-Elisabeth-Kirche, Kassel 2014: Stephan Balkenhol. Kunstmuseum Ravensburg 2014: Skulpturenpark Waldfrieden Wuppertal 2014: Landesgalerie Linz (Oberösterreichisches Landesmuseum), 23. Oktober bis 22. Februar 2015 2015: Leopold-Hoesch-Museum, Düren (mit Jeff Wall) 2016: Espace d’Art Contemporain Fernet Branca (mit Philippe Cognée), Saint-Louis/Alsace 2016: Moscow Museum of Modern Art (MMOMA), Moskau 2018: Centro de Arte Contemporáneo de Málaga (CAC), Málaga 2018: Kunsthalle Emden, Emden: Stephan Balkenhol, 9. Juni bis 19. September 2018 2018: Cultuurcentrum Scharpoord, Knokke-Heist (Belgien) 2019: deadline. Stephan Balkenhol, 6. April bis 14. Juli 2019, Museum für Sepulkralkultur, Kassel 2020–2021: Lehmbruck-Museum, Duisburg, 22. Oktober 2020 bis 24. Mai 2021 2021: Kunstmuseum Walter, Augsburg: Stephan Balkenhol in der Sammlung Walter. 29. Juni bis 5. September 2021 2023–2024: Museum Wiesbaden: Stephan Balkenhol trifft Alte Meister, 10. November 2023 bis 2. Juni 2024 2025: Kunsthal Rotterdam: Stephan Balkenhol. Something is happening, 24. Mai bis 14. September 2025Stephan Balkenhol: Something is Happening.
Weblinks
Biografie und Werke von Stephan Balkenhol Balkenhol bei Kunstaspekte.de Eintrag in der Artcyclopedia Biografie und Ausstellungsliste von Stephan Balkenhol
Einzelnachweise
Kategorie:Zeitgenössischer Künstler Kategorie:Hochschullehrer (Kunstakademie Karlsruhe)