mini|Aristide Maillol 1925, Fotografie von Alfred Kuhn Aristide Joseph Bonaventure Jean Maillol (* 8. Dezember 1861 in Banyuls-sur-Mer, Département Pyrénées-Orientales; † 27. September 1944 ebenda) war ein französischer Bildhauer, Maler und Grafiker. Er galt als Antipode Auguste Rodins und beeinflusste die europäische Plastik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig.
Leben mini|Banyuls-sur-mer, Geburtsort und zweiter Wohnsitz Maillols Aristide Maillol war das vierte von fünf Kindern des Tuchhändlers und Weingutbesitzers Raphaël Maillol und seiner Gattin Catherine, geb. Rougé. Er stammte aus einer Familie von Weinbauern, Seeleuten und Schmugglern. Sein Geburtsort, das Fischerstädtchen Banyuls-sur-Mer, liegt am Mittelmeer nahe der spanischen Grenze. Die Muttersprache Maillols war Katalanisch; Französisch sprach er mit starkem lokalem Einschlag.
Nach der Volksschule besuchte er das Collège Saint-Louis in Perpignan, wo sich im Kunstunterricht sein Wunsch herausbildete, Künstler zu werden. Als 20-Jähriger zog Maillol nach Paris, um Kunst zu studieren. Zuerst nahm er als freier Schüler an einem Zeichenkurs der École des Beaux-Arts teil, der dem Maler und Bildhauer Jean-Léon Gérôme unterstand. Als er ihm nach einigen Monaten seine Zeichnungen vorlegte, meinte Gérôme, Maillol gehöre in die Kunstgewerbeschule, in die er daraufhin wechselte. Dort belegte er Kurse in Bildhauerei.Judith Cladel: Aristide Maillol. Sa vie - Son oeuvre - Ses idées. Paris 1937, S. 18–20.Schüler von Gérome, wie häufig behauptet wird, ist Maillol somit eigentlich nicht gewesen. Nach einigen Monaten kehrte Maillol an die École des Beaux-Arts zurück und wurde in die Klasse des Salonmalers Alexandre Cabanel aufgenommen. Die offizielle Zulassung erhielt er nach mehreren Versuchen erst am 17. März 1885.Ursel Berger: Daten zu Leben und Werk. In: Ursel Berger, Jörg Zutter (Hrsg.): Aristide Maillol. Katalogbuch anläßlich der Ausstellung „Aristide Maillol“ im Georg-Kolbe-Museum, Berlin (14. Januar bis 5. Mai 1996), Städtische Kunsthalle Mannheim (25. Januar bis 31. März 1997). Prestel, München 1996, S. 9. 80 von 223 Bewerbern wurden aufgenommen; Maillol belegte Platz 64. Bis 1893 war er Student der Akademie.
mini|hochkant|Aristide Maillol 1899 (Porträt von József Rippl-Rónai) mini|hochkant|Grabstein Maillols mit seinem Werk La Méditerranée, heute im Musée Maillol in Banyuls Nahezu zwanzig Jahre lebte Maillol in Paris in großer Armut. 1894Bertrand Lorquin: Aristide Maillol. Skira, Genf 1994, S. 160. nahm er Clotilde Narcis, eine seiner Mitarbeiterinnen im Tapisserie-Atelier in Banyuls, mit nach Paris und bezog mit ihr eine Wohnung in der Rue Saint-Jacques. Im Juli 1896 heirateten sie, und im Oktober desselben Jahres kam Lucien (1896–1972), ihr einziges Kind, zur Welt. Clotilde stand Maillol Modell sowohl in der Malerei und Textilkunst als auch in der Plastik. 1899 zog das Paar nach Villeneuve-Saint-Georges, 1903 nach Marly-le-Roi. Seinen Wohnsitz in Banyuls behielt der Künstler lebenslang bei. Gewöhnlich lebte er im Sommerhalbjahr bei Paris und im Winterhalbjahr in Banyuls. Den Lebensunterhalt verdiente er sich zunächst mit der Restaurierung von Stuckarbeiten.
Maillols Anerkennung wuchs, als ihn Julius Meier-Graefe im Jahr 1904 in die einflussreiche Publikation Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst aufnahm.Julius Meier-Graefe: Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst. Stuttgart 1904, Bd. 2, S. 61–66. Im selben Jahr lernte der Künstler seinen wichtigsten Mäzen, Harry Graf Kessler, kennen, für den er einige seiner Hauptwerke ausführte. Zusammen reisten beide 1904 nach London, 1908 nach Griechenland,Sabine Walther: Graf Kessler, Maillol und Hofmannsthal in Griechenland. In: Ursel Berger, Jörg Zutter (Hrsg.): Aristide Maillol. Katalogbuch anläßlich der Ausstellung „Aristide Maillol“ im Georg-Kolbe-Museum, Berlin (14. Januar bis 5. Mai 1996), Städtische Kunsthalle Mannheim (25. Januar bis 31. März 1997). Prestel, München 1996, S. 145–150. und 1930 nach Deutschland, namentlich nach Weimar und Berlin.Hans-Dieter Mück: Maillols Deutschland-Reise, Sommer 1930. In: Aristide Maillol, 1861–1944. Ausstellungskatalog Apolda 2005, S. 11–23.
Maillols Ruhm wuchs vor allem im Ausland, neben Graf Kessler erwarben andere deutsche Sammler, darunter Karl Ernst Osthaus, seine Werke.Ursel Berger: Maillols internationale Karriere. Zur Rolle der ausländischen Sammler und Förderer. In: Ursel Berger, Jörg Zutter (Hrsg.): Aristide Maillol. Katalogbuch anläßlich der Ausstellung „Aristide Maillol“ im Georg-Kolbe-Museum, Berlin (14. Januar bis 5. Mai 1996), Städtische Kunsthalle Mannheim (25. Januar bis 31. März 1997). Prestel, München 1996, S. 145–150. Wichtige Sammler waren das Ehepaar Arthur und Hedy Hahnloser, Oskar Reinhart in Winterthur, Johannes Rump in Kopenhagen und das Ehepaar Kröller-Müller in Den Haag. Wichtige Sammler in Frankreich waren Octave Mirbeau, Gustave Fayet und Jacques Zoubaloff.Collection Jacques Zoubaloff. Galérie Georges Petit, Paris 1927, Auktionskatalog.
Im Jahr 1913 fand im Kunstkring Rotterdam die erste Einzelausstellung von Maillols Werken außerhalb Frankreichs statt; gezeigt wurden zwei Bronzen, sechs Gipsfiguren und Fotografien. Im selben Jahr waren Werke Maillols in der Armory Show in New York vertreten. In den Pariser Kunstsalons waren seine Werke selten zu sehen. Bei der ersten Wanderausstellung ausländischer Kunst in den USA von 1925 bis 1927 wurden von Maillol vor allem Gipsreproduktionen gezeigt.Linda Konheim Kramer: Aristide Maillol [1861–1944]: Pioneer of Modern Sculpture. Ann Arbor 2007, S. 200.
Die bedeutendsten Ausstellungen Maillols fanden 1928 in Berlin in der Galerie von Alfred Flechtheim, 1933 in der Kunsthalle Basel und im Rahmen einer Ausstellung französischer Kunst anlässlich der Weltausstellung 1937 im Petit Palais in Paris statt.
Wegen Maillols enger Verbindung zu Graf Kessler wurde er im Ersten Weltkrieg verdächtigt, ein deutscher Spion zu sein. Im Zweiten Weltkrieg wurde er wegen seiner Bekanntschaft mit Arno Breker als der Kollaboration mit Deutschland verdächtig betrachtet. Posthum stand sein Name auch auf der am 4. September 1945 von der Résistance-Organisation Front national veröffentlichten Liste von Kollaborateuren im Kulturbetrieb unter der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Im September 1944 war Maillol in einen Autounfall verwickelt und starb wenige Tage danach in seinem Haus in Banyuls-sur-Mer.
Werk Künstlerische Anfänge mini|hochkant|La Femme à l’ombrelle von Aristide Maillol, 1895, heute im Musée d’Orsay, Paris alt=Pomone, Nr. 6, Friedhof am Hörnli, Riehen|mini|hochkant|Die Plastik Pomone von Maillol auf dem Friedhof am Hörnli in Riehen Als Maler orientierte sich Maillol nicht an seinem Lehrer, Cabanel, sondern an Pierre Puvis de Chavannes und Paul Gauguin, mit dem er persönlich bekannt war. 1892 schloss er sich der Künstlergruppe Nabis an, deren dekorative flächenbetonte Kunst seinem Malstil in dieser Zeit entsprach.
In den 1890er Jahren wandte sich Maillol der Herstellung von Wandteppichen zu. Mit seinen Gemälden war er nicht zufrieden; ihn störten Manieriertheiten, die er sich beim Studium an der Akademie angewöhnt hatte. Bei den gestickten Teppichen sei er hingegen gezwungen, mit Bedacht einen Ton neben den anderen zu setzen.Maillol erklärte so Harry Graf Kessler seine Hinwendung zur Textilkunst. Vgl. Ursel Berger: Schöner als ein Tafelbild. In: Ursel Berger, Jörg Zutter (Hrsg.): Aristide Maillol. Katalogbuch anläßlich der Ausstellung „Aristide Maillol“ im Georg-Kolbe-Museum, Berlin (14. Januar bis 5. Mai 1996), Städtische Kunsthalle Mannheim (25. Januar bis 31. März 1997). Prestel, München 1996, S. 29. Für die Umsetzung seiner Textilkunst richtete er 1893 in Banyuls ein Tapisserie-Atelier ein und beschäftigte einheimische Frauen mit Webarbeiten, so auch seine spätere Ehefrau, Clotilde Narcis, und ihre Schwester, Angélique. 1903 gab Maillol wegen eines Augenleidens die Herstellung von Wandteppichen auf.Ursel Berger: „Schöner als ein Tafelbild“. Maillols Tapisserien. In: Ursel Berger, Jörg Zutter (Hrsg.): Aristide Maillol. Katalogbuch anläßlich der Ausstellung „Aristide Maillol“ im Georg-Kolbe-Museum, Berlin (14. Januar bis 5. Mai 1996), Städtische Kunsthalle Mannheim (25. Januar bis 31. März 1997). Prestel, München 1996, S. 34. Die bedeutendsten Tapisserien Maillols stehen am Ende seiner Beschäftigung mit der Textilkunst: zwei große Wandteppiche, die für Hélène Prinzessin Bibesco ausgeführt wurden.In: Ursel Berger, Jörg Zutter (Hrsg.): Aristide Maillol. Katalogbuch anläßlich der Ausstellung „Aristide Maillol“ im Georg-Kolbe-Museum, Berlin (14. Januar bis 5. Mai 1996), Städtische Kunsthalle Mannheim (25. Januar bis 31. März 1997). Prestel, München 1996, Kat.Nr. 16, 17.
mini|hochkant|Maillols Danseuse von 1896, ein Flachrelief aus Holz, heute im Musée d’Orsay, Paris Seit der Mitte der 1890er Jahre betätigte sich Maillol vorrangig als Bildhauer. Zuerst schnitzte er kleine Reliefs, die er 1896 im Pariser Salon der SNBA (Societé nationale des beaux-arts) ausstellte. Im Jahr darauf präsentierte er dort eine Vitrine mit Terrakotta-Figuren. Seine ersten bildhauerischen Arbeiten wurden noch in der Kunstgewerbeabteilung des Salons vorgestellt. Zum Bildhauer im eigentliche Sinne wurde Maillol, als er Holzfiguren von etwa 60 cm Höhe zu schnitzen begann. Der entscheidende Schritt wurde für das Publikum 1902 in Maillols erster Einzelausstellung sichtbar: Der Kunsthändler Ambroise Vollard präsentierte vom 15. bis zum 30. Juni 33 Werke Maillols: elf Tapisserien, einen Wandbrunnen, die geschnitzte Wiege des Sohnes und schließlich Statuetten aus Gips, Holz und Bronze. Die Ausstellung war ein Erfolg; der Schriftsteller Octave Mirbeau kaufte eine Holzstatuette (heute im Kröller-Müller-Museum, Otterlo) und einen Guss der berühmtesten Kleinbronze Maillols, der Leda (heute Sammlung Oskar Reinhart, Winterthur). Nach der Ausstellung kaufte Vollard dem Künstler fünf Gemälde und 13 plastische Arbeiten ab.Emanuelle Héran: Vollard éditeur des bronzes. In: De Cézanne à Picasso. Chefs-d'oeuvres de la galérie Vollard. Musée d’Orsay, Paris 2007, S. 184–193. Wie damals üblich, erwarb Vollard damit zugleich Reproduktionsrechte und initiierte unlimitierte Editionen einiger der beliebtesten Kleinplastiken Maillols, die sich heute in Museen und Privatsammlungen finden. Die meisten dieser Repliken sind qualitätsvoll ausgeführt, insbesondere weil Vollard dieselben Gießer beauftragte, bei denen Maillol selbst zu Beginn seines Wirkens gießen ließ: Bingen et CostenobleBeim historisch nachweisbaren Gießerstempel „A. Bingen et Costenoble Fondeurs Paris“ erscheint fondeurs im Plural. Seit den 1980er Jahren ist eine große Anzahl von Maillol-Bronzen mit variierender Gießersignatur aufgetaucht: „A. Bingen et Costenoble Fondeur Paris“. Vgl. Ursel Berger: Es gibt auch einen Skandal um Maillol. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Juni 2012; vgl. auch: Élisabeth Lebon: Fondeurs de bronzes d’art. Perth 2003, S. 111 und Errata-Zettel! und Florentin Godard.Emanuelle Héran: Vollard éditeur des bronzes. In: De Cézanne à Picasso. Chefs-d’oeuvres de la galérie Vollard. Musée d’Orsay, Paris 2007, S. 188.
Die Kleinplastiken aus Maillols Anfangszeit überzeugen den Betrachter, insbesondere weil der Künstler mit seiner Ehefrau Clotilde sein Idealmodell vor Augen hatte. Ihr Typ und ihre Proportionen wurden für sein bildhauerisches Werk wegweisend:
Sein Mäzen Graf Kessler und das Meisterwerk La Méditerranée mini|hochkant|Harry Graf Kessler Am 21. August 1904 lernte Maillol Harry Graf Kessler kennen. Die erste Begegnung ist in Kesslers Tagebuch geschildert: