mini|250px|Melchior Hofmann (auf einer Abbildung von 1600) Melchior Hofmann, Nachname auch: Hoffmann, Hofman, Hoffman; Beiname: Pel(t)zer = „Kürschner“ (* um 1495 in Weckrieden bei Schwäbisch Hall;Gerd Wunder: Melchior Hofmann, Wiedertäufer. In: Roland Biser (Hrsg.): Der Kreis Schwäbisch Hall. 2. Auflage. Theiss, Stuttgart/Aalen 1987, ISBN 3-8062-0472-1, S. 169. † vermutlich 1543 in Straßburg), gehörte zu den bekannten Führern der Täuferbewegung. Seine Anhänger in Straßburg, Ostfriesland und in den Niederlanden wurden Melchioriten genannt.
Anfänge Hofmann wurde im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts als Sohn einfacher Eltern geboren. Er erlernte den Beruf eines Kürschners, welchen er auch später – neben seiner Predigt- und Lehrtätigkeit – zur Finanzierung seines Lebensunterhalts ausübte. Schon in jungen Jahren wandte er sich der reformatorischen Theologie zu. 1518 holte ihn Georg von Zedlitz und Neukirch nach Neukirch im Herzogtum Liegnitz, wo er die ersten evangelischen Gottesdienste auf schlesischem Boden abhielt.Hugo Weczerka (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten. Band: Schlesien (= Kröners Taschenausgabe. Band 316). Kröner, Stuttgart 1977, ISBN 3-520-31601-3, S. 342.
Zwischenstationen auf dem Weg zum Täufertum mini|300px|Stationen auf dem Lebensweg Melchior Hofmanns
Ab 1523 wirkte Hofmann als lutherischer Sendbote und Schriftsteller im Baltikum, in Skandinavien und in Schleswig-Holstein (Kiel).
Wolmar Mitte des Jahres 1523 traf Melchior Hofmann in der livländischen Kleinstadt Wolmar ein. Obwohl es zunächst nur berufliche Interessen waren, die ihn nach Wolmar geführt hatten, begann er alsbald mit der Verkündigung der lutherischen Botschaft von der Glaubensgerechtigkeit, verband diese jedoch mit der Ankündigung des nahen göttlichen Gerichts über alle, die an der Werkgerechtigkeit der römisch-katholischen Kirche festhielten. In diesem Zusammenhang griff er besonders die geistlichen Stände an. Ihre Vertreter, die geistlichen Fürsten, Ordensritter und Mönche, nannte er Nachtraben, Uhus und Fledermäuse. Nonnen und Beginen waren für ihn Teufelsbräute und Himmelshuren. Die Totenmessen mit ihrem Läuten, Plempern und Heulen bezeichnete er als Ausgeburt der Hölle, ebenso die Ölgötzen der Heiligenbilder. Wolter von Plettenberg, der Landmeister in Livland des Deutschen Ordens und damit zuständige Obrigkeit für Wolmar, verwies ihn deshalb unter Androhung schwerer Strafen aus der Stadt.
Dorpat mini|450px|Ansicht der Stadt Dorpat 1553
Ende 1523 oder Anfang 1524 gelangte Hofmann nach Dorpat. Sein Ruf eilte ihm voraus. Der Rat der Stadt, der in dieser Zeit von der Großen Gilde der Kaufleute dominiert wurde, duldete jedoch seine Predigt – gegen den Widerstand des Rigaer Erzbischofs Johannes Blankenfeld, der in Personalunion auch Bischof von Dorpat war. Die Schwarzhäupter, die Gilde der hansischen Kaufmannsgesellen, zählten zu seinen aktivsten Unterstützern. Als der Vogt des Erzbischofs ihn gefangen nehmen wollte, verhinderten sie gewaltsam seine Verhaftung. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurden am 10. Januar 1524 vier Freunde Hofmanns von den Knechten des Vogts erschlagen. Diese Bluttat führte zu einer Revolte. Bewaffnete Aufständische stürmten den Dorpater Dom und alle übrigen Kirchen der Stadt. Altäre und Bilder wurden zerschlagen, die Häuser der Domkanoniker verwüstet. Der Sitz des Vogtes, das bischöfliche Schloss, wurde belagert und schließlich von diesem widerstandslos geräumt. Dieser sogenannte Dorpater Bildersturm ist der erste von insgesamt zehn weiteren Aktionen dieser Art, die im Zeitraum zwischen 1524 und 1526 in und um Dorpat stattfanden und deren – allerdings ungewollter – Auslöser Melchior Hofmann war.
In der Folge dieses Aufruhr wurde Hofmann seitens der Dorpater Obrigkeit aufgefordert, ein theologisches Gutachten über seine Lehrtätigkeit beizubringen. Er wandte sich zunächst an die beiden reformatorischen Theologen Andreas Knöpken und Sylvester Tegetmeier, deren Empfehlungsschreiben jedoch vom Rat der Stadt Dorpat nicht als ausreichende Beglaubigung angesehen wurden. Hofmann beschloss, sich in Wittenberg, dem Zentrum der lutherischen Reformation, ein Zeugnis über die Zuverlässigkeit seiner Lehre zu besorgen.
Wittenberg Im späten Frühjahr 1525 reiste Hofmann nach Wittenberg. Es gelang ihm, Luthers Vertrauen zu gewinnen, sodass er nicht nur das verlangte Zeugnis erhielt, sondern auch den Briefen der Reformatoren Martin Luther und Johannes Bugenhagen ein eigenes Sendschreiben hinzufügen durfte.Friedrich Otto zur Linden: Melchior Hofmann, ein Prophet der Wiedertäufer; Haarlem, 1885, S. 61. Dieses Sendschreiben trägt den Titel Jesus. Der Christlichen gemeyn zu Derpten ynn Lieflandt (= Dorpat) wunschet Melchior Hofmann gnad und fride, sterkung des glaubens von Godt dem vater und dem Hern Jhesu Christo. Amen. In diesem Schreiben bekannte Hofmann sich zu den lutherischen Grundsätzen, betonte allerdings neben der Rechtfertigung allein aus Glauben die Bedeutung der Heiligung. Dieses Sendschreiben gilt als älteste erhaltene Schrift des Kürschners aus Schwäbisch Hall.
Zweiter Aufenthalt in Dorpat Hofmann kehrte noch im Sommer 1525 nach Dorpat zurück und fand eine Gemeinde vor, die sich in seiner Abwesenheit in zwei feindliche Lager gespalten hatte: Freunde und Feinde Hofmanns. Der Rat der Stadt verweigerte dem Kürschner deshalb – trotz seines Wittenberger Zeugnisses – die Approbation, wogegen dieser sich mit einem öffentlichen Affront gegen den Dorpater Bürgermeister und dessen Familie wehrte. Hofmann wurde ausgewiesen und suchte Zuflucht im estnischen Reval. Aber auch hier wurde er des Landes verwiesen. 1526 finden wir Melchior Hofmann in Stockholm. Seine Tätigkeit in Livland blieb allerdings nicht fruchtlos. Das geht unter anderem aus einem Brief hervor, den er noch im Jahr seiner Ankunft von der schwedischen Hauptstadt aus an seine zurückgelassenen Glaubensgenossen schreibt: Formaninghe an die gelöfigen vorsambling in Livlandt.
Stockholm Dass Hofmann sich auf den Weg nach Stockholm machte, hing wohl mit seiner Hoffnung zusammen, dort ein finanzielles Auskommen und damit eine unabhängige Missionsmöglichkeit zu finden. Die schwedische Hauptstadt war zu der Zeit bedeutender Stapelplatz für Pelze aller Art; für einen Kürschner bot sie also die besten Voraussetzungen. Melchior Hofmann wurde von der deutschen Gemeinde Stockholms zu ihrem Prediger berufen. Neben den schon genannten Formaninghe gab er hier zwei seiner bedeutenden Schriften heraus: Das Büchlein vom Jüngsten Tage und eine Auslegung des 12. Kapitels des Buches Daniel: Das XII. Capitel des propheten Danielis ausgeleget, und des evangelion des andern sondages, gefallendt inn Advent, vnd von den zeychen des jüngsten gerichtes … MDXXVI. Die in diesen Schriften vertretenen Ansichten und dogmatischen Erläuterungen markierten den Wendepunkt auf dem Weg Hofmanns vom lutherischen Sendboten zum radikalen Täufertum.
Der schwedische König Gustav I. Wasa erließ noch 1526 eine Verordnung, durch die Hofmann die Predigt vor dem gemeinen Haufe untersagt wurde. Das mag der Grund gewesen sein, warum Melchior Hofmann im Winter 1526/1527 Schweden in Richtung Lübeck verließ. Auch hier kam es durch sein Auftreten zu Unruhen, in deren Folge er sich mit Frau und Kind in das zu Dänemark gehörende Holstein zurückzog.
Holstein und zweiter Aufenthalt in Wittenberg Im Frühjahr 1527 folgte Hofmann einer Einladung Friedrichs I. nach Kiel. Er erhielt die Erlaubnis, überall in Holstein als Laienprediger zu wirken. Doch schon bald kam es zum Streit mit Marquard Schuldorp, der seit 1526 als erster evangelischer Prediger an der Nikolaikirche in Kiel wirkte. Schuldorp (~1495–1529) stammte aus einer Kieler Ratsfamilie und hatte sich bei seinem Studium in Wittenberg mit dem Magdeburger Prediger Nikolaus von Amsdorf angefreundet. Es kam zu Auseinandersetzungen wegen Hofmanns apokalyptischer Predigten. Zudem beleidigte er die Honoratioren der Stadt. Er warf ihnen – wohl nicht zu Unrecht – vor, sich am Kirchengut bereichert zu haben. Damit und mit dem Aufruf zum Ungehorsam gegenüber dem in der Stadt sehr unbeliebten Landadel erwarb er sich die Zustimmung der Kieler.Klaus Deppermann: Melchior Hoffman. Soziale Unruhen und apokalyptische Visionen im Zeitalter der Reformation. Göttingen 1979; S. 90. Schuldorp beschwerte sich bei Luther.
Auf Suche nach Unterstützung machte Hofmann sich im Sommer 1527 zu einer zweiten Reise nach Wittenberg auf. Erstes Ziel seiner Reise war ein Besuch bei Amsdorf in Magdeburg, den Hofmann für seine Anschauungen gewinnen wollte. Inzwischen hatte Luther jedoch seine vorherige gute Meinung von Hofmann verloren und warnte Amsdorf. Dieser empfahl Hofmann, zu seinem Handwerk zurückzukehren. In Wittenberg wurde Hofmann gar nicht erst empfangen. Bei seiner Rückkehr nach Magdeburg wurde er verhaftet.
Zurück in Kiel gab Hofmann in seiner eigenen Druckerei 1528 zwei Schriften gegen Amsdorf heraus. Darin forderte er ihn einerseits im sachlichen Ton auf, sich mit den apokalyptischen Texten der Bibel zu beschäftigen, drohte ihm aber anderseits mit dem Jüngsten Tag. Amsdorf verfasste eine Gegenschrift, in der er nicht direkt auf Hofmanns Argumentation einging, sondern warnte, dass sinnlose Spekulation über eschatologische Fragen die Beschäftigung mit dem Kern des Christentums, der Rechtfertigungslehre und der Nächstenliebe, verdränge.Klaus Deppermann: Melchior Hoffman. Soziale Unruhen und apokalyptische Visionen im Zeitalter der Reformation. Göttingen 1979, S. 100–101.
Obwohl Schuldorp zwischenzeitlich vom dänischen König als Prediger am Schleswiger Dom eingesetzt worden war, eskalierte der Streit der beiden evangelischen Prediger und wurde vom katholischen Stadtpfarrer, einem Augustiner-Chorherren des Klosters Bordesholm, noch zusätzlich angeheizt. Thematisch ging es nun auch um die Abendmahlslehre. Hofmann sprach sich dabei gegen die lutherische Lehre der Realpräsenz Christi aus. Hofmann griff Schuldorp auch persönlich an wegen dessen Ehe mit seiner eigenen Nichte. Beide Prediger sollen sich sogar auf der Kanzel geprügelt haben. Hofmann vertraute dabei trotz seiner Abweichung von der lutherischen Lehre auf den königlichen Beistand, wie sowohl die Berufung auf den königlichen Schutzbrief in den Schriften gegen Amsdorf als auch die Widmung seiner 1529 in Kiel gedruckten Schrift Dat Boeck Cantica Canticorum an Königin Sophia belegen. Bei dieser Schrift handelt es sich um eine Auslegung des Hohelieds, in der Hofmann das irdische Leid als „innere Taufe durch Feuer und Geist“ und damit als heilsnotwendig beschreibt.Klaus Deppermann: Melchior Hoffman. Soziale Unruhen und apokalyptische Visionen im Zeitalter der Reformation. Göttingen 1979, S. 95.
Auf Empfehlung Luthers fand am 8. April 1529 im Flensburger Barfüßlerkloster in Schleswig die vom König einberufene Flensburger Disputation unter dem Vorsitz des Kronprinzen Herzog Christian statt. Johannes Bugenhagen und Hermann Tast vertraten die lutherische Position der Realpräsenz Christi im Abendmahl. Hofmann dagegen leugnete die leibliche Gegenwart Christi. Christus – so Hofmann – wird unter den Zeichen von Brot und Wein nur in einem geistlichen Sinne genossen. Infolge dieser Disputation verwies man Hofmann und seine Anhänger des Landes.
Hofmann als Täufer Wann genau Hofmann zum Täufer wurde, lässt sich bislang nicht eindeutig klären. Sogar die Frage, ob Hofmann selbst die Gläubigentaufe empfing, muss unbeantwortet bleiben.Dieter Götz Lichdi: Die Mennoniten in Geschichte in Gegenwart. Von der Täuferbewegung zur weltweiten Freikirche. Großburgwedel 2004 (2. erheblich veränderte und erweiterte Auflage), ISBN 3-88744-402-7, S. 68 Belegt ist nur, dass er nach seinem ersten Straßburger Aufenthalt, wo er die Täuferbewegung mit ihren verschiedenen Verzweigungen kennenlernte, 1530 in Emden als Täufer auftrat.
Ostfriesland und Straßburg