mini|Die Lausitz – Heimat der Sorben mini|Die Flagge der Sorben in den panslawischen Farben blau-rot-weiß mini|Zweisprachige Ortstafel von Bautzen/Budyšin
Die Sorben (, , vor allem in der Niederlausitz auf Deutsch auch Wenden, deutsch veraltet bzw. in den slawischen Sprachen bis heute Lausitzer Serben) sind eine westslawische Ethnie, die vorwiegend in der Lausitz im östlichen Deutschland lebt. Zu ihr gehören die Obersorben in der sächsischen Oberlausitz und die Niedersorben/Wenden in der Niederlausitz in Brandenburg, die sich sprachlich und kulturell unterscheiden. Die Sorben sind in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt. Sie haben neben ihrer Sprache eine offiziell anerkannte Flagge und Hymne. Sorben sind in aller Regel deutsche Staatsangehörige.
Im Mittelalter siedelte ein gleichnamiger Stamm zwischen Saale und Mulde. Er ist mit den Vorfahren der heutigen Sorben – Lusizern und Milzenern – nicht identisch, jedoch wird der südliche Teil der elbslawischen Stämme aufgrund der sprachlichen Verwandtschaft generell als „Sorbisch“ zusammengefasst.
Sprache und Siedlungsgebiet mini|hochkant=1.5|Überblick über das anerkannte Siedlungsgebiet
Siedlungsgebiet
Nach offiziellen Angaben gibt es rund 60.000 Sorben.Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg: Diese Zahlen beruhen auf Hochrechnungen aus den 1990er Jahren. Auf Grundlage der Selbstzuschreibung wurden dabei 45.000 bis 50.000 und auf Basis der aktiven Sprachkenntnis circa 67.000 Sorben ermittelt. Davon leben etwa zwei Drittel in der sächsischen Oberlausitz, vorwiegend im katholischen Dreieck zwischen den Städten Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda (in den fünf Gemeinden am Klosterwasser sowie in der Gemeinde Radibor und Teilen der Gemeinden Göda, Neschwitz, Puschwitz und in der Stadt Wittichenau). Im amtlichen sorbischen Siedlungsgebiet in Sachsen liegt der Anteil der Sorben schätzungsweise bei durchschnittlich 12 % und beträgt an der Gesamtbevölkerung Sachsens etwa 0,9 %. Ein Drittel lebt in der Niederlausitz, vorwiegend zwischen Senftenberg im Süden und Lübben im Norden, wobei 90 % davon in dem Landkreis Spree-Neiße und der kreisfreien Stadt Cottbus leben. In den deutsch-sorbischen Teilen der Kreise in Brandenburg liegt der Anteil der Sorben schätzungsweise bei durchschnittlich 7 % und beträgt an der Gesamtbevölkerung Brandenburgs etwa 0,8 %.Ludwig Elle: Territorium, Bevölkerung, demografische Prozesse im deutsch-sorbischen Gebiet. Projekat Rastko – Lužica; abgerufen am 22. September 2012.
Noch in den 1880er Jahren umfasste das Kernsiedlungsgebiet größere Gebiete südlich und östlich von Bautzen (bis Kirschau, Oelsa und Bad Muskau) sowie nördlich von Cottbus, in denen die Sprache heutzutage nicht mehr oder kaum gesprochen wird.
Auch östlich der Neiße, auf heutigem polnischen Staatsgebiet, lebten bis ins 20. Jahrhundert hinein Sorben. Das Zentrum ihrer Kultur und Sprache zur deutschen Zeit war die Stadt Sorau (sorbisch Žarow, heute polnisch Żary). Bis ins 18. Jahrhundert trugen die Frauen und Mädchen die traditionelle sorbische Sorauer Tracht, jedoch wurde das Sorbische immer mehr durch die damalige preußische Politik benachteiligt oder sogar unterdrückt. Daraus und aus natürlich ablaufenden Assimilationsprozessen resultierte, dass sich 1843 bis 1849 noch ca. 4–5 % der Sorauer Bevölkerung als Sorben bezeichneten, jedoch nur ca. 1–2 % im Jahr 1890 und 1905 sogar nur noch 0,1 %. Heute ist die Sprache der Bevölkerung fast ausschließlich Polnisch, wenige haben Deutsch als Muttersprache. Die damalige sorbische Bevölkerung wurde germanisiert und am Ende des Zweiten Weltkriegs zum größten Teil vertrieben, da sie deutsche Staatsangehörige waren. Die wenigen in Polen verbliebenen Sorben wurden in das polnische Volk assimiliert.
Sorbische Sprache
Von der sorbischen Sprache existieren zwei Schriftsprachen (Standardvarietäten), Obersorbisch () und Niedersorbisch (), jedoch wird meistens zwischen Niedersorbisch, Obersorbisch und der Gruppe der dazwischenliegenden Grenzdialekte unterschieden. Die niedersorbische Sprache ist akut vom Aussterben bedroht. Während das Obersorbische dem Tschechischen und Slowakischen näher steht, ist das Niedersorbische dem Polnischen ähnlicher.Heinz Schuster-Šewc: Das Sorbische – eine slawische Sprache in Deutschland. In: Akademie-Journal 2/2001 „Sprachen in Europa“. Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, S. 31–35 ().
Nach Schätzungen sorbischer Institutionen (Domowina, Sorbisches Institut) gibt es heute 20.000 bis 30.000 aktive Sprecher beider sorbischer Sprachen; anderen Hochrechnungen zufolge hat das Niedersorbische 7000 aktive Sprecher und das Obersorbische etwa 15.000. Der Kern des obersorbischen Gebiets, in dem das Sorbische Alltagssprache ist und von der großen Mehrheit der Bevölkerung genutzt wird, sind dabei die Gemeinden Crostwitz, Ralbitz-Rosenthal, Panschwitz-Kuckau, Nebelschütz und Räckelwitz sowie Teile der angrenzenden Gemeinden Neschwitz, Puschwitz und Göda. Ein weiteres Zentrum ist die Gemeinde Radibor. In der Niederlausitz kann von einem stabilen Kerngebiet in dieser Form nicht mehr gesprochen werden. Die meisten Niedersorbisch-Muttersprachler findet man jedoch in den Gemeinden zwischen dem Spreewald und Cottbus.
Eine Studie von 2024 schätzte die Zahl der niedersorbischen Sprecher auf „kompetentem Niveau“ (= Stufe C des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen) zwischen 50 und 100 ein.
In einem Streifen von Bad Muskau im Osten über Schleife bis nach Hoyerswerda im Westen werden Übergangsdialekte gesprochen, die sogenannten Sorbischen Grenzdialekte. Sie unterscheiden sich von beiden Standardsprachen teils erheblich.
Sorbische Emigration Aufgrund der vorherrschenden Armut in den ländlichen Gebieten des Deutschen Bundes Mitte des 19. Jahrhunderts kam es auch in der Lausitz zu einer Abwanderung kleinerer sorbischer Bevölkerungsteile.
mini|Kilian Hall, das nach Jan Kilian benannte ehemalige Hauptgebäude der Concordia-Universität Texas
Eine Gruppe von über 500 Sorben unter der Führung des evangelisch-lutherischen Pfarrers Jan Kilian segelte 1854 auf dem Schiff „Ben Nevis“ nach Galveston. Sie gründeten später die Siedlung Serbin im texanischen Lee County nahe Austin. Zwei Drittel der Emigranten stammten dabei aus dem preußischen, ein Drittel aus dem sächsischen Teil der Oberlausitz, darunter ca. 200 Sorben aus der Umgebung Klittens. Bis in die 1920er Jahre hielt sich die sorbische Sprache, eine Variante des Obersorbischen, die zuerst vom Deutschen, später vom Englischen stark beeinflusst wurde. Früher wurden in Serbin auch Zeitungen auf Sorbisch veröffentlicht. Heute befindet sich in der ehemaligen sorbischen Schule von Serbin das Texas Wendish Heritage Museum, das über die Geschichte der Sorben in den USA berichtet. Nachfahren dieser Auswanderer gründeten 1926 in der texanischen Hauptstadt Austin die Concordia-Universität Texas.
Weitere sorbische Siedlungen – überwiegend gemeinsam mit deutschen Auswanderern – gab es in verschiedenen Gebieten Australiens, vor allem im Süden Australiens. In den Jahren 1848 bis 1860 kamen die meisten Sorben, etwa 2000 in 400 Familien, ein großer Teil von ihnen mit den Schiffen „Pribislaw“ und „Helene“ (Tarrington und Gnadenthal). Auch in Australien wurde die sorbische Sprache stark vom Deutschen beeinflusst, da die Sorben wegen fehlender Englischkenntnisse meist in die deutsch geprägten Regionen Australiens zogen. Die letzte Nachkommin der sorbischen Einwanderer, welche die Sprache noch beherrschte, starb 1957 in Sevenhill.Jan L. Perkowski: The Sorbian Languages in Australia. In: Lětopis A/15 (1968), Ludowe nakładnistwo Domowina, Budyšin 1968, S. 201–219
Religion mini|hochkant|Zahlreiche Wegkreuze – wie hier bei Crostwitz – zeugen vom katholischen Glauben der Bevölkerung im heutigen sorbischen Kernland mini|links|Die sorbisch-evangelische Michaeliskirche in Bautzen
Die meisten Sprecher des Obersorbischen sind heutzutage katholischer Konfession. Ursprünglich war die Mehrzahl der Sorben noch bis ins 20. Jahrhundert evangelisch-lutherisch (86,9 % im Jahr 1900),Laut Volkszählung 1900, siehe Ernst Tschernik: Die Entwicklung der Sorbischen Bevölkerung. Akademie-Verlag, Berlin 1954, S. 34. nur die Sorben des Kreises Kamenz – angesiedelt überwiegend auf dem ausgedehnten ehemaligen Grundbesitz des Klosters St. Marienstern – waren zu 88,4 % Katholiken. In der Niederlausitz lag deren Anteil dagegen durchweg unter einem Prozent. Aufgrund des schnelleren Sprach- und Identitätsverlustes unter der evangelischen sorbischen Bevölkerung – insbesondere in der DDR-Zeit – hat sich das Konfessionsverhältnis unter den Sorbischsprechern der Region heute umgekehrt.
Die unterschiedliche Entwicklung des Sprachverhaltens im katholischen bzw. evangelischen Sorbentum ist zum einen auf die unterschiedliche Struktur der Kirchen zurückzuführen. Während es sich bei der evangelischen Kirche um eine Landeskirche handelt (wobei die Landesherren der sorbischen Bevölkerung immer deutschsprachig waren), ist die katholische Kirche in ihrer ultramontanen Ausrichtung auf den Vatikan seit jeher transnational.Martin Walde: Stichwort Katholische Region. In: Franz Schön, Dietrich Scholze (Hrsg.): Sorbisches Kulturlexikon, Domowina-Verlag, Bautzen 2014, S. 175–179. Die größere Staatsnähe der evangelischen Kirche sollte sich besonders mit der in der Niederlausitz seit dem 17. Jahrhundert betriebenen Germanisierungspolitik negativ auf das sorbische Sprachgebiet auswirken. Zum anderen herrschte in der katholischen Kirche eher die Meinung vor, dass die Muttersprache als göttliches Geschenk zu betrachten sei, welches abzulegen Sünde wäre. So erklärt sich der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt betonte außergewöhnlich enge Zusammenhang zwischen Katholizismus und Sorbentum, der bis in die heutige Zeit besteht.Martin Walde: Katholisches versus evangelisches Milieu bei den Sorben. In: Lětopis. Band 53, 2006, Heft 2, S. 15 ff., Ludowe nakładnistwo Domowina, Budyšin/Bautzen 2006
Die katholischen Gemeinden stellen heute den Kern des verbliebenen Mehrheitsgebietes dar, während in den evangelischen Gebieten im Osten und Norden die Sprache zumeist verschwunden ist. Während in der westlichen Oberlausitz insbesondere die jahrhundertelange Verbundenheit der Sorben zur katholischen Kirche maßgeblich zum Erhalt der sorbischen Muttersprache beigetragen hat, zeigte in der Niederlausitz die evangelische Kirche vor und nach 1945, trotz allgemeiner Förderung der Sorben in der DDR, kein Interesse, die sorbische Sprache im kirchlichen Leben zu pflegen. Erst seit 1987 gibt es auf Initiative einiger Niedersorben wieder regelmäßigen wendischen Gottesdienst.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es zudem einen nennenswerten Anteil konfessionsloser Sorben.
Institutionen Domowina mini|Symbol der Domowina: Auf rotem Untergrund drei silberne Lindenblätter, welche aus einem Baumstamm mit acht Wurzeln erwachsen.
Die 1912 gegründete zentrale Interessenvertretung Domowina (ein sorbischer poetischer Ausdruck für „Heimat“, voller Name Domowina – Zwjazk Łužiskich Serbow z. t., Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V.) ist der Dachverband von Ortsgruppen, fünf Regionalverbänden sowie zwölf überregional wirkender sorbischer Vereine,Regionalverbände und Mitgliedsvereine der Domowina. Domowina (Zwjazk Łužiskich Serbow z.t. – Zwězk Łužyskich Serbow z.t. – Bund Lausitzer Sorben e. V.), abgerufen am 18. Oktober 2012. mit insgesamt ca. 7600 Mitgliedern (Stand 2026),Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. Stiftung für das sorbische Volk, abgerufen am 18. Oktober 2012. wobei jene, die in mehreren Mitgliedsvereinen organisiert sind, auch mehrfach gezählt werden.
Stiftung für das sorbische Volk mini|Das Haus der Sorben (Serbski dom) in Bautzen ist Sitz zahlreicher sorbischer Institutionen.