Der Begriff Seelsorge ist eine im Deutschen geschichtlich gewachsene Bezeichnung, die sich aus den Wörtern Seele und Sorge zusammensetzt. Er bezeichnet die persönliche geistliche Begleitung und Unterstützung eines Menschen insbesondere in Lebenskrisen durch einen entsprechend ausgebildeten Seelsorger, meist einen Geistlichen der jeweiligen Konfession oder Religion. Methodisch kann die Seelsorge – je nach Konzept – unterschiedlich gestaltet sein; meist handelt es sich um Gespräche unter vier Augen. Der Seelsorger unterliegt dabei der Schweigepflicht oder seiner noch strengeren Variante, dem Beichtgeheimnis. Die wissenschaftliche Lehre von der Seelsorge wird als Poimenik bezeichnet und ist ein Teilgebiet des Fachbereichs Praktische Theologie an evangelisch-theologischen Fakultäten und der Pastoraltheologie an katholisch-theologischen Fakultäten.

Christentum Biblische Begründung Im Neuen Testament begegnen für die mit „Seelsorge“ umschriebene InteraktionChristoph Morgenthaler: Seelsorge. 2. Auflage (= Lehrbuch Praktische Theologie. Band 3). Gütersloh 2012, S. 15. Begriffe wie Paraklese (), was man im weitesten Sinne mit „Begleitung“, im engeren Sinne mit „Ermutigung“, „Zuspruch“, „Ermahnung“ und „Tröstung“ wiedergeben kannChristian Möller: Seelsorglich predigen. Die parakletische Dimension von Predigt, Seelsorge und Gemeinde. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990 (Beispiele: , , , ). Weitere neutestamentliche Seelsorge-Vokabeln sind z. B. (= ans Herz legen, ermahnen, , )Jay E. Adams: Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. Brunnen, Gießen/Basel 1992 und (= in Ordnung bringen, zurechtmachen, wiederherstellen, , )Peter Godzik (Hrsg.): Sterbebegleitung – herzlich und zugewandt. Steinmann, Rosengarten b. Hamburg 2012, S. 30 die in ihrem jeweiligen KontextChristoph Morgenthaler: Seelsorge. 2. Auflage (= Lehrbuch Praktische Theologie. Band 3). Gütersloh 2012, S. 23. seelsorgliches Handeln leiten und begründen.

Auch der biblische Befund, dass Gott oder dass Jesus Christus sieht, erkennt, besucht und tröstet, kann zum Vorbild einer biblisch begründeten Seelsorge-Theorie genommen werden.Peter Godzik: Seelsorge im Alten und Neuen Testament. Bibelarbeit 1996 (online auf pkgodzik.de) (PDF; 131 kB); Seelsorge in der Nachfolge Jesu. Eine Meditation zu Lukas 24,13–35. In: ders. (Hrsg.): Die Kunst der Sterbebegleitung. Handbuch zur Begleitung Schwerkranker und Sterbender. Steinmann, Rosengarten b. Hamburg 2013, S. 16–18 Alle Christen können verschiedene seelsorgliche Charismata besitzen wie Ratgeben und Heilen , Trösten und Lehren . Zur Seelsorge gehören das Ermahnen und Zurechtweisen (), der praktische Einsatz für in Not geratene Menschen () und das Gewähren von Gastfreundschaft ().

Begriffsinhalt Zur Definition von Seelsorge besteht ein gewisser Konsens dahingehend, dass es sich bei Seelsorge um eine verbale und durch andere Zeichen vermittelte Interaktion im kirchlichen wie individuellen Kontext handelt.Joachim Scharfenberg: Seelsorge als Gespräch. Zur Theorie und Praxis der seelsorgerlichen Gesprächsführung. 5. unveränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, passim. Man kann Seelsorge bezeichnen als ein personal vermitteltes, thematisch strukturiertes, kontextuell eingebettetes Beziehungsgeschehen mit Transzendenzbezug.Christoph Morgenthaler: Seelsorge. 2. Auflage (= Lehrbuch Praktische Theologie. Band 3). Gütersloh 2012, S. 22–24.

Die verschiedenen Ansätze und Methoden der Seelsorge werden in der Poimenik (von griech. ποιμήν poimḗn „Hirte“) reflektiert. Diese Lehre von der Seelsorge ist Teilgebiet der Praktischen Theologie.

Seelsorgliches Handeln ist nicht zu verwechseln mit psychotherapeutischem Handeln. Die Arbeit mit pathologischen Dynamiken gehört nicht in den Kompetenzbereich eines Seelsorgers und wird daher bewusst ausgeklammert.Wilfried Veeser: Skript des Seelsorge-Grundkurs 1.Block, 2007 Jedoch kommen in der Seelsorge auch psychotherapeutisch fundierte Methoden zur Anwendung. Insbesondere die durch Carl Rogers und die niederländische Seelsorgebewegung in Deutschland beeinflusste Pastoralpsychologie legt auf einen engen Austausch zwischen Seelsorge und Psychologie (hier meist Psychotherapie) Wert.

In der römisch-katholischen Kirche wird die Seelsorge auch als Pastoral (von Ableitung von ), den Aspekt des Hirtendienstes (im Sinne geistlicher Führung und Anleitung) der Seelsorger hervorhebt. Oberste Hirten der römisch-katholischen Kirche sind der Papst und die Bischöfe. Die Pastoral ist demnach mit der Ausübung römisch-katholischer Autorität verbunden. In den anderen christlichen Kirchen werden die pastoralen Ämter abweichend begründet und organisiert.

Bei der Bezeichnung Pastoral geht es auch um den personellen Ort der Seelsorge (kirchliche Strukturen mit Priestern, Diakonen und anderen Beauftragten, z. B. Pastoralreferenten). Seelsorge bezieht sich eher auf die Tätigkeit des Seelsorgers, die auch lehrende und liturgische Aspekte hat. Die bevorzugte Methode ist heute der Dialog mit den Menschen, das seelsorgerliche Gespräch. Auf wissenschaftlich-theologische Weise befasst sich damit die Pastoraltheologie.

Im Bereich der Evangelischen Theologie wird der Begriff einer – weiter gefassten – Praktischen Theologie bevorzugt.

Seelsorger Nach evangelischem, katholischem sowie orthodoxem Verständnis ist jeder Christ zur begleitenden Seelsorge im allgemeinen Sinne des Beistehens, Mittragens und des Sich-Einfühlens berufen und befähigt. Im Fokus christlicher Seelsorge steht nicht die Lösung eines aktuellen Problems, sondern sie versteht sich als ein Beziehungsgeschehen. Diese Interaktion wiederum geschieht nicht nur zwischen zwei oder mehreren Personen, sondern sie lebt aus der Annahme, dass Gott eine Beziehung zu jedem Menschen hat, unabhängig davon, ob dieser je seelsorglich begleitet wurde oder nicht. In dem Wissen um diese Gegebenheit will die Seelsorge Menschen die Möglichkeit bieten, im Kontakt zu einem oder mehreren Menschen aufrichtige Anteilnahme in negativen – wie auch positiven – Lebenssituationen zu erfahren. Christoph Morgenthaler: Seelsorge. 2. Auflage (= Lehrbuch Praktische Theologie. Band 3). Gütersloh 2012, S. 17.

Im speziellen Sinn gibt es jedoch auch amtlich bestellte Seelsorger, deren seelsorgliches Handeln über den rein begleitenden Aspekt hinausgehen und in eine beratende Seelsorge (Lebensberatung) münden kann. In diesem Fall geht es tatsächlich um einen nach methodischen Gesichtspunkten gestalteten Prozess, durch den die Eigenbemühungen des Ratsuchenden unterstützt und optimiert werden.Christoph Morgenthaler: Seelsorge. 2. Auflage (= Lehrbuch Praktische Theologie. Band 3). Gütersloh 2012, S. 315 ff.

Geschichtliche Entwicklung In der alten Kirche ging es bei der Seelsorge primär um den Kampf des Christen gegen die Sünde, die sein endzeitliches Seelenheil gefährdet. Die Theologen Clemens von Alexandria, Origenes und Eusebius von Caesarea verstanden darunter hauptsächlich die Sorge des Menschen um seine eigene Seele. Zunehmend wurde die Aufgabe von Seelsorgern darin gesehen, dem einzelnen Christen bei diesem Bemühen zu helfen.Christoph Morgenthaler: Seelsorge. 2. Auflage (= Lehrbuch Praktische Theologie. Band 3). Gütersloh 2012, S. 34 f. Eine erste seelsorgliche Bewegung entstand unter den Wüstenvätern, die Christen oft aufsuchten und um Rat fragten; dies wurde allerdings noch nicht als Seelsorge bezeichnet.Daniel Hell: Die Sprache der Seele verstehen. Die Wüstenväter als Therapeuten, 2002, ISBN 3-451-05191-5 Ebenso waren die ersten klosterähnlichen Gemeinschaften solche Seelsorgezentren. In den Briefen von Basilius von Ancyra, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos finden sich zahlreiche Beispiele für seelsorglichen Rat; der Begriff „Seelsorge“ verschob sich hin zu einer Sorge für die Seelen anderer.Basilius der Große: Brief an einen gefallenen Mönch (englisch)

Am Übergang zum Mittelalter verfasste Gregor der Große das an den Papst gerichtete Liber regulae pastoris, eines der einflussreichsten Bücher über Seelsorge (cura), das je geschrieben wurde.

Im Mittelalter war die Seelsorge eng an die Praxis des Bußsakraments gebunden, das Schuldbekenntnis, Wiedergutmachung und Lossprechung durch den Priester umfasste. Gegen die oft veräußerlichte Routine wurde insbesondere aus dem Mönchstum angegangen, beispielsweise von Bernhard von Clairvaux. Es entwickelte sich der lateinische Begriff der cura animarum (‚Sorge für die Seelen‘) als amtsgemäße Aufgabe des Bischofs als für den einzelnen Christen zuständiger Seelsorger, die er aber an einen Priester delegiert, in der Regel an den zuständigen Pfarrer. In dieser Bedeutung wird cura animarum auch im heutigen Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche verwendet.

Bei den Reformatoren galt nicht mehr die Betonung der Sünde, sondern die Betonung der Vergebung Gottes und des Trostes, insbesondere bei Martin LutherJoachim Heubach (Hrsg.): Luther als Seelsorger (Veröffentlichungen der Luther-Akademie Ratzeburg, Bd. 18), Erlangen: Martin Luther 1991; Peter Godzik: Seelsorge bei Luther, 1996 (online auf pkgodzik.de) (PDF; 66 kB) und Heinrich Bullinger, in vielen Fällen ersetzte die Kirchenzucht allerdings bald die Seelsorge.

Der Pietismus lehnte jede formelle Seelsorge ab; erstmals wurde das seelsorgliche Gespräch ein Thema. Ziel der pietistischen Seelsorge war, die Früchte des Glaubens im persönlichen Leben, in Diakonie und Mission zu entfalten, während gleichzeitig in der Aufklärung der Sinn der Seelsorge in der Belehrung gesehen wurde, die die Gläubigen zur sittlichen Lebensführung befähigte.

Im 19. Jahrhundert begründete der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher die Praktische Theologie. Er betonte, die Seelsorge solle die Freiheit und Mündigkeit des einzelnen Gemeindeglieds stärken. Bereits 1777 wurde katholischerseits in Österreich unter Franz Stephan Rautenstrauch im Sinne der josephinischen Kirchenreform das Fach Pastoraltheologie ins Vorlesungsverzeichnis der Wiener Universität aufgenommen und in Muttersprache, nicht mehr in Latein unterrichtet. In Deutschland wurde es vor allem unter Johann Michael Sailer weiter entwickelt und verbreitet und gilt als Vorläufer der modernen Seelsorge.

In den USA entwickelte Anton Theophilus Boisen, einer der wichtigsten Repräsentanten der amerikanischen Seelsorgebewegung, in den 1920er-Jahren das Konzept des „Clinical Pastoral Training“, das Seelsorge, Psychologie und Pädagogik einschloss.

Eduard Thurneysen betonte den kerygmatischen Aspekt der Seelsorge als „Ausrichtung der Botschaft und damit um die Erweckung geistlichen Lebens…“

Mitte der 1960er-Jahre kam die Seelsorgebewegung über die Niederlande nach Deutschland und führte auch dort zur Entwicklung der Pastoralpsychologie. In der Theologie der Landeskirchen ist die pastoralpsychologisch orientierte Seelsorge bis heute Standard.

In den 1980er-Jahren entwickelte der katholische Priester und Universitätsdozent Eugen Drewermann an der Universität Paderborn seine tiefenpsychologische Auslegung der Bibel, insbesondere im dreibändigen Werk Psychoanalyse und Moraltheologie.

Arten der Seelsorge