mini|Egon Erwin Kisch an Bord eines Schiffes im Hafen von Melbourne (1934) mini|klasse=skin-invert-image|Unterschrift Egon Erwin Kisch (eigentlich Egon Kisch; geboren am 29. April 1885 in Prag; gestorben am 31. März 1948 ebenda) war ein österreichischer, später tschechoslowakischer Schriftsteller, Journalist und Reporter. Er gilt als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus und als wichtiger Vertreter der Prager deutschen Literatur. Nach dem Titel eines seiner Reportagebände ist er als „der rasende Reporter“ bekannt.

Leben Kindheit und Jugend mini|Geburtshaus „Zu den zwei goldenen Bären“ mini|Gedenktafel an Kischs Geburtshaus in Prag Egon Kisch wuchs in einer deutschsprachigen Familie auf. Er war der zweite von fünf SöhnenEiner der Brüder: Kisch, Friedrich. In: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Saur, München 1980, S. 365. des jüdischen Tuchhändlers Hermann Kisch und seiner Frau Ernestine. Seinen zweiten Vornamen Erwin begann er erst später als sein literarisches Pseudonym zu verwenden. Die Familie wohnte in einem Renaissancehaus „Zu den zwei goldenen Bären“ in der Prager Melantrichgasse (tschechisch: Melantrichova); im Erdgeschoss des Hauses befand sich ihre Tuchhandlung. Seine ersten Schuljahre verbrachte Kisch in privaten Schulen, die sich in katholischen Klöstern befanden. 1891 lernte er in der Seidlschen Schule im Servitenkloster zu St. Michael, ab 1892 in der sogenannten Piaristenschule am Piaristenkloster. Ab 1895 besuchte er die Realschule – die kaiserlich-königliche Erste Deutsche Staatsschule in Prag in der Nikolandergasse, die im Volksmund als Nikolander-Schule bekannt war. Viele seiner Schulerfahrungen verwendete Kisch später in seinen Erzählungen und Reportagen. Dank des literaturbegeisterten Vaters, eines aktiven Mitglieds der „Concordia“, des „Vereins deutscher Schriftsteller und Künstler in Böhmen“, war Egon Kisch schon früh in persönlichen Kontakt mit bekannten Journalisten und Schriftstellern gekommen. Mit dem Journalisten Alfred Klaar sowie Gustav Meyrink, dem Schöpfer des Romans Der Golem, war Hermann Kisch eng befreundet.Christian Buckard: Egon Erwin Kisch. Die Weltgeschichte des rasenden Reporters. Berlin Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-8270-1449-8, S. 34.

Kischs Vater starb 1901. 1903 konnte Egon Kisch dank der finanziellen Unterstützung seiner Mutter seine erste weite Reise machen: Er besichtigte verschiedene Orte in Österreich und Bayern und schrieb seine Eindrücke von dieser Reise in einem Tagebuch auf. Im Oktober desselben Jahres begann er an der Technischen Hochschule in Prag zu studieren, wechselte jedoch nach einem Semester an die deutschsprachige Karl-Ferdinands-Universität, wo er Vorlesungen über Geschichte der deutschen Literatur und Geschichte der mittelalterlichen Philosophie belegte. 1903Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 391–397. wurde er Conkneipant der paritätischen Burschenschaft Saxonia Prag im Burschenbunds-Convent. Kisch focht mehrere Säbelmensuren: Im Ausschank eines jüdischen Branntweinhändlers in der Zigeunergasse gegen den Obmann des deutschvölkischen Vereins Germania, in der Garage eines deutschen Hotels in der Neustadt gegen einen Kontrahenten, der später im tschechisch-nationalen Leben der neugegründeten Republik eine Rolle spielte, und in einem verfallenen Klostertrakt gegen einen jüdischen Arzt aus Czernowitz.Brief von Adolf Siegl an Hugo Hermann Pilger (1991). Er verfasste eine Abhandlung über das Prager Mensurwesen (enthalten in Aus Prager Gassen und Nächten).

Im Oktober 1904 begann Kisch seinen Militärdienst bei der k.u.k. Armee. Als Absolvent der Realschule konnte er den Dienst als Einjährig-Freiwilliger ableisten; auf Grund seiner Haltung kam es zu häufigen Konflikten zwischen ihm und seinen Vorgesetzten (die ihn für einen Anarchisten hielten), so verbrachte er einen großen Teil des Jahres im Arrest. Kisch erhielt zum Ende seiner Dienstzeit nicht die für Einjährig-Freiwillige übliche Beförderung zum Reserveoffizier, sondern wurde im Rang eines Korporals entlassen.Klaus Haupt: Biografie von Egon Erwin Kisch. Bei: Egon-Erwin-Kisch.de. 2008, abgerufen am 21. Januar 2010. Im Arrest kam er zum ersten Mal in Kontakt mit verschiedenen linksorientierten Gegnern des in Österreich-Ungarn herrschenden Systems, die er später so beschrieb:

Anfänge des literarischen Schaffens und der journalistischen Arbeit Die ersten literarischen Versuche Kischs datieren noch aus seiner Schulzeit: um die Jahreswende 1899/1900 veröffentlichte er ein Gedicht in einer Prager Zeitung und unterschrieb es Erwin Kisch. Er tat dies, um Unannehmlichkeiten in der Schule zu vermeiden – die Leitung der Nikolander-Schule verbot es ihren Schülern, in der Presse zu publizieren. Dieser selbstgewählte zweite Vorname Erwin erschien auch auf dem Umschlag des Buchdebüts Kischs – des Gedichtbändchens Vom Blütenzweig der Jugend, das mit finanzieller Unterstützung seiner Mutter 1905 in Dresden herausgegeben wurde und das er mit Egon Erwin Kisch unterschrieb. Von diesem Moment an verwandte Kisch in seinem Schaffen immer diesen doppelten Vornamen.

Im Jahr 1906 erschien das zweite Buch Kischs – der in Berlin herausgegebene Band mit Erzählungen und Geschichten (der einzige in seinem Leben, in dem er sich mit diesem Genre der Literatur befasste) unter dem Titel Der freche Franz und andere Geschichten. Kischs Aufenthalt in Berlin war die Folge seiner Studien an der privaten Wredeschen Journalistenhochschule, an der er sich gleich nach seiner Entlassung aus dem Militär immatrikulierte. An dieser Hochschule studierte Kisch aber nur ein Semester; schon im März 1906 kehrte er nach Prag zurück und begann als Volontär bei dem deutschsprachigen „Prager Tagblatt“ zu arbeiten, wo er ca. sechs Wochen blieb. Im April wurde Kisch von der renommierten Prager Tageszeitung Bohemia beschäftigt, wo er als Lokalreporter arbeitete und über tägliche Ereignisse in Prag berichtete – dies war der Beginn der eigentlichen Karriere Kischs als Reporter und Journalist. Bei der Bohemia arbeitete Kisch mit Paul Wiegler zusammen, einem erfahrenen Schriftsteller und Journalisten, der ihn bei der Arbeit unterstützte. In den Jahren 1910–1911 hatte Kisch eine ständige Rubrik unter dem Titel Prager Streifzüge; seine journalistische und Reporterarbeit bei der Zeitung (bei der er sieben Jahre, von 1906 bis 1913, arbeitete), ging über das Schreiben von wöchentlichen Feuilletons hinaus. Wegen seines Berufs hatte Kisch oft Kontakt mit der Prager Halb- und Unterwelt, als er in seiner Zeitung Einbruchdiebstähle, Brandstiftungen, Dirnenschlägereien usw. beschrieb. Viele dieser Erfahrungen verwandte er später in seinen Reportagebänden Aus Prager Gassen und Nächten (1912), Abenteuer in Prag (1920) und in seinem einzigen Roman Der Mädchenhirt aus 1914, der über das Milieu der Prager Dirnen und Zuhälter erzählt.

Kisch lernte auch das literarische und artistische Milieu Prags kennen, sowohl das deutsche als auch das tschechische. Unter den Schriftstellern, die er damals kennenlernte, waren Paul Leppin, Rainer Maria Rilke, Max Brod, Franz Kafka und Jaroslav Hašek, der Autor der Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges – mit dem Letzteren verband ihn eine langjährige Freundschaft. Kisch war häufiger Gast in der Gaststätte „Zum Weißen Hasen“, dem Treffpunkt der Prager Boheme, und im Nachtcafé „Montmartre“. Von den dort erfahrenen Geschichten machte er in vielen seiner literarischen Reportagen Gebrauch, z. B. in der berühmten Erzählung Die Himmelfahrt der Galgentoni.Kisch: Das tätowierte Porträt. S. 402.

Während seiner Arbeit bei der Bohemia fuhr Kisch auch ins Ausland: 1907 besuchte er Piräus, Konstantinopel und Neapel, 1909 besichtigte er die – damals noch heimische – adriatische Küste und Brioni, und 1911 machte er eine Reise auf einem Floß auf der Moldau und der Elbe, bis nach Magdeburg fahrend (seine Eindrücke von dieser Reise beschrieb er in einer Reportage). 1911 interviewte Kisch den Prag besuchenden amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison. 1912 unternahm er eine Reise nach London und Antwerpen.

Die Affäre um Oberst Redl mini|Alfred Redl, 1913 Protagonist einer bedeutenden Spionageaffäre, deren Aufdeckung Kischs journalistischen Ruhm begründete.

Eine der letzten Aufgaben Kischs während seiner Tätigkeit für die Bohemia und gleichzeitig eine seiner größten Errungenschaften als Reporter war der investigative Journalismus in Gestalt der Offenlegung der Affäre um den Selbstmord des Obersten Alfred Redl. Redl, der für das Evidenzbüro – den k.u.k. Militärnachrichtendienst – arbeitete, wurde als russischer Spion enttarnt und beging schließlich am 25. Mai 1913 Selbstmord. Der Generalstab sah durch diese Affäre die Monarchie kompromittiert und suchte sie zu vertuschen, was durch Kischs Veröffentlichung vereitelt wurde. Schon in der Ausgabe der Bohemia vom 28. Mai veröffentlichte er eine kurze Notiz, in der zu lesen war:

Das angebliche Dementi erreichte sein Ziel. Durch die Notiz erfuhren nicht nur die breite Öffentlichkeit, sondern sogar der österreichische Kaiser Franz Joseph und der Thronfolger Franz Ferdinand von der größten Spionageaffäre vor dem Ersten Weltkrieg; sie war nicht mehr geheim zu halten. Seine Recherchen über Redl beschrieb Kisch detailliert im Buch Der Fall des Generalstabschefs Redl, das 1924 herausgegeben wurde.

Erster Weltkrieg Im Juni 1913 siedelte Kisch nach Berlin um, wo er bei der Zeitung Berliner Tageblatt arbeitete. Im Frühjahr 1914 arbeitete er kurz als Dramaturg am Berliner Deutschen Künstlertheater (er ersetzte an diesem Posten Gerhart Hauptmann); schon am 31. Juli rückte er jedoch im Zuge der Mobilmachung beim Infanterieregiment 11 in Písek (Südböhmen) ein. Drei Tage zuvor hatte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg erklärt – der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

Mit seinem Regiment, das zum „Prager“ VIII. Korps gehörte, nahm Kisch als Korporal am ersten Feldzug gegen Serbien 1914 teil. Er erlebte unter anderem die Schlacht von Cer und die Niederlage der Österreicher in der Schlacht an der Drina. Im Februar 1915 wurde Kisch mit dem Prager Korps an die russische Front verlegt und am 18. März schwer verwundet. Bis dahin führte er ein Tagebuch, das kurz nach dem Krieg (1922) unter dem Titel Soldat im Prager Korps herausgegeben wurde und heute unter dem 1929 geänderten Titel Schreib das auf, Kisch! bekannt ist.Mit den Worten „Schreib das auf, Kisch!“ baten ihn seine Kameraden, er möge die Strapazen des Soldatenlebens an der Front aufzeichnen. „Schreib das auf, Kisch!“ wurde, neben dem Prädikat „rasender Reporter“, zu der zweiten populären Wendung, die mit Kischs Schaffen assoziiert wird. Darin schilderte er – unter anderem – nach der Schlacht im Cer-Gebirge vom 16. bis zum 19. August 1914, bei der er als Schwarmführer gekämpft hatte, die Stimmung unter den Soldaten und deren Wut auf ihre unfähigen Kommandeure.Egon Erwin Kisch: Soldat im Prager Korps. André, Leipzig und Prag 1922, Eintrag vom 20. August 1914.

Nach der Entlassung aus einem Prager Krankenhaus wurde er als „felddienstuntauglich“ eingestuft. Seit 1916 arbeitete er als Zensor in der Etappe in Gyula in Ungarn. In dieser Zeit lernte er unter den Soldaten immer mehr Anarchisten, Pazifisten und Demokraten kennen; durch diese Kontakte verstärkte sich seine kritische Haltung zu sozialen und politischen Fragen.

Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie – Hinwendung zum Kommunismus