mini|Die Etymologiae in der Handschrift Vercelli, Biblioteca capitolare, CCII, fol. 66r (9. Jahrhundert)
Die Etymologiae, auch Origines genannt (Abkürzung Orig.), sind eine in 20 Bücher gegliederte Enzyklopädie von Isidor von Sevilla, die zwischen 612 und 633 verfasst wurde. Ausführlichere Versionen des Titels lauten: Etymologiarum sive originum libri XX („20 Bücher der Etymologien oder Ursprünge“) Originum seu etymologiarum libri XX („20 Bücher der Ursprünge oder Etymologien“)
Isidor von Sevilla (ca. 560 bis 636), der „Lehrmeister Spaniens“, versuchte in dieser Enzyklopädie, das gesamte weltliche und geistliche Wissen seiner Zeit aus unterschiedlichsten Vorlagen zusammenzustellen. Die Etymologiae orientieren sich an den sieben freien Künsten, ergänzen diese jedoch um einen Abriss der damals bekannten Weltgeschichte. Außerdem fügte Isidor Angaben zur Etymologie von Wörtern und Namen hinzu. Die Etymologiae wurden zum „Grundbuch des ganzen Mittelalters“ (Ernst Robert Curtius).
Entstehung Nach aktuellem Stand der Forschung verfasste Isidor den ersten Teil mit den heutigen Büchern I bis IX sowie Buch X als alphabetischen Anhang während der Regierungszeit von König Sisebut († 621).Jacques Elfassi: Isidore of Seville and the Etymologies. In: Andrew Fear, Jamie Wood (Hrsg.) A Companion to Isidore of Seville. Brill, 2020. ISBN 978-90-04-41545-4. S. 245 ff. 633 sandte er die weitgehend abgeschlossene Enzyklopädie an Braulio von Saragossa, von dem wohl die heute bekannte Einteilung in 20 Bücher stammt.
Inhalt Der Inhalt wird auf 20 „Bücher“ aufgeteilt, wobei ein solches „Buch“ ungefähr einem heutigen Buchkapitel entspricht: mini|Die Etymologiae in der Ausgabe Basel 1489 (Johann Amerbach)
Buch 1: Grammatik Buch 2: Rhetorik und Dialektik Buch 3: Von den vier mathematischen Disziplinen Buch 4: Medizin Buch 5: Rechtswesen und Zeiteinteilung Buch 6: Bücher und Kirchenfeste Buch 7: Gott, Engel, Heilige Buch 8: Kirche, Sekten, Religionen Buch 9: Sprachen, Völker, Reiche Buch 10: Wörter, Namen, Begriffe Buch 11: Mensch, Monster Buch 12: Tiere Buch 13: Die Welt und ihre Einteilung Buch 14: Die Erde und ihre Einteilung Buch 15: Gemeinschaftsleben Buch 16: Steine und Metalle Buch 17: Von der Landwirtschaft Buch 18: Krieg und Spiele Buch 19: Handwerk Buch 20: Gebrauchsgegenstände
Buch 2: Von der Rhetorik und der Dialektik In den Kapiteln I-VIII wird die Rhetorik, die Wissenschaft vom wirkungsvollen Reden in öffentlichen Angelegenheiten (Kap.1), in verschiedener Weise klassifiziert, nach der Funktion (beratend, feierlich, Gerichtsrede (Kap. IV)), nach Art der Darstellung (ehrenwert, erstaunlich, alltäglich, offen, geheimnisvoll (Kap. VIII)), u. a. Die Quelle ist dabei weitgehend CassiodorCassiodor: Institutiones divinarum et saecularium litterarum, Buch 2, II, aber auch Marcus Tullius Cicero, der genannt wird. In Kap. IX wird der Syllogismus behandelt, der ein Begriff sowohl der Rhetorik als auch der Dialektik ist. Kapitel X bis XXI stellen mehrere Aspekte der Rhetorik dar, wie Lebendigkeit des Vortrags durch Personifikation unbelebter Dinge (Kap. XIII) oder angepasste Stilebene (niedrig, gelassen, glanzvoll, feierlich (Kap. XVII)). Quelle ist dabei De institutio oratoria des Quintilian und mehrere Werke Ciceros.Peter K. Marshall: Isidore ol Seville, Anm. 70-205 Insbesondere im umfangreichen Kapitel XXI werden zahlreiche Begriffe durch ausführliche Literaturzitate (hauptsächlich aus der Aeneis Vergils) geschmückt.
Im Folgenden definiert Isidor die Dialektik als Unterart der Logik, als Lehre, wie Wahres von Falschem erkannt werden kann (Kap. XXII) und beruft sich dabei auf Aristoteles. Zur näheren Erläuterung wird dazu eine Gesamtdarstellung der Geschichte und Definition der Philosophie angeboten (Kap. XXIV) und einiges aus den Schriften Über die Kategorien (Kap. XXIV) und Über die Deutung (Kap. XXVII) des Aristoteles. Schließlich bietet Isidor in Kapitel XXVIII einen Einblick in die Sätze des kategorischen Syllogismus (Sätze der Art: alles Gerechte ist ehrenhaft, alles Ehrenhafte ist gut, also ist alles Gerechte gut) und des hypothetischen Syllogismus (wenn es Tag ist, ist es hell, es ist aber nicht hell, also ist es nicht Tag). Isidor beruft sich dabei auf Gaius Marius Victorinus, zitiert aber weitgehend CassiodorusCassiodorus: Institutiones divinarum et saecularium litterarum, Buch 2, II, 12-14. Ebenfalls auf Marius Victorinus (De definitionibus) gehen die 15 Arten des Definierens in Kapitel XXIX zurückCarl von Prantl: Geschichte der Logik im Abendland, Erster Band, XII. Abschnitt.
Buch 3: Von den vier mathematischen Disziplinen Isidor von Sevilla übersetzt mathematica (, ‚die Wissenschaft‘) mit doctrinis scientia = Lehrwissenschaft. Er definiert vier Disziplinen: Arithmetik = in sich zählbare Mengen, Geometrie = von den Größen und Formen, Musik = über die Zahlen, die in den Tönen enthalten sind und Astronomie = über den Lauf der himmlischen Gestirne. Damit folgt er der Schule des Pythagoras, den er auch als Quelle angibt.
Arithmetik Nach einigen etymologischen Herleitungen von Zahlennamen führt er Definitionen im Bereich der natürlichen Zahlen, der rationalen Zahlen, Fläche und Körper an. Er folgt dabei eng den Institutiones divinarum et saecularium litterarum (Buch II, 3) des Cassiodorus. Wie dieser gibt er als Quelle Nikomachos von Gerasa in der Übersetzung des Boethius (De institutione arithmetica) an. Die Erläuterungen zu par/impar (gerade/ungerade), perfectus (vollkommene Zahl), simplex (Primzahl), superparticularis (Überlegungen zu rationalen Zahlen), superficialis (Annäherung an die Polygonalzahlen) usw. werden inhaltlich, aber über weite Strecken auch wörtlich übernommen. Isidor benutzte aber wahrscheinlich auch andere Werke, so übernimmt er etwa nicht nur die kleinste vollkommene Zahl von Cassiodorus, sondern nennt zwei weitere.
Geometrie Das Kapitel besteht hauptsächlich aus einem geschichtlichen Abriss und der Aufzählung geometrischer Figuren, wie cubus, sphaera, pyramis, die sich zum Teil auch bei Martianus Capella findenMartianus Capella: De nuptia Philologiae et Mercurii, Buch IV, 721-722.
Musik Isidor von Sevilla steht zwischen der antiken und der christlichen Tradition. Er überliefert die Geschichte von Pythagoras in der Schmiede, aber auch das Harfenspiel des König David .
Die antiken Quellen überwiegen aber bei weitem. Im Lob der Musik klingt platonisches Gedankengut an, das er möglicherweise von Boethius übernommen hat.
Wie Cassiodorus will er die Musik in drei Teilgebiete aufteilen: harmonia, rhythmica und metrica.Cassiodorus: Institutiones divinarum et saecularium litterarum, Buch 2, V(4) Er kann aber kein Gesamtbild der Harmonik entwickeln, sondern bringt nur einige Begriffe, wie modulatio, symphonia, genus hypodorius. Die Themen rhythmica und metrica werden entgegen der Ankündigung kaum behandelt, lediglich der knappe Hinweis, dass arsis et thesis (= Hebung und Senkung) wesentliche Bestandteile der Metrik sind, findet sich. Der Autor listet eine beeindruckende Anzahl von Musikinstrumenten mit Beschreibung ihrer Herstellung, Benutzung und Herkunftssagen auf. Er übertrifft dabei Martianus Capella, von dem er die tuba und auch die selten genannte sambucaMartianus Capella: De nuptiis Philologiae et Mercurii, Buch IX, 924 übernimmt. Das Psalterium Hebraei hingegen kommt aus der Bibel. Den Abschluss bilden Zahlen der Musik. Von den Zahlen 6 und 12 ausgehend werden durch arithmetische Operationen die Zahlen 36, 18, 8, 4, 2 gebildet, die musikalische Intervalle darstellen, etwa 6-12 die Oktave, 6-8 die Quarte. Diese Verbindungslinie zwischen Zahlen und Musik wird allerdings nicht gezogen, so dass der Text unvollständig und undurchdacht wirkt. Die Quelle könnte Martianus CapellaMartianus Capella: De nuptiis Philologiae et Mercurii, Buch VII, 736 oder BoethiusBoethius: De institutione musica, Buch I, I sein.
Astronomie Die Aufgabe der Astronomie ist (Buch 3, Kap. XXVIII), zu definieren
Isidor von Sevilla kombiniert offensichtlich mehrere Quellen. Dadurch werden einige Gebiete mehrfach behandelt, so die Planeten in Kap. LXVII und Kap. LXXI, 20. Ab Kap. LXXI werden die Sternbilder beschrieben. Als Quellen stehen dabei die zahlreichen lateinischen und griechischen Bücher in der Nachfolge der Phainomena des Aratos von Soloi, insbesondere De Astronomia von Hyginus Mythographus zur Verfügung. Allerdings werden nur wenige, sehr bekannte Sternbilder und Sterne, wie Orion (Sternbild), Plejaden, Sirius aufgenommen. Auch fehlen Lageinformationen und die Auf- und Untergänge. Die Planeten werden mit einem griechischen Namen (Phaeton (Planet), Phaenon. Pyrion, Hesperos, Stilbon) und ihrem lateinischen Namen angeführt. Die Sternbilderfolge des Zodiak ist komplett enthalten, ohne dass der Begriff genannt wird. Anschließend warnt der Autor eindringlich vor jedem Aberglauben (Kap. LXXI, 39):
Buch 4: Medizin (De medicina) Isidor von Sevilla sammelte das ihm zugängliche medizinische Wissen seiner Zeit. In Kapitel I – IV und im abschließenden Kapitel XIII stellt er die Geschichte der Medizin dar. Auf den mythischen Anfang mit Äskulap folgt Hippokrates von Kos als eigentlicher Begründer. Die medizinischen Schulen der Methodiker und Empiriker (Ärzteschule) werden erwähnt ohne die Namen ihrer Vertreter und ohne die Grundzüge der Lehre.Vgl. auch Otto Probst: Isidors Schrift „de medicina“ (= Etymol. lib. IV.) In: Archiv für Geschichte der Medizin. Band 8, 1915, S. 22–38.Vgl. auch Jean P. Migne (Hrsg.): Isidor von Sevilla, „Origines sive Etymologiae“, Buch IV „De Medicina“ (= Patrologiae Cursus Completus, Series Latina. Band 82). Paris 1878, Sp. 183–198.
In Kapitel V entwickelt der Autor eine sehr verkürzte Darstellung der Humoralpathologie des Corpus Hippocraticum. Er könnte sie aus den Schriften des Vindicianus geschöpft haben. Vielfach werden etymologische Herleitungen von Begriffen versucht, die nicht immer überzeugen,Lenelotte Müller: Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, Einleitung, S. 13 und Anmerkungen. wenn etwa sanguis (Blut) mit suavis (süß) in Verbindung gebracht wird.
In den Kapiteln VI bis VIII listet Isidor von Sevilla Krankheiten, meistens nur mit einer Namensherleitung auf, unterteilt in akute und chronische Krankheiten (angelehnt an Caelius AurelianusJacques Paul Migne: Sancti Isidori, Hispalensis Episcopi Opera Omnia, Etymologiarum Lib. IV, Fußnoten) und äußere Krankheiten (angelehnt an Theodorus Priscianus). Bei den akuten Krankheiten erwähnt er abweichend von seinen antiken Quellen die pestilentia (Pest), die ganz und gar nicht ohne den Willen des allmächtigen Gottes entsteht.
Auch in Kapitel IX bezieht sich der Autor auf die christliche Religion und rechtfertigt die Verwendung von Heilmitteln durch zwei Bibelzitate. Die Einteilung der Heilmittel in Griechisch: pharmacia, chirurgia und dieta, bzw. lateinisch: medicamina, manum operatio und regula findet sich schon bei Aulus Cornelius CelsusCelsus: Prooemium, 9.
Auch aus der Naturalis historia von Plinius dem Älteren entnahm Isidor einige Inhalte.
Buch 11: Von Menschen und von Monstern Die Körperteile und Organe des Menschen werden dargestellt. Begonnen wird allerdings mit anima, animus, mens (Geist, Seele, Verstand). Diese Ausführungen finden sich ähnlich beim frühchristlichen Kirchenvater Lactantius (De opificio dei, Kapitel 16-18). Auch der anschließende Gang durch den menschlichen Körper von Sinnesorganen, über Luftröhre, Nieren, Rumpf, Hände etc. bis zum uterus hat dort ein VorbildSamuel Brandt: L. Caeli Firmiani Lactanti Opera omnia, Fußnoten. Allerdings zitiert Isidor auch Gaius Iulius Solinus (De mirabilibus mundi) in einem größeren Textstück und zeigt Parallelen zu vielen weiteren antiken und frühchristlichen TextenJacques Paul Migne: Sancti Isidori, Hispalensis Episcopi Opera Omnia, Etymologiarum Lib. XI, Fußnoten. Die zahlreichen etymologischen Ausdeutungen beruhen allerdings auch hier auf vagen Wortähnlichkeiten.