mini|hochkant|Selbstbildnis der Herrad von Landsberg im Hortus Deliciarum Der Hortus Deliciarum (deutsch: „Garten der Köstlichkeiten“) ist eine von Herrad von Landsberg verfasste Enzyklopädie und die erste nachweislich von einer Frau abgefasste Enzyklopädie. Herrad, die zwischen 1167 und 1195 Äbtissin des Klosters Hohenburg auf dem Odilienberg im Elsass war, erstellte und illustrierte die Handschrift. Sie vollendete die Arbeit im Jahr 1175 oder bald danach. Das Original der einzigartigen und äußerst wertvollen Handschrift verbrannte 1870 im Deutsch-Französischen Krieg.

Das mit 344 Miniaturen illustrierte Werk fasste in lateinischer Sprache das theologische und profane Wissen der damaligen Zeit zur Belehrung der Klosterfrauen zusammen. Die Handschrift bestand aus 324 Pergamentblättern, 255 in Großfolio und 69 in kleinerem Format.

Geschichte mini|Bildliche Allegorie „Die Philosophie thront inmitten der sieben freien Künste“, farbiges Faksimile mini|Kopie der Allegorie in der Ausgabe von A. Straub

Herrads Enzyklopädie ist nach dem Zeugnis einer darin enthaltenen Kalendertafel und der bis zu Papst Lucius III. geführten PapstlisteDie Papstliste ist abgedruckt bei Christian Moritz Engelhardt: Herrad von Landsperg, Äbtissin zu Hohenburg, oder St. Odilien, im Elsaß, im zwölften Jahrhundert; und ihr Werk: Hortus deliciarum. Ein Beitrag zur Geschichte der Wissenschaft, Literatur, Kunst, Kleidung, Waffen und Sitten des Mittelalters. [Band 1.] J. G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart/Tübingen 1818, S. 170–175 (). nicht vor 1175, aber wohl auch nicht sehr lange danach abgeschlossen worden.Maria Heinsius: Der Paradiesgarten der Herrad von Landsberg. Ein Zeugnis mittelalterlicher Kultur- und Geistesgeschichte im Elsass. Alsatia Verlag, Colmar/Paris/Freiburg im Breisgau 1968, , S. 17–18 ().

Die kostbare Handschrift wurde im Kloster Hohenburg sorgfältig aufbewahrt. Nach dem großen Brand von 1546, der die Klostergebäude fast völlig zerstörte, übergab die letzte Äbtissin Agnes von Oberkirch den Besitz des Klosters dem Bischof von Straßburg, und so kam der Hortus Deliciarum in das bischöfliche Archiv in Zabern. Später befand sich die Handschrift im Kartäuserkloster in Molsheim, wo im 17. Jahrhundert eine Abschrift des Textes hergestellt wurde. Während der Französischen Revolution kam die Handschrift in die Straßburger Distriktsbibliothek.

Das Original verbrannte in der Nacht vom 24. auf den 25. August 1870 bei der Belagerung von Straßburg während des Deutsch-Französischen Krieges in der Universitätsbibliothek Straßburg, wo es in dieser Zeit aufbewahrt wurde. Nur Nachzeichnungen, darunter ein von Christian Moritz Engelhart erstelltes Faksimile von 1818 (siehe Literatur), das auch Johann Wolfgang von Goethes Aufmerksamkeit gewann, sind erhalten geblieben. Durch unermüdliche Gelehrtenarbeit ist es aber gelungen, aufgrund vorhandener Kopien und Abschriften einen großen Teil der Miniaturen und den begleitenden lateinischen Text so wiederherzustellen, dass es noch heute möglich ist, einen lebendigen Eindruck von diesem einzigartigen Zeugnis mittelalterlicher Kultur- und Geistesgeschichte aus dem Elsass zu gewinnen.Maria Heinsius: Der Paradiesgarten der Herrad von Landsberg. Ein Zeugnis mittelalterlicher Kultur- und Geistesgeschichte im Elsass. Alsatia Verlag, Colmar/Paris/Freiburg im Breisgau 1968, S. 5.

Am wichtigsten für die Wiederherstellung der Handschrift waren die in der Französischen Nationalbibliothek in Paris aufbewahrten Kopien aus dem Nachlass des französischen Kunsthistorikers Auguste de Bastard d’Estang (Jean-François-Auguste, comte de Bastard d’Estang; 1792–1883). Er hatte die Handschrift 1830 für mehrere Jahre entliehen und während dieser Zeit nicht nur eine Abschrift des Textes, sondern auch sorgfältige Nachbildungen vieler Miniaturen, teils in farbiger Wiedergabe, teils in Durchzeichnung der Umrisse angefertigt. Aufgrund dieser Arbeiten war es möglich, von den 344 Miniaturen des Hortus Deliciarum 254 wiederherzustellen, viele wenigstens in Umrisszeichnung. 1879 beauftragte die Gesellschaft für die Erhaltung der historischen Denkmäler des Elsasses den Straßburger Domherrn und Archäologen A. Straub mit der Herausgabe, die 1899 durch G. Keller vollendet wurde und 113 Bildtafeln in Großfolio umfasst.

Diese grundlegende Veröffentlichung findet eine sehr wertvolle und aufschlussreiche Ergänzung durch das von derselben Gesellschaft geförderte Werk des Bibliothekars und Schlettstädter Archivdirektors Joseph Walter von 1952 (siehe Literatur). Es bietet eine Auswahl von 50 zum Teil mehrfarbigen Bildtafeln mit einleitendem Text und ikonografischen Erklärungen. Auch ein Verzeichnis der ursprünglich vorhandenen 344 Miniaturen ist beigegeben. Besonders wertvoll ist es, dass es Joseph Walter in jahrelanger Forschungsarbeit gelungen ist, die in der Handschrift enthaltenen Auszüge aus Werken kirchlicher Schriftsteller größtenteils zu identifizieren und dadurch einen tieferen Einblick in die theologischen Grundgedanken des gesamten Werkes zu erschließen.

Inhalt mini|hochkant|Die Erschaffung der Engel mini|hochkant|Die Erschaffung Evas und das Verbot, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen mini|hochkant|Die Tugendleiter mini|hochkant|Darstellung der Kirche („Regina Ecclesia“) mit den Gläubigen Der Hortus Deliciarum stellt nicht nur eine Enzyklopädie, eine Zusammenfassung des gesamten Wissens der Zeit, sondern auch eine für den klösterlichen Unterricht bestimmte Sammlung von Auszügen aus der Bibel und dem kirchlichen Schrifttum dar. Es handelt sich aber keineswegs um eine bloße Aneinanderreihung zusammengetragenen Wissensstoffes. Beabsichtigt ist nichts Geringeres als eine Darstellung der universalen Kirche und der in ihr verwirklichten Heilsgedanken Gottes, beginnend mit der Weltschöpfung, quer durch die Geschichte des Alten Testamentes mit seinen geheimnisvollen Vorausdarstellungen des Christusgeschehens bis hin zu der Erscheinung Jesu Christi selbst. Christus steht im Mittelpunkt aller Betrachtungen, er ist die Quelle des wahren Lebens, der Spender aller geistlichen Gaben, und wenn die Kirche auf Erden auch nie vollendet und vollkommen ist, sondern vielen Kämpfen und Versuchungen ausgesetzt bleibt, so weist sie doch über sich selbst hinaus auf das himmlische Jerusalem, das leuchtende Ziel der göttlichen Heilsgeschichte.

In diesem Zusammenhang wird auch der Titel des Werkes verständlich: Herrads Lieblingsschriftsteller Honorius Augustodunensis bezeichnet in seiner Schrift Speculum ecclesiae das Paradies als Hortus Deliciarum, als den Garten der geistlichen Ergötzungen, und sieht dieses durch Christus wieder erschlossene Paradies repräsentiert in der Kirche als dem Hause Gottes mit allen Schätzen göttlicher Weisheit und Erkenntnis, zusammengefasst in Jesus Christus, der die Kirche als seine Braut zur ewigen Vollendung führen wird. In diesen Paradiesgarten dürfen sich Herrads Schülerinnen ergehen und Speise des Lebens darin sammeln.Maria Heinsius: Der Paradiesgarten der Herrad von Landsberg. Ein Zeugnis mittelalterlicher Kultur- und Geistesgeschichte im Elsass. Alsatia Verlag, Colmar/Paris/Freiburg im Breisgau 1968, S. 10 f.

Die Bilderhandschrift beginnt mit der Erschaffung der Engel und Luzifers Herrlichkeit und Sturz, mit Weltschöpfung und Sündenfall. Sie zeigt den Weg des menschlichen Elends in Brudermord, Sintflut und Turmbau zu Babel und weist hin auf die Versuche der Menschheit vor Christus, sich aus eigener Kraft wieder aufzurichten. In diesem Zusammenhang erscheint die Wissenschaft in Gestalt der Sieben Freien Künste, es erscheinen die Vertreter der Philosophie der Antike, Sokrates und Plato. Es wird aber auch gewarnt vor den verführerischen Mächten des Götzendienstes und Aberglaubens. Der göttliche Heilsratschluss fängt an mit der Berufung Abrahams, er geht weiter zur Gesetzgebung auf dem Sinai. Im alttestamentlichen Gottesdienst ist Christi Priestertum vorgebildet. Den blutigen Opfern des Alten Bundes werden die geistlichen Opfer des Neuen Testamentes gegenübergestellt, die in der Verleugnung von Selbstliebe und Eigenwillen, in der freudigen Darbringung von Dank und Lobpreis, in Gebet und Bekenntnis bestehen. Der König Salomo erscheint als (Erlöserfigur) und die Königin von Saba, die nach seiner Weisheit fragt, als Typus der , einer Kirche, die aus den heidnischen Völkern zusammengerufen wird.

Der neue Bund der Gnade beginnt mit Jesus Christus. Seine Geburt, die Anbetung durch die Weisen aus dem Morgenland, sein Leben von der Taufe im Jordan bis zu seiner Passion wird ausführlich dargestellt. Auch die Wunder und Gleichnisse des Neuen Testaments finden in Wort und Bild eine sorgfältige Deutung. Zahlreich sind die Illustrationen zur Leidensgeschichte und zu den Erscheinungen des auferstandenen Herrn – Letztere sind leider alle verloren gegangen. Mit der Aussendung der Apostel beginnt eine neue Phase der Heilsgeschichte, die Kirche aus den Völkern wird gesammelt und Christus entgegengeführt. Wie diese Kirche und jeder einzelne Christ mit den Versuchungen der Welt zu kämpfen hat, zeigt die ausführliche Darstellung des Kampfes der Tugenden mit den Lastern, eine ganze christliche Ethik im Anschluss an die Psychomachia des altkirchlichen Dichters Prudentius. Die Tugendleiter lässt erkennen, wie der Aufstieg zur Höhe zuletzt nur der selbstvergessenen Liebe gelingt. Die Kirche wird dargestellt als ein mit Türmen und Zinnen geschmückter Bau mit zwei Stockwerken. Unten befindet sich die Laienwelt, zu der neben Rittern und Frauen, Bauern und Handwerkern auch die ungelehrten Mönche und Einsiedler gehören. Das obere Stockwerk repräsentiert die lehrende Kirche, und da erscheinen neben Aposteln und Päpsten, Bischöfen und Äbten auch einige Frauen in dem gleichen Gewand, in dem sich Herrad selber als „abbatissa Hohenburgensis“ (Hohenburger Äbtissin) dargestellt hat, wie sie sich mit einer Schriftrolle in der Hand der Jungfrau Maria und dem Jünger Johannes als dem Patron der gottgeweihten Jungfrauen naht. Sie ist sich der Würde ihres kirchlichen Lehramts in der klösterlichen Gemeinschaft ganz unbefangen bewusst. Sie lebt in der Welt der mannigfaltigen symbolischen Beziehungen, wie der Geist des Mittelalters sie liebte, und es ist der ganz reale Bezug auf das Geheimnis der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, der dieser Kunst die Kraft gibt, das biblische Zeugnis lebendig zu vergegenwärtigen und zugleich den ahnenden Blick des Beschauers auf eine übersinnliche Wirklichkeit zu lenken. Das gilt besonders auch von der großen Schau der letzten Dinge, die Herrad mit ihrer Zeitgenossin Hildegard von Bingen, der Äbtissin von Rupertsberg, teilt.

Der letzte Teil des Hortus Deliciarum beginnt mit der verführerischen Erscheinung des Antichrist, seiner angemaßten Herrlichkeit und seinem Sturz. Zwei große farbige Blätter zeigen die Hure Babylon und die Braut Christi, von denen in der Offenbarung des Johannes die Rede ist. Es folgt eine figurenreiche Darstellung des Jüngsten Gerichts, der Zug der Seligen und der Verdammten, die Hölle mit ihren Straforten, die Seligkeit der Auserwählten und der neue Himmel und die neue Erde, die ganz mit Frühlingsblumen übersät ist.Maria Heinsius: Der Paradiesgarten der Herrad von Landsberg. Ein Zeugnis mittelalterlicher Kultur- und Geistesgeschichte im Elsass. Alsatia Verlag, Colmar/Paris/Freiburg im Breisgau 1968, S. 12 f.