mini|Die Naturalis historia in der Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 82.4, fol. 3r (15. Jahrhundert)
Die Naturalis historia (auch Historia naturalis, deutsch „Naturforschung“ oder Naturgeschichte) ist eine Enzyklopädie in lateinischer Sprache des römischen Historikers und Schriftstellers Gaius Plinius Secundus (Plinius des Älteren). Sie behandelt Themen, die man heutzutage vor allem den Naturwissenschaften zuordnen würde, aber auch Medizin, Geographie, Kunst und weitere Themen. Sie ist die älteste vollständig überlieferte systematische Enzyklopädie. Das Werk scheint beim Tod des Verfassers 79 n. Chr. noch nicht ganz fertiggestellt gewesen zu sein; allerdings deutet die auf 77 n. Chr. datierte Widmung an den späteren Kaiser Titus darauf hin, dass damals zumindest ein Zwischenstand des Textes abgeschlossen war.Plinius der Ältere, Naturalis historia, Praefatio 3. Siehe Roderich König, Gerhard Winkler: C. Plinius Secundus d. Ä., Naturkunde. Lateinisch–deutsch. Band 1, 2. Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 1997, ISBN 3-7608-1581-2, S. 354 f.
Inhalt Die Naturalis historia umfasst 37 Bücher mit insgesamt 2493 Kapiteln. Nach dem Literaturverzeichnis wurden insgesamt annähernd 500 Autoren verarbeitet. Alle 37 Bände der umfangreichen Enzyklopädie sind komplett erhalten, da sie ununterbrochen rezipiert und vervielfältigt wurde.Francesca Berno: Plinius d. Ä. (Gaius Plinius Caecilius Secundus maior). Naturalis historia. In: Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Stuttgart 2010, S. 697. In ihr wurde das naturkundliche Wissen um 50 n. Chr. zusammengetragen. Damit ist das Werk heute eine wichtige Quelle für die Beurteilung und Rezeption antiken Wissens.
Plinius arrangierte darin traditionelles naturwissenschaftliches Wissen griechischer Autoren wie Aristoteles, Theophrastos von Eresos und Hippokrates von Kos unmittelbar aus Handschriften und setzte es mit neuen geografischen Kenntnissen Catos, Varros, Agrippas, Mucianus’, Corbulos und anderer in Beziehung. Das Werk zeichnet sich im Besonderen durch den Aufbau aus: Es besteht aus 37 Bänden, die unabhängig voneinander verwendet werden können.Franz Brunhölzl: Plinius der Ältere im Mittelalter. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 7, Sp. 21 f. Ein Band der Naturalis historia konnte somit als Handbuch für ein Fachgebiet fungieren. Die Enzyklopädie befasste sich mit den Themenbereichen Kosmographie (Buch 2), Geographie und Klimatologie (Buch 3–6), Anthropologie (Buch 7), Zoologie (Buch 8–11), Botanik (Buch 12–19), Medizin (20–32), Metallurgie und Mineralogie sowie Malerei und Kunstgeschichte (Buch 33–37).Francesca Berno: Plinius d. Ä. (Gaius Plinius Caecilius Secundus maior). Naturalis historia. In: Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Stuttgart 2010, S. 697–699.
Gliederung Das Gesamtwerk hat Plinius in 2493 Kapitel aufgeteilt, die er wiederum in 37 Büchern systematisch gliederte. Plinius hat die von ihm beschriebenen Wissenschaften nicht benannt. Die folgende Aufstellung folgt dem Inhaltsverzeichnis in der Anordnung, benennt die Wissenschaften aber mit den heute (2007) üblichen Bezeichnungen. In Klammern ist die Zahl der behandelten Gegenstände (Stichwörter) nach dem Inhaltsverzeichnis jedes Buches angegeben (n. a. = nicht angegeben). 1: Vorrede, Inhaltsverzeichnis und Quellenindex 2: Kosmologie, Astronomie, Meteorologie, Vulkanologie, Geologie (417) 3–6: Geographie und Ethnologie: Europa (n. a., geschätzt 5000), Afrika (118 Inseln, Rest n. a., geschätzt 2000), Asien (2214) 7: Anthropologie und Physiologie (747) 8–11: Zoologie: Landtiere (787), Wassertiere (650), Vögel (794), Insekten und allgemeine Zoologie (2700) 12–17: Botanik 12: Naturkunde der Bäume (469) 13: exotische Bäume (468) 14: fruchttragende Bäume (510) 15: Eigenschaften der fruchttragenden Bäume (520) 16: Eigenschaften der wildwachsenden Bäume (1135) 17: Beschaffenheit der angepflanzten Bäume (1380) 18: Ackerbau, Meteorologie, Zoologie (2060) 19: Gartenbau (1144) 20–32: Medizin, Pharmakologie bzw. Pharmazie und Fortsetzung der Botanik 20–27: Pflanzenreich 20: Heilmittel aus den Gartengewächsen (1606) 21: Natur der Blumen und Kranzgewächse (730) 22: Die Bedeutung der Pflanzen (906) 23: Heilmittel aus den angepflanzten Bäumen (1418) 24: Heilmittel aus den wildwachsenden Bäumen (1176) 25: Beschaffenheit der von selbst wachsenden Pflanzen (1292) 26: Die übrigen Heilmittel (1019) 27: Die übrigen Pflanzenarten (602) 28–32: Heilmittel aus dem Tierreich 28: Heilmittel aus den Lebewesen (1682) 29: Heilmittel aus den Tieren (621) 30: Die übrigen Heilmittel aus den Tieren (854) 31–32: Heilmittel aus den Wassertieren (1914) 33–37: Metallurgie, Mineralogie und Bildende Kunst 33: Beschaffenheit der Metalle (288) 34: Kupferhaltige, eisenhaltige, bleihaltige Metalle (915) 35: Malerei, Plastik, Töpferkunst, Verschiedenheit der Erden (956) 36: Beschaffenheit der Steine (434) 37: Edelsteine (1300) Die Gesamtzahl der behandelten Gegenstände (Stichwörter) beträgt etwa 40.000.
Selbstzeugnisse Plinius verwendet in seiner Vorrede den griechischen Ausdruck , aus dem möglicherweise später das Wort Enzyklopädie entstand:
Zum Umfang seiner Arbeit gibt Plinius an:
Rezeption mini|Der Anfang des 4. Buches der Naturalis historia in der Handschrift Leiden, Bibliothek der Rijksuniversiteit, Voss. Lat. F. 4, fol. 20v (erste Hälfte des 8. Jahrhunderts) mini|Plinius (links) überreicht Kaiser Titus ein Schriftband mit der Widmung seines Werks. Buchmalerei in einer Handschrift der Naturalis historia. Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 82.1, fol. 2v (Anfang des 13. Jahrhunderts)
Antike Das Werk Plinius’ des Älteren wurde bereits von Zeitgenossen des Autors rezipiert. Quintilian lag beispielsweise bei der Abfassung seiner Institutio oratoria die Naturalis historia vor. Zudem basieren seine Ausarbeitungen auf Plinius’ verlorenem rhetorischem Werk. Später beriefen sich Apuleius und Aulus Gellius auf Plinius. Solinus verfasste eine Kompilation der Bücher 3–13 und 37 der Naturalis historia. Damit zeigte sich bereits in der antiken Rezeption von Plinius’ Œuvre die Wichtigkeit der Naturalis historia.Francesca Berno: Plinius d.Ä. (Gaius Plinius Caecilius Secundus maior). Naturalis historia. In: Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Stuttgart 2010, S. 700.
Mittelalter Im 7. Jahrhundert berief sich Bischof Isidor von Sevilla in seinen Etymologiae auf Plinius’ Naturalis historia und ahmte ihren Werkaufbau nach. Isidor muss eine genaue Textkenntnis der Naturalis historia gehabt haben, sodass er in seinem Werk deren Struktur imitieren konnte. Dennoch ist in der Forschung strittig, ob ihm eine Originalhandschrift oder nur eine indirekte Überlieferung vorlag. Die Ausführungen Isidors folgen vor allem in den Bereichen Kosmologie, Zoologie, Geographie und Edelsteine der Naturgeschichte des Plinius. Im Zeitraum vom 8. bis zum 11. Jahrhundert wurde die Naturalis historia zumeist indirekt über verschiedene enzyklopädische Werke und Exzerpte zitiert.Francesca Berno: Plinius d.Ä. (Gaius Plinius Caecilius Secundus maior). Naturalis historia. In: Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Stuttgart 2010, S. 703.
Ein großes Interesse an Handschriften der Naturalis historia bildete sich im 11. Jahrhundert heraus. Vor allem Kleriker in Klöstern beschäftigten sich unter philologischen Aspekten mit der Naturalis historia, zum Beispiel strebte Gerbert von Reims eine Verbesserung des Plinius-Werkes an. Andere wie Abbo setzten sich mit einzelnen Abschnitten der Naturalis historia auseinander. Der Mönch Oliva berief sich in seiner Enzyklopädie über die Zeitmessung auf Plinius’ Naturalis historia.Francesca Berno: Plinius d.Ä. (Gaius Plinius Caecilius Secundus maior). Naturalis historia. In: Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Stuttgart 2010, S. 704.
Diese Hochschätzung des antiken Werkes blieb auch im 12. Jahrhundert gewahrt. Für die Erstellung seiner Imago Mundi nutzte der Benediktinermönch Honorius Augustodunensis die Naturalis historia. Zudem wurden bedeutende Sammlungen zu bestimmten naturwissenschaftlichen Themen auf der Grundlage der Naturalis historia ausgearbeitet. Es wurde ein Pflanzenverzeichnis in Clairvaux und von Hildegard von Bingen eine Arbeit über die Heilkraft von Steinen verfasst. Die Naturalis historia wurde nun auch als Lehrbuch an den Schulen von Chartres, Laon und Oxford verwendet. Dafür wurde sie beispielsweise von Robert von Cricklade eigens bearbeitet.Bodo Näf (Hrsg.): Roberti Crikeladensis Defloratio Naturalis Historiae Plinii Secundi, Bern 2002. Im Auftrag König Heinrichs II. wurde 1154 das Buch in einem christlichen Sinne umgeschrieben, dieser Versuch einer Zensur wurde jedoch nicht akzeptiert. Die Naturgeschichte wurde weiterhin direkt rezipiert und in wissenschaftlichen Texten zitiert.
Im 13. Jahrhundert überlagerten aristotelische Schriften die Plinius-Rezeption. Zusätzliches Wissen aus der Antike kam nun zum Tragen, nachdem im 12. Jahrhundert Übersetzerschulen wie die Übersetzerschule von Toledo arabisch tradierte griechische Schriften ins Lateinische übertragen hatten.
Im 14. Jahrhundert wurde die Naturalis historia zunehmend textkritisch betrachtet und ihr Informationswert wissenschaftlich in Frage gestellt. Francesco Petrarca überprüfte beispielsweise in den Büchern 1–15 und 25–37 die geografischen und antiquarischen Angaben sowie die Ortsnamen und die Beschreibung der Monumente.Francesca Berno: Plinius d.Ä. (Gaius Plinius Caecilius Secundus maior). Naturalis historia. In: Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Stuttgart 2010, S. 709. Auch Giovanni Boccaccio beschäftigte sich textkritisch mit dem Werk.
Im 15. Jahrhundert richtete sich die Aufmerksamkeit auf die kosmographischen Bücher. So bezog sich der Kardinal Pierre d’Ailly in seiner Schrift Imago Mundi auf das ptolemäische Weltbild und ergänzte dieses mit Aspekten der Naturalis historia. Olaus Magnus widerlegte in seiner Historia de gentibus septentrionalibus Plinius’ Vorstellung eines alter orbis.Francesca Berno: Plinius d.Ä. (Gaius Plinius Caecilius Secundus maior). Naturalis historia. In: Christine Walde (Hrsg.): Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Stuttgart 2010, S. 710. Trotz vereinzelter kritischer Texte bewahrte die Naturalis historia jedoch ihr Prestige.