mini|hochkant|Schwule Zweisamkeit (2022) mini|Transparent der Hertha-Junxx im Stadion 2011: „Hertha-Fan und schwul? Dit jeht!“

Das Wort schwul ist das weitestverbreitete deutsche Synonym für „männlich homosexuell“. Es wird im öffentlichen SprachgebrauchDudenverlag: Richtiges und gutes Deutsch, 6. Auflage, 2007, ISBN 3-411-04096-3. und in der SchriftspracheJody Daniel Skinner: Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen – Band II, Ein Wörterbuch. Die Blaue Eule, Essen 1999, ISBN 3-89206-903-4; Dissertation an der Universität Koblenz-Landau 1998. verwendet; in einigen Wörterbüchern ist es als umgangssprachlich und als Eigenbezeichnung markiert. Vereinzelt wurde es auch für weibliche Homosexualität verwendet,Ernst Johann: Deutsch wie es nicht im Wörterbuch steht. H. Scheffler, 1962, S. 156. die man heute meist mit dem Adjektiv lesbisch bezeichnet. Schwul meint häufig auch das, was charakteristisch für Schwule und deren Interessen ist oder was diesen zugeordnet wirdDuden 1999, S. 3494: „schwul“:1.a) (von Männern) homosexuell veranlagt, empfindend1.b) für einen Homosexuellen charakteristisch zu ihm gehörend; auf (männlicher) Homosexualität beruhend; z. B. schwule Gesinnung, schwule Eigenschaften1.c) für (männliche) Homosexuelle bestimmt, geschaffen; z. B. schwule Kneipe, schwule Zeitschrift, schwule Literatur, schwule Kirchen, schwuler Werbespot, schwule Pornokinos2.) (selten) lesbisch; z. B. schwule Frauen im Berufsleben.vergleiche auch: Duden Fremdwörterbuch, 4. Aufl., 1982: „homosexuell“:1.) für „gleichgeschlechtlich empfindend“2.) als „für Homosexuelle und deren Interessen bestimmt, z. B. eine -e Bar, -e Bücher“. (Beispiele: „schwule Zeitschrift“, „schwule Bar“,Kurt Tucholsky: Silvester. In: Die Weltbühne, 30. Dezember 1920, S. 768. „schwules Lokal“,Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. Scherz & Govert, Stuttgart 1954, S. 536. „schwule Sauna“Volker Elis Pilgrim: Manifest für den freien Mann. Trikont-Verlag, München 1977, S. 145.). In diesen Zusammenhängen hat der Begriff vor allem einen kulturellen bzw. gesellschaftlichen Bezug und ist nicht auf einen sexuellen Kontext begrenzt.

Durch Substantivierung existiert als Personenbezeichnung Schwuler (der Schwule) und als Zustand das Schwulsein sowie die eher selten verwendete Schwulheit. Verben, die sich von schwul ableiten, werden vor allem in der Schriftsprache selten verwendet.

Vor allem in der Jugendsprache findet sich schwul inzwischen auch als allgemein abwertendes Adjektiv für Gegenstände und Sachverhalte, auch wenn diese keinen direkten Bezug auf Homosexualität oder vermeintliche Unmännlichkeit haben. Diese Verwendungen mit negativer Konnotation können sich vor allem bei ungeouteten oder erst vor kurzem geouteten Jugendlichen hemmend oder negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. Manche lehnen das Wort aus diesem Grund auch ab und ziehen neutralere und weniger wertende Ausdrücke als Selbstbezeichnung vor, wie die aus dem Englischen entlehnten Wörter gay oder queer oder die Wendung „Männer, die Sex mit Männern haben“. Der Duden empfiehlt, die diskriminierende Verwendung des Wortes schwul auch in der Umgangssprache zu vermeiden, und Menschen, die sich gegen Diskriminierung und Homophobie einsetzen, thematisieren dies jetzt vermehrt.

Etymologie der Wortgruppe Wie schwul zur Bedeutung homosexuell kam, lässt sich heutzutage nur noch annäherungsweise bestimmen, aber es existieren verschiedene Ansätze. Sicher ist, dass es in dieser Bedeutung weite Verbreitung und zahlreiche Abwandlungen erfuhr.

Herkunft Häufig wird es auf das niederdeutsche schwul für „drückend heiß“ zurückgeführt. Im 17. Jahrhundert wurde dies ins Hochdeutsche übernommen und im 18. Jahrhundert, wahrscheinlich durch Beeinflussung des Antonyms kühl, in schwül umgewandelt. Die alte Form wurde im 19. Jahrhundert in der Berliner Mundart und im Rotwelschen in Anlehnung an warm auf homosexuell übertragen.Günther Hunold: Sexualität in der Sprache. Lexikon des obszönen Wortschatzes. München 1980. Schwuler ist auch im Rotwelsch belegt.Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen. Deutsche Gaunersprache. Hamburg 1985, S. 306. Auch Storfer geht 1937 davon aus, dass es zuerst in Berlin aufgetreten sein dürfte. Als Erklärungsmöglichkeiten weist er auf „warme Brüder“ hin. Jene Bedeutung hat sich möglicherweise daraus entwickelt, dass die „Warmen“ ihren Geschlechtsgenossen gegenüber in erotischer Hinsicht nicht gleichgültig („kühl“), sondern warm empfinden.A. J. Storfer: Im Dickicht der Sprache. Wien/Leipzig/Passau 1937, S. 139–140. Heinz Küpper verbindet schwul mit „beklemmend heiß“ und erklärt die einschlägige Bedeutung wohl als eine „Anspielung auf die Atmosphäre in einschlägigen Lokalen“.Heinz Küpper: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache II. Stuttgart 1982–1984; „Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts“.

Frühe Belege Paul Derks führt den Ausdruck bis auf eine 1847 geschriebene kriminologische Abhandlung zurück, „was subkulturellen Sprachgebrauch vermuten lässt.“Paul Derks: Die Schande der heiligen Päderastie. Homosexualität und Öffentlichkeit in der deutschen Literatur 1750–1850. Rosa Winkel, Berlin 1990, ISBN 3-921495-58-X; „Voilà“, S. 60. 1862 veröffentlichte Friedrich Christian Avé-Lallemant den dritten und vierten Teil seines Werkes Das deutsche Gaunertum. Darin findet sich Schwuler mit der Erklärung „der von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene, ο παιδεραστης“. Die wesentliche Erklärung ho paiderastes ist auf Altgriechisch geschrieben und somit nur für Kundige lesbar. Danach folgt das Verb schwulen mit der Erklärung „παιδεραστειν“ („paiderastein“). Beschwulen hat hingegen die Bedeutung „hintergehen, betrügen“.Friedrich Christian Benedict Avé-Lallemant (Lübeck): Das deutsche Gaunerthum – in seiner social-politischen, literarischen und linguistischen Ausbildung zu seinem heutigen Bestande – Vierter Theil. F.A. Brockhaus, Leipzig 1862, S. 607, (Dritter und Vierter Teil bei Google-Books) (1858 die ersten beiden Theile). Dieselben Erklärungen finden sich im Grimmschen Wörterbuch unter Angabe von Avé-Lallemant als Quelle.Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. S. Hirzel, Leipzig 1854–1960. -- Quellenverzeichnis 1971.; Band 15, Spalten 2750–2755 schwulen – Schwuler. 1891 beschreibt Albert Moll schwul als Selbstbezeichnung für „Conträrsexuelle“ Männer und Frauen untereinander und von festen Beziehungen, die schwule Ehe oder schwules Verhältnis genannt wurden. In der 1901 erschienenen Encyclopädie der Kriminalistik von Hans Gross wird schwul mit „Päderast“ erklärt.Hans Gross: Encyclopädie der Kriminalistik. F.C.W. Vogel, 1901, S. 74. Das Wörterbuch von Hermann Paul belegt die Verwendung als „homosexuell“ um 1900 ohne weitere Erklärung.Paul Hermann: Deutsches Wörterbuch. 9. Auflage. Tübingen 1981.

Verwendung Homosexualität ist ein häufig verwendeter Begriff, um allgemein auf das eigene Geschlecht gerichtete sexuelle Orientierung und sexuelle Präferenz zu bezeichnen. „Viele gleichgeschlechtlich empfindende Menschen – Männer und Frauen – halten diese Bezeichnung zwar im biologischen Sinn des Wortes für korrekt, sind jedoch mit dem auf die Sexualität reduzierten Inhalt des Ausdrucks nicht einverstanden.“Kurt Wiesendanger: Schwule und Lesben in Psychotherapie, Seelsorge und Beratung: Ein Wegweiser. Vandenhoeck & Ruprecht, 2001, ISBN 3-525-45878-9, S. 17. Entscheidende Teile der Sexualität sind zwar das Gruppenkriterium und die Sexualität im weiteren Sinne macht sich – wie für alle – in so mancher Situation im alltäglichen Leben bemerkbar, jedoch ist es im gewöhnlichen Tagesablauf nur eine der Facetten, die den gesamten Menschen ausmachen. „Zudem stammt der Begriff homosexuell aus dem somatischen und psychiatrischen Pathologie-Vokabular, was einen weiteren Einwand gegen die Verwendung dieses Wortes begründet.“ Letztgenannter Einwand ist zwar seit den 1970er Jahren seltener geworden, aber das Wort gilt noch immer als „klinisch angehaucht“. Eine Alternative ist das Synonym gleichgeschlechtlich, das aber eines Zusatzes bedarf, um eindeutig zu sein.

So wird schwul alternierend mit homosexuell verwendet oder bewusst unterschieden, um etwas Bestimmtes auszudrücken. Ebenso alternieren Schwuler mit Homosexueller sowie Schwulsein mit Homosexualität.

Eine Anwendung auf Personen und Texte vor etwa 1970 und vor allem vor Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895), dem „ersten Schwulen der Weltgeschichte“,Volkmar Sigusch: Karl Heinrich Ulrichs, Der erste Schwule der Weltgeschichte. Männerschwarm, 2000, ISBN 3-86149-105-2. ist meist aus sexualwissenschaftlicher und historischer Sicht nicht korrekt.

Für den Historiker Hergemöller sind Urninge, Homophile, Homosexuelle und auch Schwule verschiedene „historische Erscheinungsformen“ einer „vielschichtigen Entwicklung“.Bernd-Ulrich Hergemöller: Von der „stummen Sünde“ zum „Verschwinden der Homosexualität“. Zuschreibungen und Identitäten. In: Wolfram Setz (Hrsg.): Die Geschichte der Homosexualitäten und die schwule Identität an der Jahrtausendwende. Berlin 2000, S. 39 f.

Das inzwischen auch von der Dudenredaktion in Bezug auf Politisches und Kulturelles erwähnte Kompositum schwul-lesbisch und das Silbenkurzwort lesbischwul (auch LesBiSchwul geschrieben) versuchen, anders als der vereinheitlichende Begriff homosexuell, die Unterschiede von lesbisch, bisexuell und schwul über einen gemeinsamen Begriff sichtbar zu machen.Antke Engel: Wider die Eindeutigkeit: Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation. Campus Verlag, 2002, ISBN 3-593-37117-0, S. 9. Eine zusätzliche Rolle spielt, dass homosexuell zwar theoretisch Männer und Frauen mit einschließt, es jedoch ein semantisches Problem gibt (→ zum Begriff Homosexualität). Dies zeigt sich auch in der Verwendung, vor allem in den 1950er bis 1970er Jahren, wo man öfter von „(männlicher) Homosexualität und lesbischer Liebe“ sprach, aber die Tendenz zeigt sich durchgehend bis zu den heutigen Lexikografen.Wolfgang Müller: Seid reinlich bei tage und säuisch in der Nacht (Göthe) oder: Betrachtungen über die schönste Sache der Welt im Spiegel der deutschen Sprache – einst und jetzt. In: Rudolf Hoberg (Hrsg.): Sprache – Erotik – Sexualität. Erich Schmidt Verlag GmbH, 2001, ISBN 3-503-04990-8, speziell S. 36 f.Beispiel: Wörterbuch der Gegenwartssprache (WdG), Abruf: 21. Dezember 2008:homosexuelle = […] zum gleichen Geschlecht sexuelle Zuneigung empfindend /bes. von Mann zu Mann/ er ist h. veranlagtBeispiel Österreichisches Wörterbuch, 40. Auflage, 2006:schwul = homosexuell bei Männern siehe auch LesbierinSchwule = Homosexueller siehe auch LesbierinLesbe (kurz für) Lesbierin = Frau mit gleichgeschlechtlichen Neigungen lesbisch siehe auch schwulwarm = homosexuell (bei Männern) siehe auch schwul.

Selbstbezeichnung