Neusprech () heißt die sprachpolitisch umgestaltete Sprache in George Orwells dystopischem Roman 1984. Durch Sprachplanung sollen sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt und damit die Freiheit des Denkens aufgehoben werden. Der fiktive totalitäre Staat Ozeanien entwickelt diese Sprachform, um die Ideologie von „Engsoz“ (Englischer Sozialismus; ) im Unterbewusstsein der Menschen zu verankern.George Orwell (1980) p. 917.
Neusprech wird im übertragenen Sinne als Bezeichnung für Sprachformen oder sprachliche Mittel gebraucht, die durch Sprachmanipulation bewusst verändert werden, um Tatsachen zu verbergen und die Ziele oder Ideologien der Anwender zu verschleiern.Neusprech. In: Wiktionary.
In der Kognitionswissenschaft wird experimentell erforscht, wie tief verwurzelte sprachlich-metaphorische Frames weitgehend unbewusst die politische Wahrnehmung, die semantische Einordnung und, davon abhängig, das politische Handeln bestimmen.
Bedeutung im Roman Bei Neusprech, in älteren Übersetzungen auch Neusprache genannt, handelt es sich um eine staatlich standardisierte, regulierte und kontrollierte Sprachform, deren Substrat die ursprünglich gesprochene Sprache ist, das Altsprech. Dabei werden grammatische Regeln eingeschränkt und das Vokabular insgesamt verkleinert, vereinfacht und begrenzt. Die einzelnen Wörter werden in ihrer Form, Zusammensetzung und Bedeutung festgelegt. Besondere politisch zentrale Termini werden dabei nach bestimmten Regeln der Morphologie neu geschaffen oder modifiziert.
Sprachpolitische Funktion in Ozeanien Diese sprachpolitischen Maßnahmen haben das Ziel, über die Kommunikations- und Ausdrucksmöglichkeiten der Individuen die Gedankenfreiheit und damit die persönliche Identität, den Ausdruck der persönlichen Meinung und letztlich den freien Willen einzuschränken und zu steuern. In der individuellen Freiheit sieht die staatliche Führung eine Gefährdung der angeblich dem gesellschaftlichen Wohl dienenden Ideologie (Ingsoc), der inneren Sicherheit und der Abwehr des möglicherweise fiktiven außenpolitischen Gegners und damit der Machtstellung der Regierung von Big Brother und der Partei. Abweichende Sprachformen werden sanktioniert und kriminalisiert, etwa als Gedankenverbrechen.Tom McArthur (Hrsg.): The Oxford Companion to the English Language. 1992, S. 693. moellerlit.weebly.com Die den „falschen Worten“ entsprechenden „falschen“ Gedanken sollen durch Verhinderung ihrer Ausdrucksmöglichkeiten psychologisch unmöglich gemacht werden. Durch die Sprachregelung soll die Bevölkerung so manipuliert werden, dass sie nicht einmal an Aufstand denken kann, weil ihr die Wörter dazu fehlen. Damit zeigt das Regime seinen totalitären Anspruch, nicht nur das Verhalten von Menschen äußerlich durch Gesetze einzuschränken (autoritär), sondern einen neuen Menschen in einer neuen Gesellschaft zu erschaffen, der glaubt, selbst denken und tun zu wollen, was er denken und tun soll.
Wortschatz und Grammatik von Newspeak
Wortschatzsystematik Die Lexik wird von den Sprachplanern in drei Bereiche, A, B und C eingeteilt. A betrifft das Vokabular der politik-freien Alltagssprache. Teil B enthält den politischen Wortschatz. Teil C enthält Fachausdrücke für die Arbeitswelt.
Wortbildung und Flexion Die Grammatik von Newspeak zeichnet sich durch zwei Merkmale aus: (i) sprachliche Funktionen sind austauschbar (Substantivierung, Desubstantivierung, Adjektivbildung etc.); (ii) Flexionsformen werden vereinfacht, Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten abgeschafft.George Orwell (1980) S. 918–919.
Präfigierung Newspeak besitzt keine Antonyme, daher wird das Präfix un- für die Wortbildung eingesetzt. Aus warm wird unkalt. Die Lexikographen der Partei behalten in der Regel das unangenehm wirkende, negativ oder pejorativ konnotierte Wort, also kalt, um das positive durch Negation zu bilden. Unkalt für warm wird unwarm für kalt vorgezogen. Bei wertenden Begriffen wie schlecht oder böse (engl. bad) wird jedoch das Wort ungut gebildet. Bei der Präfigierung eines Verbs drückt das Präfix ein Verbot aus, das beachtet werden muss. Unproceed (nicht weiter machen) bedeutet dann Do not proceed! (Mach nicht weiter!).
Plus- und Doppelplus- ersetzen die Steigerungsformen und verstärkenden Ausdrücke.
Suffixe -ful dient als Suffix zur Adjektivbildung (speedful statt rapid). -ed bildet Vergangenheitsformen und Partizipien, was zu einer extremen Reduzierung und Vereinheitlichung der Wörter führt. -wise dient der Bildung von Adverbien (aus quickly wird speedwise).
Mehrdeutigkeit Mehrdeutigkeiten und Nuancen sollen ausgeschaltet werden, einfache Vorstellungen sollen an die Stelle der komplizierten treten, die Sprache soll einfache Gedanken und Empfindungen abbilden: Lust und Schmerz, Glück und Trauer, goodthink und crimethink. Da aus wenigen Wortwurzeln einfache Ableitungen vorgenommen werden können, verschwinden viele Wörter. Das Wort Denk steht für Denken und Gedanke, das Wort Gedanke kann also eliminiert werden.
Intonation Auch die Sprechweise soll zu einem pausenlosen, schnellen und tonlosen Staccato verändert werden. Dies fördert das „automatische“, also gedankenlose und quasi bewusstlose Sprechen, wodurch kritische Gedanken beim Sprechenden unterdrückt werden, in der Beobachtung anderer aber durch verräterische Abweichung von der Sprechweise auffallen. Nur wer im allgemeinen Sprach- und Gedankenfluss mühelos mitschwimmt, fällt nicht auf. Diese Intonation ist auch Merkmal des Duckspeak und wird auch durch die Sprachstruktur der neuen Wörter gefördert.
Langfristige Durchsetzung von Newspeak Sprachpolitisches Endziel der Regierung ist es, dass alle Mitglieder der Gesellschaft außer den Proles ausschließlich in dieser Sprachform kommunizieren. Dieses Ziel soll im Jahre 2050 erreicht sein. In den 66 Jahren des Interims soll Oldspeak (das Englisch der 1980er Jahre) durch Neusprech immer weitgehender eingeschränkt und zuletzt eliminiert werden. Im Rückblick auf die bisherigen Bemühungen wird erwähnt, dass auch ältere Bücher, z. B. Dramen von Shakespeare, umgeschrieben wurden, um den neuen Anforderungen zu entsprechen. Zur Zeit der Romanhandlung, eben 1984, ist Neusprech noch nicht vollständig ausgereift. Der Anhang beschreibt die bisherigen Versuche, Neusprech durchzusetzen, und ist noch in Standard-Englisch geschrieben (Altsprech in Neusprech).
Die Romanfigur Syme erläutert im Roman ihre Arbeit an der neuesten Auflage des Neusprech-Wörterbuchs.
Interpretation von Newspeak in Orwells Roman
Kritik an totalitären Regimen seiner Zeit Orwell war durch seine Arbeit in der Propagandaabteilung der BBC mit den Begrifflichkeiten der sowjetischen wie der deutschen politischen Propaganda vertraut, kannte aber besonders die japanische, die sein Spezialgebiet war. Viele seiner Beobachtungen der Funktionsweise totalitärer Systeme gingen in seine Konzeption von Neusprech ein, besonders die Funktion der Begriffe, das Denken auszuschalten oder in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Abkürzungen der Ministerien wurden sowjetischem Sprachgebrauch nachgebildet.John Wesley Young: Totalitarian Language: Orwell’s Newspeak and its Nazi and Communist Antecedents. University Press of Virginia, 1991.
Kritik an allgemeinen Tendenzen der Politik Orwells Entwurf einer entmenschlichten Sprache ist nicht nur auf seine kritische Haltung gegenüber totalitären Regimen seiner Zeit einzuschränken. Er wollte in seinem Konstrukt auch die sprachlichen Tendenzen seiner Zeit auf die Spitze treiben.
Satire auf Basic English Neusprech hat als Plansprache Ähnlichkeit mit Basic English, einer Sonderform des Englischen von Charles Kay Ogden und I. A. Richards, die Orwell 1942–44 zunächst befürwortete, dann jedoch in seinem Aufsatz Politics and the English Language (1946) ablehnte. Das Hauptargument dabei war der mangelhafte Sprachgebrauch seiner Zeit, nämlich reduzierte Metaphorik und ein prätentiöser und hochgestochener Stil, der sinnlose Worte erzeugt, die das Ergebnis mangelnder Klarheit des Denkens sind. Orwells Schlussfolgerung aus diesen Beobachtungen ist die Diagnose eines allgemeinen Sprachverfalls. Neusprech kann als Satire auf Basic English verstanden werden.
Orwells Sprachtheorie Andrei Reznikow kommt in seiner Forschungsarbeit zu Orwells Sprachtheorie zu dem Ergebnis, dass Orwell in seinen Aufsätzen das Problem der politischen Instrumentalisierung von Sprache als grundlegendes Problem im Allgemeinen betrachtete, nicht nur als Sonderproblem totalitärer Staaten. Reznikow weist darauf hin, dass Orwell sich mit Swifts Sprache der Pferde Houyhnhnm, Charles Ogden und Hayeks Schrift über die Knechtschaft beschäftigt habe. Nach Reznikow sah Orwell zwischen Sprachform und Gesellschaftsform einen Zusammenhang in einem Kontinuum zwischen den nicht existierenden Extremen völliger Freiheit oder völliger Knechtschaft. Jede Gesellschaft und jede Sprachform lag seiner Auffassung nach zwischen diesen Extremen und konnte sich in die eine oder andere Richtung entwickeln. Er sah die Lösung des Problems darin, dass bestimmte Wörter zu vermeiden seien und passendere erfunden werden müssten, um eine freiere Sprache zu schaffen. Wortforschung sollte zu diesem Zweck so wichtig werden wie beispielsweise Shakespeare-Forschung. Die Freiheit einer Gesellschaft und ihrer Sprache war seiner Auffassung nach beispielsweise daran zu messen, ob sich ihre Ausdrucksmöglichkeiten, besonders der Wortschatz, vereinfachten oder bereicherten.
Orwells Newspeak-Neologismen im Roman 1984 Neben Zitaten, die die Begriffe der normalen Sprache umdeuten, manifestiert sich Neusprech durch Einführung von Worthülsen. Außerdem werden eine Reihe von Kontraktionen und Abkürzungen eingeführt. Dabei werden unter anderem vorhandene Wortstämme zu Begriffen kombiniert, die der herrschenden Ideologie dienlich sind. Daneben werden aber auch Euphemismen oder verhüllende Bezeichnungen wie vaporisieren für Töten oder aus dem Gedächtnis löschen benutzt.
Doppeldenk Doppeldenk, in älterer Übersetzung Zwiedenken (), bezeichnet die Fähigkeit, zwei einander widersprechende Denkweisen gleichzeitig als wahr zu akzeptieren.
Deldenk Deldenk, in älteren Übersetzungen Undenk oder Verbrechdenk (), bezeichnet ein Gedankenverbrechen (thought crime), eine gedachte Kritik an der Doktrin der jeweiligen Regierung oder auch nur ein In-Erwägung-Ziehen von anderen Gedanken.
Facecrime Beim Gesichtsverbrechen zeigt jemand durch seinen Gesichtsausdruck, dass er eines Gedankenverbrechens schuldig ist.
Quaksprech Quaksprech, in älteren Übersetzungen Entenquak (), bedeutet, zu sprechen, ohne zu denken, also wie eine Ente zu schnattern. Je nach Anwendung kann dieser Ausdruck lobend gemeint sein (bei Personen mit gleicher, regierungstreuer Meinung) oder eine Beschimpfung ausdrücken (bei Personen mit anderer Meinung als der des Großen Bruders).
Delstop Verbrechenstop () ist die Methode, Gedankenverbrechen zu vermeiden, indem man den Gedankenstrom automatisch umlenkt, wenn er regierungskritische, ungute Themen berührt.
Gutdenker Ein Gutdenker () ist eine „rechtgläubige“ Person, die auch ohne Anstrengung keine unguten Gedanken hat.
Vaporisieren Vaporisieren (abgeleitet vom lateinischen Wortstamm für verdampfen) bedeutet, einen Menschen auszulöschen, nicht nur physisch, sondern auch im Bewusstsein seiner Mitmenschen. Alle Aufzeichnungen und Erinnerungen an eine Unperson müssen aus dem kollektiven Gedächtnis und dem kommunikativen Gedächtnis ausgelöscht werden. Alle müssen vergessen, dass die Unperson jemals gelebt hat. Dies ist eine Analogie zur stalinistischen Praxis, unerwünschte Personen aus Fotos zu retuschieren oder der Großen Sowjetischen Enzyklopädie zu entfernen, welches wiederum eine moderne Variante der bereits in der Antike praktizierten Damnatio memoriae darstellt.
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