mini|hochkant=1.4|Lemgoer Rathaus, Nordteil mini|hochkant=1.4|Ansicht von Südwesten Das Rathaus von Lemgo im Kreis Lippe ist ein epochenübergreifendes Baudenkmal von besonderer Bedeutung. Es wurde von der UNESCO als europaweit schützenswertes Baudenkmal inventarisiert. Die Anfänge des Gebäudes liegen im Bau einer gotischen Markthalle, die in der mittelalterlichen Handelsstadt bald als Rathaus ausgebaut wurde, in dem verschiedene kommunale Funktionen eingerichtet wurden. Die Bauphasen liegen in der Blütezeit der Hansestadt Lemgo in Gotik und Renaissance. Die Prunkfassaden der Ratslaube und der Apothekenauslucht nehmen einen besonderen Rang in der regionalen Weserrenaissance, ein.
Lage Das Rathaus von Lemgo bildet heute einen Solitärbau und liegt auf der östlichen Seite des Marktplatzes. Es bildet somit einen Querriegel zwischen Markt- und Kirchplatz von St. Nikolai, der zentralen Hauptkirche der Altstadt. Seit dem Mittelalter liegt es im Zentrum der Stadt an wichtigen Hauptstraße, so liegt nördlich die Hauptverkehrsachse der Mittelstraße.
Funktion Das Rathaus von Lemgo ist als Baukörper nicht einheitlich geplant, sondern entwickelte sich in drei Jahrhunderten vom 14. bis zum 17. Jahrhundert zu der heutigen Anlage. Das Rathaus geht in seinem Ursprung auf einen langgestreckten Saalgeschossbau zurück. Er war nicht als Ratsgebäude konzipiert, sondern diente der vom Handel geprägten älteren Stadt Lemgo als kophus, also Kauf- bzw. Handelshaus, direkt am Marktplatz gelegen.
Dort erfolgte im 16. Jahrhundert die Anlage fester Bürger- und Handelshäuser in geordneter Reihung und die planvolle Gestaltung des Platzes mit repräsentativer Rathausfassade.
Aus Anlass der Vereinigung der Lemgoer Altstadt mit der handwerklich geprägten Neustadt im Jahre 1365 wurde das Marktgebäude zum gesamtstädtischen Versammlungsgebäude umfunktioniert. Mit der Nennung eines consistorium consulum 1372 sowie der Errichtung der Ratskammer und Gerichtslaube zu gleicher Zeit hat der Bau den Wandel vom Markt- zum Versammlungsort vollzogen, wobei eine Dominanz der Altstadt, also des kaufmännischen Stadtregiments, zu erkennen ist. Die Handwerkszünfte der Neustadt wurden an der Regierung beteiligt, doch das bereits 1314 erwähnte Rathaus der Neustadt wurde aufgegeben.
Rathaustypus In seiner Anlage ist dieser Markt- und Versammlungsbau der Kaufmannsgilde gleich den frühen niederdeutschen Rathäusern. Zwei Geschosse nehmen je einen großen Saal ein, die beide unabhängig voneinander erreichbar sind. Neben der räumlichen gibt es darin, wenigstens zeitweise, auch eine funktionale Trennung. Einerseits ist das Obergeschoss als repräsentativ gestalteter Raum oftmals Ort des Haus- beziehungsweise Landesherrn, das Erdgeschoss der Gefolgschaft. Andererseits kann im Marktbetrieb eine Trennung der städtischen Tuchhändler im Erdgeschoss und der auswärtigen Händler im Obergeschoss erfolgen. In Lemgo ist keine funktionale Trennung der Säle nachweisbar, doch grundsätzlich und wegen der unterschiedlichen Disposition der Eingangsportale denkbar.
Baubeschreibung Das Rathaus erstreckt sich in nordsüdlicher Richtung, auf seiner westlichen Seite finden sich vier später hinzugefügte Bauglieder an der Stelle von Privathäusern: in der Mitte die Alte Ratskammer, nördlich davon der Apothekenbau mit Auslucht sowie südlich die Neue Ratsstube und das Winteppenhaus. Auf der Nordseite findet sich ein weiterer Anbau, die Ratslaube mit der später aufgesetzten Kornherrenstube. Der Saalbau und die Alte Ratkammer sind Bauten der Gotik, während die anderen Teile der Renaissance entstammen.
Im Grundriss nimmt das Rathaus einen Raum von etwa 48 Metern Länge und 18 Metern Breite ein. Den höchsten Punkt des zweigeschossigen Gebäudes erreicht der Giebel der Alten Ratkammer mit einer Höhe von 17 Metern. Der Bau besteht zum großen Teil aus verputztem Bruchstein, seit dem 16. Jahrhundert wurde auch Backstein verwendet. Werksteingliederungen und unverputzte Schaufassaden der Renaissance sind ganz aus Werkstein. Das heutige farbliche Erscheinungsbild beruht auf einem kompletten Neuanstrich von 1977/78, bei dem die Wandflächen in gebrochenem Weiß, die Werksteinteile in Sandsteintönen ausgeführt wurden und die Wappen und Inschriften neue Farbfassungen erhielten.
Der Saalbau
Vorgängerbauten und frühes Stadium Der Ursprung des Rathausbaus lässt sich unter dem nördlichen Teil des Saalbaus nachweisen. Die erhaltenen Grundmauern aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts zeigen einen Vorgängerbau mit leichten Mauern, auf denen möglicherweise Fachwerkwände ruhten. Er wurde wohl durch einen Stadtbrand um 1240/50 zerstört.
Die Entstehungszeit des zweiten Baus ist unmittelbar danach um 1250. Von diesem sind Fundamentreste erhalten. Die Breite entspricht dem dritten, heute erhaltenen Bau, die Länge kann nur von Norden bis zur Mitte des Rathauses sicher festgestellt werden. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts ist dieser Bau ebenfalls einem Brand zum Opfer gefallen.
Kurz nach dem zweiten Brand wurde vermutlich um 1350/60 der dritte und letzte Bau, der heutige Saalbau, errichtet. Der Vorgängerbau wurde für den Neubau fast vollständig abgetragen. Um 1545 muss ein Brand den nördlichen Teil des Rathauses in allen Geschossen heimgesucht haben, der einen Um- und Neubau der Nordhälfte erforderte. Dabei wurde im Keller eine kocke (Küche) eingerichtet, die für die Bewirtung von Gästen des Rates notwendig war. Im Zuge der Umbauten nach dem Brand von 1545 wurden die Geschosse im Nordteil neu erstellt und ein neues Mittelportal in der Nordwand eingefügt.
Äußeres Der heutige Saalbau hat eine Länge von 48, eine Breite von 10,70 und eine Höhe bis zur Mauerkrone von 7 Metern. Die Mauern bestehen zum größten Teil aus weiß verputztem Bruchstein und Werkstein als Gliederungselemente an Ecken und Gewänden. An der Westseite des Langbaus schließen sich die späteren Bauglieder an. Der gesamte Bau ist mit ursprünglich drei Räumen unterkellert, dem Nord-, Süd- und Weinkeller in der Mitte. Auf dem Dach liegt eine lange durchgehende Gaube des 20. Jahrhunderts.
Die Ostwand als architektonisch untergeordneter Fassadenteil entbehrte seit jeher jeder besonderen baulichen Gliederung und Hervorhebung. Ihr Erscheinungsbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt. Nach einem Rekonstruktionsversuch gab es ursprünglich eine zweigeschossige Flucht von stichbogigen Fenstern. Zwei dieser ursprünglichen Fenster sind als Blenden links des Ostportals erhalten, ansonsten ist die Wand durch sieben große, dreibahnige Fenster gegliedert. Diese erstrecken sich über die Höhe der beiden ehemaligen Geschosse.
Die Schauseite des Rathauses war ursprünglich die Südfassade, die sich durch gotischen Giebelschmuck und symmetrische Fassadengestaltung repräsentativ gestaltet zeigte. Auf den Schrägen stehen sechs Fialen, deren Wimperge heute fehlen und Helme erneuert sind. Auf der Giebelspitze befindet sich eine Kreuzblume auf schlankem Schaft. Darunter ist im Giebelfeld ein Vierpassokulus eingelassen, unter dem sich ursprünglich sechs segmentbogige gotische Fenster in symmetrischer Anordnung öffneten.
In der Mitte gab es ein spitzbogiges Doppelportal mit einer Freitreppe, das heute durch eine Portalblende sichtbar ist. In der Wandfläche finden sich Kopfreliefs, die Darstellungen von Dummheit und Schlafmützigkeit sein könnten. Im Jahre 1548 wurde das Portal geschlossen und die Freitreppe abgebrochen, da mit dem Bau des Zeughauses auf dem Platz zwischen Rathaus und Papenstraße Sicht und Raum in der neuen schmalen Gasse beengt waren. Die Schauseite wurde damit auf die Nordseite verlegt.
Dort war 1545 ein neues Portal, das nun als Haupteingang in den Saalbau diente, erbaut worden. Über die ursprüngliche Gestalt der Nordfassade können keine Aussagen mehr getroffen werden, da die Nordseite im Jahr 1545 neu errichtet wurde. Dabei wurde das spätgotische Mittelportal mit Segmentbogen eingesetzt, das nun hinter der Ratslaube im Innern verdeckt ist. Die reichen Renaissancefenster wurden 1589 von Georg Crossmann gestaltet. Der Schildgiebel ist im Kontrast zu den aufwendig gestalteten Fenstergewänden schlicht gehalten. Der spätgotische Giebel ist von einer Fiale mit der Lemgoer Rose als Wetterfahne bekrönt.
Inneres Die Erschließung des Erdgeschosses erfolgte über das Hauptportal an der Südseite sowie vermutlich über einen weiteren Zugang in der Nordseite. Das Obergeschoss wurde über eine Treppe von Osten her erschlossen. In ihrer Anlage als durchgehende Säle und ihrer frühen Nutzung als Marktplatz für Pelzer, Schuster (schohus) und Wandschneider waren sie wohl ähnlich. Die Geschosse haben eine Länge von 45,50 und eine Breite von etwa 8,80 Meter und waren im ursprünglichen Zustand vermutlich große, durchgehende Säle. In ihnen fanden sich Nischen mit Wandschränken für Verkaufsstände, wie sie auch in Kaufhallen in Dortmund und Brilon vorkamen.
Das Obergeschoss besitzt mittig in der Westwand eine kleine Nische, die als Lichtnische oder als Lavabo-Nische für zeremonielle Waschungen in Ratsmessen gedeutet werden kann. Diese einfache Form von Ratskapellen ist auch in westfälischen Rathäusern in Attendorn und Dortmund bekannt.
Zu umfangreichen Veränderungen im Innern kam es im 16. und 18. Jahrhundert. Der Umbau des südlichen Saalbereiches erfolgte 1578/79 aus Anlass eines Besuches des Landesherrn Simon VI. Hier wurde ein über beide Geschosse reichender Saal eingerichtet, der rund zwei Drittel der Länge des Langbaus einnahm. Von Hermann Wulff wurden die großen, neuen Fenster mit Rollwerkrahmen gestaltet, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der restliche Saalbau entsprechend gestaltet. Das Ostportal wurde nach unten verlängert und diente nun als Eingang in den Erdgeschosssaal.
Im Zuge des Umbaus für die Nutzung als Amtsgericht wurden nach 1879 Umbauten vorgenommen, denen für einen Tresorraum im Keller der spätgotische Kamin der Küche von 1545 weichen musste.
Umfangreiche Umbauten und Restaurierungen wurden im 20. Jahrhundert vorgenommen. 1911/12 wurde im Wein- und Südkeller eine Ratskellerwirtschaft eingerichtet. 1921/22 erfolgte ein Umbau des Saales im Südteil. Bei Umbau und Auskernung der Südhälfte des Rathauses von 1959 bis 1962 wurde der Sitzungssaal erneuert. Über dem Saal wurde der Dachstuhl als Stahlkonstruktion erneuert und mit Büroräumen ausgebaut.
In den Jahren 1964/65 erfolgte die Auskernung der nördlichen Gebäudehälfte, die als notwendig erkannt wurde, als lediglich der Dachstuhl erneuert werden sollte. Erhebliche Bauschäden erforderten den Abbruch von Dach, Decken und Zwischenwänden bis zum Kellerfußboden sowie der eines Teils der Ostmauer. Im Innern entstand nun hinter der Nordfassade wieder die alte, zweigeschossige Aufteilung. Der übrige Bereich wurde als Halle ausgeführt, wo eine Empore mit Treppe zu neuen Büroräumen im Apothekenbau führt. Im Dachraum wurden Sitzungsräume mit Dachgauben eingerichtet.
Die Kellerräume waren ehemals durch den Eingang nördlich der Gerichtslaube zugänglich, der heutige befindet sich im Winteppenhaus. Durch ihn sind die Räume der Ratskellerwirtschaft erschlossen, die im Südkeller, Weinkeller und südlichen Teil des Nordkellers untergebracht sind. Eine Umgestaltung des Süd- und des Weinkellers und die Rekonstruktion des Zustandes von 1589 geschah 1977/78. Der quadratische Weinkeller ist gedeckt mit einem Gewölbe, das auf Pfeilern und Konsolen ruht. Der ursprünglich durch eine Wand vom Südkeller getrennte Raum ist seit dem Umbau 1911/12 in zwei Bögen geöffnet. Der zweischiffige Raum besitzt ebenfalls Gewölbe auf Pfeilern, ein Renaissancekamin aus dem Planetenhaus in der Mittelstraße 36 von 1612 befindet sich an der Südwand.
Erweiterungsbauten Die Anbauten sind dem Langbau des Rathauses auf der westlichen Seite vorgelagert und bilden dort eine durchgehende Fassade zum Marktplatz. Im Laufe der Zeit entstanden seit dem ausgehenden Mittelalter zahlreiche Erweiterungen des Rathauses, die auf die zunehmende funktionale Differenzierung zurückzuführen ist.