Die Demokratische Republik Aserbaidschan (Aserbaidschanisch: اذربايجان دموْکراطیک رسپۇبلیکاسی, romanisiert Azərbaycan Demokratik Respublikası, kurz ADR) war nach der Volksrepublik Krim die zweite demokratische und säkulare Republik in der muslimischen Welt. Daneben wurde Aserbaidschan von den Anhängern des Kommunismus auch als „Volksrepublik Aserbaidschan“ (اذربایجان خلق جۇمهۇریتی Azərbaycan Xalq Cümhuriyyəti, kurz AXC) deklariert, sodass heute beide Bezeichnungen synonym verwendet werden.
Die demokratische Republik wurde am 28. Mai 1918, nach dem Zerfall des Russischen Reiches, von der Aserbaidschanischen Nationalversammlung in Tiflis gegründetFiruz Kazemzadeh: The Struggle for Transcaucasia: 1917–1921. The New York Philosophical Library, 1951. und grenzte im Norden an Russland, im Nordwesten an die Demokratische Republik Georgien, im Westen an die Demokratische Republik Armenien und im Süden an Persien. Der Staat hatte eine Fläche von etwa 100.000 km² und eine Bevölkerung von 6 Millionen. Gəncə war anfangs die Hauptstadt, als Baku noch unter bolschewistischer Kontrolle stand.
Unter den wichtigsten Errungenschaften des Parlamentes war die Ausweitung des Wahlrechts auf die Frauen. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts war die Demokratische Republik Aserbaidschan nicht nur der erste mehrheitlich muslimische Staat, der Frauen die gleichen politischen Rechte gab wie Männern, sondern einer der ersten Staaten weltweit.
Die heutige Republik Aserbaidschan betrachtet sich als Rechtsnachfolgerin der Demokratischen Republik Aserbaidschan.
Gründung ab 1917 Nach der Februarrevolution 1917 wollten die Aserbaidschaner wie viele andere ethnische Minderheiten in Transkaukasien eine Abspaltung von Russland. In den Provinzen und Distrikten, in denen die Aserbaidschaner einen bedeutenden Anteil der Bevölkerung ausmachten, wurden Muslimisch-Nationale Konzile gegründet.
Die Februarrevolution bewirkte die Abspaltung des Südkaukasus. Zar Nikolaus II. wurde abgesetzt und das Vizekönigtum des Kaukasus durch die russische provisorische Regierung am 18. März 1917 aufgelöst. Alle Autorität wurde außer in den Gebieten, in denen die Armee aktiv war, dem „Besonderen Transkaukasisches Komitee“ (russisch Особый Закавказский Комитет (ОЗАКОМ), Osoby Sakawkasski Komitet (OSAKOM)) übertragen. Am 27. März 1917 kamen Delegierte der Muslimisch-Nationalen Konzile zusammen und wählten ein Zentralkomitee, das aus Mammad Hasan Hajinski, Mammed Amin Rasulzade, Alimardan Topchubashev, Fatali Khan Khoyski und anderen Gründern der späteren ADR bestand.
Vom 31. März bis 2. April kam es zu Massakern an muslimischen Menschen in und um Baku. So wurde Tiflis das Hauptquartier der Aserbaidschanischen Nationalbewegung. Nachdem die Transkaukasische Demokratisch-Föderative Republik am 26. Mai 1918 auseinandergebrochen war, benannte sich der aserbaidschanische Teil der ehemaligen Föderation in Aserbaidschanischer Nationalkongress um. Schnell übernahm er parlamentarische Funktionen und verkündete die Gründung der ADR am 28. Mai 1918. Der Kongress traf aber auf den Widerstand der Ultranationalisten, die ihn als zu links ansahen. Der Kongress wurde nach der Eröffnung des Parlamentes am 7. Dezember 1918 aufgelöst.
Politik mini|hochkant|Sprecher des ADR, Mammed Amin Rasulzade Für die ADR wurde eine Regierungsform entwickelt, in der das Parlament – gewählt auf Grundlage universeller, freier und proportionaler Repräsentation – das höchste Organ der Staatsmacht war, das wiederum einem Ministerkabinett Verantwortung für einzelne Ressorts übertrug. Fatali Khan Khoyski wurde der erste Premierminister.La Chesnais, P.G.: Les peuples de la Transcaucasie pendant la guerre et devant la paix; Paris 1921; S. 108–110.
Neben der Mehrheit der aserbaidschanisch-nationalistischen Müsavat-Partei („Gleichheit“) gab es im Parlament noch die Parteien Əhrar (Liberale), Ittihad („Union“ – Islamisten), die Muslimisch-Sozialdemokratische Partei und Vertreter der Armenier (21 von 120 SitzenKazemzadeh, Firuz: open citation, S. 222), der Russen, der Polen, der Juden und der Deutschen. Einige Mitglieder unterstützten panislamische und pantürkische Ideen.Musavat Party (Azerbaijan)Jacob M. Landau: Pan-Turkism. From Irrendentism to Cooperation; S. 55Firouzeh Mostashari: On the Religious Frontier. Tsarist Russia and Islam in the Caucasus; S. 144Aviel Roshwald: Ethnic Nationalism and the Fall of Empires; S. 100Neil Middleton, Phil O’Keefe: Disaster and Development. The politics of Humanitarian Aid; S. 132Michael P. Croissant: The Armenian-Azerbaijan Conflict. Causes and Implications; S. 14
Obwohl die Republik nur zwei Jahre lang bestand, konnte das mehrparteiliche aserbaidschanische Parlament und die Koalitionsregierungen große Fortschritte in den Bereichen Staatsaufbau, Erziehung, Armeegründung, Finanzen, Wirtschaftssysteme, internationale Anerkennung der AXC als Staat, diplomatische Beziehungen mit einer Anzahl von Staaten, das Schreiben einer Verfassung oder gleiche Rechte für alle erreichen. Eine andere wichtige Leistung der ADR war die Gründung der staatlichen Universität Baku, die die erste moderne Universität des Landes war.
Dies war eine wichtige Grundlage für die Wiedererrichtung der Republik Aserbaidschan 1991.
Innenpolitik mini|Im Sitzungssaal des Parlaments, die Trikolore angehoben. 7. Dezember 1918 Das politische Leben in der ADR war von der Müsavat-Partei, die die Wahlen 1917 gewann, geprägt. Das erste Parlament wurde am 5. Dezember 1918 eröffnet. Die Müsavat stellte 38 von 125 Abgeordneten. Mit anderen unabhängigen Kandidaten bildete die Müsavat die größte Fraktion.
Die Republik wurde insgesamt von fünf Regierungen regiert. Alle Regierungen bestanden aus Koalitionen der Müsavat mit anderen Parteien wie den Muslimisch-Sozialistischen Block, die Unabhängigen, Ehrar, die Muslimisch-Sozialdemokratische Partei. Die konservative Ittihad-Partei war die große Oppositionspartei, die nie an den Regierungen beteiligt war, außer einem Mitglied, das Generalinspektor in der letzten Regierung war. Der Premierminister der ersten drei Regierungen war Fatali Khan Khoyski, der der letzten zwei Regierungen Nasibbek Usubbekov. Die Bildung der sechsten Regierung wurde Mammed Hasan Hajinski übertragen. Er konnte aber wegen der großen Opposition im Parlament, fehlender Zeit und der Invasion der Bolschewiki keine Regierung bilden. Der Parlamentsvorsitzende Alimardan Topchubashev wurde als Staatsoberhaupt angesehen. Er repräsentierte Aserbaidschan bei der Pariser Friedenskonferenz 1919.
Außenpolitik Völkerbund Zwischen 1918 und 1920 hatte die Republik diplomatische Beziehungen zu mehreren Staaten. Es wurden Verträge über Beziehungen abgeschlossen. 16 Staaten hatten Vertretungen in Baku.. Die Regierung blieb stets neutral im Bezug des Russischen Bürgerkrieges und stellte sich weder an die Seite der Roten Armee noch der Weißen Armee.
Wegen der Okkupation und dem Ende der Existenz der ADR am 27./28. April 1920 wurde die Anfrage auf die De-jure-Anerkennung und Mitgliedschaft im Völkerbund vom 1. November am 24. November 1920 abgewiesen.
Beziehungen zur Entente mini|Eine Briefmarke von 1919 mit der Abbildung des Ateschgah von Baku
Die aserbaidschanische Delegation nahm an den Friedensverhandlungen 1919 in Paris teil. Bei ihrer Ankunft übergab die Delegation Woodrow Wilson ein Schreiben, das folgende Forderungen umfasste:Bulletin d’Information de l’Azerbaidjan, Nr. 1, 1. September 1919, S. 6 f.
Die Unabhängigkeit Aserbaidschans soll anerkannt werden. Das Wilson’sche Prinzip soll auch auf Aserbaidschan angewendet werden. Die Aserbaidschanische Delegation soll an der Friedenskonferenz teilnehmen. Aserbaidschan soll Mitglied der Völkerbundes werden. Das US-amerikanische Kriegsministerium soll Aserbaidschan militärische Hilfe zukommen lassen. Diplomatische Beziehungen zwischen den USA und der Republik Aserbaidschan sollen aufgebaut werden.
Präsident Wilson gab der Delegation eine Audienz, bei der er sich aber kalt und unsympathisch verhielt. Wie die aserbaidschanische Delegation der Regierung in Baku mitteilte, solle Wilson gesagt haben, dass die Konferenz die Welt nicht in kleine Stücke teilen wolle. Wilson riet den Aserbaidschanern, dass es besser für sie wäre, eine Konföderation aller transkaukasischen Völker anzustreben, und dass diese Konföderation auf Basis eines Völkerbundmandates gewisse Macht erreichen könne. Die aserbaidschanische Frage könne, so Wilson abschließend, nicht verhandelt werden, solange die russische Frage noch ungelöst sei.Report of the Delegation, Nr. 7, Juni 1919, Fund of the Außenministerium, Dossier No. 3, S. 7, so zitiert in Raevskii: Английская интервенция и Мусаватское правительство, S. 53.
Trotz Wilsons Einstellung erweiterte am 12. Januar 1920 das Alliierte Oberste Gericht die De-facto-Anerkennung von Aserbaidschan zusammen mit Georgien und vor Armenien.Avtandil Menteshashvili: From the history of relations of Georgian democratic Republic with Soviet Russia and Entente. 1918–1921; Tiflis: State University, Oktober 1989
Das Bulletin d’information de l’Azerbaidjan schrieb dazu:Bulletin d’information de l’Azerbaidjan, Nr. 7, Januar 1920, S. 1
Darüber hinaus wurde im britischen Unterhaus der Sekretär für Außenbeziehungen Hamar Greenwood gefragt, wann die Anerkennung auf Aserbaidschan, Georgien und Armenien ausgeweitet wurde und ob es im Zusammenhang mit der Anerkennung offizielle Vertreter ausgetauscht und die Grenzen der Transkaukasischen Republiken definiert wurden.Firuz Kazemzadeh: Struggle For Transcaucasia (1917–1921); New York: Philosophical Library, 1951; S. 269 Greenwood antwortete:125 H.C.Debs., 58., 24. Februar 1920, S. 1467
Die Alliierten akzeptieren die Republiken teilweise wegen der Furcht vor dem „Bolschewismus“, aber ihre Aktionen gegen den Bolschewismus gingen zumindest im Transkaukasus nicht über reine Worte hinaus.Firuz Kazemzadeh: Struggle For Transcaucasia (1917–1921); New York: Philosophical Library, 1951; S. 270.
Beziehungen zu Persien Die Entscheidung, den Namen Aserbaidschan zu benutzen, erzeugte einigen Protest aus Persien. Nach Tadeusz Swietochowski:Tadeusz Swietochowski: Russia and Azerbaijan. A Borderland in Transition; New York: Columbia University Press, 1995; S. 69
Am 16. Juli 1919 ernannte der Ministerrat der ADR Adil Khan Ziatkhan, der bis dahin als stellvertretender Außenminister arbeitete, als diplomatischen Repräsentanten Aserbaidschans am Hofe des persischen Schahs.Внешняя политика контрреволюционных правительств в начале 1919-го года; Красный Архив, Nr. 6 (37), 1929; S. 94 Eine persische Delegation unter Seyyed Zia al Din Tabatabai kam nach Baku, um über Durchfahrt, Zoll, Post, Güter und anderen solcher Themen zu verhandeln. Reden wurden gehalten, um das gemeinsame Band zwischen kaukasischem Aserbaidschan und Iran zu betonen.Kazemzadeh, Firuz: open citation, S. 229
Territoriale Dispute mini|Territoriale Forderungen Aserbaidschans zur Friedenskonferenz 1919Audrey L. Altstadt. The Azerbaijani Turks: power and identity under Russian rule. — Hoover Press, 1992. — 331 p. — (Studies of nationalities). — ISBN 0-8179-9182-4, ISBN 978-0-8179-9182-1.