mini|Oberster Befehlshaber bis 1916, der Kaiser und König Franz Joseph I.
Der Artikel Österreich-Ungarns Heer im Ersten Weltkrieg beschreibt die Landstreitkräfte Österreich-Ungarns 1867–1914 bei Ausbruch und während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) sowie die wichtigsten Kriegsereignisse, an denen sie beteiligt waren.
Zustand der Armee und Kriegsvorbereitung mini|Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf (1852–1925)
Unter den Armeen der europäischen Großmächte war die Armee Österreich-Ungarns die am wenigsten auf einen Krieg vorbereitete. Österreich-Ungarn besaß eine zu kleine industrielle Basis für die moderne Ausstattung seiner Truppen, auch wenn punktuell Spitzenprodukte gefertigt wurden, etwa die Mörser von Škoda. So betrug die österreichische Produktion an Artilleriegranaten nie mehr als eine Million Stück pro Jahr, während die russischen Fabriken 1916 schon vier Millionen Stück fertigten. Nur allmählich wurden die Streitkräfte mit zeitgemäßem Kriegsgerät ausgerüstet. Die Logistik war unterentwickelt, so dass es oft zu Versorgungsproblemen kam. Die Aufmarschgeschwindigkeit der Truppen war durch die mangelhafte Infrastruktur gehemmt. Dabei hinkten die militärischen Spezialisten oft sogar der zivilen Bahngesellschaft hinterher. Während die staatlichen Bahngesellschaften mit bis zu 100 Waggons pro Zug fuhren, erlaubte das Militär nur Zusammenschlüsse von bis zu 50 Waggons. Militärzüge zwischen Wien und dem San brauchten dreimal so lang wie zivile Züge.
Die Bewaffnung mit Infanteriewaffen und Artilleriegeschützen war zeitgemäß, jedoch nur bezüglich des stehenden Heeres. Für die Reserven im Mobilmachungsfall war fast nur veraltetes Gerät vorhanden – so mussten bei der Aufstellung der Standschützen im Jahr 1915 diese ihr Gewehr mitbringen oder wurden zunächst mit den uralten, einschüssigen Werndl-Gewehren ausgestattet. Gleiches galt für die Artillerie, die überproportional in der Reserve mit alten Kanonen ohne Rohrrücklauf ausgerüstet war. Gründe waren der Mangel an finanziellen Mitteln und die Einstellung […] soll man all die schönen (und für teures Geld gekauften) Sachen wegwerfen – man wird sie sicher noch einmal brauchen können […], was zu den bekannten (fatalen) Resultaten führte.Als Beispiel für diese Einstellung sei die Verordnung von 1915 genannt, nach der alle Regiments-Ehrennamen und Zusatzbezeichnungen zukünftig zu entfallen haben und die Verbände nur noch mit ihrer Stammnummer bezeichnet werden dürften – jedoch seien . Letztendlich sah man sich sogar gezwungen, einige in den Kasematten der Festung Theresienstadt längst vergessene Festungsgeschütze vom Typ M 61/95 auf hölzernen Bocklafetten noch im in den Dolomiten einzusetzen.Ortner S. 382.
Das Niveau der Truppe zeigte ernsthafte Schwächen, was man auch auf den Charakter der Doppelmonarchie als Vielvölkerstaat zurückführen kann. So rekrutierten sich die meisten Offiziere aus dem deutschen und ungarischen Staatsvolk, die Mannschaften aber aus allen Bevölkerungsteilen. Deutsch war die Befehlssprache, doch der einfache, nicht Deutsch sprechende Soldat bekam davon nur die etwa einhundert Wörter beigebracht (Habt Acht, Ruht, Gewehr in die Hand), die für den Dienstbetrieb zwingend notwendig waren. Diese Umstände wirkten sich naturgemäß nicht positiv auf den Zusammenhalt und die Moral der Truppe aus. Laut der letzten Vorkriegsstatistik von 1911 bezeichneten sich unter den aktiven Berufsoffizieren bei der Infanterie 72 %, bei der Kavallerie 67 % und bei der Artillerie 88 % als Deutsche.Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914. Verlag Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56700-4, S. 22.
Tiefgreifende Reformen wären dringend notwendig gewesen, wurden jedoch nur halbherzig in Erwägung gezogen und wiederholt verschoben. Ein Mitgrund war die permanente Vernachlässigung des größten Truppenkörpers, der Gemeinsamen Armee. Als man nach dem sogenannten Ausgleich von 1867 Ungarn eine eigene Armee zugestehen musste, um das Land im Reichsverbund zu halten, wurde von den Ungarn unverzüglich mit der Aufstellung einer Armee begonnen, die man beschönigend nur k.u. Landwehr (Honvéd) nannte. Zunächst nur aus Infanterie bestehend, erhielt diese Landwehr dann auch eigene Kavallerie- und Artillerieverbände; die ungarische Administration bevorzugte sie bei der Zuteilung von Geld und Personal.auch wenn es hier keine Pioniere und keinen Train gab. Aus Gründen der Parität erhielt dann auch der Rest des Reiches eine Landwehr, die wiederum von der Administration der anderen Reichshälfte mit größtem Wohlwollen behandelt wurde. (Die zur k.k. Landwehr gehörenden fünf Regimenter der k.k. Gebirgstruppe waren mit das Beste in der gesamten „Bewaffneten Macht“.) Dies alles ging auf Kosten der Hauptarmee, deren Zuweisung an Rekruten stellenweise so gering war, dass zur Aufstellung der neuen Maschinengewehr-Einheiten die 4. Bataillone der Infanterie-Regimenter stellenweise bis auf einen Kader ausgedünnt werden mussten.Glaise-Horstenau: Österreich-Ungarns letzter Krieg, Bd. I, S. 28 ff.
Im Gesamtüberblick war Österreich-Ungarn personell, aber nicht materiell in der Lage, einen Konflikt wie den Ersten Weltkrieg lange durchzustehen.
Persönliche Ausrüstung (Montierung) Bereits 1914 begannen die ersten Versorgungsschwierigkeiten. Fehlende Vorratshaltung und die nicht auf diese Art von Massenproduktion vorbereitete Industrie führten zu einer extremen Verknappung von Uniformen (Monturstücken); ein ständiger Mangel blieb bis Kriegsende bestehen.
Unzureichende Fertigungsmengen bereiteten der Militärverwaltung das größte Kopfzerbrechen. Der zusätzlich aufgestellte Landsturm und die ersten Marschbataillone waren auf das angewiesen, was die ins Feld abgehenden Truppenteile in den Monturdepots zurückgelassen hatten. Der Gesamtbestand der 1914 in den Monturdepots vorhandenen hechtgrauen Uniformen dürfte sich auf ca. 700.000 Stück belaufen haben, dazu kamen noch etwa 300.000 Friedens- und Paradeuniformen, die nur bedingt verwendungsfähig waren. Schuhwerk war zu Kriegsbeginn nicht in ausreichender Menge vorhanden und selbst unter größten Bemühungen nicht zu beschaffen. Die Kommandanten der im Frühjahr 1915 aufgebotenen VI. und VII. Marschformationen waren angewiesen, das Schuhzeug auf dem freien Markt zu kaufen. Das dabei beschaffte Material entsprach allerdings nur selten den gestellten Anforderungen.
mini|hochkant=1.5|Uniformen der k.u.k. Armee im Heeresgeschichtlichen Museum Wien Für die Ausrüstung des Landsturms war die Situation noch prekärer. Vorbestimmt für den Dienst im Hinterland, war für den Landsturm lediglich eine Adjustierung mit blauen Friedensuniformen vorgesehen gewesen. Als die hohen Personalverluste es im Kriegsverlauf notwendig machten, auch Landsturmformationen in die Stellungsgräben zu schicken, fanden sich diese Männer zu Beginn des Krieges in ihren blauen Uniformen (oder sogar in Zivil mit einer schwarz-gelben Armbinde) an der vordersten Front wieder. Die Umkleidung in die ‚hechtgraue‘ Montur ging nur sehr schleppend voran, da die aktive Truppe vorrangig beliefert wurde. Eine erneute Belastungsprobe für die Monturverwaltung ergab sich nach der Kriegserklärung Italiens im Mai 1915 (Italien hatte sich auf die Seite der Triple Entente geschlagen): die Standschützen von Tirol und Vorarlberg sowie die Steirer und Kärntner Freiwilligen Schützen mussten zum Grenzschutz aufgerufen werden; diese etwa 39.000 Männer konnten ebenfalls nicht sofort gänzlich eingekleidet werden. Die Standschützen von Hall in Tirol rückten in Zivil aus,Wolfgang Joly: Standschützen. Schlern-Schriften, Innsbruck 1998, S. 269. die Kompanie von Predazzo konnte zunächst nur mit den Friedensuniformen der Landwehr ausgestattet werden.Wolfgang Joly: Standschützen. Schlern-Schriften, Innsbruck 1998, S. 493.
Die allgemeinen Versorgungsschwierigkeiten trugen auch dazu bei, dass die normierte Farbgebung der Felduniformen im Laufe des Krieges nicht mehr eingehalten werden konnte und die Farbtöne teils stark voneinander abwichen. (Neben dem vorgeschriebenen Hechtgrau gab es dunkelgraue, graugrüne und braune Farbtöne.)
Strategie und Planung Bei Kriegsbeginn im Jahr 1914 war die Armee nicht nur von der materiellen Ausstattung, sondern auch vom strategisch-taktischen Konzept nicht auf dem Stand, auf dem sie hätte sein müssen, um potentiellen Gegnern gewachsen zu sein. Ursache dafür war das Festhalten an überkommenen Vorstellungen (Standhaft bis in den Tod – Folge waren unnötige Personal- und Materialverluste), statt aus taktischen Gründen Gelände aufzugeben. Man hielt an den Lehren des Krieges von 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 fest (das im Jahr 1911 erlassene und von dem Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf stark beeinflusste Exerzierreglement für die FußtruppenExercierreglement gilt als gutes Beispiel für diese Art der Einstellung) und ignorierte die Weiterentwicklungen der Waffentechnik (z. B. Flugzeuge, Panzer, Brisanzgranate) und der Militärtaktik; diese waren in den Konflikten zwischen Russland und Japan 1905, in der von Österreich-Ungarn selbst militärisch bereinigten Bosnien-Krise 1908 und in den Balkankriegen 1912/1913 deutlich geworden.
Auch das ebenfalls von Conrad von Hötzendorf verfasste Handbuch Zum Studium der Taktik (1. Teil erschienen 1891) stand für den Grundgedanken der österreichisch-ungarischen Militärführung: Offensive und Angriff – um jeden Preis. Diese Doktrin wurde auch von vielen anderen Kriegsparteien (in Frankreich als Offensive à outrance verherrlicht)Alistair Horne: Des Ruhmes Lohn. Bastei, Lübbe 1980, S. 25. praktiziert. Das Resultat dieser Einstellung waren die ungeheuren Verluste, die der Friedensstamm des Heeres in Galizien hinnehmen musste und die nicht wieder ersetzt werden konnten. Man hatte ignoriert, dass man zwei Armeen gegenüberstand (Russland und Serbien), die im 20. Jahrhundert bereits in größere Kampfhandlungen verwickelt waren und die ihre strategisch-taktischen Ausrichtungen schon modernisiert hatten.
Nur zwei Länder kamen in den Kriegsplanungen des Generalstabes als Gegner in Frage: Russland oder Serbien gemeinsam mit Montenegro. Hierfür waren zwei Aufmarschpläne ausgearbeitet worden. Der Plan „R“ (Russland) behandelte den Zweifrontenkrieg und der Plan „B“ (Balkan) nur den Krieg gegen Serbien und Montenegro. Im Kriegsfall „R“ hatte die Hauptmacht der Armee mit der sogenannten Staffel „A“ (bestehend aus neun Korps und zehn Kavallerie-Truppendivisionen) von Galizien aus Russland anzugreifen. Unterstützend sollte die sogenannte „B“-Staffel aus vier Korps und einer Kavallerie-Truppendivision nachrücken. Gegen Serbien und Montenegro würde nur die Minimalgruppe Balkan mit drei Korps verfügbar sein. Im Fall „B“ sollten die Truppen der „B“-Staffel, verstärkt durch die drei Korps der Minimalgruppe Balkan und vier Kavallerie-Truppendivisionen, eingesetzt werden.
Italien und Rumänien wurden ebenfalls als potenzielle Kriegsgegner angesehen. Dieser Waffengang schien vorerst zurückgestellt, da beide Staaten formal über den Dreibund im Bündnis mit Österreich-Ungarn standen. Dennoch begann der Generalstab am Vorabend des Ersten Weltkrieges auch Pläne für den Fall „I“ zu entwerfen. Zentrales Element aller Pläne war eine hohe Aufmarschgeschwindigkeit. Im Fall „R“ sollte diese Russland an der Entfaltung seiner zahlenmäßigen Überlegenheit hindern. Bei einem ebenfalls drohenden Mehrfrontenkrieg sollte auf diese Weise ein schneller Sieg an einer Front erzielt werden, um die begrenzten eigenen Kräfte schnell auf dem anderen Kriegsschauplatz einsetzen zu können.Günther Kronenbitter: Den Krieg fordern und vorbereiten: Der österreichisch-ungarische Generalstab 1906 bis 1914. in: Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 17–19.