mini|Globuli, eine aus Haushaltszucker bestehende ArzneiformVgl. etwa Annina Bergner: Herstellung von homöopathischen Globuli in der Apotheke. In: PTA heute. 29. Juni 2021. der Homöopathie
Als Homöopathie [] (von und ) wird eine pseudowissenschaftliche Behandlungsmethode aus dem Bereich der Alternativmedizin bezeichnet. Sie beruht auf Vorstellungen von Samuel Hahnemann aus dem Jahr 1796, wonach für die Behandlung ein Arzneimittel anzuwenden ist, das in höherer Konzentration an Gesunden ähnliche Symptome hervorruft wie die Krankheit (Ähnlichkeitsprinzip). Eine wissenschaftliche Begründung und ein Nachweis für eine pharmakologische Wirksamkeit homöopathischer ArzneimittelBundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Homöopathische Arzneimittel. existieren nicht. Es lässt sich keine therapeutische Wirkung nachweisen, die über Placebo-Effekte hinausgeht. Von der wissenschaftlichen Medizin wird die Homöopathie als pharmakologisch wirkungslose, in einigen Fällen riskante Behandlung abgelehnt. Ein Gegenbegriff zur Homöopathie ist die Allopathie.
Grundsätze Die Homöopathie ist eine weit verzweigte Praxis mit vielen Varianten, die sich zwar alle auf Hahnemann und sein „Ähnlichkeitsprinzip“ berufen, in anderen Punkten aber teilweise erheblich voneinander abweichen. Häufig wenden sie eine „Arzneimittelprüfung am Gesunden“, die Erhebung einer ausführlichen Anamnese und die Verdünnung von „Grundsubstanzen“ bei der Herstellung homöopathischer Mittel an.Homöopathie – Eine Heilkunde und ihre Geschichte. Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart 2006, ISBN 3-00-018349-3.
Ähnlichkeitsprinzip (Simile-Prinzip) mini|400-Pf-Sondermarke von Deutschland (1996) mit einer Silhouette Hahnemanns und seiner Ähnlichkeitsregel similia similibus curentur
Hahnemann formulierte für Heilungen das „Ähnlichkeitsprinzip“: „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“ (lateinisch similia similibus curentur oder curanturM. Furienmeier: Was heißt "Ähnlich"? - Gedanken zu HAHNEMANNs Fundamentalsatz SIMILIA SIMILIBUS. In: Zeitschrift für Klassische Homöopathie 1994, Band 38, Nummer 1, S. 14–18.). Danach sollen Krankheiten durch Mittel geheilt werden, die in hoher Konzentration bei einem Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen wie die Krankheit.
Bei der Behandlung soll der „gemüthliche und geistige Charakter“Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. 6. Auflage. § 5. des Patienten ebenfalls berücksichtigt werden. Hierzu erstellten Hahnemann und seine Nachfolger ausgedehnte Tabellen (Repertorien), mit deren Hilfe der Homöopath die Krankheitserscheinungen seines Patienten einem Arzneimittelbild zuordnen soll.
Die Idee eines (auch in den „Etymologien“ des Isidor von Sevilla im 7. Jahrhundert von anderen Heilmethoden unterschiedenenBernhard Dietrich Haage: „curatio aut ex contrariis, aut ex similibus“ (Isidor, Etymologien, IV, IX,5). Zu ‘Parzival’ 489,22–490,30. In: Martin Ehrenfeuchter, Thomas Ehlen (Hrsg.): „Als das wissend die meister wol“. Beiträge zur Darstellung und Vermittlung von Wissen in Fachliteratur und Dichtung des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Walter Blank zum 65. Geburtstag. Frankfurt am Main 2000, S. 163–168.) Simile-Prinzips lässt sich nicht allein auf Hahnemann zurückführen.Annemarie Maier: Der Ähnlichkeitsgedanke vor Hahnemann. Medizinische Dissertation Freiburg im Breisgau 1944. Ansatzweise finden sich die Ideen bereits im Corpus Hippocraticum und den Schriften von Paracelsus:Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. C.H. Beck Verlag, München 1996, ISBN 3-406-40495-2, S. 180.
Die Entwicklung zum zentralen Prinzip der Homöopathie geht unter anderem auf einen Selbstversuch Hahnemanns zurück, mit dem er herausfinden wollte, wie die damals schon als Mittel gegen Malaria bekannte Chinarinde wirkt („Chinarindenversuch“).Georg Bayr: Hahnemanns Selbstversuch mit der Chinarinde 1790. Die Konzipierung der Homöopathie. Haug, Heidelberg 1989, ISBN 3-8304-0210-4. Nach sechs Jahren weiterer Experimente an sich und seinen Familienmitgliedern mit anderen Substanzen formulierte Hahnemann 1796 das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie in Form eines Postulats, veröffentlicht in Christoph Wilhelm Hufelands Journal der praktischen Arzneikunde. Hahnemann schrieb hierzu in seinem Grundlagenwerk der Homöopathie, dem Organon der Heilkunst:
Voraussetzungen für die Anwendung des Ähnlichkeitsprinzips in der Homöopathie sind zum einen die Kenntnis der Wirkung der homöopathischen Mittel (siehe „Homöopathische Arzneimittelprüfung“) und zum anderen die exakte Erfassung des Symptombildes des Patienten in der homöopathischen Anamnese (siehe „Wahl des Mittels“).
Schon Zeitgenossen Hahnemanns haben die Beliebigkeit des Ähnlichkeitsprinzips kritisiert, welches aus wissenschaftlicher Sicht nicht nachvollziehbar ist.Krista Federspiel, Vera Herbst: Stiftung Warentest. Die andere Medizin. Nutzen und Risiken sanfter Heilmethoden. Stiftung Warentest, 2006, ISBN 3-937880-35-6. So bezeichnete Ludwig Griesselich das Simile-Prinzip als Sack, in den „man Alles hineinstecken kann“. Bis heute wurde noch kein Medikament nach diesem Prinzip entdeckt, das Eingang in die evidenzbasierte Medizin gefunden hat.Rainer Wolf: Homöopathie. In: Naturwissenschaftliche Rundschau. Nr. 8, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2006, S. 457–458 ( PDF-Dokument; 68 kB). Hahnemanns Chinarindenversuch konnte nie reproduziert werden. Es wird vermutet, dass Hahnemann allergisch auf Chinarinde reagierte.Jütte, In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 1996; Bayr 1989.Eine den Hahnemannschen Symptomen ähnelnde Reaktion wird in diversen Fallbeschreibungen als Überempfindlichkeitsreaktion auf prophylaktische Chiningaben geschildert (für einige Beispiele: Bayr 1989).
Homöopathische Arzneimittelprüfung mini|Historisches Homöopathieset
Bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden in der Homöopathie Arzneimittelprüfungen durchgeführt, die jedoch keineswegs arzneimittelrechtlichen Medikamentenstudien gemäß dem Arzneimittelgesetz (siehe unten) entsprechen, sondern nach Hahnemanns Vorgaben durchgeführt wurden: Homöopathische Prüfer, die gesund sein müssen, nehmen ein Mittel ein und notieren anschließend alle Veränderungen und Reaktionen, die sie an sich feststellen.
Die aufgezeichneten Symptome mehrerer solcher Prüfungen werden zu einem homöopathischen Arzneimittelbild zusammengefasst und in Verzeichnissen geordnet. Je nach Ordnungskriterium handelt es sich dabei entweder um Arzneimittellehren (nach Mitteln geordnet) oder um Repertorien, die nach Symptomen zusammengestellt werden. Es gibt keine einheitlichen Vorschriften für Arzneimittelprüfungen, lediglich Empfehlungen.In Deutschland beispielsweise Empfehlungen der Kommission D des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zur Planung und Durchführung homöopathischer Arzneimittelprüfungen (PDF); 108 kB
Hahnemann selbst hatte schon im Jahr 1805 angebliche Wirkungen von 27 verschiedenen Mitteln an gesunden Menschen beschrieben.Samuel Hahnemann: Fragmenta de viribus medicamentorum positivis sive in sano corpore humano observatis. 1805. (Neuauflage: BiblioBazaar, LLC 2009, ISBN 978-1-103-22585-9)Samuel Hahnemann – Eine kurze Biographie über sein Leben & Schaffen. S. 10. (online; PDF-Dokument; 573 kB) Er betonte, dass sämtliche Befindlichkeiten der Probanden während der Wirkungszeit des Mittels als durch dieses ursächlich hervorgerufen gelten müssten, selbst wenn der Prüfer Ähnliches in anderen Zusammenhängen beobachtet habe.Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. 6. Auflage. § 138:
Diese Prüfungen wurden bereits im 19. Jahrhundert als „höchst unwissenschaftlich“ kritisiert. Ihre „Kunst“ bestehe darin, . Schon 1927 war in den Originalschriften von Samuel HahnemannSamuel Hahnemann: Reine Arzneimittellehre. Teil 2. 1. Auflage. 1816, S. 171–231. zu finden, dass Berichte von nicht weniger als 716 Symptomen vorlägen, die Hahnemann durch Reiben mit Magneten an Personen erhalten habe.Fritz Donner: Bemerkungen zu der Überprüfung der Homöopathie durch das Reichsgesundheitsamt 1936 bis 1939. In: Perfusion. 8, 1995, Klaus Pia Verlagsgesellschaft mbH Nürnberg Eine von einigen Homöopathen durchgeführte Untersuchung von Arzneimittelprüfungen der Jahre 1945 bis 1995 ergab, dass diese Prüfungen sehr unterschiedlich gehandhabt wurden und meist von sehr niedriger Qualität waren.F. Dantas, P. Fisher, Harald Walach, F. Wieland, D. P. Rastogi, H. Teixeira, D. Koster, J. P. Jansen, J. Eizayaga, M. E. P. Alvarez, M. Marim, P. Belon, L. L. M. Weckx: A systematic review of the quality of homeopathic pathogenetic trials published from 1945 to 1995. In: Homeopathy. 96, 2007, S. 4–16. PMID 17227742
Homöopathische Anamnese Nach Hahnemann ist Krankheit „eine besondre Stimmung“ des Organismus,Samuel Hahnemann: Organon der rationellen Heilkunde. Dresden 1810, S. 21 (Digitalisat) die der Heilkünstler anhand der Symptome zu erkennen und zu beseitigen habe.James Tyler Kent: Zur Theorie der Homöopathie: Vorlesungen über Hahnemanns Organon. Georg Thieme Verlag, 2001, S. 135 (Google Books). Bei der homöopathischen Anamnese eines Patienten, d. h. einer Beobachtung und Befragung, wird versucht, das gesamte Symptombild und die Art der „Verstimmung der Lebenskraft“ zu erfassen. Im Unterschied zur Anamnese in der naturwissenschaftlichen Medizin wird in der homöopathischen Anamnese der Patient auch über eine Vielzahl von Sachverhalten befragt, die aus naturwissenschaftlicher Sicht unerheblich sind. Ziel ist es, dasjenige Mittel herauszufinden, bei welchem die beim gesunden Menschen beobachteten Symptome möglichst mit denen übereinstimmen, die bei der Anamnese des Kranken erfasst wurden (Repertorisierung, Repertorisation).Homöopathische AnamneseCaroline Eyles, Geraldine M. Leydon, George T. Lewith, Sarah Brien: A Grounded Theory Study of Homeopathic Practitioners' Perceptions and Experiences of the Homeopathic Consultation. In: Evid Based Complement Alternat Med. 2011, Epub 30. September 2010. PMID 20981269, doi:10.1155/2011/957506
Potenzierung
Homöopathische Arzneimittel werden durch Potenzierung von Grundsubstanzen hergestellt. Potenzierung ist eine starke Verdünnung bei gleichzeitiger „Dynamisierung“ (Verschüttelung oder Verreibung). Das heißt, „Urtinkturen“ (pflanzlichen und tierischen Ursprungs: Symbol: Ø oder mineralischen und chemischen Ursprungs: Symbol O) werden wiederholt mit Wasser, Ethanol oder Glycerin verschüttelt oder mit Milchzucker verrieben. Die Verdünnung wurde zunächst wegen der Giftigkeit vieler der verwendeten Stoffe durchgeführt. Erst in einer späteren Phase verordnete Hahnemann „Hochpotenzen“. Er nahm an, dass durch das besondere Verfahren eine Zitat aus: Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. 6. Auflage. § 20 wirksam werde.Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. 6. Auflage. § 269. Zur Begründung der Hochpotenzen ging er davon aus, dass sich hier .Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. 6. Auflage. § 270.
Homöopathische Mittel werden flüssig (Dilution) oder als Globuli, in tiefen Potenzen auch in Form von Tabletten angewendet.