mini|Die Aphrodite von Melos, um 120 v. Chr. (heute im Louvre, Paris)

Aphrodite (; klassische Aussprache: ; Koine: ; modern-philologische Aussprache: ) ist gemäß der griechischen Mythologie die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde und eine der kanonischen zwölf olympischen Gottheiten. Sie wurde insbesondere als Schutzherrin der Sexualität und Fortpflanzung verehrt, die sowohl den Fortbestand der Natur als auch die Kontinuität der menschlichen Gemeinschaften gewährleistete.Vinciane Pirenne-Delforge: Artikel Aphrodite. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hrsg. von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 1, Metzler, Stuttgart und Weimar 1996, Sp. 838–844. Ihr Pendant in der römischen Mythologie ist Venus.

Etymologie Die Etymologie des Namens der Göttin wird ebenso wie die Herkunft ihres Kults bis heute kontrovers diskutiert. Seit der Antike wurde der erste Wortteil mit altgriechisch aphrós ( „Schaum (des Meeres)“) zusammengebracht und durch das Attribut aphrogenḗs, aphrogéneia ( „die Schaumgeborene“) kommentiert,Hesiod, Theogonie 196 wobei allerdings die Etymologie des zweiten Wortteils weitgehend dunkel blieb. Seit dem späten 19. Jahrhundert haben daher IndogermanistenHjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch. Band 1, Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1960, S. 196 f. (Digitalisat), hielt die Herkunft von semitisch Aštoret (eine Form, die West ganz verwerfen wird) oder Astarte durch „volksetymologische Angleichung“ für „möglich“, ohne aber eine genaue Herleitung zu geben; Robert S. P. Beekes: Etymological Dictionary of Greek. Band 1, Brill, Leiden und Boston 2010, S. 179. und GräzistenWalter Burkert: Greek Religion. Übersetzung von John Raffan. Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1985, S. 152 ff. (deutsch: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. Stuttgart 1977); ders.: Die Griechen und der Orient. Von Homer bis zu den Magiern. C. H. Beck, München 2003, S. 38, 47 ff.Martin Litchfield West: The Name of Aphrodite. In: Glotta. Zeitschrift für griechische und lateinische Sprache. Band 76, Heft 1–2, 2000, S. 134–138. eine griechische Herleitungsmöglichkeit für den Götternamen bezweifelt und stattdessen eine orientalische Herkunft vermutet. Allerdings lehnte Martin Litchfield West die von Fritz Hommel vorgeschlagene direkte Ableitung aus dem semitischen Theonym ʿAštartFritz Hommel: Aphrodite–Astarte. In: Neue Jahrbücher für Philologie und Paedagogik. Band 125, 1882, S. 176. (von dem griechisch herrühren) ab und setzte an deren Stelle eine – nach eigenem Bekenntnis rein spekulative – Ableitung von einem unbelegten ʿAštart-Epitheton *prāzît „die von den Dörfern“, das in zyprisch-kanaanitischem Dialekt *[ʿaproðiːt] ausgesprochen worden wäre.

mini|hochkant=1.3|Fresko der Aphrodite als Anadyomene, vielleicht nach einem Bildnis des Apelles, Pompeji

Im Jahr 1911 hat Ernst Maaß eine Etymologie vorgelegt, die den Namen neben aphrós auf eine Ableitung des Verbs déatο ( „schien, hatte den Anschein“, rekonstruierter Infinitiv ; vgl. „offenbar, deutlich“) zurückführt.Ernst Maaß: Aphrodite und die heilige Pelagia. In: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur. Band 27, 1911, S. 457–468; Vittore Pisani: Akmon e Dieus. In: Archivio glottologico italiano. Band 24, 1930, S. 65–73. Der Name der Göttin würde demnach „die im Schaum (des Meeres) Aufstrahlende“ bedeuten. Dieser Deutung hat sich auch Michael Janda angeschlossen.Michael Janda: Eleusis. Das indogermanische Erbe der Mysterien. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, Innsbruck 2000, S. 154 ff.; ders.: Elysion. Entstehung und Entwicklung der griechischen Religion. Institut für Sprachen und Literaturen der Universität Innsbruck, Innsbruck 2005, S. 349–360. Darüber hinaus sieht Janda, der daneben eine sekundäre Beeinflussung der mythologischen Vorstellungen um die griechische Aphrodite durch die phönizische ʿAštart für möglich hält, Aphrodite in Übereinstimmung mit Deborah BoedekerDeborah Boedeker: Aphrodite’s Entry into Greek Epic. Leiden und Ann Arbor (UMI) 1974, S. 15 f. und George E. DunkelGeorge E. Dunkel: Vater Himmels Gattin. In: Die Sprache. Zeitschrift für Sprachwissenschaft. Band 34, 1, 1988–1990, S. 1–26. als griechische Entsprechung der indischen Göttin der Morgenröte Uṣas, mit der sie neben mehreren Epitheta – darunter das einer „Tochter des Himmels“ (indogermanisch *diṷós dhugh2tēr[r] > griechisch „Zeustochter“)Homer, Ilias 3,374; 5,131 und das der „gern (oder hold) lächelnden“ (griechisch )Homer, Ilias 14,211 – auch das verführerische Auftreten teile.

Daneben lässt sich der Mythos der dem Meeresschaum entsteigenden Aphrodite, der sich mit weiteren Epitheta der Göttin wie Euploía ( „die gute Seefahrt verleiht“) und Pontía ( „die vom Meer“) verbindet, an das Bild der allmorgendlich aus dem Okeanos aufsteigenden EosVgl. Homer, Odyssee 12,1–4 (der auch phonetischen Entsprechung der vedischen Uṣas) anschließen. Dunkel hat daran erinnert, dass neue Götter häufig durch die Verselbständigung älterer Epitheta hervorgegangen sind. Demnach wären die griechischen Göttinnen Eos und Aphrodite aus der Aufspaltung einer ursprünglichen indogermanischen Göttin der Morgenröte (*H2ausōs) hervorgegangen, von der auch die vedische Uṣas abstammt.Friedrich Max Müller: Lectures on the Science of Language, delivered at the Royal Institution of Great Britain in February, March, April & May, 1863. Second series. Longman, Green, Longman, Roberts & Green, London 1864, S. 373.Daniel Kölligan: Aphrodite of the dawn: Indo-European heritage in Greek divine epithets and theonyms. In: Letras clássicas. Nr. 11, 2007, S. 105–134 (Digitalisat). Auch die Verknüpfung Aphrodites mit der im Osten der griechischen Welt gelegenen Insel Zypern ließe sich durch diese auf die Göttin der Morgenröte verweisende Genealogie erklären.Vgl. die Überlegungen zu Aphrodite als „zugleich […] Griechin und Fremde“ bei Vinciane Pirenne-Delforge: Artikel Aphrodite. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hrsg. von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 1, Metzler, Stuttgart und Weimar 1996, Sp. 838–844.

Mythos Geburt mini|Darstellung der Aphrodite Anadyomene auf dem Ludovisischen Thron, vermutlich um 460 v. Chr. (Museo Nazionale Romano)

Nach Hesiod ist sie die Tochter des Uranos. Dessen Sohn Kronos schnitt ihm, auf Rat seiner Mutter Gaia, die Geschlechtsorgane mit einem Sichelhieb ab und „warf diese hinter sich“ ins Meer. Das Blut und der Samen vermischten sich mit dem Meer, welches ringsum aufschäumte und daraus Aphrodite gebar, die nach Hesiod zunächst auf Kythera, dann an der Küste von Zypern an Land ging.Hesiod, Theogonie 176–200 Dort schmückten laut den Homerischen Hymnen die Horen sie, bevor sie den Unsterblichen vorgestellt wurde.Homerische Hymnen 6,5–13 Nach PausaniasPausanias 2,1,7–8 und Nonnos von Panopolis war es die Göttin Thalassa ( „die See“), welche den Samen empfing. Nachdem sie im Olymp aufgenommen war, wurde sie Adoptivtochter des Zeus.

Daneben bestehen noch weitere Mythen über die Abstammung der Göttin, so ist sie bei Homer die Tochter des ZeusHomer, Ilias 5,312 und der Dione,Homer, Ilias 5,370 Tochter des Zeus auch in den Homerischen Hymnen.Homerische Hymnen 5,81 Eine weitere, freilich späte Quelle nennt sie gemeinsam mit den Erinnyen und den Moiren als Tochter des Kronos.Johannes Tzetzes, ad Lycophronem 406 Hyginus Mythographus adaptiert den Geburtsmythos der syrischen Semiramis und schreibt, sie sei aus einem Ei geschlüpft, welches von Fischen an Land gerollt und von Tauben ausgebrütet worden war.Hyginus Mythographus, Fabulae 197

mini|Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus, 1485 (Uffizien, Florenz)

Tätigkeit und Charakter mini|hochkant=0.9|Die sogenannte Aphrodite von Fréjus, römische Kopie nach einem Original aus dem späten fünften Jahrhundert v. Chr., vielleicht von Kallimachos (Louvre)

Bei Homer erscheint sie als Beschützerin der geschlechtlichen Liebe (so namentlich bei der Verführung der Helena durch Paris), daneben als Verkörperung der SchönheitHomer, Ilias 3,396 f.; 9,389 und folglich Siegerin im Schönheitswettstreit mit Hera und Athena vor Paris, daneben aber auch als Advokatin der Ehe.Homer, Odyssee 20,73 f. Zum Zorn gereizt, kann sie ihre Gaben allerdings auch ebenso schnell wieder entziehen.Homer, Ilias 3,413–415 Ihre bevorzugten Attribute bei Homer sind „die Goldene“ ()Homer, Ilias 3,64; 9,389 sowie die schon genannten Diós thygátēr ( „Zeustochter“) und das allein ihr vorbehaltene philommeidḗs ( „hold Lächelnde“).

Ihren unwiderstehlichen Liebreiz verdankt sie einem zauberkräftigen Gürtel, dem kestòs himàs poikílos ( „buntbestickter Gürtel“), den sie auf Bitten gelegentlich ausleiht, so auch an die Göttermutter Hera.Homer, Ilias 14,214–220 Ihr Mann, der Schmiedegott Hephaistos, hatte ihn ihr aus Gold und Edelsteinen gefertigt. Den Charakter einer allgemeinen Fruchtbarkeitsgöttin beschreibt plastisch der fünfte der Homerischen Hymnen (5,1–6): Μοῦσά μοι ἔννεπε ἔργα πολυχρύσου Ἀφροδίτης, Κύπριδος, ἥ τε θεοῖσιν ἐπὶ γλυκὺν ἵμερον ὦρσε καί τ’ ἐδαμάσσατο φῦλα καταθνητῶν ἀνθρώπων οἰωνούς τε διιπετέας καὶ θηρία πάντα, ἠμὲν ὅσ’ ἤπειρος πολλὰ τρέφει ἠδ’ ὅσα πόντος· πᾶσιν δ’ ἔργα μέμηλεν ἐυστεφάνου Κυθερείης. Muse, sage mir die Werke der goldenen Aphrodite, Herrin auf Kypros; süßes Verlangen weckt sie den Göttern, überwältigt der sterblichen Menschen Geschlechter, die Vögel hoch in den Lüften, die Scharen der Tiere, aller zusammen, mag sie das Festland, mag sie das Weltmeer zahllos ernähren: jedes buhlt um die Gnaden der schön bekränzten Kytherea.Übersetzung: Homerische Hymnen. Griechisch und deutsch herausgegeben von Anton Weiher (Sammlung Tusculum). Sechste Auflage, Artemis, München und Zürich 1989, S. 93.

Gefolge Zu ihrem Gefolge gehören Eros, Himeros ( „Verlangen“)Homerische Hymnen 5,73 und Peitho (, die vergöttlichte „Überredungskunst“Sappho Fragment 57a), sowie die Chariten (). Diese haben der Göttin laut der Ilias einen (leider kaum schützenden) „ambrosischen Peplos“ gewebt.Homer, Ilias 5,338 In der Odyssee tanzt Aphrodite gar selbst im „sehnsuchtsvollen Tanz der Chariten“ () mit.Homer, Odyssee 18,194 An diese Gemeinschaft erinnert auch der Kult der Aphrodite Akidalia in Orchomenos, wo sie gemäß dem Mythos gemeinsam mit den Chariten in einer Quelle badet.Vgl. Vergil, Aeneis 1,720;

Liebschaften mini|hochkant=0.9|Aphrodite und Adonis auf einer attisch-rotfigurigen Lekythos, spätes fünftes Jahrhundert v. Chr. (Louvre)

Verheiratet ist Aphrodite mit Hephaistos,Homer, Odyssee 8,318 dem Gott des Feuers und der Schmiedekunst, den sie allerdings mit Sterblichen und Unsterblichen betrügt. Notorisch ist ihre lange Beziehung zum Kriegsgott Ares, aus der Eros, Harmonia, Phobos, Deimos und Anteros entstanden – wie es auch Demodokos bei den Phaiaken in seinem burlesken Lied besingt.Homer, Odyssee 8,266–366. Auch dies war eventuell eine Ehe, nur nach anderer Überlieferung: vgl. Laut Homer wurden die beiden mitten im Akt von Hephaistos in flagranti entdeckt und in einem Netz gefangen. Als der Schmiedegott sie so den anderen Göttern präsentierte, erhob sich unter diesen das sprichwörtliche homerische Gelächter.

Aus Aphrodites Liebschaft mit dem Trojaner Anchises ging Aeneas (griech. Aineias) hervor,Homerische Hymnen 5,53–291 Held im Trojanischen Krieg, der dann zu den mythischen Stammvätern der Römer gehören sollte und aus dessen Sohn angeblich das Geschlecht der Julier, zu dem auch Gaius Iulius Caesar gehörte, entsprang. Außerdem gebar sie dem Dionysos den PriaposScholien zu Apollonios von Rhodos, Argonautika 1,932 f. und dem Hermes den Hermaphroditos.Ovid, Metamorphosen 4,288–388