mini|hochkant|Selbstbildnis (1932) Ernst August Heinrich Thoms (* 13. November 1896 in Nienburg/Weser; † 11. Mai 1983 in Wietzen) war ein deutscher Maler der Neuen Sachlichkeit.
Biografie Thoms war der Sohn von Christiane Schultze und Peter von Jetschewski. Nach der Geburt ihres Sohnes heiratete Christiane Schultze den Heinrich Thoms, der den Jungen adoptierte. In der Folge bekam Thoms noch vier weitere Geschwister.Hans-Otto Schneegluth: Kindheit und Jugend 1896 bis 1914. Aus: Museum Nienburg/Weser (Hrsg.): Ernst Thoms. 1896 Nienburg – 1983 Langeln-Wietzen. Gedächtnisausstellung zum 100jährigen Geburtstag am 13. November 1996 im Museum Nienburg – Quaet-Faslem-Haus und Fresenhof. Museumsverein für die Grafschaften Hoya, Diepholz und Wölpe, Nienburg/Weser 1996, ISBN 3-9802844-4-1, S. 8 ff.
Thoms hatte schon als Kind den Wunsch, Kunstmaler zu werden. Seine Großmutter erkannte und förderte dieses Interesse. 1911 begann er eine Lehre als Anstreicher bei dem Malermeister Ernst Rahlf in Nienburg/Weser.Georg Grabenhorst: Ernst Thoms. Niedersächsisches Kultusministerium (Hrsg.). Musterschmidt-Verlag Göttingen 1965, S. 6. Neben seiner Ausbildung übte er sich weiterhin im bildnerischen Gestalten, unter anderem, indem er Postkarten, Sammelbildchen und Reklameschilder kopierte.Ernst Thoms: Übergabe des Schlosses Gaisberg bei der Grenzstadt Weissenburg (Elsass) am Nachmittag des 4. August 1870. Umsetzung eines Postkartenmotivs durch den damals 17jährigen Malerlehrling Ernst Thoms. Provenienz: Museum Nienburg/Weser, Ölgemälde, datiert und signiert...: E. Thoms (19)13. Inv.-Nr. 2011/0074; Werkverzeichnis: Th-00949. Eine Postkarte mit dem Vorlagenmotiv befindet sich ebenfalls im Besitz des Museums Nienburg/Weser.
Die Kargheit des Elternhauses, das soziale Umfeld in seiner Heimatstadt und die ländliche Umgebung, die Thoms in seiner Kindheit und Jugend oft durchstreifte, prägten seine charakterliche und künstlerische Entwicklung und inspirierten ihn später häufig bei der Motivauswahl seiner Bilder.
Erster Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft mini|Kriegsgefangene (1917) Zu Beginn des Ersten Weltkriegs brach Thoms seine Ausbildung kurz vor der Abschlussprüfung ab und meldete sich mit 17 Jahren freiwillig als Soldat. Er diente als Infanterist. Am 23. Oktober 1914 geriet er während der Ersten Flandernschlacht bei Langemarck in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst Ende 1919 zurückkehrte. Thoms wurde ein Jahr in einem Kriegsgefangenenlager bei Templemore in der Grafschaft Tipperary in Irland interniert, danach für vier weitere Jahre in ein Lager in Leigh bei Manchester in England verlegt.Heinrich-Detlev Gadesmann: „Nur malen, malen und allein sein“. Ernst Thoms. Historische Schriftenreihe des Landkreises Nienburg/Weser (Hrsg.). Sonderausgabe 1991
Den Schock der Kriegserlebnisse und der Kriegsgefangenschaft kompensierte er im Lager mit seinem Drang, sich künstlerisch auszudrücken.Heinrich-Detlev Gadesmann: Beschreibender Werkkatalog der Ölbilder von Ernst Thoms. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg. 1981.
Diese Tätigkeit gab ihm nicht nur inneren Halt, er fand im Lager auch Anerkennung mit realitätsnahen Skizzen seiner Kameraden und der englischen Wachsoldaten.Georg Grabenhorst: ebenda, S. 7: „Kriegsgefangene“, dat. E. Th. 12.9.17. Bei einem Malwettbewerb der Royal Academy im Kriegsgefangenenlager errang Thoms mit der Zeichnung eines strickenden Soldaten den 2. Preis. Der englische Lageroffizier Colonel Hartley freundete sich mit Ernst Thoms an. Er versorgte ihn mit guten Farben und Stiften, ließ sich mehrfach von ihm porträtieren und kaufte ihm diese Blätter zum symbolischen Festpreis ab.
Nachkriegszeit und frühes Schaffen Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und seiner Rückkehr nach Deutschland an seinem 23. Geburtstag im November 1919 legte Thoms die Prüfung zum Malergesellen ab. In dieser Zeit skizzierte er häufig die Schrecken seiner Kriegserinnerungen. 1920 besuchte er die Kunstgewerbeschule Hannover in der Klasse von Fritz Burger-Mühlfeld. Hier lernten sich Friedrich Busack, Grethe Jürgens, Hans Mertens, Gerta Overbeck, Karl Rüter, Erich Wegner und Ernst Thoms kennen. Aus diesen Schülern bildete sich ein Kreis, der als „Hannoversche Gruppe der Neuen Sachlichkeit“ bekannt wurde.
mini|hochkant|Plakatentwurf (1928) Thoms verließ die Kunstgewerbeschule nach sechs Monaten, um sich autodidaktisch weiterzubilden. Als Individualist strebte er danach, unabhängig seinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Er wollte den Ausdruck, die Kraft und die Einfachheit seines malerischen Vortrages fern vom Einfluss der akademischen Zwänge entwickeln und vertiefen.Hans Seutemann: Vorbemerkungen zur Bilderausstellung von Ernst Thoms in der Kestnergesellschaft Hannover vom 23. Mai bis 20. Juli 1926. Aus: Neue Sachlichkeit in Hannover. Katalog der Ausstellung, Kunstverein Hannover 1974, S. 109 mini|hochkant|Husaren (1924) Er zog sich zum Arbeiten in sein Dachbodenatelier in der Calenberger Straße in Hannover zurück.
Die künstlerische Bindung zu seinen Mitschülern der Kunstgewerbeschule lockerte sich, er blieb ihnen aber freundschaftlich verbunden. Seine Kommilitonin Gerta Overbeck war in den zwanziger Jahren seine Lebensgefährtin. Sie porträtierte ihn 1926.Heike Scholz: Am Rande des Blickfeldes. Grethe Jürgens – eine Künstlerin der zwanziger Jahre in Hannover. Dissertation an der Philipps-Universität Marburg 1999, S. 114.
Trotz der Freundschaften innerhalb der Gruppe seiner Mitschüler war er künstlerisch auf Abstand bedacht, ein Eigenbrötler, „unbeugsam unangepaßt“, ein „großartig Widerborstiger“.Helmut R. Leppien (Red.): Neue Sachlichkeit in Hannover. Katalog der Ausstellung, Kunstverein Hannover 1974
Thoms widmete sich im Selbststudium den Themen Landschaften, Stillleben und Bildnissen. Zusätzlich arbeitete er als Anstreicher, als Plakatemaler und als Bühnenmaler an den Städtischen Bühnen Hannover, da er bis in die späten Zwanziger Jahre nur von der Kunst allein nicht leben konnte.Karin Stempel: Ernst Thoms. Ein Hannoveraner Maler der Neuen Sachlichkeit. Katalog des Landesmuseums Oldenburg zur Ausstellung im Augusteum vom 28. April bis 6. Juni 1982. Peter Reindl (Hrsg.). Verlag Isensee, Oldenburg 1981, ISBN 3-920557-47-6.
Neue Sachlichkeit in Hannover
mini|Es ist Winter (um 1928) Thoms kennzeichnete seinen künstlerischen Ausdruck und den der hannoverschen Gruppe der Neuen Sachlichkeit so:
Die hannoverschen Maler der Neuen Sachlichkeit wahrten eine konstruktive Strenge und eine stilllebenhafte Zurückhaltung im Ausdruck. Ihre Bilder waren streng gegliedert. Nüchtern und gegenwartsbezogen stellten sie die Realität des gesellschaftlichen Umbruchs in der Weimarer Republik nach dem verlorenen Krieg dar: Direkt, genau beobachtend, oft hart, aber nicht aggressiv.
Gleichzeitig haben ihre Bilder häufig auch weiche, träumerische, poetisch stimmungsvolle, manchmal sogar märchenhafte Züge. Sie hatten auch einen Hang zur Schwermut, die auch wohl die Häufigkeit der Winterbilder erklärt. Die hannoversche Gruppe der Neuen Sachlichkeit galt in der Zeit der Weimarer Republik als die geschlossenste dieses Genres.
mini|hochkant|Mädchen im Café (1925) Ernst Thoms malte, sich an der altdeutschen Tradition orientierend, nüchtern, einfach und sachlich – für jeden verständlich. Seine Leidenschaft war die Landschaft, die er dem Stillleben oder dem Porträt vorzog.Emil Strodthoff: Pinsel und Palette in Hannover. In: Hannoversches Tageblatt, 12. Juni 1932. Aus: Heinrich-Detlev Gadesmann: Beschreibender Werkkatalog der Ölbilder von Ernst Thoms. S. 4 In seinen Bildern spiegelte sich auch ein norddeutscher Ernst und eine gewisse Schwere wider.Zit. nach: Georg Hoeltje: Gemälde „Holländische Landschaft“. Landschaftsbilder von Ernst Thoms. In: Westermanns Monatshefte, 81. Jhrg., Bd. 162, 1937, 53 ff. Aus: Heinrich-Detlev Gadesmann: Beschreibender Werkkatalog der Ölbilder von Ernst Thoms. S. 5
Künstlerischer Durchbruch In den 1920er Jahren lebten und arbeiteten auch Kurt Schwitters und Friedrich Vordemberge-Gildewart in Hannover, die viel Beachtung fanden, während der Realismus der Gruppe „Neue Sachlichkeit“ als unzeitgemäß empfunden wurde. mini|Dachboden (1926) Thoms war einer der ersten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, die ab Mitte der 1920er Jahre im In- und Ausland Anerkennung fanden. Aus seiner ersten Ausstellung 1926 in der Kestner-Gesellschaft Hannover heraus erwarb das Provinzialmuseum Hannover das Gemälde Dachboden, ein „...typisches Beispiel für den magischen Realismus in Deutschland“. (Georg Jappe).Georg Jappe: Kunst der Zwanziger Jahre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30. September 1967. Aus: Heinrich-Detlev Gadesmann: Beschreibender Werkkatalog der Ölbilder von Ernst Thoms. S. 7. Wieland Schmied bezeichnete Ernst Thoms als „die wichtigste Gestalt in der hannoverschen Gruppe“ der Neuen Sachlichkeit.Wieland Schmied: Neue Sachlichkeit und magischer Realismus in Deutschland 1918–1933. Fackelträger-Verlag Hannover 1969, S. 32, S. 66 ff.
1927 nahm er an der Zentenarausstellung „Europäische Kunst der Gegenwart“ in Hamburg teil. Im gleichen Jahr gewann er den Kunstwettbewerb der Literaturzeitschrift Die Literarische Welt, Berlin, mit seinem Gemälde Mädchen im Café. Auf Grund dieses Erfolges widmete die Berliner Galerie Neumann-Nierendorf Ernst Thoms 1928 eine Einzelausstellung, in der 21 Gemälde und 11 Aquarelle aus seinem Werk gezeigt wurden.Ulrich Krempel: Die hannoverschen Künstler der Neuen Sachlichkeit auf Kunstausstellungen der 1920er bis 1940er Jahre. Aus: Christian Fuhrmeister (Hrsg.): „Der stärkste Ausdruck unserer Tage.“ Neue Sachlichkeit in Hannover. S. 30. Ebenfalls 1928 stellte er auf der Ausstellung „Kunst der Gegenwart“ im Kunstpalast in Düsseldorf aus. Im Ausland wurden seine Bilder Ende der Zwanziger Jahre in Ausstellungen in Amsterdam und Stockholm gezeigt.
1930 erhielt Thoms den Anerkennungspreis des Preußischen Kultusministeriums für das in altmeisterlicher Manier gemalte Bildnis der Mutter. Im gleichen Jahr trat Thoms der Hannoverschen Sezession bei; 1932 dann dem Deutschen Künstlerbund, nachdem er bereits 1929 in Köln, 1930 in Stuttgart und 1931 in Essen dort als Gast ausgestellt hatte.1936 verbotene Bilder, Ausstellungskatalog zur 34. Jahresausstellung des DKB in Bonn, Deutscher Künstlerbund, Berlin 1986. (S. 90: Ernst Thoms (1896–1983)).
mini|hochkant|Bildnis der Mutter (1928) Abkehr vom Stil der Neuen Sachlichkeit mini|Pferde und Bäume (1928) Um 1930/1931 wurde im Werk von Ernst Thoms ein deutlicher Stilwandel im künstlerischen Ausdruck sichtbar. Seine Landschaftsdarstellungen bekamen immer mehr Weite und Atmosphäre, wobei Licht und Schatten effektvoll eingesetzt wurden.Heinrich-Detlev Gadesmann, F. Krahé: Ernst Thoms – Bilder aus Nienburger Privatbesitz. Ausstellungskatalog. Nienburg 1981, S. 5. Die Formensprache, die schon im Bildnis der Mutter und Pferde und Bäume altmeisterliche Qualität aufwies, wechselte insbesondere bei seinen Landschaftsdarstellungen von einem sezierenden, technisch konstruierten Bildaufbau in eine Projektion organischer Ordnung, die für Ernst Thoms als neu, insgesamt aber als traditionell angesehen werden kann.
Die Auflösung der Härte in Ausdruck und Gestalt war bei allen Malern der Neuen Sachlichkeit in Hannover etwa von diesem Zeitpunkt an festzustellen. Die Veränderung im Werk von Ernst Thoms und seine Abwendung vom Stil der Neuen Sachlichkeit ging einher mit einer Änderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik im Vorfeld der nationalsozialistischen Machtübernahme.
Zeit des Nationalsozialismus Ernst Thoms wollte sich nicht dem künstlerischen Ideal des Nationalsozialismus, dem „neuen Menschentyp“, beugen. Er fühlte sich durch die NS-Kulturpolitik in seiner bildnerischen Freiheit und Individualität bedroht.
mini|hochkant|Turmbau (1937) mini|Hiddensee (1937)