Heinrich Fritz Ernst Blücher (* 29. Januar 1899 in Berlin; † 31. Oktober 1970 in New York) war ein deutsch-amerikanischer Philosoph, kosmopolitischer Intellektueller und Hochschullehrer. Er war in dritter Ehe mit der politischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt verheiratet.
Leben
Herkunft und Jugend Heinrich Blüchers Eltern waren evangelisch und stammten ursprünglich aus Potsdam. Der Vater, August Karl Heinrich Blücher, ein Brunnenbauer, starb vor der Geburt seines Sohnes am 3. Oktober 1898 bei einem Fabrikunfall. Seine Mutter, Klara Emilie geb. Wilke, brachte ihn im Wöchnerinnenheim in der Urbanstraße 21/23 zur Welt. Sie lebte zu der Zeit in der Gneisenaustraße 4 und musste ihren Sohn allein großziehen. Sie war Wäscherin, und ihr Sohn half ihr später, den Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Pakete austrug. „Mit einem Begabtenstipendium kann Heinrich [Blücher] in Striegau im ehemaligen Schlesien ein Internat besuchen. Danach beginnt er in Reichenbach in der Oberlausitz eine Ausbildung am Lehrerseminar, um, ganz seinen Interessen entsprechend, Geschichtslehrer zu werden.“Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 64 Die Lehrerausbildung – durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen – schloss er nicht ab.
Als Jugendlicher war er sehr wissensdurstig und kaufte sich Bücher, wann immer er Geld hatte – u. a. deutsche Dichtung und Shakespeare in deutscher Übersetzung. Während des Krieges las er Marx, Engels und Trotzki. Obwohl er kein Jude war, trat er der zionistischen Jugendgruppe Blau-Weiß bei.
1917 wurde Blücher zum Kriegsdienst eingezogen. An einem Offizierslehrgang konnte er wegen einer Gasvergiftung nicht teilnehmen. Wie er 1942 in einem Lebenslauf schrieb, wurde er während des Ersten Weltkriegs als „Radio-Telegraphist“, d. h. als Funker, ausgebildet. Im November 1918 schloss er sich in Berlin den Soldatenräten an, wurde Mitglied des Spartakusbundes und 1919 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. Er beteiligte sich an den Kämpfen und Streiks im Frühjahr 1919 und war auch kurze Zeit Mitglied der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Bevor Blücher Hannah Arendt heiratete, war er mit Lieselotte OstwaldElisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit (= Fischer Taschenbuch. 16010). Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-16010-3, [o. S.] () und S. 669. und mit Natascha JefroikynElisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit (= Fischer Taschenbuch. 16010). Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-16010-3, S. 198 f. () und S. 665. (1932–1935) verheiratet.
Berlin Nach eigener Aussage besuchte Blücher in Berlin Abendvorlesungen an der Deutschen Hochschule für Politik zur politischen Theorie und an der Berliner Akademie über Kunstgeschichte. Er war zu der Zeit ein enger Freund von Heinrich Brandler, dem Mitbegründer der antistalinistischen Kommunistischen Partei-Opposition. Er war eine Zeit lang Angestellter der „Politischen Ost-West Nachrichtenagentur“. Mit seinem lebenslangen Freund Robert Gilbert arbeitete er an Kabarett-, Operetten- und Filmprojekten. Wie neuere ForschungenReinhard Müller: Heinrich Blücher – Hannah Arendts „Wunder-Rabbi“. Revision eines Lebenslaufs. In: Ulrich Bielefeld, Heinz Bude, Bernd Greiner (Hrsg.): Gesellschaft – Gewalt – Vertrauen. Jan Philipp Reemtsma zum 60. Geburtstag. Hamburger Edition, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86854-255-4, S. 375–400, hier S. 381–394. belegen, gehörte Blücher seit 1928 zur Gruppe der „Versöhnler“, welche die These des Sozialfaschismus als Spaltung der Arbeiterbewegung ablehnte. Bis 1933 arbeitete er im illegalen Militär-Apparat der KPD. Als Berufsrevolutionär mit dem Tarnnamen „Heinrich Larsen“ beschaffte er Informationen über die illegale Aufrüstung der Reichswehr und bildete Funker für den sowjetischen Nachrichtendienst aus.
Exil Ende 1933 floh Blücher nach Prag und engagierte sich auch weiterhin für die Gruppe „Versöhnler“, der auch Heinrich Süßkind angehörte. 1934 wurde er in Prag von der Polizei festgenommen und im November 1934 aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Anfang 1935 kam er nach Paris. Auch hier gehörte er zu den führenden „Versöhnlern“, hielt Schulungskurse und arbeitete programmatische Texte aus. Am 11. November 1936 wurde Blücher zusammen mit weiteren „Versöhnlern“ aus der Kommunistischen Partei Deutschlands wegen „trotzkistischer Verbindungen und Zersetzungsarbeit“ ausgeschlossen.
Blücher „wird im September 1939 wie Hunderte andere zunächst in das Olympiastadion in Colombe ... gebracht und von dort aus in das Arbeitslager Villemalard“Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 39 interniert. Dort wird er mehrfach von Arendt besucht und kehrt Anfang Dezember 1939 zu ihr nach Paris zurück. Wie Arendt wird Blücher am „15. Mai festgenommen“.Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 40 Arendt flüchtet aus dem Lager Gurs zu Charlotte Klenborn (Charlotte Sempell), die in der Nähe von Montauban ein Haus gemietet hatte. In Montauban trafen sich Arendt und Blücher wieder auf ihrer Flucht.Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 42
Hannah Arendt 1936 lernte Blücher Hannah Arendt kennen. Sie freundeten sich an. Nach Arendts Scheidung von Günther Stern 1937 heirateten sie am 16. Januar 1940. In Paris war Blücher eng mit Walter Benjamin befreundet und diskutierte mit ihm über die Moskauer Schauprozesse. Er plädierte mit der Gruppe „Berliner Opposition“ für die „deutsche Sowjet-Republik“ und lehnte die Volksfrontpolitik der KPD ab.
In New York traf Blücher Charlotte Beradt, geb. Aron, wieder, mit der er in Berlin eine Liaison hatte. Dies flammte wieder auf. „Die Dreiecksbeziehung Hannah-Heinrich-Charlotte wird zu einem unerträglichen Konflikt“ für Arendt. „Es ist Hannahs rastlose Reisetätigkeit, die das fragile Gleichgewicht aufrecht erhält“.Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 168 „Im April 1963 reisen Hannah, Heinrich und Charlotte gemeinsam nach Griechenland“.Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 174
USA Aus dem besetzten Frankreich flohen Hannah Arendt und Heinrich Blücher 1941 über Spanien nach Lissabon und per Schiff weiter nach New York, wo sie im Mai ankamen. Bei seiner Einreise verschwieg Blücher seine frühere Mitgliedschaft in der KPD und konnte als Militärexperte an Dokumentationen des amerikanischen Militär-Geheimdienstes mitarbeiten. Blücher erhielt am 7. August 1952 die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Philosoph und Hochschullehrer Blücher beschäftigte sich intensiv mit Politik und Philosophie, hatte aber keinen Universitätsabschluss. Trotzdem bekam der Autodidakt ab 1950 die Gelegenheit, Vorlesungen an der New School for Social Research in New York zu halten. Zuvor hatte Blücher Vorträge im „Club“ der Abstrakten Expressionisten gehalten und dort auch regelmäßig Veranstaltungen besucht. 1952 wurde Blücher Professor für Philosophie am Bard College in Annandale-on-Hudson, New York. „Nach seiner Emeritierung wird ihm am 15. Juni 1968 am Bard College die Ehrendoktorwürde verliehen.“Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 109
Wie seine Ehefrau stand auch Blücher – allerdings sehr selten – in brieflichem Kontakt mit Karl Jaspers. Dieser versuchte – stets vergeblich –, seine jüdische Ehefrau sowie Hannah Arendt und Heinrich Blücher dazu zu bewegen, sich als Deutsche zu fühlen. Blücher schrieb ihm dazu im Februar 1956:
Anfang 1962 erhielt Blücher eine Wiedergutmachung von 40.000 DMBarbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Berlin, 2023, S. 53 für den Berufsschaden, den er durch die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten erlitten hatte.
Am 31. Oktober 1970 starb er an einem Herzinfarkt. Er wurde auf dem Friedhof des Bard College begraben.
Zitate
Schriften Versuche über den Nationalsozialismus. Hrsg. von Ringo Rösener. Wallstein, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8353-3766-4. Sources of Creative Power: Die New School Vorlesungen 1953/54. Hrsg. und mit einer Einführung von Ringo Rösener. Leipzig 2020, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-736432 Hannah Arendt, Heinrich Blücher: Briefe 1936–1968. Ungekürzte Taschenbuchausgabe. Hrsg. und mit einer Einführung von Lotte Köhler. Piper, München / Zürich 1999, ISBN 3-492-22835-6.
Literatur Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Biografie eines Paares. Insel, Berlin 2023, ISBN 978-3-458-64297-8. Claudia Schmölders: Heinrich Blüchers Freund Alcopley. Nachrichten von Grete Wehmeyer. In: Sinn und Form 6/2022, S. 847–850. Wolfgang Heuer: Hannah Arendt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (= Rowohlts Monographien. 379). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-499-50379-4 (8. Auflage. 2007). Wolfgang Heuer: Der Sokrates an ihrer Seite. In: du. Die Zeitschrift der Kultur. Heft 710, Oktober 2000, S. 8 f. (bard.edu [PDF; 310 kB; englischsprachige Fassung]). Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-16010-3, S. 185–206, S. 367–383 (). Reinhard Müller: Heinrich Blücher – Hannah Arendts „Wunder-Rabbi“. Revision eines Lebenslaufs. In: Ulrich Bielefeld, Heinz Bude, Bernd Greiner (Hrsg.): Gesellschaft – Gewalt – Vertrauen. Jan Philipp Reemtsma zum 60. Geburtstag. Hamburger Edition, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86854-255-4, S. 373–400. Blücher, Heinrich. In: Hermann Weber, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2., überarb. u. stark erw. Auflage. Karl Dietz Verlag Berlin, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6. Blücher, Heinrich Friedrich Ernest, in: Werner Röder; Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Band 2,1. München: Saur, 1983, ISBN 3-598-10089-2, S. 122 Heinrich Blücher, in: Georg Wiesing-Brandes: Walter Benjamin. Das Pariser Adressbuch. Eine Biographie des Exils im Spiegel. Wädenswil: Nimus, 2025, S. 73–81
Film Hannah Arendt – Ihr Denken veränderte die Welt. Spielfilm, Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Israel 2012, 113 Min., Buch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta, Regie: Margarethe von Trotta. Mit Barbara Sukowa als Hannah Arendt und Axel Milberg als ihr Ehemann Heinrich Blücher. (Der Spielfilm zeichnet Arendts Leben in New York in der Zeit des Eichmann-Prozesses bis zum Erscheinen ihres Buches Eichmann in Jerusalem nach.)
Weblinks
Barbara von Bechtolsheim: Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Exilgeschichte eines Paares, Einstein Forum, 3. Februar 2026 Heinrich Blücher Project. The „Sources of Creative Power“ Lectures of 1953/1954 (englisch) Bluecher Archive des Bard College
Alexander R. Bazelow: Zur Erinnerung an Heinrich Blücher. (PDF; 122 kB) Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Konferenz How and Why Do We Study Philosophy—The Legacy of Heinrich Blücher. Bard College, Annandale-on-Hudson, 24. Mai 2003. In: Wolfgang Heuer (Red.): hannahArendt.net. Zeitschrift für politisches Denken. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Ausgabe 1. Band 1, Februar 2005, (ins Deutsche übersetzt von Kathrin Nussbaumer und von Ursula Ludz bearbeitet).
Einzelnachweise
Kategorie:Philosoph (20. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Bard College) Kategorie:Person der Novemberrevolution Kategorie:KPD-Mitglied Kategorie:KPD-O-Mitglied Kategorie:Person im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich) Kategorie:NS-Opfer Kategorie:Hannah Arendt Kategorie:Deutscher Emigrant in den Vereinigten Staaten