mini|Der Barmakide Yahyā ibn Chālid schickt Zubaida bint Dschaʿfar ein Juwel zurück. Miniatur in einem illustrierten Manuskript aus Mogulindien von Baranīs Barmakidengeschichte Aḫbār-i Barmakiyān, 1595–1600. Die Barmakiden ( al-Barāmika; Barmakiyān) waren eine Familie aus Balch in Tocharistan, die unter den ersten fünf abbasidischen Kalifen (750–803) als Wesire und Sekretäre höchste Staatsämter bekleideten und auch als Prinzenerzieher wirkten. Während des frühen Kalifats von Hārūn ar-Raschīd (reg. 786–809) erreichte die Macht der Barmakiden mit Yahyā ibn Chālid und seinen beiden Söhnen al-Fadl und Dschaʿfar ihren Höhepunkt. Yahyā ließ Werke aus dem Sanskrit und anderen Sprachen ins Arabische übersetzen. Im Jahre 803 wurde die Familie jedoch überraschend aus unklaren Gründen vom Kalifen entmachtet. Die Barmakiden stellen einen der am besten dokumentierten Fälle dar, in dem Mitglieder einer führenden zum Islam konvertierten Familie aus den neu eroberten wohlhabenden ostiranischen Provinzen im Zuge der abbasidischen Revolution zu politischer Macht und weit über ihre Heimat hinausreichenden Einfluss gelangten. In der späteren arabischen und persischen Literaturtradition wurden die Barmakiden für ihre außergewöhnliche Großzügigkeit gerühmt.
Herkunft Nach Kevin van Bladel waren die Barmakiden keine Perser, sondern buddhistische Baktrier. „Barmak“ (abgeleitet von Sanskrit pramukha [Vorsteher, Verwalter]) war kein Personenname, sondern der erbliche Titel des Vorstehers des buddhistischen Klosters (Vihara) von Naubahār, das die gesamte Oase von Balch unter seiner Kontrolle hatte.Kevin van Bladel: “Barmakids”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE, veröffentlicht 2012. . Dieses Kloster wurde im 7. Jahrhundert von dem buddhistischen Pilgermönch Xuanzang besucht und beschrieben.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 28–30. Seine Ruinen sind heute noch unter dem Namen Tacht-e Rostam (Balch) in Balch zu sehen. Die dem Kloster zugehörigen Ländereien mit einer Fläche von etwa 1568 km² befanden sich im Besitz der Barmakiden. Dieser Grundbesitz oder zumindest ein Teil davon blieb der Familie auch später erhalten.Bartold: Barmakiden in Enzyklopaedie des Islam Bd. I, S. 691. Barmak, der Stammvater, nach dem die Barmakiden benannt wurden, und sein Sohn Chālid waren noch Buddhisten.
Unter Muʿāwiya I. eroberte 663–664 ʿAbdallāh ibn ʿĀmir Chorasan und sandte Qais ibn al-Haitham und ʿAtā ibn Sāʾib gegen Balch aus, die die Stadt einnahmen und Naubahār zerstörten.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 32. Nach einem Bericht, den Yāqūt ar-Rūmī zitiert, baute Barmak Naubahār aber wieder auf und nahm darin Wohnung.Yāqūt ar-Rūmī: Kitāb Muʿǧam al-buldān. Ed. Ferdinand Wüstenfeld. Brockhaus, Leipzig, 1867. Bd. IV, S. 819. Digitalisat
Unklar ist, wann die Barmakiden zum Islam konvertierten. Einigen Berichten zufolge soll Barmak bereits zur Zeit von ʿUthmān ibn ʿAffān konvertiert und anschließend der Feindseligkeit des türkischen Königs Tarhān ausgesetzt gewesen sein; anderen Berichten zufolge hingegen war es Barmaks Sohn Chālid, der als Erster konvertierte, gefolgt von seinen Brüdern al-Hasan und Sulaiman.Sourdel: Le vizirat ʿAbbāside de 749 à 936 (132 a 324 de l’Hégire). 1959, S. 131f. Wiederum andere sprechen davon, dass Barmak und sein Sohn zum Islam konvertierten, nachdem sie zusammen mit anderen Geiseln aus Chorasan an den Hof von Hischām ibn ʿAbd al-Malik in ar-Rusāfa in Syrien gebracht worden waren.
Politische Rolle unter den frühen Abbasiden Im Jahre 742 begann Chālid auf Betreiben seines Vaters, sich an der hāschimidischen Daʿwa-Bewegung zu beteiligen. Er wurde einer der wenigen Nicht-Araber im inneren Kreis der Revolutionäre, einer von zwanzig „Inspektoren“ (nuẓarāʾ) unter den zwölf Anführern (nuqabāʾ), die die Revolution leiteten. In den Annalen von at-Tabarī wird er im Jahr 129 der Hidschra (= 746–747 n. Chr.) als aktiver Teilnehmer der Abbasidischen Revolution erwähnt. Abū Muslim, der Anführer der abbasidischen Streitkräfte in Chorasan, soll ihm und Abū ʿAun (gest. ca. 784) befohlen haben, Gelder herbeizuschaffen, die bei den Schiiten eingesammelt worden waren. Im folgenden Jahr trat er als einer der Feldoffiziere auf, die die abbasidischen Truppen in die Schlacht führten. In der Zeit von 749 bis 753 war er für die Dīwāne, die Charādsch-Grundsteuer und die Armee der neuen abbasidischen Regierung zuständig. Dies machte ihn praktisch zum obersten Finanzbeamten des Reiches. Sein Erfolg in dieser Rolle lässt auf eine solide Ausbildung und Verwaltungserfahrung schließen, die er sich entweder am Hof von Hischām oder schon vorher in Balch angeeignet hatte. In jedem Fall führten seine Rolle in der abbasidischen Revolution, sein Erfolg als Verwalter und die enge Beziehung seiner Familie zu den Abbasiden von Anfang an zu einer herausragenden Rolle der Barmakiden in der neuen Regierung.
Die eigentliche Zeit der „Herrschaft der Barmakiden“ (sulṭān Āl Barmak)So die Ausdrucksweise von Abū l-Faradsch al-Isfahānī in Maqātil aṭ-Ṭālibīyīn. Ed. Aḥmad Ṣaqar. 2. Auflage. Intišārāt aš-Šarīf ar-Rad, Ghom 1995. S. 349. Digitalisat begann mit der Thronbesteigung Hārūn ar-Raschīds im Jahre 786, als Chālids Sohn Yahyā zum Wesir aufstieg.Sourdel: Le vizirat ʿAbbāside de 749 à 936 (132 a 324 de l’Hégire). 1959, S. 134. Bis 803 kontrollierte er zusammen mit seinen Söhnen al-Fadl und Dschaʿfar, die ebenfalls Wesire waren, die meisten Bereiche der Regierung oder war zumindest daran beteiligt. Nach Hugh N. Kennedy leiteten die Barmakiden einen Prozess der fiskalen Zentralisierung ein, der einen „fundamentalen Wendepunkt“ in der Regierungsgeschichte des Arabischen Reiches darstellte. Jetzt konnten mit detaillierten Aufstellungen ausgestattete Bürokraten im Namen des Kalifen hohe Einnahmen aus den Provinzen einfordern, Einnahmen, die unter der Herrschaft der Umayyaden in den Provinzen verblieben waren. Dies stärkte die Zentralregierung und bereicherte die Klasse der Sekretäre (kuttāb), deren anhaltende Bedeutung danach als das wichtigste langfristige Ergebnis des Wesirats der Barmakiden angesehen werden kann.
Außerdem begann mit den Barmakiden die kulturelle Blütezeit des Abbasidenkalifats. Sie ließen zahlreiche Werke aus dem Sanskrit ins Arabische übersetzen, so auch die Erzählung Bilauhar und Budhāsaf, die die Grundlage für den byzantinischen Roman Barlaam und Josaphat bildete. Es handelt sich um eine stark interpolierte und erweiterte Form der Erzählung über die Erweckung Buddhas. Auch griechische philosophische und naturwissenschaftliche Werke wurden übersetzt, ebenso kamen Zoroastrier und Christen an den Hof.
Besitzungen in Bagdad Die Barmakiden besaßen in Bagdad eine Vielzahl von Palästen an beiden Ufern des Tigris.George Salmon: L' introduction topographique á l'histoire de Bagdâdh d'Aboû Bakr Aḥmad Ibn Thâbit Al-Khatîb al-Bagdâdhî. Bouillon, Paris 1904. S. 113, Fußnote 3. Digitalisat Der irakische Geschichtsschreiber Ibn at-Tiqtaqā (gest. 1309) zitiert Hārūn ar-Raschīds Leibarzt Buchtīschūʿ mit der Aussage, dass die Barmakiden gegenüber des kalifalen Palastes al-Chuld am anderen Ufer des Tigris wohnten, so dass sie nur die Breite des Flusses von ihm trennte.Ibn aṭ-Ṭiqṭaqā: al-Faḫrī fī l-ādāb as-sulṭānīya wa-d-duwal al-islāmīya. Ed. Hartwig Dérenbourg. Bouillon, Paris 1895. S. 287. Digitalisat
Religiöse Ausrichtung Ibn an-Nadīm gibt in seinem Fihrist die Meinung wieder, dass alle Barmakiden Zindīqen gewesen seien, mit Ausnahme von Yahyā's Bruder Muhammad ibn Chālid.Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. Ed. Riḍā Taǧaddud. 3. Aufl. Dār al-Masīra, Beirut, 1988. S. 401. Digitalisat Der Philologe al-Asmaʿī wird mit den Versen zitiert: إذا ذكر الشّرك في مجلس أنارت وجوه بني برمك وإن تليت عندهم آية أتوا بالأحاديث عن مزدك Iḏā ḏukira š-širku fī maǧlisin Anārat wuǧūhu Banī Barmak Wa-in tuliyat ʿindahum āya Atau bi-l-aḥādīṯi ʿan Mazdak Wenn in einer Sitzung der Schirk erwähnt wurde, Leuchteten die Gesichter der Nachkommen von Barmak. Und wenn bei ihnen ein Koranvers rezitiert wurde, Brachten sie Berichte vor über Mazdak.Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. Ed. Ṯarwat ʿAkkāša. Dār al-Maʿārif, Kairo 1981. S. 282. Digitalisat
Entmachtung durch Hārūn ar-Raschīd Die Gründe für den plötzlichen Sturz der Familie und die Hinrichtung des jüngeren Sohnes Dschaʿfar im Jahre 803 sind nicht ganz klar. Al-Dschahschiyārī (gest. 942) führt die Meinung eines Zeitgenossen an, wonach die Verachtung der Barmakiden für al-Fadl ibn ar-Rabīʿ und ihre Verfolgung von Muhammad ibn al-Dschamīl zu den Gründen ihres Untergangs gehörten.Ibn ʿAbdūs al-Ǧahšiyārī: Kitāb al-Wuzarāʾ wa-l-kuttāb. Ed. Muṣṭafā as-Saqqāʾ, Ibrāhīm al-Abyārī u. ʿAbd al-Ḥafīẓ Šilbī. Kairo 1938. S. 252f. Digitalisat Eine andere Erklärung, die Ibn Challikān (gest. 1282) anführt, sieht die Gründe für den Zorn Hārūn ar-Raschīds auf die Barmakiden darin, dass er ihrer langen Herrschaft überdrüssig gewesen sei, Dschaʿfar und al-Fadl immer anmaßender aufgetreten seien, und sich deswegen Feinde der Barmakiden wie al-Fadl ibn ar-Rabīʿ an den Kalifen gewandt und gegen sie Stimmung gemacht hätten. Dies habe dann zu ihrem Sturz geführt.Ibn Ḫallikān: Wafayāt al-aʿyān wa-anbāʾ abnāʾ az-zamān. Ed. Iḥsān ʿAbbās. Dār Ṣādir, Beirut 1978. Bd. I, S. 335. Digitalisat – Englische Übersetzung William Mac Guckin de Slane. Paris 1843. Bd. I, S. 309. Digitalisat
Eine populäre Geschichte, die von späteren Autoren angeführt wird, führte den Sturz der Barmakiden auf die Übertretung eines Verbots zurück: Hārūn ar-Raschīd hatte angeblich Dschaʿfar mit seiner geliebten Schwester al-ʿAbbāsa verheiratet, um sie beide gleichzeitig in seiner Gesellschaft haben zu können, ohne dass sich al-ʿAbbāsa verschleiern musste, bestand aber darauf, dass die Ehe nicht vollzogen werden sollte. Die Geschichte besagt, dass al-ʿAbbāsa, die sich in Dschaʿfar verliebt hatte, es mit Hilfe seiner Mutter schaffte, Dschaʿfar zu verführen, indem sie als Sklavin verkleidet in sein Schlafzimmer schlich, als er alkoholisiert war. Bei der Zusammenkunft zeugte er ihr einen Sohn oder Zwillinge, die bei der Geburt in Mekka versteckt wurden, aber schließlich vom Kalifen entdeckt wurden, der daraufhin Dschaʿfar hinrichtete und seinen Vater Yahyā und seinen Bruder al-Fadl einsperrte.
Wassili Wladimirowitsch Bartold äußerte die Vermutung, „dass der Sturz der Barmakiden schon lange Zeit vorbereitet und keineswegs auf einen plötzlichen Einfall des Khalifen zurückzuführen“ war.Bartold: Barmakiden. 1913, Bd. I, S. 693. Lucien Bouvat mutmaßte, dass die wahre Ursache für den Sturz der Barmakiden die übermäßige Macht gewesen sei, die sie nach und nach erlangt hatten. Ihr Pomp habe den Kalifen erniedrigt.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 75f.
Im Zuge der Entmachtung der Barmakiden wurde der Besitz aller Angehörigen der Familie eingezogen, lediglich Yahyā's Bruder Muhammad ibn Chālid wurde vom Kalifen verschont. Die Entmachtung der Familie bedeutete allerdings nicht, dass ihre Ideen und ihr Einfluss völlig verschwanden, denn sie hinterließen eine Schule von ehemaligen Schützlingen in der Verwaltung, die ihre Arbeit fortsetzten.Kennedy: “The Barmakid revolution in Islamic government”. 1990, S. 89. Hierzu gehörten insbesondere die beiden Brüder al-Fadl und al-Hasan ibn Sahl.Sourdel: Le vizirat ʿAbbāside de 749 à 936 (132 a 324 de l’Hégire). 1959, S. 196–218.
Literarische Rezeption