mini|Roman Jakobson

Roman Ossipowitsch Jakobson (, wiss. Transliteration ) (*  in Moskau; † 18. Juli 1982 in Boston, Vereinigte Staaten) war ein russischer Philologe, Linguist und Semiotiker.

Biographie Roman Jakobson wurde in Moskau als ältester von drei Söhnen in eine Industriellen-Familie jüdischer Abstammung geboren; einer seiner Brüder war Sergius Yakobson. Er studierte in seiner Heimatstadt Moskau Slawistik und schloss sich bald dem Moskauer Linguistenkreis an, der dem Russischen Formalismus zugerechnet wird, einer Schule, die unter anderem die erste Theorie des damals neuen Mediums Film hervorgebracht hat.

1920 kam Jakobson als Mitarbeiter der sowjetischen Gesandtschaft nach Prag, verließ diesen Posten aber bald, um sich wieder der Wissenschaft zu widmen. 1926 war er Mitbegründer des Prager Linguistenkreises. 1933 erhielt er eine Professur an der Universität Brünn. 1939 floh er vor dem Einmarsch der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach Dänemark und Norwegen, dann nach Schweden (Uppsala, Stockholm). 1941 folgte er einem Ruf an die École Libre des Hautes Études, eine französische Exil-Universität in New York. Dort traf er Claude Lévi-Strauss, den er nachhaltig beeinflusste. 1943 erhielt er eine Professur an der Columbia University; 1949 wurde er an die Harvard University berufen. 1950 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Ab 1957 lehrte er, als erster Harvard-Professor überhaupt, zugleich auch am benachbarten Massachusetts Institute of Technology (MIT). 1967 wurde er emeritiert und hatte bis 1974 Gastprofessuren am Collège de France und an den Universitäten Yale, Princeton, Brown, Brandeis, Leuven und New York. Die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften nahm ihn 1960 als auswärtiges Mitglied auf. 1974 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der British Academy gewählt. 1980 erhielt er den internationalen Antonio-Feltrinelli-Preis.

Werk Neben Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy spielte Jakobson eine herausragende Rolle als Vertreter der Prager Schule des Strukturalismus, zu deren Forschungsgegenständen die phonologischen Grundlagen der natürlichen Sprache zählten. Jakobson erbrachte besonders große Leistungen in der Erforschung der allgemeinen Gesetze, nach denen Sprache funktioniert. Er beschäftigte sich intensiv mit der Entwicklung der Kindersprache und der Sprache der Aphasiker. Dank seiner zahlreichen interdisziplinären Ansätze lieferte er Erkenntnisse auf den Gebieten der Semiotik, der Kommunikationstheorie und in Bereichen der Philosophie und Psychologie. Jakobson publizierte außerdem über Folklore, über Film und Malerei und immer wieder über Poetik.

Das Kommunikationsmodell Aufbauend auf dem dreigliedrigen Organon-Modell der Sprache von Karl Bühler (1934) formuliert Jakobson in seinem Aufsatz Linguistics and Poetics (1960) ein Modell, demzufolge an jeder sprachlichen Mitteilung sechs Faktoren und Funktionen (Sprachfunktionen) beteiligt sind:

zentriert

der Kontext, von Jakobson auch referent genannt, der Voraussetzung dafür ist, dass die Kommunikation eine referentielle Funktion entfalten, nämlich Inhalte vermitteln kann; die Botschaft, die in ihrer poetischen Funktion selbst zum Thema werden kann; der Sender, über dessen Haltung zum Gesagten die emotive Funktion Auskunft gibt; der Empfänger, an den die Botschaft über ihre konative Funktion eine Aufforderung senden kann; der Kontakt, in Anlehnung an die Nachrichtentechnik auch physikalischer Kanal genannt, der durch die phatische Funktion der Botschaft aufrechterhalten wird; der Code, dessen wechselseitige Verständlichkeit in der metalingualen Funktion der Botschaft zum Thema wird. Als Anwendung hat Jakobson dabei die literaturwissenschaftliche Textanalyse im Blick. Möglicherweise hat Jakobson aber dazu beigetragen, ein Modell zu popularisieren, das inzwischen, oft auf vier (4-Ohren-Modell) oder fünf (Lasswell-Formel) Konstituenten reduziert, in den Kernbestand der von „Kommunikationstrainern“ in unzähligen Seminaren gelehrten reduktionistischen Psychologie übergegangen ist.

Jakobsons Beitrag zur Literaturwissenschaft und Poetik Ausgehend von Erkenntnissen aus der Phonologie wendet Jakobson linguistische Konzepte auf die Poesie an und erklärt: „Poesie ist Sprache in ihrer ästhetischen Funktion“. In seiner Schrift Die neueste russische Poesie schreibt er: „Die Einstellung auf den Ausdruck, auf die sprachliche Masse ist das einzige für die Poesie wesentliche Moment.“ Dabei meint Ausdruck den aus der Form hervorgehenden Sinn. Die Funktion der Sprache als Sozialkontakt reduziert sich in der Poesie auf ein Minimum. Jakobson hebt immer die Unterschiede zwischen praktischer und poetischer Sprache hervor. Gegenstand der Literaturwissenschaften und der Poesie ist nach Jakobson die Literarizität (später nannte er sie Poetizität), das meint den Faktor, der einen Text zu einem literarischen Kunstwerk macht. Jakobson meint, die Art und Weise, wie die Laute miteinander verbunden sind, also der lautliche Stoff der Sprache, sei für die Sinnhaftigkeit einer Aussage ausschlaggebend. Die Unterscheidung zwischen Phonetik und Phonologie hat bei diesem Gedanken Pate gestanden.

Bei der Analyse poetischer Texte spielt für ihn die intersubjektive Absicherung eine bedeutende Rolle, um Vergleichbarkeit und Prüfbarkeit zu gewährleisten. Das Subjekt ist, wie schon bei Humboldt, nur untergeordnet wichtig, da die Sprache nur ihren eigenen Regeln gehorcht und das bewusste Sprachverhalten des Subjekts untergraben oder gar entwerten kann.

Für die Geschichte der Linguistik war seine Unterscheidung (sowohl auf lexikalischer als auch auf semantischer Ebene) zwischen Merkmalhaftigkeit und Merkmallosigkeit maßgeblich. Während etwa der Begriff „Katze“ einen merkmallosen Begriff darstellt, ist das Wort „Kater“ als merkmalhaft anzusehen (mit „Katze“ bezeichnen wir das Tier an sich, eine geschlechtsspezifische Angabe ist nicht klar ersichtlich, während wir mit „Kater“ ausschließlich männliche Katzen bezeichnen). Nach Jakobson zeigt sich die poetische Sprache als besonders merkmalhaft gegenüber der merkmallosen, „normalen“ Sprache.

Die von ihm begründete poetische Funktion von Sprache macht literarische Texte der linguistischen Analyse zugänglich. In seinen Werken zu diesem Thema hält er am Formalismus fest. Kritiker warfen ihm vor, diese Betrachtungsweise hindere ihn daran, das Wesen der Poesie zu erfassen.

Indem er die Sprache als Träger des Unbewussten identifiziert, bringt er eine wichtige Vorleistung für die spätere Entwicklung der Psychoanalyse. Jakobson meint außerdem, dass wir stets die poetisch passenden Worte aus vielen äquivalenten Worten wählen. Wir entscheiden nach phonologischen Kriterien, die die Bedeutung der Aussage lautsemantisch färben.

Durch diese Identifizierung der Poesie als Kunst, die der Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Analyse über die Grundlagen der Sprache sein soll, privilegiert er sie deutlich gegenüber allen anderen literarischen Formen, was ihm ebenfalls häufig vorgeworfen wurde.

Die Textanalyse nach Jakobson Jakobsons Analyse literarischer Texte zeichnet sich durch folgende Kriterien aus:

Induktive Analyse: Der Text wird in seine Bausteine zerlegt und daraus eine hierarchische Gliederung aufgestellt, diese baut auf der zuvor erwähnten binären Semantik, also auf dem Zusammenspiel zwischen Ähnlichkeiten und Differenzen, auf. Außerdem werden nach diesem Prinzip die verschiedenen, miteinander in Verbindung stehenden Sprachebenen funktional und hierarchisch analysiert. Mythologisierung der Semantik: Allgemeingültigkeit wird angestrebt, die Differenzen zwischen Oberbegriffen werden aufgehoben, so auf am zuvor erwähnten Beispiel der Katze.

An dieser Vorgangsweise werden vor allem die Vernachlässigung des Kontextes und die Ausblendung des Beobachterstandpunktes kritisiert.

Kindersprache und Aphasie Aus seinen Studien zum Thema Kindersprache und Aphasie geht im Allgemeinen hervor, dass allen Sprachen die extreme lautliche Unterscheidung – wie etwa zwischen maximal offenen und maximal geschlossenen Vokalen oder zwischen Vokalen und geschlossenen Konsonanten – gemeinsam ist. Diese lautlichen Unterscheidungen sind es, die das Kind zuerst lernt und der Aphasiker zuletzt verliert. In Hinblick darauf können Jakobsons Untersuchungen als eine Art Entwicklungsgeschichte der Sprache gesehen werden. Auch die so genannte innere Sprache (vor allem die Sprachproduktion im Traum) versuchte er mittels Lautgesetzen zu erklären.

Im Falle der Aphasie kommt es zu Kombinationsstörungen, die auf der syntagmatischen Achse stattfinden und bei denen es sich um Metonymien handelt. Außerdem gibt es Wortfindungsstörungen auf einer paradigmatischen Achse in der Form einer Metapher.

Der Strukturalismus nach Jakobson Jakobson war Anhänger der strukturalistischen Schule, zunächst des Prager Strukturalistenkreises, und leistete wertvolle Beiträge zu deren Weiterentwicklung. Nach strukturalistischer Denkweise werden Gegenstände durch ihre Beziehung zu anderen Elementen des Systems konstituiert, die ohne dieses nicht existieren könnten und in ihren Eigenschaften beschrieben werden sollen. Der Prager Strukturalismus hält funktionale Erklärungen für immanente Erklärungen und stellt sich somit gegen das vorherrschende Bild mechanisch-kausaler Beziehungen. Jakobson soll anlässlich des ersten Internationalen Linguistenkongresses 1929 in einer Rede den Begriff des Strukturalismus eingeführt haben, was jedoch von mehreren Seiten bestritten wird.

Die Betrachtung der Struktur als linguistische Interpretationsmethode ist als Abwendung vom vorherrschenden Positivismus und Atomismus der Junggrammatiker zu sehen. Charakteristisch für den Prager Strukturalismus zwischen 1929 und 1939 ist eine Linguistik, die von der Einbettung und dem Ursprung in alltäglichen Erfahrungen und Fragestellungen ausgeht. Zum Verhältnis der Linguistik gegenüber anderen Wissenschaften meinte Jakobson, die Wechselbeziehungen zwischen den Humanwissenschaften fänden in der Linguistik ihren Mittelpunkt und diese fungiere als die progressivste und exakteste unter den Humanwissenschaften als Modell für alle übrigen dieser Disziplin. Diese Bedeutung der Errungenschaften der Linguistik für andere Wissenschaftsfelder hebt er in seinen Werken immer wieder hervor.

Als Grundlage für die Interpretation poetischer Texte sieht er die Mehrdeutigkeit. Jakobson prägte auch die Begriffe Ikonizität (Ähnlichkeit) und Kontrast (Indexikalität). Diese lassen sich schließlich auf paradigmatischer bzw. syntagmatischer Achse ansiedeln (siehe Paradigma bzw. Syntagma). Jakobson unterscheidet außerdem zwischen Metapher und Metonymie. Diese sogenannte „binaristische Grundstruktur“ der Sprache ist allen sprachlichen Operationen eigen.

Unterschiede zu gängigen Konzepten des Strukturalismus